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Anwenderzentrum Bochum

Die Technik begreifbar machen

Im Zentrum für Telematik und Telemedizin (ZTG) in Bochum haben eine Arztpraxis, ein Krankenhaus, eine Apotheke und ein Patient Platz. Zumindest im technischen Sinne. Vier Computerterminals mit den entsprechenden Bezeichnungen stehen aufgereiht an zwei Wänden. Dazu Kartenlesegeräte für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) und den elektronischen Heilberufsausweis, ein Blutzuckermessgerät für Smartphones und ein Blutdruckmessgerät.

In dem Sitzungssaal befindet sich das Anwenderzentrum eGesundheit des ZTG. Hier können sich Ärzte, Patienten und andere Interessierte seit Anfang April ein Bild davon machen, was im Gesundheitswesen heute schon technisch möglich ist und was die Zukunft bringen könnte.

„Wir wollen die Technik greifbar und begreifbar machen und unterschiedliche Systeme einfach mal live zeigen“, erklärt Rainer Beckers, Geschäftsführer des ZTG. Die Besucher können auf diese Art und Weise ausprobieren, was beispielsweise das KV-SafeNet* kann oder wie ein elektronischer Arztbrief verschlüsselt von einem Arzt zum anderen verschickt wird. Das ZTG ist dabei ein neutraler und herstellerunabhängiger Moderator zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen.

Eine Generationenfrage

Dr. Christian Möcklinghoff, niedergelassener Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und zweiter Vorsitzender des Medizinischen Qualitätsnetzes Bochum, ist begeistert: „Die Telematik kann uns Niedergelassenen den Arbeitsalltag enorm erleichtern. Aber viele – gerade auch ältere – Kollegen haben hier noch ein Vertrauensproblem mit diesen neuen Technologien. Das ist auch eine Generationenfrage. Ich bin mit Computern aufgewachsen und habe früher auch selber programmiert. Wenn den Kollegen hier die Sorgen und Fragezeichen genommen werden können, wäre das eine tolle Sache. Auch muss sich eine solche Technologie unkompliziert in die Praxis-IT und die Arbeitsabläufe einbinden lassen.“

Möcklinghoff sieht in Technologien wie dem elektronischen Arztbrief auch Chancen, die derzeit politisch stark diskutierte Wartezeitenproblematik zu entschärfen: „Heute Morgen hatte ich einen Patienten mit Handgelenksbeschwerden, dessen Handgelenk angeblich schon fünf Mal gebrochen war. Der Patient kam ohne irgendeinen Vorbefund. Ihm war die Notwendigkeit auch nicht bewusst. Aber ein Arzt braucht mehr Informationen zur Vorgeschichte. Ansonsten müssen Untersuchungen erneut durchgeführt werden, womit wieder Kosten und Zeitverzug entstehen. Ich sage Ihnen, durch diese schlechte Kommunikationsmethodik werden jedes Jahr deutschlandweit Millionen an Euro versenkt.“

Besagter Patient muss nochmal wiederkommen – mit seinen Unterlagen. Möcklinghoff hat an diesem Morgen Zeit verloren, die er einem anderen Patienten hätte widmen können. „Deshalb unterstütze ich die Einführung des elektronischen Arztbriefes. Dann hätte ich zumindest den Befund des überweisenden Arztes automatisch erhalten.“

Eine noch größere Zeitoptimierungs­chance bietet der Einsatz der elektronische Fallakte (EFA). Die EFA ist ein flexibles Instrument, um alle wichtigen Daten des Patienten mit dessen ausdrücklicher Einwilligung für die Dauer eines Falls zu speichern. „Allerdings ist vor allem der ökonomische Nutzen vielen Entscheidern in Krankenhäusern und Ärztenetzen noch nicht klar genug“, bedauert Beckers. „Mögliche Fragen zur Organisation und zum Datenschutz lassen sich in aller Regel auflösen – nicht zuletzt sieht sich das Anwenderzentrum hier in der Pflicht.“

Insgesamt seien aber schon deutliche Fortschritte erzielt worden, auch wenn eine flächendeckende Nutzung noch nicht erreicht ist. „Hier muss an der Bekanntheit und Verbreitung gearbeitet werden“, so Beckers. Dazu können unter anderem Lösungen dienen, die es dem Arzt ermöglichen, die EFA direkt aus ihrem Praxisverwaltungssystem heraus zu bedienen. Die sichere Kommunikation mit der EFA gewährleistet der Zugriff über das KV-SafeNet*.

Behandlungsqualität verbessern

Neben der Telematik zeigt das Anwenderzentrum auch telemedizinische Lösungen. Dabei können die Besucher Interessantes über Gesundheits-Apps erfahren. Derzeit gibt es eine unüberschaubare Vielfalt an Apps mit dem Anspruch, einen gesundheitlichen Nutzen zu haben. „Hier muss man strukturieren und vor allen Dingen überlegen, inwiefern der Nutzer mit den Daten aus dieser App alleine gelassen werden kann“, erläutert Beckers.

Zukünftig könne es sinnvoll sein, die Daten im Sinne der Telemedizin an den Arzt zu übermitteln. „Telemedizinische Zentren können den Arzt dabei unterstützen, die Daten der Patienten vorzusortieren. Die eigentliche Telemedizin gehört aber immer in ärztliche Hand“, betont der ZTG-Geschäftsführer. So können die Besucher im Anwenderzentrum beispielsweise ein Blutzuckermessgerät für Smartphones testen. Die jeweiligen Werte können dabei in einer App gespeichert werden.

Das Anwenderzentrum gehört zur Landesinitiative eGesundheit.nrw des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums. Partner der Initiative sind unter anderem die Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe.

In den zwei Monaten seit seiner Eröffnung haben bereits über 100 Besucher aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens das Anwenderzentrum kennengelernt. „Das hat unsere Erwartungen weit übertroffen“, sagt Beckers. Zu den Besuchern zählten neben Ärzten auch Patienten, Krankenhausträger, Entwickler und Vertreter der Selbstverwaltung.

Auch Möcklinghoff kann sich vorstellen, mit dem Medizinischen Qualitätsnetz Bochum Veranstaltungen im Anwenderzentrum zu organisieren und seine Kollegen für die Telematik zu begeistern. „Wir müssen die Vorteile der Telematik nutzen, um zukünftig Kosten und Zeit zu sparen und die Behandlungsqualität für unsere Patienten zu verbessern“, so Möcklinghoff.

Hier finden Sie die Reportage in der Juni-Ausgabe 2014 des Klartexts.

 

* Bitte beachten Sie, dass KV-SafeNet nicht mit der Firma SafeNet, Inc., USA, in firmenmäßiger oder vertraglicher Verbindung steht.