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Stand 30.09.2015

Reden

60 Jahre KBV: Rede des KBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Gassen

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich heiße Sie alle herzlich willkommen an diesem besonderen Ort im Herzen unserer Hauptstadt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist immer noch etwas Besonderes, hier am Pariser Platz zu stehen: gerade in diesen Wochen, in denen wir die 25-Jahr-Feier der deutschen Einheit begehen. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, am Platz vor dem Brandenburger Tor zu dieser Veranstaltung einzuladen – wie viele Jahre lang war es das nicht!

Der Anlass für unser Zusammenkommen am heutigen Tage ist ebenfalls ein Jubilä-um: 60 Jahre Kassenärztliche Bundesvereinigung. Wir alle hier im Raum begegnen uns häufig in Gremien, Ausschüssen, Arbeitssitzungen. Heute ist es anders. Heute sitzen wir hier, um einen Moment innezuhalten und zurückzuschauen auf das, was war, und um eine Bestandsaufnahme dessen zu machen, was ist. Schließlich auch, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. Wir sind aber vor allem auch hier, um ein wenig zu feiern.

Um zu feiern, dass Deutschland im ambulanten Bereich eine extrem leistungsfähige und umfassende medizinische Versorgung bietet. Eine Versorgung, die für jeden zugängig ist: unabhängig vom Alter, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation, unabhängig von der Schwere der Erkrankung. Wir haben in Deutschland eine Gesundheitsversorgung, um die uns viele auf der Welt beneiden.

Zu deren Erfolg tragen die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten in erheblichem Maße bei. Organisiert wird diese ambulante medizinische Versorgung von den kassenärztlichen Vereinigungen in den Regionen und gemeinsam mit ihnen von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. 60 Jahre KBV sind also auch 60 Jahre gelungene ambulante medizinische Versorgung!

Lassen Sie mich vorweg einige Details in Erinnerung rufen.
1955 trat das Gesetz über das Kassenarztrecht in Kraft und die KBV erlebte ihre Ge-burtsstunde als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dieses Gesetz markiert den Beginn einer Selbstverwaltung, die bis heute trägt und sich im ständigen Wandel befindet. Sicherlich ist nicht immer alles reibungslos und ohne Probleme vonstatten gegangen – auch die KBV erlebte stürmische Zeiten und erlebt sie immer noch.
Ich möchte heute Abend aber nicht nur über Stürme reden. Reden wir doch lieber über Erfolge.

Ein Erfolg ist zum Beispiel, dass der Sicherstellungsauftrag, den die Vertragsärzte 1955 mit dem Gesetz über das Kassenarztrecht angenommen haben, bis heute er-füllt wird. Und das vor dem Hintergrund ständiger gesellschaftlicher Umwälzungen. In den 1950er-Jahren musste ein zerstörtes Land wieder aufgebaut und eine medizinische Versorgung quasi neu geschaffen werden. In den 60ern gab es eine Phase der Konsolidierung, die Deutschen genossen ihr Wirtschaftswunder und die ambulante Versorgung stabilisierte sich.

Schließlich die 70er, in denen nicht nur die politischen Extreme ihre verheerenden Spuren hinterließen, sondern in denen auch die Wirtschaft zu stottern begann – was wiederum seine Auswirkung auf den ambulanten Bereich hatte. Denn in diesem Jahrzehnt wurde ein erstes Kostendämpfungsgesetz verabschiedet, dem noch viele weitere folgen sollten.

In diesem Zusammenhang wurde oft und gerne über die Ärzteschwemme lamentiert – das hat sich mittlerweile ja eher ins Gegenteil verändert. Tempora mutantur (nos et mutamur in illiis). Dann schließlich Ende der 80er-Jahre die Wende mit dem beispiellosen Kraftakt der Wiedervereinigung. Es folgten die 90er-Jahre, die vor allem von der technischen Entwicklung im EDV- und Kommunikationsbereich geprägt waren, und die Jahre des neuen Jahrtausends mit ihrer sich abzeichnenden demografischen Entwicklung, die uns vor weitreichende Probleme stellt.

In all diesen Jahren gab es aber eine Konstante in der ambulanten medizinischen Versorgung: Die Versorgung wurde immer besser.

