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Stand 30.09.2015

Reden

60 Jahre KBV: Rede des KBV-Vorstands Dipl.-Med. Regina Feldmann

Sehr geehrte Damen und Herren,

60 Jahre Kassenärztliche Bundesvereinigung – das sind 60 Jahre einer guten ambulanten Versorgung in Deutschland. Dafür steht die KBV und mit ihr die 17 Kassenärztlichen Vereinigungen in diesem Land.
Allen unbestreitbaren Problemen und allen Unkenrufen zum Trotz können wir sagen: Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme der Welt! Trauen wir uns ruhig, das einmal deutlich auszusprechen, denn die Ergebnisse der diesjährigen Versichertenbefragung bestätigen diese Aussagen.

Wir erfreuen uns eines hohen medizinischen Standards und haben eine Versorgung, die sich an den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft orientiert. Und wir haben eine Versorgung, die den Patienten mit seinem ganzen Umfeld in den Blick nimmt. Daran haben wir Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten einen entscheidenden Anteil.

Meine Vorredner haben bereits viele Themen aufgegriffen – eines ist aber noch nicht erwähnt worden, weswegen ich es tun möchte. Ich meine die Jahre um 1990, als vor 25 Jahren der Übergang von der ambulanten Gesundheitsversorgung der DDR in das System, wie wir es heute kennen, gestaltet wurde. Aus heutiger Perspektive erscheint es ganz einfach: Es gab einen Vertrag zur Wiedervereinigung, der am 29. September 1990 in Kraft trat und fortan galt in den neuen Ländern auch im Gesundheitsbereich ein neues System.

So einfach war es natürlich nicht. „Es wächst zusammen, was zusammengehört“ – der berühmte Satz von Willy Brandt musste nun mit Leben gefüllt werden. Die ambulante Versorgung in der DDR war staatlich geregelt, sie bestand vor allem aus den bekannten Polikliniken, staatlichen Landarztpraxen und Landambulatorien. Es gab nur sehr wenige Praxen, die in privater Hand waren.

Im Einigungsvertrag wurde festgelegt:
„Alleiniger Träger der ambulanten ärztlichen Versorgung ist der niedergelassene Arzt“.

Der Gang in die Selbständigkeit war für viele Kollegen der berühmte Sprung ins kalte Wasser, der übrigens auch mit einem nicht unerheblichen finanziellen Risiko behaftet war. Es gab noch keine Kassenärztlichen Vereinigungen, es gab generell kein Know-how für das Abrechnungswesen und die Organisationsstrukturen.

Geschweige denn für die Arbeit einer funktionierenden Selbstverwaltung. Bevor zum 1. Januar 1991 das Sozialgesetzbuch V im Gebiet der ehemaligen DDR in Wirkung gesetzt wurde, gründeten sich in den neuen Ländern die KVen als Vereine. Später dann erhielten sie den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes; 5 der 17 KVen feiern also in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag.

Als eine besonders große Leistung ist zu werten, dass der Übergang in das vertragsärztliche System nahezu reibungslos verlief. Wer gestern noch zu seinem Arzt in die Poliklinik ging, ging morgen zu seinem niedergelassenen Haus- oder Facharzt. Für die Bevölkerung änderte sich nichts. Dass das möglich war, hat mit dem besonderen Engagement der Kollegen in der Wendezeit zu tun und mit einer engagierten Unterstützung der KVen untereinander.

Haben wir nun im Gesundheitsbereich tatsächlich die blühenden Landschaften, die Helmut Kohl versprochen hatte?

Nach 25 Jahren müssen wir leider feststellen, dass uns der demografische Wandel vor große Herausforderungen stellt. In manchen Regionen sind die Probleme groß – es fehlt an Nachwuchs und zwar genau in den Fächern, die dringend für die Versorgung vor Ort gebraucht werden. Dazu gehören insbesondere Hausärzte. Wir erwarten für die kommenden Jahrzehnte mehr alte und mehr multimorbide Patienten.

Außerdem stellen wir fest, dass die hausärztliche Tätigkeit ein Statusproblem hat. Auch die Qualifikation der Hausärzte wird trotz 5-jähriger Facharzt-Weiterbildung nicht ausreichend anerkannt.
Der medizinische Nachwuchs für viele grundversorgende Fächer fehlt. Diese Entwicklung wird sich leider in den nächsten Jahren fortsetzen.

