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Stand 04.03.2016

Reden

Bericht an die Vertreterversammlung, Dr. Andreas Gassen

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie zur ersten Vertreterversammlung des Jahres 2016. In dem Jahr, das vor uns liegt, werden wir entscheidende Weichenstellungen vorzunehmen haben. Es stehen nicht nur die Wahlen in Ihren regionalen KVen an. Es geht in diesem Jahr um eine inhaltliche Neubestimmung wesentlicher Aspekte der Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung. Hierzu haben wir uns in diesem Kreis bereits letzte Woche auf unserer Klausur getroffen und aus der Erfahrung des Wochenendes freue ich mich auf die kommenden intensiven Debatten.

Uns ist allen klar: Es geht in diesem Jahr um nichts weniger als um die Zukunft des KV-Systems! Es geht um die Zukunftsfähigkeit einer niedrigschwelligen und flächendeckenden Versorgung unserer Patientinnen und Patienten.

Ich bin deswegen sehr erfreut darüber, dass wir die ersten erfolgreichen Schritte zu einer Verständigung auf der Klausurtagung der KBV-Vertreterversammlung am vergangenen Wochenende bereits getan haben – wir haben nämlich die Versorgung nicht nur unter dem Aspekt Hausarzt oder Facharzt diskutiert. Auch nicht nur unter dem Aspekt Kollektiv- oder Selektivvertrag oder Haupt- oder Ehrenamt. Wir konnten am vergangenen Wochenende im großen Kreis das erleben, was wir aus kleinen Arbeitsgruppen kennen und schätzen: das Ringen um die beste Lösung in einer kollegialen und fairen Diskussion. Das hat mir deutlich gezeigt, dass das KV-System mehr ist als eine bloße Verwaltungseinrichtung. Das KV-System ist ein innovativer Ideengeber.

Dafür möchte ich Ihnen nochmals ausdrücklich danken.

Wir haben zu den Themenblöcken Sicherstellung, KV und Krankenhaus, Steuerung der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und Attraktivität des Arztberufes Problemstellungen identifiziert und mögliche Problemlösungen skizziert.

Besonders war die große Einigkeit darüber, dass wir mit den Lösungsansätzen eine gemeinsame Linie zu verfolgen haben. Es war wohltuend zu sehen, dass der Patienten- und Versorgungsbedarf im Vordergrund stand und nicht pro domo vorgefertigte Konzepte verfochten wurden.

Lassen Sie mich exemplarisch zwei Punkte aus der Vielzahl der diskutierten Themen herausgreifen: die Steuerung der Inanspruchnahme von Leistungen und das Verhältnis von Kollektiv- zu Selektivvertrag.
Mit der drängenden Frage der Steuerung der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen verfolgen wir keine restriktiven Lösungen, wir berücksichtigen die unterschiedlichen Behandlungsbedarfe. Wir glauben, dass wir eine koordinierte Inanspruchnahme brauchen. Ohne jeden Zweifel ist eine Koordination durch den Hausarzt eine bekannte, wichtige Säule der Versorgung – die verkürzte Bezeichnung „Primärarztmodell“ trägt dieser Art der Koordination aus meiner Sicht nur unzureichend Rechnung. Darüber hinaus bestand Einigkeit darin, dass es auch eine gebietsärztliche Koordination geben soll, die sich an der Erkrankungssituation orientiert.

An dieser Stelle gilt es, Steuerungskonzepte inhaltlich weiterzuentwickeln und ggf. in Tarifmodellen abzubilden. Denkbar erscheint uns auch, dass Patienten, die selbst über ihre Inanspruchnahme entscheiden wollen, die daraus resultierenden finanziellen Mehrbelastungen des Systems auch über Zusatzbeiträge auffangen könnten. Dafür braucht es intelligente Konzepte, die sowohl ökonomischer Natur sein können, als auch am autonomen Patientenhandeln ansetzen können.