Mit dem technischen Fortschritt kamen neue Möglichkeiten der Diagnostik und der Therapie. Das ambulante Operieren beispielsweise brachte nicht nur eine patientenfreundlichere und risikoärmere Behandlung, sondern es half auch, die ausufernden Kosten zu begrenzen. Heute können Patienten von ihrem niedergelassenen Arzt auch bei schweren Erkrankungen ambulant versorgt und umfassend betreut werden, was gerade für Chroniker eine entscheidende Verbesserung bedeutet.

In den vergangenen 60 Jahren haben wir all das, was sich unter dem Schlagwort Sicherstellungsauftrag verbirgt, erfüllt. Ich finde, ein Abend wie dieser ist der richtige Zeitpunkt, das angemessen zu würdigen.
Denn das ambulante System ist enorm leistungsfähig. Hier werden die Präventions-strategien und die Impfkampagnen umgesetzt, ebenso die alltägliche Gesundheits- und Ernährungsberatung und Kinder- und Jugendlichenuntersuchungen.

Die KBV und die KVen haben dabei neue Modelle und Lösungen geschaffen. Wir haben früh die technische Entwicklung einer sich immer mehr vernetzenden Wirtschaft und Gesellschaft aufgegriffen und – auch wenn das manchmal in der Öffentlichkeit anders dargestellt wird – die elektronische Vernetzung der Heilberufe untereinander vorangebracht. Das KV-System hat Innovationen in der Versorgung aufgenommen oder weiterentwickelt, die Chronikerversorgung wurde verbessert.

Nicht zuletzt hatte die KBV einen erheblichen Anteil daran, in der ambulanten Versorgung eine Qualitätssicherung zu etablieren, die passgenau auf die Situation der Praxen von Ärzten und Psychotherapeuten zugeschnitten ist. Wer sich heute von einem Vertragsarzt behandeln lässt, kann sich sicher sein, dass die höchsten Qualitätsstandards eingehalten werden.

Der Sicherstellungsauftrag beinhaltet auch, dass die KBV gemeinsam mit den Kran-kenkassen und den Vertretern der anderen Heilberufe die von der Politik vorgegebenen Ziele der Gesundheitsversorgung in Deutschland umsetzt. Die gemeinsame Selbstverwaltung, für die seit über zehn Jahren exemplarisch der gemeinsame Bundesausschuss steht, ist überwiegend ein Erfolgsmodell.

Es ist die Art von Interessenausgleich, der für das korporatistische Modell der Bundesrepublik so typisch ist. Die KBV leistet in den Gremien der gemeinsamen Selbstverwaltung Zukunftsarbeit mit hoher fachlicher Kompetenz. Die Entscheidungen, die im G-BA getroffen werden, mögen nicht immer allen gefallen. Sie sind aber auf jeden Fall besser als Entscheidungen, die auf dem grünen Tisch von Ministerialbeamten getroffen werden würden, die in die Alltagssituation der Gesundheitsversorgung in diesem Land keine echten Einblicke haben.

Nicht zuletzt bedeutet gemeinsame Selbstverwaltung auch das Aushandeln von Honoraren für die Vergütung der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten. Hier setzt die KBV mit dem GKV-Spitzenverband Jahr für Jahr die Rahmenbedingungen fest, die auf regionaler Ebene weiter ausformuliert werden. Ich wäre nicht Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, wenn ich bei dieser Gelegenheit nicht betonen würde, dass es an dieser Stelle noch einigen Handlungsbedarf gibt.

Denn es mehren sich beunruhigende Zeichen: Die Investitionen in den Praxen gehen zurück, die Umsätze aus dem GKV-Bereich stagnieren, der Ärger über Budgetierungen nimmt zu. Hier ist das vielzitierte Bohren dicker Bretter nötig – und ich kann Ihnen versichern, die KBV wird auch dies unermüdlich vorantreiben.