Die KBV hat sich seit 2012 mit diesem Phänomen beschäftigt. Die Ursachen sind vielgestaltig, jedoch hat der Gesetzgeber 2004 mit Inkrafttreten des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes einen erheblichen Anteil daran.

Abweichend vom bis dahin gelten Grundsatz und vom Einigungsvertrag, hat er die ambulante Tätigkeit für angestellte Ärzte und auch für Klinikketten in privater Trägerschaft geöffnet. Somit war ab 2004 eben nicht mehr der niedergelassene Arzt Träger der ambulanten Versorgung.

Bis 2004 haben die KVen mit ihren niedergelassenen Kollegen die Daseinsvorsorge im Bereich der ambulanten medizinischen Versorgung übernommen, ab 2004 wurde durch den Gesetzgeber eine Öffnung für den freien Markt und somit eine Konkurrenz für die eigentümergeführte Praxis implementiert. Da die Aus- und Weiterbildung junger Mediziner überwiegend klinikorientiert ist, ist der Trend im Anstellungsverhältnis zu bleiben, vorprogrammiert.

Wenn man am KV-System festhalten will, muss man aber auch den KVen die Anstellung von Ärzten erlauben. Nur dann wird ein faires Nebeneinander zukünftig möglich sein.

Doch wir wissen auch, wie die Altersstruktur unter den niedergelassenen Ärzten aussieht. Bis 2021 gehen wir davon aus, dass rund 50.000 Mediziner altersbedingt aus der ambulanten Versorgung ausscheiden werden. Hier wird der große Bedarf deutlich, den wir in den kommenden Jahren zu bewältigen haben. Klar ist aber auch, dass es hier eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung braucht.

Ich als Hausärztin wünsche mir, dass die Rolle des Hausarztes in der Versorgung gestärkt wird – und zwar im ganzen Land. Hausärzte sind als Generalisten und Koordinatoren wichtiger denn je. Gleichzeitig ist die Hausarztpraxis der Zukunft eine Teampraxis. Der Hausarzt ist zuständig für Diagnostik, Langzeitbetreuung, Beratung und Koordination.

Um diese spezielle Rolle des Hausarztes erhalten zu können, müssen die Rahmenbedingungen für Hausarztpraxen verbessert und die Niederlassung attraktiver gemacht werden. Dafür setzt sich die KBV ein und begleitet und unterstützt die Initiativen aus den regionalen KVen.

Diverse Untersuchungen und nicht zuletzt auch unsere Umfrage zeigen, dass das Interesse an der ambulanten Versorgung wächst, sobald die Studierenden diese mit eigenen positiven Erfahrungen verknüpfen können. Etwa, wenn sie im Praktischen Jahr die Arbeit mit den Patienten in einer Praxis selbst erleben.

Viele angehende Ärzte wünschen sich deshalb einen größeren und verbindlichen Anteil ambulanter Abschnitte während der Aus- und Weiterbildung. Das haben mehrere Befragungen in den letzten Jahren immer wieder ergeben. Es sind dringende Änderungen in der Struktur der Aus- und Weiterbildung vonnöten und die Politik muss hier Richtungsentscheidungen treffen. Das Vorhaben Masterplan Medizinstudium 2020 wird bereits intensiv von der Bundesregierung bearbeitet und wir wünschen uns, dass unsere Expertise berücksichtigt wird.

Das ist nur eine der vielen Aufgaben, die die KBV erledigt – und weiter zu erledigen hat. Denn es ist wie immer im Leben: Auf Erfolgen ausruhen reicht nicht.

Sehr geehrte Damen und Herren,
auf Ihren Plätzen liegt eine kleine Präsentbox. Sie finden darin nicht nur einen kurzweiligen geschichtlichen Abriss der vergangenen Jahrzehnte, sondern auch einen Datenstick mit einem ebenso kurzweiligen Film, der auf verständliche Weise die komplexen Aufgaben beschreibt, die die KBV seit 60 Jahren erfüllt.

Vielen Dank.