Ebenfalls Thema war das Verhältnis Selektivvertrag/Kollektivvertrag – in deutlich entspannter Diskussion. Das heutige Verhältnis ist nicht mehr konfrontativ, sondern favorisiert das geordnete Nebeneinander von Selektiv- und Kollektivvertrag. Der Selektivvertrag ist eine komplementäre Struktur. Manche Versorgungs- und auch Vergütungsfragen können Selektivverträge wohl tatsächlich besser beantworten als der große, aber unverzichtbare Dampfer Kollektivvertrag. Letzterer ist und bleibt Garant für die gesamte Versorgung, inklusive flächendeckender Sicherstellung und Bereitschaftsdienst. In dieser Betrachtung dürfen die Berufsverbände nicht fehlen, sie halten uns mit ihrer Kritik den Spiegel vor, was bei uns besser laufen könnte. Der Dialog ist daher wichtig, bei dem nicht vergessen werden darf, dass KVen und die KBV Körperschaften und damit eben keine reinen Interessensvertretungen sind, sondern auch die Garanten des Sicherstellungsauftrages. Starke Berufsverbände sind dennoch – oder besser: deswegen – wichtig für das KV-System und die Vertragsärzte.

Setzen wir die guten und fundierten Diskussionen vom Wochenende gemeinsam fort. Dafür braucht es die Offenheit des Diskurses und das Einschlagen neuer Wege. Was auch immer am Ende herauskommt, wir müssen unter Beweis stellen, dass das KV-System zukunfts- und handlungsfähig ist. Deswegen sollten wir die vielversprechenden Ansätze vom Wochenende nun gemeinsam feiner austarieren und zu klaren Vorschlägen konkretisieren. Ich baue dabei auf Ihre Unterstützung.

Denn wir sind der gefragte Ansprechpartner für die gemeinsame Selbstverwaltung und für die Politik. Sie als Mitglieder dieser Vertreterversammlung, Sie sind es, die vom System der ambulanten Versorgung wirklich etwas verstehen und die richtigen Lösungen für die Versorgungsfragen der Zukunft präsentieren können.

Um dieses Potential zu heben, braucht es vom KV-System eine klare Bereitschaft, auch schwierige Fragen zu lösen – und es braucht die Fähigkeit, Ideen umzusetzen. Diese Umsetzungskraft haben KVen und KBV, weil sie Experten der flächendeckenden Versorgung sind – wer sollte das besser können?

Mit klaren Lösungsansätzen können wir im Sinne des von mir bereits skizzierten Konzeptes KBV 2020 an die Politik herantreten und Impulse geben für die Gesundheitspolitik von morgen. Damit gewinnen wir auch Vertrauen zurück, das in den vergangenen Monaten verloren gegangen ist.

Und ja, die Fehler der Vergangenheit dürfen sich nicht wiederholen. Wir in der KBV leisten gemeinsam mit dem Vertrauensausschuss der Vertreterversammlung seit Monaten eine konsequente Aufarbeitung, worüber im geschlossenen Teil der VV noch ausführlich zu debattieren sein wird. Das ist der richtige Weg, Probleme zu benennen und zu lösen. Ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass so mancher politische Akteur in der Vergangenheit wühlt und sich auf Kosten der KBV-Vergangenheit sein eigenes Süppchen kocht – entsprechende aufreizende Medienberichte inklusive. Ich versichere Ihnen noch einmal, dass wir die Fehler konsequent analysieren, abarbeiten und beheben werden und längst aus ihnen gelernt haben. Entsprechende Sicherungsmechanismen sind in der Geschäftsordnung der KBV niedergelegt und Strukturen einer vertrauensfördernden Zusammenarbeit mit den Gremien der Vertreterversammlung geschaffen worden. Die Weiterentwicklung dieser Strukturen und die Anpassung an zukünftige Herausforderungen und Zielsetzungen werden in KBV 2020 seinen Niederschlag finden.

Ich bin zuversichtlich, dass wir auch das gemeinsam im fairen Austausch miteinander schaffen. Denn das KV System kann einiges. Der mitunter ungeliebte „Apparat“ funktioniert. So fragwürdig die Terminservicestellen auch sind und so unnötig, wie wir alle seit Wochen wissen: Die termingerechte Implementierung der Terminvermittlung zeigt, wie gut die KVen organisiert sind. Elf der KVen nutzen das von der KV Telematik GmbH bereitgestellte Webangebot, das in sagenhaften sechs Monaten von einem Team engagierter Mitarbeiter aus dem Boden gestampft wurde. Wer auch nur ein wenig Ahnung von der Komplexität der Materie hat, der weiß: Das macht uns so schnell keiner nach! Dieses gemeinsame Leistungsvermögen wird uns in die Lage versetzen, die anderen anstehenden Probleme innovativ zu lösen.

