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Stand 23.05.2016

Reden

Rede des KBV-Vorstandes Dipl.-Med. Regina Feldmann

Bericht an die Vertreterversammlung am 23. Mai 2016

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

in den vergangenen Monaten haben wir intensiv daran gearbeitet, die Vorgaben aus dem Versorgungsstärkungsgesetz und aus dem E-Health-Gesetz umzusetzen. Dazu gehört auch die Förderung der Weiterbildung im ambulanten Bereich. Hierfür sind die Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband und der DKG gerade erst in der vergangenen Woche zum Abschluss gebracht worden.

Die Vereinbarung tritt ab 1. Juli 2016 in Kraft und schreibt fest, dass künftig 7.500 Förderstellen in der Weiterbildung Allgemeinmedizin und 1.000 Förderstellen in anderen fachärztlichen Bereichen bundesweit angeboten und mit einer Vergütung versehen werden müssen, die im Krankenhaus üblich ist.

Die Bedingungen für eine Weiterbildung im niedergelassenen Bereich sind damit deutlich besser geworden. Der monatliche Gehaltszuschuss beläuft sich zukünftig auf 4.800 Euro und wird entsprechend der tarifvertraglichen Entwicklung angepasst. Außerdem wird es in unterversorgten Gebieten Zuschüsse in Höhe von monatlich 500 Euro geben, in von Unterversorgung bedrohten Gebieten in Höhe von 250 Euro monatlich.

Mit dieser Vereinbarung ist ein gutes Instrument geschaffen worden, um die ambulante Weiterbildung in der Allgemeinmedizin deutlich attraktiver zu machen. Im Jahr 2014 wurden knapp 5.000 Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gefördert – die Zahl muss sich künftig deutlich erhöhen. Wenn davon gesprochen wird, die flächendeckende Versorgung insbesondere im ländlichen Raum und die freie Arztwahl zu sichern, dann muss noch viel getan werden.

Die Vereinbarung regelt auch die Förderung von 1.000 ambulanten Weiterbildungsstellen anderer grundversorgenden Facharztgruppen. Sie überlässt dabei den regionalen Vertragspartnern viel Spielraum. So können die KVen und die Kassen vor Ort entsprechend der Versorgungslage entscheiden, welche Fachgruppen genau gefördert werden.

Die Bundesvorgabe legt derzeit lediglich fest, dass es sich um Fachgruppen handeln muss, denen in der regionalen Weiterbildungsordnung eine optionale ambulante Weiterbildungszeit von mindestens 24 Monaten ermöglicht wird. Zusätzlich soll es sich um eine Fachgruppe handeln, für die lokale Versorgungsprobleme existieren oder erwartet werden. Die Förderdauer muss mindestens 12 Monate betragen.

Die KVen und die Landesverbände der Krankenkassen haben nun bis zum 1. Oktober Zeit, sich über die zu fördernden Fachgruppen zu einigen. Gelingt ihnen das nicht, gelten die im Gesetz bereits genannten Facharztgruppen Kinder- und Jugendmedizin, Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Augenheilkunde.
Ein zweiter Teil der Vereinbarung betrifft die Förderung der Kompetenzzentren und Koordinierungsstellen, für die fünf Prozent der jährlichen Fördersumme aller Weiterbildungsbereiche zur Verfügung gestellt werden kann.

Auf konkrete Bestimmungen werden sich KBV, DKG und GKV-Spitzenverband bis zum 1. Januar 2017 zu einigen haben. Die Kompetenzzentren werden die Aufgabe übernehmen die Weiterbildung zur koordinieren und ein sogenanntes Mutterhaus für die Weiterbildungsassistenten zu schaffen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, all diese Bemühungen um mehr Weiterbildung im ambulanten Bereich werden nur fruchten, wenn es uns auch gelingt, mehr Medizinstudierende mit der Tätigkeit im ambulanten Bereich in Kontakt zu bringen. Schwerpunkt ist hierbei das Studium und das Kennenlernen der medizinischen Tätigkeit.

Der Masterplan Medizinstudium 2020 will genau das erreichen. Noch laufen die Debatten, doch der Plan soll noch in diesem Jahr von der Bundesregierung verabschiedet werden. Die KBV hat sich dazu eindeutig positioniert und schlägt eine bessere Auswahl der Medizinstudierenden und eine größere Praxisnähe des Studiums vor. Ich halte auch einen verpflichtenden Teil Allgemeinmedizin während des Praktischen Jahres für unverzichtbar. Damit wären wir auf dem richtigen Weg, um die hausärztliche Versorgung zukunftssicher zu machen.

Leider erkennen die Universitäten nicht, dass die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung nicht mit der Öffnung der Hochschulambulanzen zu erreichen ist. Die flächendeckende ambulante medizinische Versorgung und hier insbesondere die hausärztliche Versorgung müssen vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung gesichert werden, wenn das Gesundheitssystem finanzierbar bleiben soll.
Wir können es uns nicht leisten, bei diesem Thema nicht voranzukommen.

