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Stand 28.08.2015

Stellungnahmen

Stellungnahmen zu den Ergebnissen der KBV-Versichertenbefragung 2015

28.08.2015 - Statement von Dr. Andreas Gassen


Sehr geehrte Damen und Herren,

Ärzte und Psychotherapeuten genießen bei den Patienten ein hohes Ansehen und Vertrauen, auch unter den immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen, die eine Niederlassung heute mit sich bringt.

92 Prozent der Befragten vertrauen ihrem Arzt, 93 Prozent schätzen die fachlichen Qualitäten ihres Arztes als gut bis sehr gut ein. Ich sehe das als einen Beleg dafür, dass die Arbeit, die die Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten tagtäglich in ihren Praxen leisten, dem entspricht, was Patienten heute erwarten. Sie erwarten Ärzte, die hohe medizinische Standards erfüllen, die auf die Patienten zugehen und die den Patienten in seinem gesamten Umfeld betrachten.

Aber uns ist klar: Auch bei diesen guten Werten gibt es Dinge, die noch zu verbessern sind.

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Eines dieser Themen sind die Wartezeiten. Im Vergleich zu den Erhebungen des Vorjahres hat sich nicht viel verändert: Etwa zwei Drittel der Befragten erhalten innerhalb von drei Tagen einen Termin bei ihrem Haus- oder Facharzt. Nur etwa jeder neunte Patient muss sich mehr als drei Wochen gedulden.

Beim Hausarzt warten die wenigsten lange, bis sie einen Termin bekommen. Beim Facharzt sind es aber weiterhin knapp die Hälfte, die bis zu drei Wochen oder länger warten müssen. Das klingt viel, doch hier lohnt es sich, die Zahlen etwas genauer anzusehen. Denn bei vielen dieser Termine handelt es sich um planbare, nicht akute Arztbesuche wie Vorsorge- und Kontrolluntersuchungen oder Impfungen.

Die anderen etwa 50 Prozent der Facharztpatienten erhalten innerhalb einer Woche oder früher einen Termin bei ihrem Arzt, und zwar bei dem jeweiligen Wunscharzt. Das ist – und das betone ich hier besonders – in Europa nahezu einmalig. Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, zu dem Hausarzt, Facharzt oder Psychotherapeut zu gehen, dem wir vertrauen. Auf dieses System der freien Arztwahl basiert unsere ambulante medizinische Versorgung. Es lohnt sich, uns das hin und wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Einen Aspekt möchte ich kurz herausgreifen, weil er auf die Debatte um die Warte-zeiten ein besonders Licht wirft. Die Daten zeigen, dass fast zwei Drittel der Patien-ten ohne Überweisung zum Facharzt gehen. Von denen, die ohne Überweisung zum Facharzt gehen, erhält ein höherer Teil einen Termin bis zu drei Tagen als Patienten, die sich mit einer Überweisung um einen Facharzttermin bemühen.

Was sagt uns das?

Diejenigen, die sich im Gesundheitssystem gut zurechtfinden und die kommunikationsstark sind, haben weniger Probleme, zu einem Termin zu gelangen. Diejenigen, die das nicht unbedingt sind, haben das Nachsehen. Die demografischen Faktoren der Befragten zeigen: Letztere sind vor allem chronisch Kranke oder Menschen mit eher geringerem Bildungsgrad. Das könnte ein Hinweis dafür sein, dass wir als Ärzte gerade diese Patienten dabei unterstützen sollten, in geeigneter Frist einen Facharzttermin zu erhalten. Zu dieser These passt, dass Patienten, die von einem Hausarzt oder seinen Praxishelferinnen einen Termin vermittelt bekommen haben, weniger lange warten mussten.

Damit das klar ist – ich spreche hier nicht von den Terminservicestellen, die der Gesetzgeber uns vorgibt. Wir Vertragsärzte sind weiterhin sehr skeptisch, ob dieses Instrument Abhilfe schaffen wird, denn die große Mehrheit der Versicherten möchte – wenn sie eine Überweisung hat – zu einem bestimmten Facharzt. Das zeigt auch die diesjährige Befragung.

Es zeigt sich im Übrigen auch, dass selbst Wartezeiten, die über drei Wochen dauern, von der Mehrzahl der Befragten nicht als störend empfunden werden. Die Zufriedenheit der Patienten bleibt auch in der diesjährigen Befragung wieder sehr hoch. Für mich ist das ein Beleg dafür, dass die Patienten sehr wohl unterscheiden können zwischen dem, was sie wünschen, und dem, was organisatorisch machbar ist.