Jetzt müssen wir unsere eigenen Inhalte weiter voranbringen – und da spielt die Musik natürlich an der Schnittstelle der ambulanten zur stationären Versorgung. Die Politik macht Druck und das zurecht: Natürlich brauchen wir eine größere Durchlässigkeit an den Sektorengrenzen. Aber das kann nur sinnvoll sein, wenn wir es mit fairen Wettbewerbsbedingungen einhergeht. Diesen fairen Wettbewerb vermissen wir allerdings. Der Vergütungstopf der ambulanten Versorgung wird täglich ein Stück weiter für Kliniken geöffnet, um eine politisch gewollte Diversität des Krankenhaussektors aufrechtzuerhalten. Und das vor dem Hintergrund, dass sich Deutschland eine Krankenhausdichte leistet, die weltweit nahezu einzigartig ist. Ich kann es nur wiederholen: Wir haben es mit einer Krankenhausdichte zu tun, die nicht nur unnötig, sondern viel zu teuer ist. Trotzdem hat die Bundesregierung 2015 den lautstark vorgetragenen Forderungen der Kliniken nachgegeben und mit dem Krankenhausstrukturgesetz ihr Füllhorn ausgeschüttet – mit der Folge, dass etliche hundert Millionen Euro in den Klinikbereich geflossen sind. Gleichzeitig wird den Krankenhäusern immer weiter Zugang zur vertragsärztlichen Versorgung gewährt. Die Zahl der ambulant-sensitiven Krankenhausfälle nimmt stetig zu. Das sind aktuell über 3,6 Millionen Fälle mit einem fehlallozierten Honorarvolumen von über 6 Milliarden Euro. Ohne Umdenken wird sich dieses kurzsichtige Vorgehen bitter rächen.

Wir hatten vor kurzem ein Pressegespräch, in dem wir gemeinsam mit dem BNHO ein Gutachten zum Wettbewerb in der onkologischen Versorgung vorgestellt haben. Für diesen Bereich stellen wir fest: Der ungleiche Wettbewerb hat System. Wenn die Kliniken systematisch für die ambulante Versorgung onkologischer Fälle geöffnet werden, wenn sie sich am Ende gar die Rosinen herauspicken können, dann schwächt das die ambulanten Hämatologen und Onkologen, die nur noch für die Mühen der Ebene zuständig sind und die Alltagsversorgung bzw. Nachsorge abdecken müssen. Die Folge ist eine Ausdünnung der ambulanten Versorgungslandschaft mit dem absurden Effekt, dass sich weniger Onkologen für eine Niederlassung entscheiden und wir einen Versorgungsmangel haben. Und dieser wiederum wird von der Politik als Argument genutzt, die Kliniken noch weiter für die ambulante Versorgung zu öffnen – es herrsche ja schließlich Versorgungsmangel. Was für die Onkologen zutrifft, gilt für eine ganze Reihe von Fachgruppen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass ein großer Teil der Fachärzte über eine bestimmte technische Ausstattung verfügen muss, denn die gehört gewissermaßen zum Wesen einer Facharztpraxis. Dafür sind Investitionen nötig, die es nur geben kann, wenn die Praxis entsprechenden Gewinn abwirft. Wenn wir uns ansehen, welche Berechnungen der GKV-Spitzenverband mit seinem Prognos-Gutachten zur Ausschöpfung der Wirtschaftlichkeitsreserven durch eine Anpassung des Orientierungswertes vorlegt, dann führt das geradewegs in einen Abbau genau jener Überschüsse, die für die Investitionen in die Praxistechnik so dringend notwendig sind. Das Zentralinstitut hat bei Prof. Schreyögg vom Sachverständigenrat ein eigenes Gutachten in Auftrag gegeben, das zu dem Ergebnis kommt, dass eine sachgerechte Berücksichtigung der Produktivitätsgewinne im Orientierungswert unmöglich ist. Vielmehr müsste dazu der EBM regelhaft angepasst werden, denn Effizienzunterschiede ergeben sich spezifisch nach Fachgruppen und Leistungsschwerpunkten. Zudem müssen nicht beeinflussbare standortspezifische Rahmenbedingungen Berücksichtigung finden.

