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Stand 13.12.2016

Aktuell

"Wir werden den Masterplan beschließen" - Katrin Albsteiger im Interview

Katrin Albsteiger, Bundestagsabgeordnete der CSU und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Bildung und Forschung, spricht im Interview mit der KBV über den Masterplan Medizinstudium, warum er er sich verzögert und was der jungen Generation heute und in Zukunft zuzumuten ist.

Der Masterplan Medizinstudium dümpelt derzeit halbfertig zwischen Bund, Ländern, Gesundheitsministerium, Gesundheitsministerkonferenz und Kultusministerkonferenz vor sich hin. Sind Sie zufrieden mit dem was bisher vorliegt?


Ja. Wir haben in diesem Prozess schon sehr viele Stationen durchlaufen, viele Gespräche geführt, mit allen Beteiligten gesprochen, die das Thema auch umsetzen müssen. Die wesentlichen Forderungen der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung im Bundestag sind aufgegriffen worden.

Ursprünglich sollte der Masterplan im April 2016 verabschiedet werden. Woran hakt es noch?
Diese Initiative ist eine komplizierte Sache: Als Bund können wir den Ländern nicht vor-schreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Deshalb ist der Masterplan Medizinstudium eine gemeinsame Sache. Es reden nicht nur zwei Bundesministerien mit, also Bildung und Gesundheit, sondern auch noch 16 Wissenschaftsminister auf Länderebene plus die Gesundheitsministerien der Länder. Es liegt nun ein fundiertes Papier auf dem Tisch, auf das sich die Bund-Länderkommission geeinigt hat. Allerdings gibt es noch Stellen, die verschiedene Varianten aufweisen, beispielsweise bei der Landarztquote, der Quartalisierung des PJ und bei der Frage, welche Inhalte der Allgemeinmedizin prüfungsrelevant werden. Ich kann nur sagen: Wir sind auf einem guten Weg.

Wird der Masterplan Medizinstudium in dieser Legislaturperiode noch beschlossen werden?


Ziel ist eine Einigung bis Ende des Jahres. Eine der wichtigsten Fragen ist noch nicht geklärt: die Finanzierung. Ich kann derzeit nicht sagen, ob der Finanzminister mitspielt, wenn Kosten auf den Bund zukämen. Auch auf die Länder kommt einiges hinzu. Fakt ist: Wir werden bis zum Ende der Legislaturperiode gemeinsam Punkte beschließen. Jedoch abschließen können wir das Thema nicht. Die Länder werden ihre Hochschulgesetze ändern müssen. Ebenso muss die Approbationsordnung angepasst werden, dafür wird eine Kommission zu bilden sein. Auch die Ergebnisse einer Evaluation sollen einfließen, doch die stehen noch aus.

Die Studenten sind mit den bisherigen Verhandlungen auch noch nicht zufrieden…


Natürlich können nicht alle Beteiligten 100 Prozent zufrieden sein, weil teilweise gegenläufige Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen. Das ist Teil des politischen Prozesses.

Sie gelten als Vertreterin der jungen Generation. Haben Sie für sie Partei ergriffen?


Ich würde behaupten ja. Mein Wahlkreis ist Neu-Ulm, die medizinische Universität ist gegen-über auf der anderen Seite der Donau. Das Thema ist mir sehr nah. Ich habe guten Kontakt, direkt zu Studenten und Absolventen. Mit dem jetzigen Kompromiss, im PJ statt eines Pflichtquartals „Allgemeinmedizin“ eine verpflichtende Station generell im ambulanten Bereich einzuführen, können beispielsweise die meisten leben.

Verstehen Sie die weiteren Kritikpunkte der Studierenden? Zum Beispiel an der Landarztquote? Gerade Sie sind doch eigentlich gegen Quoten…


Sie spielen auf meine Haltung gegenüber Frauenquoten an? (lacht) Tatsächlich kann man das nicht vergleichen. Es geht hier ja nicht um ein paar weibliche Namen in Vorstandsetagen oder eine gendergerechte Schreibart. Hier geht es darum, die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Ich würde auch nicht sagen, dass ich die größte Verfechterin der Landarztquote bin. Aber ehrlich gesagt habe ich bisher von niemandem eine bessere Idee gehört. Es gibt jetzt schon die Probleme der allgemeinmedizinischen Versorgung auf dem Land und sie werden nicht weniger werden – übrigens auch bei den grundversorgenden Fachärzten. Hier heute die richtigen Leute für morgen zielgerichtet danach auszusuchen, halte ich nicht für das schlechteste Instrument. Es geht ja auch nur um einen gewissen Prozentsatz an Studienplätzen, die mit der Auflage vergeben werden, dass man nach der Ausbildung eine gewisse Anzahl von Jahren in einem bestimmten Gebiet praktiziert. Das geht sicher nicht ohne Ausstiegsszenario und natürlich auch nicht per Dienstanweisung. Es muss ein gewisses Angebot von unterversorgten Gebieten geben, aus denen man auswählen kann. Aber noch ist die Landarztquote ja auch nicht beschlossen. Wir werden sehen, wie die Ausgestaltung letztlich aussieht.

