Logo-KBV

KBV Hauptnavigationen:

Fingolimod

Handelsname: Gilenya®

Anwendungsgebiet: Behandlung der hochaktiven schubförmig-remittierend verlaufenden Multiplen Sklerose bei Erwachsenen, die mit einem Beta-Interferon vorbehandelt sind*

Pharmazeutischer Unternehmer: Novartis Pharma GmbH

Beginn des Verfahrens: 15.04.2011

Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses: 29.03.2012

Inhalt des Beschlusses:

Indikation  zweckmäßige Vergleichstherapie  Ausmaß und Wahrscheinlichkeit des Zusatznutzens
hochaktive schubförmig-remittierend verlaufende Multiple Sklerose (RRMS) bei Erwachsenen, die mit einem Beta-Interferon (INF-ß) vorbehandelt sind* a1) Erwachsene mit hochaktiver RRMS, die nicht auf einen vollständigen und angemessenen normalerweise mindestens ein Jahr andauernden Zyklus mit IFN-β (1a oder 1b) angesprochen haben
Glatirameracetat Zusatznutzen ist nicht belegt
a2) Erwachsene mit hochaktiver RRMS, die noch keine ausreichende Therapie mit IFN-β (1a oder 1b) erhalten haben
IFN-β (1a oder 1b) Zusatznutzen ist nicht belegt
b) Patienten mit rasch fortschreitender schwerer RRMS
IFN-β (1a oder 1b) Anhaltspunkt für einen geringen Zusatznutzen

* Das zugelassene Anwendungsgebiet ist zusammenfassend dargestellt. Verbindlich sind die Angaben der Fachinformation.

Dieser Beschluss vom 29.03.2012 zu Fingolimod ist veraltet. Stattdessen gilt der Beschluss vom 19.05.2016.

Zusammenfassung:

Fingolimod ist seit Mitte April 2011 zur Behandlung der hochaktiven schubförmig-remittierend verlaufenden Multiplen Sklerose (RRMS) im Verkehr. Entsprechend der Zulassung hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) bei der Nutzenbewertung die drei Teilindikationen a) bis c) unterschieden.

a) Für Patienten mit hochaktiver RRMS, die eine vollständige Therapie mit IFN-β 1a oder 1b erhalten haben, hat der pharmazeutische Unternehmer aus Sicht des G-BA keine verwertbaren Daten vorgelegt. Der Zusatznutzen ist somit nicht belegt.

b) Für Patienten mit hochaktiver RRMS, die keine vollständige Therapie mit IFN-β 1a oder 1b erhalten haben, wurden ebenfalls keine verwertbaren Daten vorgelegt. Der Zusatznutzen ist nicht belegt.

c) Für Patienten mit rasch fortschreitender schwerer RRMS lagen Daten zu einer Teilpopulation (57 Patienten) der Zulassungsstudie TRANSFORMS vor. Für keinen der Endpunkte „Schübe“, „Behinderungsprogression“ und „gesundheitsbezogene Lebensqualität“ zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen, auch nicht hinsichtlich der Gesamtraten „unerwünschte Ereignisse“, „schwerwiegende unerwünschte Ereignisse“ und „Abbrüche wegen unerwünschter Ereignisse“.

Ein statistisch signifikanter Vorteil zeigte sich bei der Häufigkeit der grippeähnlichen Symptome. Unter anderem wegen der geringen Patientenanzahl und der in Bezug auf das Merkmal „Behinderungsprogression“ fehlenden Abgrenzung der Patientenpopulation sowie aufgrund von Hinweisen auf ein erhöhtes kardiales Risiko, auch für die Gesamtpopulation der Patienten, sind die Ergebnisse jedoch mit einer größeren Unsicherheit behaftet. In der Gesamtschau sieht der G-BA für die Patientengruppe c) einen Anhaltspunkt für einen geringen Zusatznutzen von Fingolimod.

Vor dem Hintergrund der unsicheren Datenlage wegen der kleinen Patientenanzahl in der Gruppe c) und vermehrter Sicherheitsbedenken (es traten bereits mehrere Todesfälle unter der Einnahme von Fingolimod auf) hat der G-BA seinen Beschluss auf drei Jahre befristet.

Hinweise für die Praxis

Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Anwendung:

Die Vorgaben der Fachinformation sind zu berücksichtigen.

Im Beschluss des G-BA wurde zusätzlich auf die vorläufigen Maßnahmen hinsichtlich der kardiovaskulären Überwachung bei Therapiebeginn mit Fingolimod verwiesen Rote-Hand-Brief vom 26. Januar 2012

In einem aktualisierten Rote-Hand-Brief vom 26. April 2012 wurden weitere konkrete Hinweise und Empfehlungen gegeben, die das Ergebnis einer umfassenden Nutzen-Risiko-Bewertung durch den Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelbehörde darstellen.

