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aktualisiert am 13.03.2014

Veranstaltungen

KBV kontrovers: 100% Arzt - für 8 Stunden am Tag: Geht das?

12. März 2014, Berlin - Moderierte kontroverse Diskussion über die Vorstellungen und Wünsche verschiedener Mediziner-Generationen an ihren Beruf

Der medizinische Nachwuchs hat seine eigenen Vorstellungen, das wurde bei KBV kontrovers deutlich. „Mein Sohn studiert Medizin und ich erlebe es selbst, dass diese Generation andere Erwartungen an ihre berufliche Zukunft hat als es früher der Fall war“, sagte Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen in der Begrüßung zum Thema der Veranstaltung „100% Arzt - für 8 Stunden am Tag: Geht das?“ im Kaiserin-Friedrich-Haus in Berlin.

Einzelkämpfertum, Routine und ständige Überstunden auf Kosten des Privatlebens, das lehnten die Studierenden heute ab. Diese Einstellung sei jedoch nicht mit der klassischen ärztlichen Ausbildung und Tätigkeit, wie wir sie von früher kennen, vereinbar. Gassen übte scharfe Kritik an den Krankenkassen, die Ärzte- und Nachwuchsmangel noch immer kleinredeten und nicht wahrhaben wollten. „Es ist eben nicht so, dass ein heute fertig ausgebildeter Arzt einen, der in den Ruhestand geht, eins zu eins ersetzt. Wenn junge Ärzte auf die 40-Stunden-Woche pochen, dann ist klar, dass dies einen niedergelassenen Arzt, der heutzutage im Schnitt 53 Stunden arbeitet, nicht aufwiegt“, sagte er.

KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann zeigte Verständnis für das Bedürfnis der Studierenden, sich in ihrem Beruf und den Rahmenbedingungen wohlfühlen zu wollen. „Man darf nicht alle Forderungen der jungen Leute von der Hand weisen und einfach sagen, die wollen nicht arbeiten. Das stimmt nicht“, sagte sie bei der Podiumsdiskussion,

Feldmann forderte, die Studierenden müssten die ambulante Versorgung im Studium kennenlernen. „Studenten können es heute gar nicht einschätzen, welche Möglichkeiten es gibt, die Tätigkeit in der Niederlassung für sich zu gestalten.“ Es gebe mittlerweile auch für die Kassenärztlichen Vereinigungen und Kommunen viel mehr Flexibilität. In den nächsten Jahren werde sich in der Versorgung viel bewegen, zeigte sie sich überzeugt. Feldmann rief die Studierenden auf, die neuen Chancen jetzt auch zu nutzen.

Die PJlerin Friederike Jahn, die an einem Video-Spot als Reaktion auf die Kampagne der KBV mitgewirkt hatte, bestätigte, dass im Studium mehr Kenntnisse für die Niederlassung vermittelt werden müssten. Betriebswirtschaft werde nur sehr wenig vermittelt und diese schrecke dann viele Kommilitonen ab.

Der Assistenzarzt Raphael Kunisch kritisierte, dass es sowohl im ambulanten wie im stationären Sektor normal sei, viele Überstunden zu machen. Auch für Ärzte müsse ein Acht-Stunden-Tag möglich sein. Bisher sei in der ambulanten Versorgung nur kosmetisch etwas geändert. „Ich sehe nicht, wo man sich vor dem rauen Wetter schützen soll“, sagte er mit Blick auf die Rahmenbedingungen.

Der Inselarzt auf Fehmarn in der 3. Generation, Dr. Johannes Gerber, sagte, man könne ihm nichts bieten, um von Fehmarn wegzugehen. Da er selbstständig tätig sei, empfinde er seine Arbeit nicht als Überstunden, sondern er empfinde Verantwortung für seine Patienten, die ihm ihr Vertrauen schenkten. „Wenn ich jedes Jahr die ganzen Weihnachtskarten und Geschenke sehe, dann weiß ich, dass es sich lohnt, für die Patienten zu arbeiten.“

Begrüßungsrede von Dr. Andreas Gassen

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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gäste,

herzlich willkommen zu „KBV kontrovers“! Heute haben wir gleich zwei Premieren. Zum einen begrüße ich Sie in meiner neuen Rolle als Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Zum anderen findet diese Veranstaltung heute zum ersten Mal in dieser altehrwürdigen Kulisse des Kaiserin-Friedrich-Hauses statt.

