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Stand 15.02.2017

Positionen

Positionspapier der KBV zum Arztinformationssystem und Erstattungsbetrag

Im Rahmen des Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes (AMVSG) ist geplant, die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung in die Arztinformationssysteme zu integrieren.


Sachverhalt:

Im Rahmen des Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes (AMVSG) ist geplant, die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung in die Arztinformationssysteme zu integrieren. Der Ansatz, Ärzte besser als bisher über die Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G‐BA) zur frühen Nutzenbewertung zu informieren, ist ausdrücklich zu begrüßen, solange damit wirklich eine bessere Information der Ärzte bezweckt und bewirkt wird.

Es ist jedoch unbedingt darauf zu achten, dass aus „Information“ nicht „faktische Verordnungsausschlüsse“ aufgrund von Hinweisen zur Wirtschaftlichkeit oder gar „kassengesteuerte Verordnungskontrolle“ mit einer nochmals erheblichen Verschärfung der Regressbedrohung der Ärzte und einer Einschränkung der Therapiefreiheit wird.

Probleme:

  1. Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung ersetzen Leitlinien für die ärztliche Versorgung nicht

    Die Bewertung des Zusatznutzens erfolgt in erster Linie, um einen angemessenen Preis des neuen Medikamentes festzulegen. Da sie lediglich auf einer oder mehreren klinischen Studien mit einer hochselektierten Studienpopulation basiert, die häufig im Versorgungsalltag so nicht anzutreffen ist, bildet sie anders als evidenzbasierte Therapieleitlinien die medizinisch‐therapeutische Realität nicht vollständig ab.

    Wie verhält sich ein Arzt, der zwei Präparate mit Zusatznutzen zur Auswahl hat, eines mit einem Beleg für einen geringen Zusatznutzen, ein anderes mit einem Anhaltspunkt für einen beträchtlichen Zusatznutzen? Wiegt hier das höhere qualitative Gewicht (Aussagesicherheit) das niedrigere quantitative Gewicht (Ausmaß des Zusatznutzens) auf?

    Darüber hinaus wird bei fast allen Medikamenten das Anwendungsgebiet in mehrere Subgruppen unterteilt. Wie verhält sich ein Arzt, wenn sein Patient nicht eindeutig in eine dieser Subgruppen fällt?

  2. Verschärfter Regressdruck der Ärzte durch kassengesteuerte Verordnungskontrolle

    Es ist nicht zielführend, wenn das Arztinformationssystem über die Information hinaus auch zur Verordnungssteuerung durch Regressbedrohung eingesetzt wird. Im Rahmen einer Rechtsverordnung soll geregelt werden, dass der G‐BA Hinweise zur Wirtschaftlichkeit in Bezug auf die neuen Arzneimittel gibt.

    Dies würde in der ärztlichen Praxis faktisch Verordnungsausschlüssen gleichkommen und zu einem verschärften Regressrisiko führen. Im Gespräch ist darüber hinaus, dass zukünftig die Ärzte bei ihrer Verordnung dokumentieren sollen, in welche Subgruppe und damit welche Zusatznutzenkategorie der Patient fällt.

    Das würde dann von den Krankenkassen kontrolliert und ggf. regressiert werden ‐ auf jeden Fall jedoch vom Arzt ausführlich gegenüber der Kasse zu rechtfertigen sein. Dies ist aus ärztlicher Sicht weder sachgerecht noch zumutbar. Der Regressdruck der Ärzte würde insgesamt massiv verschärft werden. 

  3. Zusätzliche Kosten für Ärzte durch Anpassung der Praxisverwaltungssysteme

    Eine weitere Sorge der Vertragsärzteschaft betrifft die Zusatzkosten für die Anpassung der Praxisverwaltungssysteme, die von den Softwareanbietern voraussichtlich bei Einführung des Arztinformationssystems erhoben werden.

    Wie die Erfahrungen bei der Einführung des bundeseinheitlichen Medikationsplans zeigen, fallen aufgrund gesetzlicher Neuregelungen mit Auswirkungen auf die Verordnungssoftware für Ärzte zum Teil deutliche Mehrkosten an.

Lösungen:

Das angestrebte Ziel des Gesetzes, die Ärzte besser über innovative Medikamente zu informieren, damit diese zielgerichtet, aber auch frühzeitig bei den Patienten ankommen, wird mit dem vorliegenden Gesetzentwurf und der beabsichtigten Rechtsverordnung nicht erreicht. Folgende Punkte sollten klargestellt bzw. ergänzt werden:

  • Die Informationen aus der frühen Nutzenbewertung stellen eine Momentaufnahme der vorliegenden Evidenz dar, sind jedoch keine Ersatzleitlinien. Sie können daher nur als zusätzliche Informationen für die Ärzte dienen. Als Basis für Prüfanträge sind sie nicht geeignet.

    Ärzte sollten daher über ihr Praxisverwaltungssystem wirkstoffbezogen insbesondere zum Anwendungsgebiet und Ergebnis der Zusatznutzenbewertung gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie sowie zu den Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Anwendung informiert werden.
  • Eine zusätzliche Dokumentationspflicht der Kodierungen auf den Verordnungen als Basis erweiterter Regressprüfungen muss ausgeschlossen sein.
  • Für anfallende Mehrkosten, die den Vertragsärzten durch die Anpassung und Aktualisierung der Praxisverwaltungssysteme ggf. entstehen, ist eine Finanzierungsregelung analog der Regelung zur Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung im Rahmen der Telematikinfrastruktur zu treffen.

    Alternativ hierzu wären zur Stärkung des Wettbewerbs die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Schnittstellen, die einem Vertragsarzt den Wechsel seines Praxisverwaltungssystems ermöglichen, zu schaffen. Darüber hinaus sollte der KBV die bislang nicht zulässige Entwicklung von Praxisverwaltungssoftware ermöglicht werden.
  • Es bedarf einer gesetzlichen Regelung, die Klarheit darüber herstellt, dass der vereinbarte Erstattungsbetrag die wirtschaftliche Verordnung eines neuen Arzneimittels im gesamten Anwendungsgebiet ermöglicht.