Diese Hinweise und Empfehlungen werden nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben: „Nach einer umfassenden Nutzen-Risiko-Bewertung ...

Ganzen Text anzeigen

... zu Fingolimod durch den Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelbehörde treten ab sofort die folgenden aktualisierten Empfehlungen bei mit Fingolimod behandelten Patienten in Kraft. Diese Empfehlungen basieren auf Fallberichten von Patienten mit unerwünschten kardiovaskulären Ereignissen, darunter der Fall einer Patientin, die nach der ersten Gabe von Fingolimod aus bislang unbekannter Ursache verstarb.

Fingolimod wird nicht empfohlen bei Patienten

a) mit folgenden Erkrankungen:

  • AV-Block 2. Grades, Typ Mobitz 2 oder höhergradige AV-Blockierungen, Sick-Sinus-Syndrom, Sinuatrialer Block
  • Signifikante QT-Verlängerungen (QTc > 470 ms (Frauen) oder > 450 ms (Männer))
  • Anamnestisch bekannte symptomatische Bradykardie oder rezidivierende Synkopen, bekannte ischämische Herzerkrankung, cerebrovaskuläre Erkrankungen, anamnestisch bekannter Myokardinfarkt, kongestive Herzinsuffizienz, anamnestisch bekannter Herzstillstand, unkontrollierte Hypertonie oder schwere Schlafapnoe

b) welche folgende antiarrhythmische Medikation oder Wirkstoffe erhalten, die die Herzfrequenz verlangsamen:

  • Antiarrhythmika der Klasse Ia (z.B. Chinidin, Disopyramid) oder Klasse III (z.B. Amiodaron, Sotalol)
  • Beta-Blocker
  • Kalziumkanalblocker, die die Herzfrequenz verlangsamen können (z.B. Verapamil, Diltiazem oder lvabradin)
  • Andere Wirkstoffe, die die Herzfrequenz verlangsamen können (z.B. Digoxin, Cholinesterasehemmer oder Pilocarpin)

Bei den oben genannten Patienten sollte die Behandlung mit Fingolimod nur dann in Betracht gezogen werden, wenn der zu erwartende Nutzen die möglichen Risiken überwiegt. Vor Behandlungsbeginn wird für Patienten unter a) und b) die Konsultation eines Kardiologen empfohlen, um gegebenenfalls auf ein Arzneimittel zu wechseln, das keine Abnahme der Herzfrequenz herbeiführt. Wird bei diesen Patienten die Behandlung mit Fingolimod in Betracht gezogen, sollte eine kardiovaskuläre Überwachung mindestens über Nacht erfolgen.

Bei allen Patienten sollte die Überwachung folgende Maßnahmen beinhalten:

  • Ein 12-Kanal-EKG und Blutdruckmessung vor Erstgabe und 6 Stunden nach der ersten Dosis.
  • Stündliche Messungen von Blutdruck und Herzfrequenz während der ersten 6 Stunden nach Verabreichung der ersten Fingolimod-Dosis.

Es wird empfohlen, während der ersten 6 Stunden nach Erstgabe eine kontinuierliche Echtzeit-EKG-Überwachung durchzuführen.

Sollte die Herzfrequenz des Patienten am Ende der 6-stündigen Überwachungsphase den niedrigsten Wert nach Erstgabe erreichen, sollte das Monitoring bis zum Anstieg der Herzfrequenz – mindestens jedoch um 2 Stunden – verlängert werden.

Kriterien für ein verlängertes Monitoring:

Bei Patienten mit Hinweisen auf klinisch relevante kardiale Auswirkungen während der ersten 6 Stunden sollte die Überwachung bis zur Rückbildung, jedoch mindestens über Nacht, verlängert werden. Bei Zutreffen folgender Kriterien wird eine verlängerte Überwachung empfohlen:

  • Neu aufgetretener AV Block 3. Grades zu jeglichem Zeitpunkt während der Überwachungsphase nach der ersten Dosis
  • Zum Zeitpunkt von 6 Stunden nach der ersten Gabe das Vorhandensein von:
    - Herzfrequenz < 45 Schläge pro Minute
    - QTc Intervall >= 500 ms
    - Persistierendem neu aufgetretenem AV-Block 2. Grades, Typ Mobitz 1 (Wenckebach) oder höhergradigem AV Block

Der Inhalt dieses Schreibens wurde mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte abgestimmt.“

Den Verweis auf den aktualisierten Rote-Hand-Brief hat der G-BA nachträglich mit Beschluss vom 21.06.2012 ergänzt.