Sie haben eben auch die Umfrageergebnisse zu den Individuellen Gesundheitsleistungen gehört, also den Leistungen, die der Patient extra bezahlt, weil sie nicht im Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherung enthalten sind. Diese sogenannten IGeL sind ein wichtiges Thema, was sich schon allein daran zeigt, dass die Patienten häufig von sich aus ihren Arzt danach fragen, Wir haben daher bereits vor einiger Zeit mit der Bundesärztekammer eine Broschüre zum Thema IGeL herausgebracht, in der wir Patienten und Ärzte über den Umgang mit diesen Zusatzleistungen aufklären. Hin und wieder wird die Meinung verbreitet, dass sich hinter den IGeL eine Ab-zocke der Ärzte verbirgt. Hier brauchen wir eine seriöse Diskussion, denn die Patienten wollen diese Leistungen von sich aus in Anspruch nehmen. Darauf müssen wir Ärzte angemessen reagieren.

In unserer Umfrage wird auch thematisiert, ob es genügend Bedenkzeit für die Zusatzleistungen gegeben hat. Die übergroße Mehrheit der Patienten gibt an, ausreichend Zeit für die Entscheidung zu haben, sich für oder gegen eine Zusatzleistung zu entscheiden. Allerdings hat sich im Vergleich zum letzten Jahr auf niedrigem Niveau die Zahl derjenigen erhöht, die angaben, nicht genügend Zeit für ihre Entscheidung gehabt zu haben. Wir als Ärzte sollten hier darauf achten, dass die Patienten in allen Fällen eine angemessene Bedenkzeit erhalten.

Auf einen Aspekt möchte ich noch zu sprechen kommen, der für die aktuelle gesundheitspolitische Debatte ziemlich interessant ist. Eine deutliche Mehrheit der Befragten könnte sich damit anfreunden, vor einer Konsultation eines Facharztes verpflichtend einen Hausarzt aufzusuchen und sich von ihm überweisen zu lassen. Jedenfalls dann, wenn damit ein gewisser Inzentiv verbunden ist. Das könnten zum Beispiel niedrigere Beiträge für die Krankenkasse sein.

Was bedeutet das?

Vielleicht, dass die Patienten viel flexibler sind, als wir manchmal denken. Wir sollten uns fragen, ob es nicht auch in der Patientensteuerung weitaus innovativere Versorgungsformen geben könnte, als wir bisher diskutieren.

(Es gilt das gesprochene Wort.)

28.08.2015 - Statement von Dipl.-Med. Regina Feldmann


Sehr geehrte Damen und Herren,

auch ich möchte kurz auf die hohen Zufriedenheitswerte eingehen, die unsere Versichertenbefragung wieder zeigt. Denn diese korrespondieren mit einem anderen Ergebnis, das uns gerade vorgestellt wurde – nämlich der hohen Zahl derjenigen, die von ihrem Arzt auf eine Vorsorgeuntersuchung hingewiesen werden möchte. Mehr als die Hälfte spricht sich dafür aus, nur die wenigsten wollen von ihrer Krankenkasse erinnert werden. Hier zeigt sich, wie sehr die Patienten ihrem Arzt vertrauen und ihm die Kompetenz zuweisen, sie in diesen Dingen fachgerecht zu beraten.

Noch ein weiteres Ergebnis spielt in diesen Zusammenhang hinein. Auch beim Impfen möchten die Versicherten von ihrem Arzt auf die Erneuerung des Impfschutzes angesprochen werden. Wenn ich diese Ergebnisse sehe, führt mich das zu der Kritik, die wir als KBV zum geplanten Präventionsgesetz geäußert haben. So sehr wir auch befürworten, dass im gesetzlichen Rahmen mehr für die Prävention getan wird, so wenig können wir akzeptieren, dass in den neuen Beratungsgremien komplett auf den Sachverstand der niedergelassenen Haus- und Fachärzte verzichtet wird. Angesichts der Patientenerwartung, die wir in den Zahlen dieser Befragung ausgedrückt sehen, ist das Präventionsgesetz in dieser Hinsicht deutlich zu hinterfragen.

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Denn der Hausarzt nimmt für die Menschen in Deutschland weiterhin eine zentrale Rolle ein. 96 Prozent der Befragten gaben an, dass sie einen Hausarzt haben – das ist gegenüber den letzten Jahren sogar noch eine leichte Steigerung. Und erfreuliche drei Viertel der Befragten sagen, dass es für sie kein Problem ist, einen Hausarzt zu finden. Diese Werte sind im Vergleich zu 2013 in etwa gleich geblieben.