60 Jahre KBV – das sind auch 60 Jahre des Wandels des Berufsbildes von Ärzten. Ungebrochen positiv ist das Bild, das die Bevölkerung von ihren Ärzten hat. Seit 1966 führt das Allensbach-Institut seine Umfrage zum Renommee der Berufsgrup-pen durch – und stets führen die Ärzte diese Liste an. Mehr noch: Ärzte genießen in erheblichem Maße das Vertrauen ihrer Patienten. Das bestätigen uns immer wieder die Versichertenbefragungen, die wir regelmäßig von der Forschungsgruppe Wahlen durchführen lassen. 90 Prozent Zustimmungsrate – die meisten anderen Berufe können davon nur träumen!

Wie hat sich aber das Selbstbild der Ärzte und Psychotherapeuten in den sechs Jahrzehnten gewandelt?
Fundamental, würde ich sagen!

Der Landarzt, der rund um die Uhr für seine Patienten da ist, entspricht nicht mehr unbedingt den Vorstellungen der jüngeren Generation. Die romantische Vorstellung, es werde auch in Zukunft in jedem Dorf einen Arzt geben, ist endgültig zum Alleinstellungsmerkmal der medizinischen Versorgung in Vorabendserien geworden.

Es gibt immer mehr Mediziner, die sich zwar niederlassen wollen, die dabei aber ein anderes Verständnis von ihrem Beruf und ihrer Rolle als Arzt haben. Das Verhältnis von Beruf, Familie und Freizeit soll ausgewogen sein. Schuften bis der Arzt kommt – dieser Devise gilt für die nachrückende Ärztegeneration nicht mehr. Kann man es ihr verdenken? Wohl kaum.

Die Umfragen unter Medizinstudenten belegen daher auch regelmäßig: Das Bild, das der Nachwuchs von der Niederlassung hat, ist, was das Verhältnis von Arbeits-aufkommen, Vergütung und „work-life-balance“ betrifft, nicht nur positiv. Hier hinkt aber die allgemeine Einschätzung der Entwicklung in der Realität hinterher.

Denn die KVen und die KBV haben längst Maßnahmen ergriffen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch für Niedergelassene voranzubringen. Praxisnetze werden gefördert, Regeln für Kooperationen und Anstellungen werden verbessert, Jobsharing-Modelle erprobt. Das geht bis hin zur Vergütung von besonders geschultem Praxispersonal, an das die Ärzte bestimmte Arbeiten in den Praxen und bei Hausbesuchen delegieren können.

Entgegen aller Klischees: Die Tätigkeit als niedergelassener Arzt in einer Einzelpraxis oder in einer Gemeinschaftspraxis kann so organisiert werden, dass die Bedürfnisse der jungen Generation erfüllt werden. Dies unterstützen die KBV und die KVen.

Ich habe eben einen Blick zurückgeworfen und ich habe kurz die derzeitige Lage beschrieben. Lassen Sie mich nun einen Blick in die Zukunft wagen.

Deutschland in dreißig Jahren wird weiterhin eine starke ambulante Versorgung bieten. Wir werden mehr vernetzte Strukturen haben, die Heilberufe werden noch enger zusammenarbeiten. Der ambulante Bereich wird viel stärker in die Aus- und Weiterbildung des medizinischen Nachwuchses involviert sein. Sektorengrenzen werden in weiten Teilen fallen.

Die elektronische Vernetzung wird intensiv sein und viele Dinge deutlich einfacher machen. Die Patienten werden noch viel stärker in die Organisation der Behandlung einbezogen werden – nicht zuletzt dank des technischen Fortschritts. Sie werden noch viel mehr zum Partner des Behandlungserfolges, weil sie auch mehr Verantwortung übernehmen.

Dies wird sich auch in neuen Formen der monetären Beteiligung abzeichnen – die Patienten sind durchaus bereit, neue Wege der Patientensteuerung zu akzeptieren, wenn sie sich davon Vorteile versprechen können, etwa durch gestaffelte Versichertenbeiträge. Und der niedergelassene Arzt wird weiterhin erster Ansprechpartner bleiben und im Idealfall ganze Lebens- und Familienbiografien begleiten.

