Logo-KBV

KBV Hauptnavigationen:

Sie befinden sich:

 
Stand 07.09.2016

Reden

Ambulante Notfallversorgung – können wir sie sicherstellen?

Rede von Dr. Andreas Gassen auf dem vdek-Zukunftsforum am 7. September 2016 in Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Beanspruchung der Notfallambulanzen durch Patienten, die dort eigentlich nicht hingehören, ist zu hoch. Ich denke, darin sind sich alle einig. Das Ganze hat eine nicht unerhebliche finanzielle Dimension, wie eine Studie des IGES-Instituts zeigt.

Nimmt man zu den genannten Fällen aus den Krankenhausambulanzen die sonstigen ambulant-sensitiven Krankenhausfälle hinzu, ergeben sich pro Jahr fast fünf Milliarden Euro, die fehlalloziert sind. Dieses Geld kann sinnvoller ausgegeben werden.

Wir müssen uns deshalb die Ursachen für diese Entwicklung genau ansehen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Und ich betone: gemeinsam. Denn eine funktionierende Notfallversorgung im Krankenhaus ist nicht nur im Interesse aller beteiligten Akteure, sondern auch ihrer aller Aufgabe. Lassen Sie uns deshalb bei allem Fehlerlesen innovativ in die Zukunft denken!

Wir Vertragsärzte haben das in diesem Jahr intensiv getan und uns in mehreren Klausurtagen der KBV-Vertreterversammlung mit neuen Wegen der Versorgung beschäftigt – unter den Prämissen, unser hervorragendes Gesundheitssystem zu erhalten und zu verbessern, und dem im SGB V festgeschriebenen Grundsatz „ambulant vor stationär“ treu zu bleiben.

Unser Ergebnis ist das Positionspapier KBV 2020, das die Vertreterversammlung im Mai einstimmig verabschiedet hat. Wenn Sie dieses Papier genau lesen, werden Sie feststellen: Es ist vom Geist der Kooperation getragen.

Der betrifft unter anderem die Zusammenarbeit von Haus- und Facharzt, das Verhältnis von Arzt und nichtärztlichem Personal, das Zusammenspiel von Selektiv- und Kollektivvertrag – und nicht zuletzt: die Kooperation von KV und Krankenhaus.

Wie könnte so eine neue Kooperation von KV und Krankenhaus speziell bei der ambulanten Versorgung von Notfallpatienten aussehen?

Es bräuchte Strukturen, die es ermöglichen, dass die Bereitschaftsdienstpraxen der Kassenärztlichen Vereinigungen enger mit den Klinikambulanzen zusammenarbeiten. Die Notfälle, die einer stationären Behandlung oder Diagnostik bedürfen, werden in die Ambulanz geleitet, wo sich die Klinikkollegen um sie kümmern.

Die anderen, ambulanten Patienten versorgen die Vertragsärzte. Wo genau solche Schlüsselstandorte eingerichtet würden, müssten die regionalen Experten entscheiden. Hier bräuchte es entsprechende Vereinbarungen von KVen und Kliniken. Dann dürfte es allerdings in diesen Regionen keine Doppelstrukturen der Notfallversorgung mehr geben.

Diese Erneuerung der Kooperation von Klinik und KV müsste aber noch weiter gehen. Es bräuchte eine echte Aufgaben- und Mengenplanung, wozu auch die gemeinsame Nutzung von Geräten, Personal und Räumlichkeiten gehören würde. Gerade in ländlichen Regionen wird es in Zukunft unerlässlich sein, so entstandene Synergien zu nutzen.

Profitieren werden davon nicht zuletzt auch die ärztlichen Kollegen in den Krankenhäusern, die bisher alle Patienten behandeln müssen, wenn sie einmal in der Notfallaufnahme aufgeschlagen sind – schon aus haftungsrechtlichen Gründen. Entsprechend ausgelaugt sind die Kollegen.

Mit einer Triage, wie wir sie vorschlagen, würden wir sie entlasten und sie könnten sich um die Patienten kümmern, die echte Notfälle sind. Das würde die Kosten deutlich senken und die Arbeit würde effektiver verteilt.

Allerdings müsste damit ein Umdenken auch bei den Verwaltungen so mancher Krankenhäuser einhergehen. Wenn Notaufnahmen als Akquise-Instrument angesehen werden, um mit Patienten, die eigentlich nicht ins Krankenhaus gehören, leere Betten zu füllen, dann ist das kontraproduktiv.
Selbstkritisch füge ich hinzu: Auch bei den KVen müsste es ein Umdenken geben.

In einem Model, wie ich es Ihnen skizziere, trügen die KVen weit aus mehr Verantwortung als bisher. Eine engere Zusammenarbeit der Bereitschaftspraxen an Krankenhäusern hieße eben sicherzustellen, dass Vertragsärzte auch wirklich immer verfügbar sind.

Nicht zuletzt sollten auch die Landesregierungen umdenken und ihren Blick auf die gesamte Gesundheitsversorgung im Notfall- und Bereitschaftsdienst lenken. Es können dann die Krankenhäuser nicht mehr nur im Rahmen eines Krankenhausbedarfsplans beurteilt werden, sondern immer auch im Einbezug der KVen und der Bereitschaftsdienstpraxen.

Gleichzeitig müssen die Länder endlich ihrer Finanzierungsverpflichtung nachkommen und die nötigen Mittel bereitstellen, damit der riesige Investitionsstau im Krankenhausbereich behoben wird.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die KVen und die KBV haben mit dem Positionspapier bewiesen, dass sie zur einer echten Neuausrichtung in der Gesundheitsversorgung und damit auch in der Notfallversorgung bereit sind. Unser Vorschlag liegt auf dem Tisch – und wir freuen uns auf eine konstruktive Debatte.

Was das KV-System bei der ambulanten Notfallversorgung heute schon tun kann, liegt auch auf der Hand: Der etablierte vertragsärztliche Bereitschaftsdienst muss weiter gestärkt werden. Wir haben dafür vor vier Jahren die kostenlose bundesweite Bereitschaftsdienstnummer 116 117 eingerichtet.

Sie ist mit 6 Millionen Anrufen im vergangenen Jahr ein schöner Erfolg, wir sehen aber auch, dass die Nummer in der Bevölkerung noch viel zu wenig bekannt ist.

Lassen Sie mich abschließend noch einmal betonen: Wir Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten stemmen mit einer knappen Milliarde Arzt-Patienten-Kontakte pro Jahr erfolgreich die flächendeckende, wohnortnahe und qualitätsgesicherte Versorgung der Bevölkerung.

Gleichzeitig ändern sich die demografischen Rahmenbedingungen. Wir steuern auf einen Ärztemangel zu, der die Kliniken mindestens ebenso sehr betreffen wird wie den Bereich der Niedergelassen. Außerdem wird die Medizin immer besser und damit immer teurer – und die Bevölkerung wird immer älter und damit auch behandlungsbedürftiger.

Bei begrenzten finanziellen Ressourcen erfordern diese Zukunftsaussichten ein Umdenken und das Verlassen gewohnter Pfade. Und damit eben auch: mehr Kooperation!

Vielen Dank


(Es gilt das gesprochene Wort.)

Mehr zum Thema