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Reden

Eröffnungsrede der Sitzung der KBV-Vertreterversammlung

05.12.2014 - Rede des Vorsitzenden der KBV-Vertreterversammlung, Dipl.-Psych. Hans-Jochen Weidhaas

 

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ein für uns alle sehr arbeitsreiches Jahr neigt sich dem Ende zu. Und trotz der vorweihnachtlichen Stimmung hier in Berlin geht natürlich die Diskussion um eine gute ärztliche und psychotherapeutische Versorgung weiter. Wieder einmal steht uns eine Gesetzgebung ins Haus und dieses Mal soll - soweit der Vorsatz - die Versorgung gestärkt werden. Der Gesetzentwurf mit dem gleichnamigen Titel ist uns allen bekannt und wir werden uns heute dazu positionieren.

Bevor ich wieder darauf zurückkomme, gestatten Sie mir zunächst noch einige unserer Gäste besonders zu begrüßen…

Nun also zurück zum Versorgungsstärkungsgesetz. In einigen Vertreterversammlungen wurde über diese Gesetzesvorlage schon intensiv diskutiert und die Kolleginnen und Kollegen haben es an eindeutigen Stellungnahmen nicht mangeln lassen. Im Tenor werden von den KVen die wichtigsten Elemente dieser Gesetzgebung, die vorgeblich die Versorgung stärken sollen, umfassend kritisiert.

Ich will daher in meiner Eröffnungsrede auf die sattsam bekannten Themen wie Terminservicestellen, Zwangsaufkauf von Praxen in angeblich überversorgten Gebieten, die Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung, sowie die künftig auch von Kommunen betriebenen Medizinischen Versorgungszentren nicht näher eingehen. Die Diskussion dazu werden wir heute führen und ich will unseren Beratungen nicht vorgreifen.

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Erlauben Sie mir, dass ich mich vielmehr auf eine gesundheitspolitische Entwicklung konzentrieren möchte, die mit dieser Gesetzgebung endgültig ihre systemändernde Ausrichtung zu erkennen gibt.

Wenn man den Geist, der bei dieser Gesetzgebung über den Wassern schwebt, auf sich wirken lässt, dann muss man notwendigerweise zu der Schlussfolgerung kommen, dass in den Augen der Politik der freiberuflich und in eigener Praxis selbstständig tätige Arzt oder Psychotherapeut zum Auslaufmodell geworden ist. Die Reformgesetzgebung der letzten Jahre hat sich von diesem immer noch gelebten Ideal inzwischen weit entfernt. Stattdessen wird eine zunehmende – so nenne ich das immer – „Verinstitutionalisierung“ der vertragsärztlichen Versorgung erkennbar. Und dies mit all ihren Konsequenzen.

Die ambulante Versorgung - insbesondere die fachärztliche - so scheint es, soll immer stärker durch Institutionen erfolgen. Der Arzt oder Psychotherapeut, der in einer solchen Einrichtung tätig ist, sei es ein Krankenhaus oder künftig ein von einer Kommune betriebenes MVZ, arbeitet dort als Angestellter, zunehmend mit befristeten Verträgen.

Für die Patienten bedeutet dies, dass sie es, vor allem bei länger anhaltenden oder chronischen Erkrankungen mit wechselnden Personen zu tun haben, die sie im Laufe ihrer Behandlung betreuen. Den Arzt, der einen Patienten über viele Jahre hinweg betreut, der ihn und seine Lebensverhältnisse kennt und der seine Krankheit entsprechend einzuordnen vermag, den wird es in Zukunft immer seltener geben.

Damit wird ein ganz wesentliches und zentrales Element der ärztlichen oder psychotherapeutischen Behandlung aufgegeben: nämlich die über Jahre gewachsene, vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Patienten und seinem Arzt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Damen und Herren,

ich glaube, diese Entwicklung ist bei den Menschen in Deutschland noch nicht angekommen. Sie ist ja auch nicht so ohne Weiteres zu erkennen. Ich sehe uns daher in der Pflicht, unsere Patienten darüber aufzuklären und ihnen deutlich zu machen, was für eine Versorgungslandschaft sich hier entwickelt.

Und dazu kommt noch ein weiterer Punkt: In einem Krankenhaus oder einer Institutsambulanz wird es so sein, dass die Patienten dort u. U. auf ärztliche oder psychotherapeutische Kollegen treffen, die sich noch in Weiterbildung befinden. D.h. sie werden nicht von einem Facharzt behandelt, sondern von einer Kollegin oder einem Kollegen, der sich erst in der Weiterbildung zu einem solchen befindet.

Im Klartext bedeutet dies eine erhebliche Einbuße der Behandlungsqualität im Vergleich zu derjenigen durch Kolleginnen und Kollegen die bereits als Fachärzte weitergebildet wurden und sich erst danach in einer eigenen Praxis niederlassen konnten.

Bei all den wohlfeilen Reden zur hohen Qualität in der vertragsärztlichen Versorgung wird diese, in unseren Augen nicht akzeptable und durch die Gesetzgebung ausgelöste Entwicklung von der Politik vornehm verschwiegen. Letztlich werden es die Patienten sein, die die Folgen zu tragen haben.

Ganz offensichtlich haben sich die politischen Kräfte in der Bundesregierung durchgesetzt, denen der freiberuflich und selbstständige Arzt und Psychotherapeut, der in eigener Praxis arbeitet, ein Dorn im Auge ist. Maßgebend sind diejenigen geworden, deren politisches Verständnis dadurch geprägt ist, möglichst viel durch Gesetze und Verordnungen zu reglementieren und durch staatliches Lenken das Gesundheitswesen zu gestalten.

Man möge mir diesen Vergleich verzeihen, aber gelegentlich, so zwischen Wachen und Schlafen, drängt sich mir die Vorstellung auf, dass es im Gesundheitswesen, zumindest in der ambulanten Versorgung zu einer Art „McDonaldisierung“ kommt, an deren Ende der Arzt oder Psychotherapeut Lizenznehmer ist und nach zertifizierten Leitlinien und Disease-Management-Programmen seine Patienten standardisiert behandelt. Ich räume ein, vielleicht mehr Traum und wenn, dann ein Albtraum.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir werden in unserer heutigen Sitzung einzelne Punkte des Versorgungsstärkungsgesetzes und die Gesetzgebung insgesamt diskutieren und beraten. Ich bin davon überzeugt, dass wir am Ende mit einer eindeutigen und kritischen Positionierung dazu Stellung beziehen werden.

Als KV-System stehen wir in der Verantwortung die flächendeckende ambulante vertragsärztliche und psychotherapeutische Versorgung auf hoher Qualität zu sichern. Eine Gesetzgebung, die perspektivisch die inhabergeführte, freiberufliche ärztliche oder psychotherapeutische Praxis abschafft, stärkt diese Versorgung nicht, sondern gefährdet sie.

In der Hoffnung, dass es doch nicht soweit kommt, danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

(Es gilt das gesprochene Wort)

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