Wenn sich die Medizinstudenten bei konkreter Frage nach dem Wunschweiterbildungsfach heute zu 90 Prozent für eine künftige Spezialistenlaufbahn interessieren und lediglich zu 10 Prozent für eine spätere Tätigkeit als Allgemeinmediziner, dann müssen wir nach den Ursachen suchen und versuchen, diesen Trend umzukehren.

Ich möchte hier nochmal an alle Verantwortlichen in Politik und Wissenschaft appellieren, diese Aufgabe sehr ernst zu nehmen!

Die Medizinstudierenden bleiben bei ihrer ablehnenden Haltung – für sie ist die Freiheit der Wahl das entscheidende. Ich bin weiter der festen Überzeugung: Wer die konkrete Tätigkeit und Vielfalt einer Hausarztpraxis nicht kennt, der hat auch keine Wahl, sich für oder gegen eine spätere Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu entscheiden.

Wer die Hausarztpraxis in seinem PJ kennengelernt hat und danach weiterhin eine Spezialistenlaufbahn einschlagen möchte, hat aber einen guten Einblick in die hausärztliche Tätigkeit bekommen und weiß, wie Patienten hausärztlich betreut werden.

Ich sage das als überzeugte Hausärztin, die immer wieder erlebt hat, wie sehr die Tätigkeit des Hausarztes unterschätzt wird. Ich sage das aber auch als KBV-Vorstand. Denn wir als KBV haben gemeinsam mit den KVen dafür zu sorgen, dass die flächendeckende ambulante Versorgung auch zukünftig funktioniert. Wie wir aus den neuesten Rückmeldungen der KVen zur Bedarfsplanung wissen, haben wir in etwa der Hälfte der Mittelbereiche Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte.

Dieser Wert hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht geändert. Wir haben allerdings mittlerweile Planungsbereiche, in denen Unterversorgung ausgewiesen ist! Andere sind von Unterversorgung bedroht. Zählten wir im Jahr 2009 noch fast 53.000 Hausärzte, waren es 2015 schon nur noch rund 51.800. Somit ist dann auch das hohe Gut der freien Arztwahl gefährdet.

Meine Damen und Herren, auch das sind Zeichen dafür, dass der demografische Wandel längst im vollen Gange ist und wir den Ärztemangel immer deutlicher zu spüren bekommen. Deswegen sollten wir konsequent alle Möglichkeiten nutzen. Dazu gehört, die angestellten Ärzte besser zu berücksichtigen. Von den heute 144.769 an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzten arbeiten mehr als 26.000 als Angestellte.

Umfragen unter angestellten Ärzten zeigen uns, dass viele von ihnen sehr wohl daran denken, später eine eigene Praxis zu übernehmen oder in eine Gemeinschaftspraxis einzutreten. Was spricht also dagegen, dass KVen Eigeneinrichtungen betreiben und dafür jene Ärzte anzustellen, die ihre Zukunft nicht sofort im Betrieb einer unternehmerisch-selbständigen Praxis sehen?

Praxen in KV-Eigenbetrieb könnten so wie eine Praxis-Fahrschule wirken und einen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der flächendeckenden ambulanten Versorgung leisten. Und die jungen Kolleginnen und Kollegen können die Erfahrung machen, dass sich eine eigene Praxis doch lohnen kann.

Ich weiß, dass diese Ideen nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Dennoch sollten sie nicht reflexartig beiseite gewischt werden.

Gleichzeitig halte ich im Übrigen den Abgesang auf die Einzelpraxen für einen Mythos. Sicher, wir beobachten einen eindeutigen Trend hin zu mehr kooperativen Strukturen. Im Jahr 2006 hatten wir im hausärztlichen Bereich noch 37.200 Einzelpraxen, im Jahr 2015 waren es nur noch 30.500. Bei den Gemeinschaftspraxen und Medizinischen Versorgungszentren verzeichnen wir dagegen Zuwächse. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Einzelpraxis tot ist!

Ich bin mir sehr sicher, dass auch die Einzelpraxis in den neuen Kooperationsstrukturen erhalten bleibt, die für viele äußerst attraktiv sind. Außerdem ist die Versorgungswirklichkeit vor Ort nicht immer so, wie sie auf dem Papier gerne beschrieben wird.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang einige Bemerkungen zur allgemeinen ambulanten Palliativversorgung (AAPV) machen. Der Gesetzgeber hat mit dem Hospiz- und Palliativgesetz beschlossen, diese weiter auszubauen und zu stärken. Wir begrüßen dies ausdrücklich. Mir ist dabei besonders wichtig, dass hierfür die Anforderungen an die hausärztlichen Kompetenzen nicht durch Curricula und theoretische Informationsvermittlung unsinnig überhöht werden.

Ein Hausarzt begleitet seine Patienten und deren Familien über Jahre und häufig sogar Jahrzehnte. Es gehört selbstverständlich zu seinen ureigenen Aufgaben und Kompetenzen, den Patienten auch in der letzten Phase seines Lebens zu begleiten. Das Wissen um ambulante Palliativversorgung wird sozusagen im Laufe eines Berufslebens erworben und durch Weiterbildungen, z.B. Weiterbildungsmodule zur geriatrischen Versorgung, ergänzt.

