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Reden

Statements zu den Ergebnissen der KBV-Versichertenbefragung 2014

30.07.2014 - Statement von Dr. Andreas Gassen


Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Versichertenbefragung – immerhin mittlerweile unsere siebte – weist besonders in einem Punkt eine hohe Kontinuität auf: Nämlich bei der Zufriedenheit der Versicherten mit der ärztlichen Versorgung. Demnach beschreiben 92 Prozent der Befragten das Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt als gut oder sehr gut. Seine Fachkompetenz bewerten ebenfalls 92 Prozent als gut oder sehr gut. Diese Werte haben sich seit der ersten Befragung im Jahr 2006 kaum verändert. Dabei ist wichtig, dass wir nicht nach einer allgemeinen Einschätzung gefragt haben, sondern konkret nach dem zuletzt besuchten Arzt. Es handelt sich also nicht um eine diffus irgendwie „gefühlte“ Lage, sondern um persönliche Erfahrungen.

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Befragung war das Thema Wartezeiten. Auch hier zeigt sich keine große Veränderung gegenüber früheren Erhebungen. Allerdings hat die Anzahl derjenigen leicht zugenommen, die länger als drei Tage auf ihren Termin warten mussten. Ihr Anteil ist von 32 Prozent im Jahr 2013 auf nun 37 Prozent gestiegen. Die Dauer der Wartezeit variiert stark zwischen den einzelnen Arztgruppen. Insbesondere bei manchen Fachärzten wie Urologen, Frauenärzten und Hautärzten müssen die Versicherten oft länger warten.

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Nach wie vor empfinden jedoch die meisten Befragten die Wartezeit nicht als zu lang. Nur einem von zehn Befragten hat die Terminvergabe bei seinem letzten Arztbesuch zu lange gedauert. Interessant finde ich, wie die Versicherten die von der Bundesregierung geplanten zentralen Servicestellen zur Terminvergabe bei Fachärzten bewerten. 65 Prozent der gesetzlich Versicherten fänden es zwar gut, wenn es eine solche Servicestelle gäbe. Aber: Nur 30 Prozent aller GKV-Versicherten glauben, dass eine zentrale Terminvergabe tatsächlich zu kürzeren Wartezeiten führen würde. Selbst von denjenigen, die eine solche Einrichtung explizit begrüßen, glaubt nicht einmal die Hälfte, dass dadurch Termine bei Fachärzten schneller zustande kämen.

Die Befragung hat in diesem Zusammenhang einen weiteren Aspekt aufgezeigt: Drei von vier Befragten sagen, es sei ihnen wichtig, zu einem bestimmten Facharzt zu gehen. Persönliches Vertrauen, Erfahrungen oder Empfehlungen spielen eine wichtige Rolle. Eine zentrale Terminvergabe bedeutet jedoch, dass die Patienten nicht zu ihrem Wunscharzt gehen können, sondern zu dem, der gerade Kapazitäten frei hat. Das bedeutet in diesem Fall den Verzicht auf die freie Arztwahl. Gerade die scheint aber den meisten Versicherten wichtig zu sein. Nach der Möglichkeit gefragt, Termine über das Internet vereinbaren zu können, ist die von den meisten Befragten favorisierte Lösung dementsprechend, Termine direkt über die Homepage des Arztes ihrer Wahl zu reservieren, statt über eine zentrale Website.

Wenn es den Menschen wichtig ist, zu welchem Arzt sie gehen, und sie dafür scheinbar auch bereit sind, etwas längere Wartezeiten in Kauf zu nehmen, dann ist es interessant zu erfahren, wie sie es selbst mit der Termintreue halten. Auch das haben wir gefragt und, wie ich finde, durchaus bemerkenswerte Antworten erhalten. Fast jeder Vierte gab an, in den letzten zwölf Monaten einen Arzttermin gehabt zu haben, den er oder sie kurzfristig nicht einhalten konnte. Das gilt vor allem für die jüngeren Befragten unter 40.

Es gibt noch einen weiteren Befund aus der Befragung, der bemerkenswert ist: Die meisten Versicherten gehen aus eigener Initiative zum Facharzt. Zwei Drittel aller Befragten hatten bei ihrem letzten Facharztbesuch keine Überweisung! In der Gruppe der 18-bis 29-Jährigen gilt das sogar für 84 Prozent, bei den 30-bis 39-Jährigen immerhin noch für 79 Prozent. Sicher spielt hier der Zeitfaktor eine Rolle, der insbesondere für Berufstätige nicht unerheblich ist. Richtig ist auch, dass ich beispielsweise mit einem akuten Problem am Auge nicht zwangsläufig erst zum Hausarzt muss, um mich von dort zum Augenarzt überweisen zu lassen. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob alle diese ungesteuerten Facharztkonsultationen wirklich immer nötig sind.

Was sagen uns diese Ergebnisse?