Doch damit nicht genug: All die beschriebenen Aspekte würden langfristig betrachtet dazu führen, dass die komplementäre Verkopplung von Haus- und Fachärzten aufgehoben werden könnte.

Wie würde das ablaufen?

Wenn sich die Entwicklung, wie ich sie bei den Onkologen beschrieben habe, verstetigt und immer mehr fachärztliche Leistungen von den Kliniken aufgesogen werden, wird die fachärztliche Versorgungslandschaft ausgedünnt. Eine Niederlassung rechnet sich schlichtweg nicht mehr.
Doch das wäre perspektivisch nicht nur ein fachärztliches Problem. Auch für die Hausärzte würde sich die Lage zuspitzen, denn in einem solchen Szenario blieben sie mehr oder weniger allein für die flächendeckende Versorgung zuständig. Ihnen fehlten die fachärztlichen Kollegen für kooperative Diagnose- und Therapieentscheidungen und die komplementäre Behandlung. Für Patienten wäre es das Ende der wohnortnahen haus- und fachärztlichen Versorgung in der bisher gewohnten und geschätzten hohen Qualität. Das dürfen wir nicht zulassen, denn damit befänden wir uns in einer direkten Spirale hin zur Substitution. Wenn das Arbeitsvolumen durch die Hausärzte immer weniger bewältigt werden kann, steigt der politische Druck zu einer Substitution gewisser hausärztlicher Leistungen. Ein Mosaikstein in diesem Szenario ist die geplante Reform der Pflegeausbildung, die durchaus auch auf die Karte Akademisierung setzt. Hier wachsen uns also ärztliche Assistenzberufe heran, die gerne die Lücke füllen würden, die bei den zunehmend überlasteten Hausärzten entstünde.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in diesen Teufelskreis dürfen wir uns nicht begeben – wir müssen daraus ausbrechen! Es sind wieder nur kleine Stellschrauben, aber die können schneller angezogen werden, als wir es gewahr werden. Deswegen müssen wir weiter für den fairen Wettbewerb streiten.

Ich betone noch einmal: Wir begrüßen und fördern Projekte der sektorenübergreifenden Versorgung. Bei all dem muss aber weiterhin der Grundsatz „ambulant vor stationär“ gelten! Dieser Grundsatz ist nicht nur kostengünstiger für das Solidarsystem und risikoärmer für den Patienten, er ist auch Ausdruck der ganz eigenen Arzt-Patienten-Beziehung, die das ambulante Versorgungssystem auszeichnet.

Wir werden hierzu die Antworten liefern und – da bin ich mir seit dem vergangenen Wochenende sicher – auch Lösungen anbieten.

Aber:
Wir werden auch die Punkte aufzeigen, die der Gesetzgeber dazu berücksichtigen und wo nachgesteuert werden muss.

Wir werden Fehlentwicklungen benennen, die dazu führen, dass Ressourcen verschwendet werden und die Körperschaften an der Umsetzung ihres Auftrages behindert werden. Hierzu gehört die Fehlinanspruchnahme medizinischer Leistungen – ein prägnantes und besonders dramatisches Beispiel. Wenn etwa die Krankenhäuser über Pseudo-Notfälle massenhaft Gelder aus der ambulanten Versorgung abgreifen, dann muss das KV-System selbstverständlich aufzeigen und sagen: So geht es nicht. Die Antwort des BMG auf die kleine Anfrage der Linken zur Notfallversorgung in Berlin hat dafür eine klare Sprache gefunden. Etwas zugespitzt formuliert und auf die „unechten“ Notfälle bezogen: Es ist schlichtweg nicht die Aufgabe der Kliniken, zu den normalen Praxisöffnungszeiten ambulante Patienten zu behandeln. Und wenn sie es doch tun, dann werden sie dafür eben nicht bezahlt!

Aber klar ist auch, dass wir eine sachgerechte Lösung finden müssen, wenn es bei der übermäßigen Nutzung der Krankenhausambulanzen zu Problemen kommt. Hier suchen wir weiter den konstruktiven Dialog mit den Kliniken – denn sturer Streit verbessert die Versorgung der Patienten am Ende nicht. Einige Regional-KVen haben bereits sinnvolle Modelle entwickelt. Vernünftigerweise sollten wir diese Behandlungen im Krankenhaus über die Neufassung der Bedarfsplanung mit berücksichtigen. Denn eines dürfen wir nicht aus den Augen verlieren: Die Ärzte im Krankenhaus sind unsere Kollegen und Partner.