Trotz dieser positiven Werte sollten wir etwas genauer hinsehen: Denn die Zahl derjenigen, die bei der Suche nach einem Hausarzt Probleme hatte, ist etwas gestiegen – um vier Prozent. Hier macht sich der beginnende Ärztemangel bemerkbar. Noch deutlicher zeigen das die Daten aus dem Osten Deutschlands: Hier geben 39 Pro-zent an, dass es nicht genügend Hausärzte in ihrer Nähe gibt. Sie wissen, wovon ich spreche: Es sind die strukturschwachen ländlichen Regionen, von denen wir immer wieder hören oder lesen.

Lassen Sie mich das noch einmal zusammenfassen:

Hausärzte genießen ein hohes Vertrauen bei ihren Patienten. Diese erwarten von ihnen Beratungen bei so wichtigen Dingen wie Vorsorge und Impfen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Hausärzte in manchen Gegenden deutlich ab. Das bedeutet für uns, dass wir hier dringend gegensteuern müssen. Trotzdem zeigt sich deutlich: Es sind immer noch die Ärzte in der Niederlassung, die mit eigener Investition und ihrem Engagement die Versorgung in strukturschwachen Gebieten aufrechterhalten.

Doch wir wissen auch, wie die Altersstruktur unter den niedergelassenen Ärzten aussieht. Bis 2021 gehen wir davon aus, dass rund 50.000 Mediziner altersbedingt aus der ambulanten Versorgung ausscheiden werden. Hier wird der große Bedarf deutlich, den wir in den kommenden Jahren zu bewältigen haben. Die Kassenärztlichen Vereinigungen in den Ländern und die KBV haben deshalb bereits einige Programme aufgelegt, die einem Ärztemangel entgegenwirken werden. Klar ist aber auch, dass es hier eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung braucht.

Die diesjährige Versichertenbefragung zeigt eine weitere Tendenz, die einer Interpretation bedarf. Der Anteil derjenigen Patienten, die angaben, einen ärztlichen Bereitschaftsdienst in Anspruch genommen zu haben, ist im Vergleich zu denjenigen etwas gesunken, die einen Notarzt oder eine Krankenhausambulanz kontaktiert haben. Im Verlauf von neun Jahren verringerte sich der Wert von 25 auf 20 Prozent. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst ist aber Bestandteil des Sicherstellungsauftrages, den die Kassenärztlichen Vereinigungen erfüllen. Insofern müssen uns diese Werte interessieren.

Natürlich unterscheiden die Patienten kaum, ob sie in eine Notfallambulanz gehen oder in eine Bereitschaftsdienstpraxis, die am Krankenhaus angeschlossen ist. Von letzteren gibt es – gerade im Osten Deutschlands – eine ganze Menge. Insofern dürfte in den Angaben eine gewisse Unschärfe enthalten sein. Ich halte es aber für erforderlich, das Nebeneinander der Notfallversorgung der Kliniken und des Bereitschaftsdienstes der KVen noch mehr als bisher zu einem Miteinander weiterzuentwickeln. Im Krankenhausstrukturgesetz wird dies aufgegriffen, der G-BA wird sich mit dieser Frage befassen. Wir werden uns in diese Aufgabenstellung aktiv einbringen.

Zum Schluss möchte ich noch auf die eben schon angesprochenen Umfrageergebnisse zu den Wahltarifen eingehen.

Grundsätzlich beobachten wir einen Mangel in der Steuerung in der Versorgung, was auch zu Wartezeiten führen kann. Es ist eine in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Frage, dass die Befragten sich durchaus vorstellen können, einen Facharzt erst nach einer Konsultation ihres Hausarztes aufzusuchen. Sie würden dies tun, wenn sie dafür geringere Krankenkassenbeiträge zahlen könnten. Das zeigt nicht nur, dass die Patienten ökonomischen Argumenten durchaus zugänglich sind, sondern es zeigt auch die zentrale Rolle, die sie dem Hausarzt zuweisen. Für die Menschen ist es wichtig, in ihrem Ort einen Hausarzt zu haben, der sie und ihre Familie lange kennt. Wie wir gesehen haben, empfinden es nicht wenige als ein Problem, wenn sie keinen Hausarzt in der Nähe haben. Auch aus diesem Grund ist es richtig, noch mehr Anstrengungen zu unternehmen, eine gute hausärztliche Versorgung sicherzustellen.

(Es gilt das gesprochene Wort.)

 

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