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Blinatumomab

Handelsname: Blincyto®

Anwendungsgebiet:

  • Behandlung der Philadelphia-Chromosom negativen, rezidivierten oder refraktären B-Vorläufer akuten lymphatischen Leukämie*

Pharmazeutischer Unternehmer: Amgen

Beginn des Verfahrens: 15.06.2017

Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses: 07.12.2017

Inhalt des Beschlusses:

Zwecksmäßige Vergleichstherapie Ausmaß und Wahrscheinlichkeit des Zusatznutzens

Bewertung des Ausmaßes des Zusatznutzens auf Grundlage der Zulassungsstudien

Beträchtlicher Zusatznutzen

* Das zugelassene Anwendungsgebiet ist zusammenfassend dargestellt. Verbindlich sind die Angaben der Fachinformation.


Zusammenfassung:

Blinatumomab ist der erste zugelassene Vertreter aus der Wirkstoffgruppe der BiTE-Antikörper, einer neuen Form der Immuntherapie. Der Wirkstoff fungiert als eine Art Brücke zwischen den T-Zellen und dem Tumor. In die Tumorzelle eingeschleuste toxische Stoffe lösen den Zelltod (Apoptose) der Tumorzelle aus. Die B-Vorläufer-ALL ist die häufigste Form der akuten lymphatischen Leukämie (ALL). Der Verlauf der Krankheit ist rapide und die Sterblichkeit sehr hoch: Das mediane Gesamtüberleben nach Rezidiv beträgt nur ca. 3 bis 5 Monate. Das Behandlungsziel ist eine komplette Remission mit anschließender Stammzelltransplantation.

Blinatumomab wurde als Arzneimittel zur Behandlung eines seltenen Leidens (Orphan Drug) zugelassen. Der medizinische Zusatznutzen gilt deshalb bereits durch die Zulassung als belegt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte das Ausmaß des Zusatznutzens zunächst als nicht quantifizierbar bewertet (Beschluss vom 02.06.2016). Nachdem der pharmazeutische Unternehmer zwischenzeitlich die Ergebnisse einer vergleichenden Phase-III-Studie vorlegen konnte, kam es zu einer erneuten Nutzenbewertung.

Bei der Studie handelt es sich um die offene Phase-III-Studie TOWER, in der Blinatumomab mit einer Standard of Care (SOC)-Chemotherapie verglichen wurde. Dabei zeigte sich ein Vorteil beim Gesamtüberleben, das sich beinahe verdoppelte: Das mediane Überleben unter Blinatumomab betrug 7,7 Monate gegenüber 4,0 Monaten unter einer SOC-Chemotherapie. Die Endpunkte Lebensqualität und Morbidität wurden zwar erhoben, jedoch als nicht bewertbar eingeschätzt, da nur zu Baseline mehr als 70 % der Fragebögen vorlagen und zudem die Rücklaufquote im SOC-Arm erheblich niedriger war als unter Blinatumomab.

Die Daten zur Arzneimittelsicherheit wurden wegen großer Unterschiede in der Beobachtungsdauer (89,0 Patientenjahre unter Blinatumomab vs. 14,8 unter SOC) in zwei Operationalisierungen dargestellt. Bei den nicht für die Unterschiede in der Beobachtungsdauer adjustierten Raten mit einer Verzerrung zuungunsten von Blinatumomab zeigten sich Nachteile bei schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen (SUE) und Infusionsreaktionen sowie Vorteile bei Neutropenien und Zytopenien. In der nachgereichten zeitadjustierten Auswertung pro Patient mit einer möglichen Verzerrung zugunsten von Blinatumomab zeigten sich nun große Vorteile bei SUE, schweren unerwünschten Ereignissen sowie Therapieabbrüchen wegen unerwünschter Ereignisse. Aufgrund der Verzerrungen konnte der Effekt von Blinatumomab bei den Nebenwirkungen nicht quantifiziert werden, ein Nachteil ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Der G-BA kam zu dem Ergebnis, dass für Blinatumomab ein beträchtlicher Zusatznutzen vorliegt. Er begründete dies mit dem großen Überlebensvorteil ohne Nachteile bei der Arzneimittelsicherheit.

Hinweise für die Praxis

Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Anwendung:

Die Vorgaben der Fachinformation sind zu berücksichtigen. Die europäische Zulassungsbehörde European Medicines Agency (EMA) stellt die Inhalte der Fachinformation auf ihrer Internetseite zur Verfügung.

Die Einleitung und Überwachung der Behandlung mit Blinatumomab darf nur durch in der Therapie von Patienten mit ALL erfahrene Fachärzte für Innere Medizin und Hämatologie und Onkologie erfolgen.

Blinatumomab wurde unter „Besonderen Bedingungen“ zugelassen. Das bedeutet, dass weitere Nachweise für den Nutzen des Arzneimittels erwartet werden. Die EMA wird neue Informationen indestens jährlich bewerten und die Fachinformation, falls erforderlich, aktualisieren.

Gemäß der Vorgaben der EMA hinsichtlich zusätzlicher Maßnahmen zur Risikominimierung ist seitens des pharmazeutischen Unternehmers Schulungsmaterial für Ärzte, Apotheker, medizinisches Fachpersonal und Patienten/Pflegepersonen sowie eine Patientenerinnerungskarte zur Verfügung zu stellen. Das Schulungsmaterial enthält insbesondere Hinweise zur Verabreichung von Blinatumomab und zu neurologischen Ereignissen.