Wird es künftig weniger Studienplätze geben, bei denen man sich zu nichts verpflichten muss? Oder werden diese Landarztstudienplätze zusätzlich geschaffen?


Der Bund kann dazu nicht verpflichten. Unser Papier formuliert, dass es „begrüßt“ wird, wenn die Länder zusätzliche Kapazitäten schaffen. Bayern beispielsweise wird die Anzahl der Studienplätze in den nächsten Jahren erhöhen. Ich kann nur empfehlen, darüber intensiv nach-zudenken. Denn die Erfahrung zeigt, dass sich Absolventen eher dort niederlassen, wo sie ausgebildet worden sind.

Sie sind Berichterstatterin zum Bologna-Prozess und setzen sich als Mitglied des Ausschusses Europäische Angelegenheiten im Bundestag für vergleichbare Studienabschlüsse ein – gilt das auch für die Medizin?
Auch wenn wir mit dem Masterplan an ein paar Stellen schrauben, ist grundsätzlich unsere medizinische Ausbildung in Deutschland hervorragend. Von diesem Qualitätsniveau wollen wir auch nicht lassen. Da bin ich als Bayerin besonders sensibel. Es gibt von deutscher Seite keine Intention, an der aktuellen Situation etwas zu ändern.

Apropos Qualität: Wie stehen Sie zum Thema Akademisierung der Pflegeberufe?


Ganz klar: Nicht generell und nicht ausschließlich. Ich glaube schon, dass wir Akademisierungsmöglichkeiten schaffen müssen, um auch Abiturienten wissenschafts- und forschungs-orientierte Entwicklungswege in der Pflege aufzuzeigen. Allerdings brauchen wir genauso die praxisorientierten Köpfe aus den Real- und Mittelschulen. Es ist völlig klar: Ohne gutes Pflegepersonal ist der beste Arzt nichts und umgekehrt.

Ist die Vereinheitlichung der Ausbildung in den Pflegeberufen Ihrer Meinung nach die richtige Antwort auf den Fachkräftemangel?


Nein. Es ist sicherlich sinnvoll, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Aber darüber hinaus bin ich für eine Spezialisierung. Eine Kinderkrankenschwester hat andere Anforderungen als eine Pflegekraft in der Geriatrie. Das Gesundheitsministerium ist hier noch anderer Auffassung, aber der Druck aus dem Parlament ist groß.

Stichwort Generationengerechtigkeit: Sie sind gegen ideologische „Vollversorgungsphantasien“. Müssen wir im Gesundheitswesen an der Versorgungsmentalität der Deutschen etwas ändern?
Die Anforderungen an unser Gesundheitssystem insgesamt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv geändert. Eine alternde Gesellschaft, damit verbundene neue Krankheitsbilder, neue Versorgungsprobleme, ja auch neue Forschungsthemen sind Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Hinzu kommt die geänderte Struktur der Ärzte – mehr weibliche Absolventen, der Wunsch nach Teilzeitregelungen und Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Wunsch nach Festanstellung. Klar ist, das System muss finanzierbar bleiben. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit neuen Technologien auch Einsparpotenzial generieren werden.

Sie sehen in der Digitalisierung einen Schlüssel für viele Probleme. Die Ärzte sind hier noch zurückhaltend. Wie finden Sie das?


Damit sind die Ärzte ja nicht allein. Ich denke, es wäre dramatisch, wenn wir die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht nur verschlafen, sondern auch nicht nutzen würden. Andere Länder tun das längst und machen gute Erfahrungen, Beispiel Estland oder die Niederlande, wo Patienten und Ärzte längst vernetzt sind. Ich kann mich einfach damit nicht anfreunden, dass es weiter geht wie bisher: Dass ich zum Arzt gehe, der seine Karteikarten in Papierform handschriftlich (in Klammer: es kann keiner lesen) in einer Schublade sammelt und weder er noch ich einen Überblick behalten. Was für Möglichkeiten wir uns mit diesem veralteten System auch für die Forschung nehmen! Insofern würde ich mir wünschen, dass wir mehr Mut haben in diesem Bereich. Natürlich immer mit Blick auf den Datenschutz. Auch das muss übrigens Teil des Masterplans Medizinstudium werden. Es braucht entsprechend Kurse und Dozenten, einen verpflichtenden Lernzielkatalog, der das Wissen und den richtigen Umgang mit der Digitalisierung vermittelt.

(Das Interview führte Sabine Grüneberg.)