Bei der Steuerung der Inanspruchnahme ärztlicher Leistung durch die Patienten sollte es schließlich nicht nur darum gehen, unnötige Krankenhausaufenthalte, ausufernde Mehrfachdiagnostik oder Ärztehopping zu vermeiden. Es sollte vielmehr darum gehen, die Patienten darin zu unterstützen, sich in einer komplexer werdenden Gesundheitsversorgung zurechtzufinden. Die Versicherten sind heute einer immer stärkeren und aggressiveren Werbung ausgesetzt, die es schon fast anachronistisch erscheinen lässt, wenn jemand keine Fitness-App an seinem Handgelenk nutzt oder seine Gesundheitsdaten nicht per Internet an die Krankenkassen oder an Gesundheitskonzerne übermittelt.

Für die Industrie ist der Patient lediglich Kunde – und zwar ein lukrativer. Dabei kann dieser kaum unterscheiden, welche Angebote wirklich seriös sind. Genau hier sollten wir den wesentlichen Unterschied zur vertragsärztlichen Versorgung deutlich machen: Bei uns ist und bleibt der Patient in erster Linie: ein Patient. Und jeder Patient ist verschieden und braucht eine ganz eigene, auf ihn zugeschnittene Ansprache.

Die Steuerung der Inanspruchnahme medizinischer Leistung ist im eigentlichen Sinne eine zentrale Koordinationsleistung durch die Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten, die vom Patienten her gedacht werden muss. Es geht darum, den Patienten zu befähigen, so gut wie möglich eigene Wege einzuschlagen und ihm dabei mit ärztlichem Rat zur Seite zu stehen.

Eine solche Steuerung wäre dann das Gegenteil dessen, was Großkonzerne derzeit in den Vereinigten Staaten entwickeln. Der Versicherungs- und Krankenhauskonzern Kaiser Permanente beispielsweise bietet für seine Versicherten derzeit ein gigantisches Modell einer Art integrierten Versorgung von der Arztpraxis über die Klinik bis hin zum Pflegeheim. Der Leitgedanke dabei ist ganz klar die ökonomische Effizienz. Dass die Versorgung von Patienten mehr ist als das, wissen wir alle.

Wir als KV-System geben gerade nicht dem bloßen Wirtschaftlichkeitsdruck nach. Das ist das große Plus der Körperschaft. Die KV muss an den Versicherten kein Geld verdienen, bei uns gibt es keinen shareholder value. Die Ausübung eines freien Berufes bedeutet, wenigstens in Teilen unabhängig zu sein von rein ökonomischen Erwägungen. Im Arzt-Patienten-Verhältnis entscheiden wir gemeinsam, welchen Weg der Versorgung wir am sinnvollsten einschlagen sollten. Es nützt die modernste Kommunikationstechnik nichts, wenn so manch älterer Patient damit einfach nicht umgehen kann. Worauf es ankommt, ist eben doch die Eins-zu-Eins-Situation in den Praxen.

Dieser direkte Kontakt unterscheidet sich auch von der Versorgungssituation im Krankenhaus. Wie ich vorhin schon am Beispiel der hämatologisch-onkologischen Versorgung gezeigt habe, spielen Wirtschaftlichkeitsüberlegungen im Klinikalltag eine immer größere Rolle. Die zunehmende Zahl ambulant-sensitiver Krankenhausfälle zeigt, wie sich Krankenhäuser Patienten rekrutieren, die eigentlich in die ambulante Versorgung gehören.

Dies belastet nicht nur das Solidarsystem, sondern auch in einem zunehmenden Maße die Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus. Diese sind erst recht einem Wirtschaftlichkeitsdenken ausgesetzt, das ihnen ihre Arbeit immer mehr erschwert. Die jüngsten Umfragen des Marburger Bundes zur Arbeitszufriedenheit der Klinikärzte haben erschreckende Ergebnisse hervorgebracht. Klar ist, dass ein zu starkes Wirtschaftsdenken auf Kosten der Belegschaft und damit auch auf Kosten der Patienten geht. Deswegen sollte dieses Prinzip gerade nicht das Leitprinzip des Klinikbetriebs sein. Die Politik muss sich dazu durchringen, wirtschaftlich gesunde Kliniken zu stärken und diejenigen Kliniken, die für die Versorgung nicht gebraucht werden, dann auch tatsächlich zu schließen. Denn wir als niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten sind auf starke Kliniken als Partner bei der Versorgung unserer Patienten angewiesen.