Der unbegrenzte Zugang zur medizinischen Versorgung durch die freie Arztwahl wird von den Menschen in Deutschland hoch geschätzt. Gleichzeitig wird er immer mehr zum Problem. Denn anders als die scheinbare „Flatrate-Versorgung“ per Chipkarte suggeriert, haben wir es mit einem zunehmenden Ressourcenmangel zu tun:

Gerade erst hat unser Ärztemonitor 2014 ergeben, dass ein Viertel aller Vertragsärzte in den nächsten fünf Jahren altersbedingt ihre Praxen aufgeben werden. Der Nachwuchs kann und will die entstehenden Lücken nicht füllen, weil er nicht mehr gewillt ist, 55 Stunden und mehr in der Woche zu arbeiten. Somit ist abzusehen, dass bei unveränderter Inanspruchnahme die Wartezeiten in den kommenden Jahren steigen werden. Hinzu kommt die Budgetierung. Allein im Jahr 2013 sind ärztliche Leistungen im Wert von 2,3 Milliarden Euro von den Krankenkassen nicht bezahlt worden!

Dem gegenüber steht eine ungebremste Inanspruchnahme. Die Zahl der Arztbesuche pro Versichertem ist unverändert hoch. Laut unserer Befragung hat gut jeder Zweite, der in den letzten zwölf Monaten beim Arzt war, drei bis zehn Mal eine Praxis aufgesucht. Bei knapp einem Drittel waren es ein bis zwei Besuche, bei jedem Sechsten mehr als zehn. Dabei werden, wie wir gesehen haben, zwei Drittel aller Facharztbesuche von den Patienten selbst ausgelöst.

Wir alle, auch als Gesellschaft insgesamt, müssen uns die Frage stellen, wie wir mit den begrenzten Ressourcen in Zukunft umgehen wollen. Es ist an der Zeit, die Frage einer Regelung ernsthaft zu diskutieren. Wollen wir mehr Steuerung? Und wenn ja, in welcher Form? Die Praxisgebühr hat diesen Zweck nicht erfüllt. Auch die geplanten Terminservicestellen werden nicht wirklich helfen. Sie bekämpfen allenfalls ein Symptom, aber nicht die Ursachen. Ein Primärarztsystem, bei dem allein der Hausarzt die Steuerung übernimmt, ist ebenfalls kein Allheilmittel, denn für viele Patienten ist eher ein bestimmter Facharzt der vertrauteste Ansprechpartner, etwa für chronisch Kranke ein fachärztlicher Internist oder für Frauen der Gynäkologe.

Es gibt keine einfachen, holzschnittartigen Lösungen. Aber es gibt Lösungen. So hat die KBV hat schon vor Jahren ein gestaffeltes Tarifmodell vorgeschlagen, bei dem die Versicherten selbst entscheiden können, ob sie die freie Arztwahl komplett behalten oder in gewissen Abstufungen eine Steuerung akzeptieren wollen.

Die Politik traut sich nicht, dieses vermeintlich heiße Eisen anzufassen, wohl aus Angst, sich die Finger zu verbrennen und Wähler zu vergraulen. Ich aber glaube: Die Menschen haben durchaus Verständnis, wenn man ihnen die Notwendigkeit erklärt und gleichzeitig gangbare Lösungen aufzeigt. Es wird gerne gesagt „Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, die Menschen sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden“. Das stimmt. Und genau deshalb dürfen wir diese Diskussion nicht weiter auf die lange Bank schieben.

(Es gilt das gesprochene Wort.)

30.07.2014 - Statement von Dipl.-Med. Regina Feldmann


Sehr geehrte Damen und Herren,

nachdem wir bei unserer letzten Versichertenbefragung 2013 die psychotherapeutische Versorgung nur gestreift hatten, haben wir uns in diesem Jahr ausführlicher mit ihr beschäftigt. Dabei ist zunächst einmal festzustellen, dass sich die Inanspruchnahme seit der ersten Erhebung 2013 nicht verändert hat. Zwölf Prozent aller 18- bis 79-Jährigen geben an, dass sie wegen eines seelischen Problems ärztliche oder psychologische Hilfe in Anspruch genommen haben. Von diesen wiederum sind zwei Drittel zu einem Psychotherapeuten gegangen. Erfreulich ist, dass die Patienten der Psychotherapie eine hohe Wirksamkeit bescheinigen. 71 Prozent der Befragten, die in den letzten drei Jahren eine Therapie gemacht haben, sagen, sie habe ihnen geholfen.