Ein Wunschtraum? Ich glaube nicht.
Das ambulante medizinische System der Vertragsärzte und Vertragspsychothera-peuten hat sich in sechzig Jahren als robust erwiesen. Es hat aus sich heraus Lö-sungen für die jeweiligen Herausforderungen gefunden und griff dabei auf das Selbstverständnis eines freien Berufes zurück. Dieses Selbstverständnis, das für die Ärzte und Psychotherapeuten im besonderen Maße gilt, ist die Kraft, aus der heraus neue Dinge angestoßen werden können. Solange wir uns dieser Kraft nicht berauben lassen, bleibt das Bild, das ich entworfen habe, keine Illusion.

Wir erleben derzeit eine humanitäre Herausforderung, die in den vergangenen Jahrzehnten ohne Beispiel ist. Es werden in diesem Jahr bis zu einer Million Flüchtlinge in Deutschland erwartet – eine Million Menschen, die einer guten Gesundheitsversorgung bedürfen. Die Ärzteschaft – und speziell die Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten – beweisen seit Wochen, dass die Politik sich auf sie verlassen kann.

Denn die Niedergelassenen sind es, die vor Ort die hauptsächliche Arbeit übernehmen. Viele von ihnen zeigen ein Engagement, das weit über das Übliche hinausgeht. Auch das gehört zum Selbstverständnis eine Arztes als Vertreter eines freien Berufes: Dort zu helfen, wo es not tut.

Bei allem Licht gibt es auch Schatten. Ich habe am Beginn meiner Ausführungen gesagt, dass ich heute nicht über Probleme reden möchte. Das will ich auch jetzt nicht. Aber ich möchte darauf eingehen, dass angesichts so mancher Defizite, die es unbestritten auch in der vertragsärztlichen Versorgung gibt, Überlegungen mit dem Tenor laut werden, ob man die KBV denn überhaupt noch brauche.

Diese Überlegungen können nicht ganz ernst gemeint sein. Denn natürlich wird die KBV gebraucht.
Wir brauchen die KBV, weil in einer immer komplexer werdenden Welt auch die ambulante Versorgung immer aufwendiger organisiert werden muss. Und dafür braucht es eine Kraft, die die exzellente Arbeit der KVen bündelt und auf bundespolitischer Ebene zu einer Stimme der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten vereint.

Aber wir müssen zugeben: Es gibt derzeit interne Probleme in der KBV, die nicht nur in den KVen für Aufmerksamkeit sorgen. Manche Medien sprechen gar von der KBV als einer „Körperschaft in der Krise“. Sie kennen den griechischen Ursprung des Wortes crisis: Wendung, der ein Neuanfang innewohnt. Nach all den Gesprächen, die ich in den vergangenen Wochen und Monaten geführt habe, bin ich der festen Überzeugung, dass wir – die KBV und die KVen – die Kraft haben, einen solchen Neuanfang zu bewerkstelligen.

Probleme der Vergangenheit werden wir gemeinsam lösen, dieser Prozess hat ja längst begonnen. Wir werden Fehler korrigieren, aus ihnen lernen und derartige Fehler in der Zukunft nicht mehr begehen. Dieser Neuanfang ist notwendig, um uns wieder auf die Sacharbeit konzentrieren zu können, denn das ist unentbehrlich.

Dann wird auch klar werden, dass uns im System der KVen und der KBV bei allen unterschiedlichen Meinungen und Ideen eines eint – nämlich die Verpflichtung, unser Möglichstes zu tun, um ein Gesundheitssystem zu erhalten, in dem Patienten die beste Versorgung der Welt erhalten und Vertragsärzte/innen, Vertragspsychotherapeuten und KJPT freiberuflich arbeiten können. Dass wir weiterhin Kontinuität bei der Bewältigung der Aufgaben zeigen, wir es in den vergangen sechs Jahrzehnten getan haben.

Meine Damen und Herren, dieses Land braucht eine starke KBV und starke KVen. Nur die Selbstverwaltung des KV-Systems kann die ambulante medizinische Versorgung auch in den kommenden Jahrzehnten sicherstellen. Dafür müssen wir alle zur Sacharbeit zurückkehren und die Nabelschau beenden, die in den vergangenen Wochen leider im Vordergrund stand. Die Herausforderungen sind groß – packen wir es gemeinsam an!

Liebe Gäste, in diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns einen angenehmen Abend.
Vielen Dank.