Nur starke Partner machen die gemeinsame Selbstverwaltung stark. Staatliche Eingriffe stören die Selbstverwaltung immer stärker. Ein Beispiel ist die im E-Health-Gesetz verankerte Sanktionsdrohung bei der Telematik. Die Einführung des leidigen Versichertenstammdatenmanagement ist so ein Fall. Einmal abgesehen davon, dass das VSDM über die elektronische Gesundheitskarte ganz und gar nicht zu den Aufgaben einer Arztpraxis gehört und dem KV-System mal eben so als Verwaltungsaufgabe übergestülpt werden soll. Es ist doch absurd, dass den Partnern der Selbstverwaltung unterschiedslos die Budgets gekürzt werden, weil die technische Infrastruktur noch nicht bereitsteht. Um es deutlich zu sagen, das KV System ist hier nicht der Blockierer. Neben der Funktionalität ist uns vor allem die Datensicherheit wichtig. Und auch das BSI sieht das so. Ergeben sich aus Sicherheitsanforderungen heraus zeitliche Verschiebungen für die Industrie, kann die Politik doch nicht ernsthaft die Körperschaften sanktionieren. Haushaltskürzungen in der angedachten Höhe würden alle betroffenen Institutionen nachhaltig behindern, das müssen wir an dieser Stelle immer wieder klar und deutlich sagen.

Wie wichtig die Sicherheitsaspekte in der digitalen Kommunikation sind, haben wir in den letzten Wochen mehrfach in den Zeitungen lesen können. Hackerangriffe, wie sie in einigen Kliniken vorgekommen sind, dürfen sich nicht wiederholen. Ich kann nur sagen: Wir als KV-System haben dafür eine tragfähige und funktionierende Lösung geschaffen – das KV-SafeNet! Darüber soll künftig der eArztbrief versendet werden, wozu wir heute eigentlich die Richtlinie dazu beschließen wollten. Das können wir aber nicht, weil es auf Seiten der Kassen noch Verzögerungen bedarf. Das KV-System aber – das möchte ich in diesem Zusammenhang betonen – hat geliefert, und zwar rechtzeitig!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in diesem Jahr werden in den KVen die neuen Vertreterversammlungen und Vorstände gewählt. Sicherlich wird es im Wahlkampf einige zugespitzte Debatten geben – das gehört dazu. Dennoch möchte ich an Sie alle appellieren: Diskutieren Sie inhaltlich! Das Bild, das die KVen und die KBV in der Öffentlichkeit abgeben, sollte von einem konstruktiven Diskurs geprägt sein. Auch das macht eine starke Selbstverwaltung aus.

Lassen Sie mich noch eine Bemerkung zur Kritik der Vertreter der Psychotherapeuten zur Honorarentwicklung sagen. Die KBV nimmt diese Kritik sehr ernst. Ich weiß, dass die Situation mehr als unbefriedigend ist und möchte darauf verweisen, dass wir in den Verhandlungen beständig darauf drängen, diese Problematik zu lösen. Wir haben im Beratenden Fachausschuss Psychotherapie in den vergangenen Wochen einen sehr konstruktiven Dialog geführt. Die Rückmeldungen zeigen mir, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind, und ich verspreche Ihnen, dass ich diesen Weg mit Ihnen zusammen konsequent fortsetzen werde.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
zum Schluss möchte ich noch einmal auf das Bild vom großen Dampfer KV-System zurückkommen. Wir haben ein wichtiges Jahr vor uns und die Fahrrinne ist schmal. Der Zielhafen muss unsere Positionierung zur Bundestagswahl 2017 sein. Beim Wahlkampf wird unsere Stimme nur dann gehört, wenn wir klare Vorschläge unterbreiten und geschlossen auftreten. Dass wir das können, haben wir bewiesen. Ein Dampfer fährt nicht von alleine. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass unsere Einfahrt in den Hafen gelingt.

Vielen Dank

(Es gilt das gesprochene Wort)