Tag der Niedergelassenen 2013
Am 5. Juni 2013 auf dem Haupstadtkongress Medizin und Gesundheit in Berlin
Niederlassung im Fokus lautete in diesem Jahr das Motto des Tages der Niedergelassenen, zu dem die KBV und die KVen im Rahmen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit eingeladen hatten. Ärzte und Psychotherapeuten sowie Nachwuchsmediziner und Praxispersonal nahmen am gesundheitspolitischen Dialog teil. Zudem fand die Diskussion KBV kontrovers erstmals im Rahmen des Tages der Niedergelassenen statt.
Dr. Angelika Prehn (links), Vorstandsvorsitzende der KV Berlin, diskutierte mit der
Ehrenpräsidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise Müller (rechts).
Einigkeit herrschte im Speakers‘ Corner auf dem Tag der Niedergelassenen zwischen Dr. Angelika Prehn, Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin und der Ehrenpräsidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise Müller. Sie diskutierten das Thema Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Wunsch und Wirklichkeit. Wir bekommen die Versorgung nur dann in den Griff, wenn sich die Strukturen ändern, sagte Müller und forderte mehr Kompetenzen für Pflegepersonal.
Wenn der Patient einen Rollstuhl braucht, weiß der Pflegedienst meist besser, welcher auch in die häusliche Umgebung passt, als der Arzt. Die Rückgabequoten an die Krankenkassen würden sinken, so Müller. Da bin ich ganz auf Ihrer Seite, sagte Prehn. Doch es müsse klar geregelt werden, wer die finanzielle Verantwortung für solche Verschreibungen trage. Wenn der Pflegedienst etwas verschreibt, muss er auch das finanzielle Risiko dafür tragen, so die KV-Vorsitzende. Auch unmittelbar nach der Entlassung von Patienten aus dem Krankenhaus wünschten sich beide eine engere Zusammenarbeit.
KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Köhler (mitte) diskutierte unter anderem
mit Prof. Dr. Ferdinand W. Gerlach (links), Vorsitzender des
Sachverständigenrates.
Mit dem Video einer Straßenumfrage zum Thema Wie wird die deutsche Gesundheitsversorgung in 20 Jahren aussehen startete die Veranstaltung KBV kontrovers. Der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. Andreas Köhler, diskutierte das Thema Eine Frage an die Gesellschaft: Wie viel Gesundheit wollen wir uns künftig leisten? mit Prof. Dr. Ferdinand W. Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates, Dr. Joachim Rock, Abteilungsleiter Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband und Dr. Oliver Scheel, Partner der Unternehmensberatung A.T. Kearney.
In der Straßenumfrage rechneten die Passanten mit höheren Zuzahlungen, weniger Ärzten und somit auch weniger Zeit für die Patienten. Was an den Aussagen der Passanten nicht stimmt ist, dass es zu wenige Ärzte gibt. Die Zahl der Ärzte im ambulanten und stationären Bereich steigt. Zwischen 1993 und 2011 ist die Zahl der Fachärzte im ambulanten Bereich um 54 Prozent gestiegen, die Zahl der Hausärzte aber um 9 Prozent gesunken. Hier gibt es eine Fehlverteilung, sagte Gerlach.
Köhler konterte: Es mag sein, dass die Zahl der Fachärzte steigt, aber an den falschen Stellen. Augen- und Frauenärzte, die wir dringend brauchen, fehlen. Dafür haben wir bald vermutlich sogar Kardiologen für die linke Herzkammer. Ändern könne man dies nur durch eine Anpassung der Aus- und Weiterbildung. Dennoch: Es wird sehr schwierig, die Ärzte zu bekommen, die gebraucht werden, so Köhler.
Der Sachverständigenrat plädiere für eine Reform der Vergütungen im gesamten Gesundheitswesen. Die Abrechnung ist so konzipiert, dass Morbidität honoriert wird. Auch bei den Budgets der Kassen. Es gibt eigentlich niemanden, der möchte, dass die Menschen gesund bleiben, sagte Gerlach, der Sachverständigenrat schlägt deshalb einen Vertrauensvorschuss mit einer Art Flatrate vor. Wir brauchen gesundheitsorientierte Vergütungsbestandteile.
Pauschalen, egal ob morbiditäts- oder gesundheitsorientiert, müssten ausreichend hoch sein, betonte Köhler. Geld allein hilft bei der Ansiedlung von Ärzten in ländlichen Gebieten nicht. Die Ärzte brauchen passende Arbeitsbedingungen. Sie müssten das Recht haben, beispielsweise Sozialarbeiter und Kurzzeitpflege in die Betreuung der Patienten einzubeziehen, forderte Rock. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt eine ganz zentrale Rolle für den Ärztenachwuchs. Dort, wo heute zwei Ärzte arbeiten, brauchen wir bald drei, weil die jungen Leute nicht mehr bereit sind, so viel zu arbeiten, erklärte Köhler. Hier könne ein heilsamer Druck zu mehr sektorenübergreifender Arbeit entstehen, warf Moderator Andreas Mihm (FAZ) ein.
Die Studierenden von heute bringen schon mehr Bereitschaft mit zu kooperieren. Sie sind vernetzter und EDV-affiner, so Gerlach. Gerade das Thema IT in der Arztpraxis sei eine entscheidende Stellschraube, betonte Scheel. Damit könne die Effizienz der Zusammenarbeit im Gesundheitswesen deutlich erhöht werden. Wir haben mit dem Sicheren Netz der KVen eine funktionierende IT-Struktur, an die sich sogar 70 Prozent der deutschen Krankenhäuser angeschlossen haben, stellte Köhler fest. Eine solche Struktur zu schaffen, habe die gematik bislang versäumt. Wir fordern die einst geplanten Mehrwerte der elektronischen Gesundheitskarte ein. Nur um Versichertenstammdaten zu aktualisieren, halte ich den Haushalt der gematik mit sechs Millionen Euro doch für ein bisschen hoch. Versichertenstammdaten sind nicht sexy, kritisierte Köhler.
Das Fazit der Diskussion: Es gibt noch viel Arbeit, um das Gesundheitswesen für die Zukunft zu stärken.