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Bürgerversicherung: gerecht oder hochriskant?



Bürgerversicherung: Klingt gut, oder?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Das Beste an der Bürgerversicherung ist sicherlich der Name, der sehr griffig erscheint. Ansonsten wundert man sich eigentlich, dass die Bürgerversicherung als Thema im Gesundheitswesen immer wieder reaktiviert wird, weil die Bürgerversicherung keines der Probleme lösen kann, die uns in absehbarer Zeit im Bereich der Gesundheitsversorgung begegnen. Auch die aus meiner Sicht völlig abstrakte Gerechtigkeitsdiskussion ist ja nicht durchzuhalten. Insofern fragt man sich, was das soll – ob es mit mangelnder Sachkenntnis zu tun hat oder ob mehr Ideologie im Vordergrund steht –, das bewährte duale System an der Stelle aufzubrechen. Wir haben Herausforderungen in den nächsten Jahren, die es zu meistern gilt: Das ist demographischer Wandel, das ist die bessere Vernetzung von Ambulant/Stationär, das sind Themen wie Notfall. Und noch zu keinem dieser Themen gibt die Bürgerversicherung in irgendeiner Form eine Antwort. Wir haben ein funktionierendes System seit vielen Jahrzehnten mit einer extrem hohen Zufriedenheit der Versicherten, insofern gibt es überhaupt keinen Grund, einen hochriskanten Systemwechsel herbeizuführen, der wahrscheinlich ohnehin verfassungsrechtlich bedenklich wäre, und, wie ich bereits ausführte, kein einziges Problem löst. Die Probleme der gesetzlichen Krankenversicherung bestehen nicht darin, dass es einen kleinen Teil der Bundesbürger gibt, die privat versichert sind – es sind ja rund zehn Prozent nur –, sondern liegt darin, dass eben in weiten Teilen der Republik immer noch Leistungen nicht bezahlt werden. Das heißt, dass die Kolleginnen und Kollegen für die erbrachten medizinischen Leistungen eine budgetierte, gekürzte Vergütung erhalten. Und das ist das Kernproblem, dessen sich die GKV annehmen muss, und das ist nicht mit einer Verschmelzung der Versicherungssysteme zu lösen."


Bürgerversicherung einführen + PKV abschaffen = mehr Gerechtigkeit?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Diese Gerechtigkeitsdiskussion und diese leidige Termindiskussion… Wir haben ja nun Terminservicestellen seit über einem Jahr und die haben relativ eindrucksvoll gezeigt, dass es ein echtes Terminproblem nicht gibt. Das ist auch leicht nachvollziehbar. Jeder, der die vier Grundrechenarten beherrscht, wird sich denken können, dass es für knapp zehn Prozent der Bevölkerung kaum möglich ist, sämtliche Termine zu blockieren und damit die 90 Prozent, die gesetzlich versichert sind, am zeitnahen Arztbesuch zu hindern. Zumal wir auch noch wissen, dass privat versicherte Patientinnen und Patienten seltener zum Arzt gehen, als gesetzlich versicherte. Insofern ist das barer Unsinn. Wir erleben, dass alle staatlich gelenkten Gesundheitssysteme – und ein solches wäre ja dann auch die Bürgerversicherung – eine deutlich niedrigere Patientenzufriedenheit haben, die Zugänge zu haus- und fachärztlicher Versorgung sind erheblich erschwert, wesentlich längere Wartezeiten; insofern muss man sagen, zeichnet dieses System in üblicher Weise eine relativ hohe Patientenunzufriedenheit aus und interessanter Weise haben alle diese Versicherungen einen besonders großen, stabilen zweiten Versicherungsmarkt, wo nämlich tatsächlich Selbstzahlermedizin geleistet wird. Insofern würde man mit einer Bürgerversicherung in der Denkweise der Protagonisten dieses Systems tatsächlich eine aus meiner Sicht Hardcore-Variante einer Zweiklassenmedizin kreieren und das kann sich ja wirklich niemand wünschen."


Also: Weiter so?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Im Grundsatz glaube ich wirklich, dass wir ein funktionierendes duales Versicherungssystem haben, was natürlich nicht gleichzeitig bedeutet, dass es nun keinen Verbesserungsbedarf gibt. Den gibt es sowohl im Bereich der privaten Krankenversicherung – ich denke nur an die Portabilität von Altersrückstellungen – und die gibt es natürlich auch im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherer, beispielsweise bei der Flexibilisierung von Tarifmodellen. Hier hat die KBV ja auch Vorschläge gemacht. Insofern glaube ich, sollte man in beiden Versicherungsbereichen durchaus auch an Veränderungen denken. Ob die sich dann sogar im einen oder anderen Bereich annähern, ist ja nicht auszuschließen. Aber das wäre dann wirklich eine Verbesserung im Sinne der Versicherten, die einfach mehr Wahlmöglichkeiten bekämen."


Was würde die Bürgerversicherung für die Praxen bedeuten?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: "Ja das hat zumindest eine der Parteien, die die Bürgerversicherung propagieren, nämlich die Linke, relativ deutlich gesagt: Es ist mit erheblichen Einkommensverlusten zu rechnen. Das ist ja auch das Einzige, was an der ganzen Geschichte Sinn macht: dass Sie über eine zentrale staatliche Steuerung des Gesundheitswesens den Zugang zur Leistung definieren können, das heißt, Sie können Versorgung nach Kassenlage machen, und sie haben quasi die freiberuflich tätigen Psychotherapeuten und Ärzte in ihren Praxen mittelbar zu Angestellten des Staates gemacht."

Vor allem vor Wahlen wird sie wieder Gesprächsthema: die Bürgerversicherung. Eine Krankenversicherung für alle. Also die gerechteste Lösung? Zweifel daran hat Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV. Warum er die Bürgerversicherung für den Einstieg in eine "Hardcore-Zweiklassenmedizin" hält, erläutert er im Interview.