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Was die Wartezeiten angeht, so scheint die Situation etwas weniger gravierend zu sein als manchmal in den Medien dargestellt. Dennoch ist sie verbesserungsbedürftig. Auf das Erstgespräch beim Therapeuten hat immerhin ein Viertel der Betroffenen weniger als eine Woche gewartet. 39 Prozent haben bis zu einem Monat gewartet, 20 Prozent bis zu drei Monate. Zwölf Prozent mussten sich noch länger gedulden. Hinzu kommt die Wartezeit, bis die Therapie dann tatsächlich beginnt. Hier ist erfreulich, dass ein Drittel sofort im Anschluss an das Erstgespräch anfangen konnte. 16 Prozent mussten bis zu einer Woche warten, 29 Prozent zwischen einer Woche und einem Monat. Rechnet man die Wartezeit auf das Erstgespräch und den Therapiebeginn zusammen, so ergibt sich, dass 41 Prozent insgesamt maximal einen Monat bis zum Beginn der Psychotherapie warten mussten. Etwas mehr, nämlich 44 Prozent, mussten ein bis drei Monate oder länger warten. 15 Prozent konnten sich nicht mehr erinnern.

Eine Maßnahme, um die Wartezeiten zu verkürzen, wurde bereits mit der Reform der Bedarfsplanung zum Beginn des Jahres 2013 umgesetzt. Von den neu entstandenen 1.300 zusätzlichen Niederlassungsmöglichkeiten für Psychotherapeuten sind nur noch 500 nicht besetzt.

Damit Versicherte mit seelischen Problemen schnell und bedarfsorientiert eine Behandlung erhalten können, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) der Politik ein gestuftes Modell vorgeschlagen. Dieses sieht Folgendes vor:

  1. Spezielle Sprechstunden sollen einer ersten Befunderhebung dienen. Dort können Patienten außerdem eine individuelle Beratung zu weiteren Maßnahmen erhalten, die für sie infrage kommen.
  2. In der nächsten Stufe erfolgt eine frühzeitige diagnostische Abklärung mit einer Empfehlung, ob eine Weiterbehandlung nötig ist oder nicht. Gegebenenfalls schließen sich die heute schon üblichen probatorischen Sitzungen an. Diese dienen der Klärung, ob und in welcher Form eine Richtlinien-Therapie bei der Krankenkasse beantragt werden soll.
  3. Um Menschen in Krisen schnell helfen zu können, sollten Möglichkeiten einer Akutversorgung geschaffen werden. Außerdem sollen themenbezogene Gruppentherapien gefördert werden.
  4. Für chronisch Kranke sind psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten einzurichten, um dem Wiederauftreten eines Problems vorzubeugen.

Die Psychotherapie-Richtlinie wird derzeit im Gemeinsamen Bundesausschuss überarbeitet. Ziel ist unter anderem, das Antrags- und Gutachterverfahren zu vereinfachen, um zusätzliche zeitliche Kapazitäten für die Behandlung von Patienten zu schaffen. Die KBV hat mehrere Änderungsvorschläge eingebracht, unter anderem um die Bewilligung von Langzeittherapien zu entbürokratisieren.

Unsere Versichertenbefragung hat ergeben, dass gut jeder sechste Erwachsene in Deutschland mit der Pflege von Angehörigen konfrontiert ist. Am häufigsten betrifft das die 50- bis 59-Jährigen. Die Pflege eines Familienmitglieds ist eine Tätigkeit, die oftmals nicht nur an die körperlichen, sondern vor allem die seelischen Grenzen der Belastbarkeit geht und manchmal darüber hinaus. Das bestätigt unsere Umfrage. 70 Prozent derjenigen, die einen Angehörigen zu Hause pflegen, sagen, dass sie sich dadurch gefühlsmäßig stark oder sehr stark belastet fühlen. Körperliche Belastungen verspüren 49 Prozent.

Pflegende Angehörige leisten eine unschätzbare und schwere Aufgabe, gleichzeitig erhalten sie zu wenig Unterstützung. Das liegt nicht nur daran, dass es zu wenige konkrete Angebote gibt. Es liegt auch daran, dass viele von ihnen die eigenen Bedürfnisse hintanstellen. Nur die Hälfte von ihnen spricht mit ihrem Hausarzt über die persönlichen Belastungen durch die häusliche Pflege.

Die KBV hat deshalb vor kurzem ein gemeinsam mit der „Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin“ (DEGAM) sowie dem Angehörigenverband „wir pflegen e. V.“ entwickeltes Konzept vorgestellt, das helfen soll, pflegende Angehörige zu entlasten. Dazu prüft der Hausarzt – alternativ auch ein mit der häuslichen Situation des Betroffenen vertrauter Facharzt – zunächst anhand einer Checkliste gemeinsam mit dem Betroffenen, ob ein gesundheitliches Risiko durch die Pflegetätigkeit besteht. Daraus abgeleitet erfolgt eine individuell zugeschnittene Beratung, welche Hilfs- und Unterstützungsangebote infrage kommen. Das Konzept liegt auf dem Tisch, nun liegt es an den Krankenkassen, dieses aufzugreifen und ihren Versicherten anzubieten.

(Es gilt das gesprochene Wort.)