Das Thema, dem wir uns heute widmen wollen, ist hingegen absolut zeitgenössisch, um nicht zu sagen: Es geht um die Zukunft. Nämlich darum, welche Vorstellungen und Wünsche junge Mediziner in Bezug auf den Arztberuf haben. Mein Sohn studiert Medizin. Ich erlebe selbst, dass diese Generation andere Erwartungen an ihre berufliche Zukunft hat als es früher der Fall war. Darf man Wissenschaft und Medien glauben, so wünscht sich die sogenannte Generation Y im Arbeitsleben vor allem Flexibilität und Abwechslung, flache Hierarchien, Teamarbeit, regelmäßiges Feedback und persönlichen Gestaltungsspielraum. Was sie hingegen ablehnt, sind starre, autoritäre und stark hierarchische Strukturen, Einzelkämpfertum, Routine und ständige Überstunden auf Kosten des Privatlebens. Sie merken schon: Nicht alle dieser Kriterien sind mit der „klassischen“ ärztlichen Ausbildung und Tätigkeit, wie wir sie von früher kennen, vereinbar. Leider – auch das muss gesagt werden – sind sie auch nicht mit den bei vielen Patienten immer noch vorherrschenden Erwartungen vereinbar, nämlich das „ihr“ Arzt bedingungslos und bis zur persönlichen Selbstaufgabe rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Genau diese Diskrepanz wird zum Problem. Schon jetzt sind 2.600 Hausarzt- und 2.000 Facharztstellen in Deutschland unbesetzt. Dabei haben wir die große Ruhestandswelle bei den Ärzten noch vor uns. Der Spitzenverband der Krankenkassen rechnet hier natürlich anders, wie kürzlich wieder publiziert. Nach seiner Lesart liegt der Bedarf an „neuen“ Hausärzten nur bei 1.000, in allen unterversorgten ländlichen Regionen zusammen sogar nur bei gerade mal 100! Dabei ignoriert der Spitzenverband jedoch vollkommen die veränderte Einstellung des Nachwuchses, die ich eben skizziert habe. Es ist eben nicht so, dass ein heute fertig ausgebildeter Arzt einen, der in den Ruhestand geht, eins zu eins ersetzt. Wenn junge Ärzte auf die 40-Stunden-Woche pochen, dann ist klar, dass dies einen niedergelassenen Arzt, der heutzutage im Schnitt 53 Stunden arbeitet, nicht aufwiegt. Diese Rechnung ist so simpel, dass eigentlich sogar der GKV-Spitzenverband das erkennen müsste.

Wie wir mit diesen und weiteren Herausforderungen umgehen wollen, darüber möchten wir heute reden.

In der Runde auf dem Podium begrüße ich:

  • Frau Professor Annette Grüters-Kieslich, Vizepräsidentin des Medizinischen Fakultätentages der Bundesrepublik Deutschland, einigen von Ihnen möglicherweise noch besser bekannt als Dekanin der Universitätsmedizin der Charité,
  • Herrn Dr. Johannes Gerber, niedergelassener Arzt auf der Ostsee-Insel Fehmarn,
  • Frau Friederike Jahn, die im Rahmen ihres Medizinstudiums gerade das Praktische Jahr in Neustrelitz absolviert, sowie
  • Herrn Raphael Kunisch, der zurzeit seine Weiterbildung zum Facharzt in München macht.

Mit ihnen diskutiert meine Kollegin im Vorstand der KBV, Frau Regina Feldmann. Die ursprüngliche eingeplante Moderatorin, Frau Hibbeler, musste leider absagen. Umso mehr freue ich mich, dass wir mit Herrn Sven Astheimer einen kompetenten Ersatz gefunden haben. Er ist Leiter des Ressorts „Beruf und Chance“ bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und insofern selbst ein Experte für unser heutiges Thema.

Ich danke allen Teilnehmern auf dem Podium für ihre Bereitschaft, mit uns und den Gästen im Auditorium zu diskutieren! Anschließend haben Sie alle Gelegenheit, bei einem kleinen Imbiss ein Stockwerk tiefer den Meinungsaustausch fortzusetzen.

Zum Einstieg in die Diskussion werden Sie gleich zwei kurze Filme sehen. Der erste könnte Ihnen bekannt vorkommen: Es handelt sich um den Spot, der im Rahmen der Kampagne „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ im vergangenen Jahr im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Er zeigt, wie heute tätige Ärzte und Psychotherapeuten sich und ihren Beruf wahrnehmen. Dass dies keine Fantasie von Werbern, sondern tatsächlich so ist, haben uns die Niedergelassenen in zahlreichen Reaktionen auf den Spot selbst bestätigt. Im Anschluss sehen Sie einen Film, den die Bundesvertretung der Medizinstudierenden sozusagen als direkte Antwort ins Internet gestellt hat. Ich will dazu gar nicht mehr sagen, sehen Sie einfach selbst.