Auch Kenntnisse in der Schmerztherapie können modular aktualisiert werden. Ganz abgesehen von den Kenntnissen, die ein Allgemeinmediziner in seiner fünfjährigen Weiterbildung oder durch seine langjährige Praxistätigkeit erwirbt. Wenn die Krankenkassen nun fordern, dass ein Hausarzt für die AAPV Stundenkontingente an Fortbildung vorweisen können muss, die fast für den Erwerb der Zusatzweiterbildung Palliativmedizin reichen, dann ist das eindeutig kontraproduktiv, wird nicht zur Flächendeckung beitragen und nutzt erst recht nicht den betroffenen Patienten.

Noch dazu, dass für 5 % bis 10 % aller Palliativpatienten die spezialisierte ambulante Palliativmedizin bereits zur Verfügung steht. Wir hoffen deshalb, dass sich mit den Krankenkassen zeitnah eine Einigung finden lässt, die es engagierten und kompetenten Ärzten ermöglicht, ihren Patienten eine flächendeckende hochwertige allgemeine ambulante Palliativversorgung auf der neuen gesetzlichen Grundlage anzubieten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das E-Health-Gesetz schreibt vor, dass ab 1. Oktober 2016 jeder Versicherte, der mindestens drei verordnete Medikamente gleichzeitig anwendet, auf Verlangen einen Medikationsplan ausgehändigt bekommt, der alle relevanten Arzneimittel und ihre Dosierungen verzeichnet.

Die KBV hat gemeinsam mit dem Deutschen Apothekerverband und der Bundesärztekammer die dafür notwendige Rahmenvereinbarung pünktlich vorgelegt. Wir haben den Inhalt und die Struktur des Medikationsplans und auch die Vorgaben zur Aktualisierung festgelegt. Für die Patienten bedeutet der Medikationsplan mehr Sicherheit, denn er enthält alle wichtigen Informationen zur Art und Anwendung der Medikamente, die der Patient anwendet.

Zunächst wird der Medikationsplan in Papierform erstellt, soll aber ab 2018 in elektronischer Form auf der Gesundheitskarte gespeichert werden. Bis zum 30. Juni 2016 haben wir nun Zeit, gemeinsam mit dem GKV-Spitzenverband die Regelung im Bundesmantelvertrag sowie für die ärztliche Vergütung zu verhandeln.

Der Medikationsplan ist nur ein erster Schritt zu einem umfassenden PVS-gestützten Medikationsmanagement und damit zu einer verbesserten Arzneimitteltherapiesicherheit. Die Einführung eines elektronisch gestützten Interaktionsmanagements zur Optimierung der Arzneimitteltherapiesicherheit über die Praxisverwaltungsprogramme muss gesetzlich geregelt werden. Diese Kosten dürfen nicht alleine dem Arzt aufgebürdet werden.

Hierzu werden wir auch Regelungen finden müssen, wie solche Software-Module in geeigneter Weise weiterentwickelt und refinanziert werden können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich höre immer wieder den Vorwurf, dass sich die ärztliche Selbstverwaltung zu viel mit ihren eigenen Problemen beschäftige und kaum noch Zeit für die Sacharbeit finde. Dem kann ich nur energisch widersprechen. Die KBV mit einem hochkompetenten Mitarbeiterstamm arbeitet konzentriert daran, die Vorgaben des Gesetzgebers so auszufüllen, dass für die Patienten und Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten die sinnvollsten Lösungen gefunden werden. Dazu habe ich Ihnen eben einige Beispiele gegeben.

Ergänzend dazu möchte ich auf die Unterstützung hinweisen, die die KBV für einige beantragte Vorhaben des Innovationsausschusses beim Gemeinsamen Bundesausschuss gibt. So begleiten wir ein Projekt, das sich mit der Versorgung von neurologischen und psychischen Erkrankungen befasst. Damit könnten Terminengpässe überwunden und Patienten und überweisenden Ärzten verlässliche Versorgungsangebote gemacht werden.

Ein anderes Projekt, das wir auf inhaltlicher Ebene mit unterstützen, hat eine qualitätsgesicherte Antibiotikaverordnung zum Ziel. Damit wollen wir einen Beitrag für einen rationalen Antibiotikaeinsatz und für die Vermeidung von zunehmender Resistenzentwicklung leisten.

Wir haben also viele gute Ideen, wie unser Gesundheitssystem zukunftssicher gemacht werden kann und schauen hierbei immer öfter über den Tellerrad hinaus. Themen wie die Verzahnung des ambulanten und stationären Bereichs unter Nutzung der hervorragenden ambulanten Ressourcen, Koordinierung der Versorgung und der Aufbau von klaren Versorgungsstrukturen stehen auf der Tagesordnung des KV-Systems. Ich bin sicher, dass dieses traditionsreiche System auch die großen Herausforderungen der Zukunft meistern und die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung erreichen wird.

Vielen Dank.

 

(Es gilt das gesprochene Wort.)