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Stand 20.05.2014

Reden

Nachwuchskampagne "Lass dich nieder"

Neue Ärzte braucht das Land - Statement des KBV-Vorstandsvorsitzenden, Dr. Andreas Gassen

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst einmal hoffe ich, dass Sie die Tatsache, dass wir Sie heute in die Ruine eines medizinischen Instituts eingeladen haben, nicht symbolisch verstehen. Wir wollen heute keinen Abgesang auf die ambulante Versorgung anstimmen. Eher das Gegenteil ist der Fall. In diesem Raum haben schon vor hundert Jahren Studenten gesessen und Vorlesungen zur Pathologie gehört. Auch bei uns geht es heute um den ärztlichen Nachwuchs.

Lassen Sie mich zunächst etwas zum Hintergrund sagen. Wir haben es mit zwei maßgeblichen Entwicklungen zu tun. Auf der einen Seite steigt die Zahl der in der ambulanten Versorgung tätigen Ärzte seit Jahren stetig an.

Die neueste Auswertung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigt, dass zum Stichtag 31. Dezember 2013 insgesamt 162.651 Ärzte an der vertragsärztlichen Versorgung teilgenommen haben, sei es in eigener Praxis oder als Angestellte. Nach Personen gezählt entspricht das einer Zunahme von 8.765 oder 5,7 Prozent seit 2009.

Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn wahr ist auch, dass immer mehr Ärzte, und zwar vor allem junge, als Angestellte mit einer festen Stundenzahl bzw. in Teilzeit arbeiten. Eine Ärztin oder ein Arzt, der als Angestellter in einem Medizinischen Versorgungszentrum 36,5 Stunden arbeitet, kann keinen Niedergelassenen mit im Schnitt 55 Stunden Wochenarbeitszeit ersetzen.

Das ist eine ganz einfache Rechnung. Wenn man also statt der Köpfe die tatsächliche Arbeitszeit berücksichtigt, so fällt der Zuwachs wesentlich moderater aus. Dann haben wir seit 2009 umgerechnet ein Plus von 3.095 Ärzten bzw. 2,3 Prozent.

Keine Frage: Das ist immer noch ein Plus, zwar ein kleineres, aber immerhin. Doch dieses reicht bei weitem nicht aus, um den künftigen Bedarf an Ärzten zu decken. Vom steigenden Bedarf aufgrund des demografischen Wandels etc. will ich heute gar nicht reden, das wissen Sie alle zur Genüge. Auch dass, bedingt durch die Altersstruktur der Ärzte, in den nächsten Jahren eine riesige Ruhestandswelle auf uns zu schwappt: Bis 2021 werden etwa 51.000 Ärzte ihre Praxen aufgeben.

Wir haben es noch mit einer zweiten Entwicklung zu tun, die problematisch ist. Das ist der Trend zur Spezialisierung – in der Medizin allgemein und auch unter den jungen Ärzten. So haben wir beispielsweise einen deutlichen Zuwachs an Transfusionsmedizinern und Humangenetikern, aber einen Rückgang bei Hautärzten, Augenärzten und Hausärzten sowie anderen Fächern, die wir für die Grundversorgung der Bevölkerung brauchen.

Deshalb ist es ein ganz wichtiges Ziel der KBV, mehr junge Ärztinnen und Ärzte für die ambulante Tätigkeit und im Idealfall für die Niederlassung zu gewinnen. Es ist uns gelungen, dieses Thema auch auf dem Deutschen Ärztetag im vergangenen Jahr zu platzieren. Auf dem nächsten Ärztetag, der kommende Woche in Düsseldorf stattfindet, werden wir dies wieder tun.

Wir wollen erreichen, dass die Studierenden die Chance erhalten, die Arbeit in der Praxis früher und nachhaltiger als bisher kennenzulernen. Und wir wollen, dass es eine verlässliche Finanzierung für die fachliche Weiterbildung, auch im ambulanten Bereich, gibt. Wie das konkret aussehen könnte, wird Ihnen gleich Frau Feldmann darstellen.

Natürlich müssen wir uns bei all dem auch an die eigene Nase fassen. Es hilft nicht gerade, den Nachwuchs für einen Beruf zu begeistern, wenn dieser immer wieder schlechtgeredet wird, sei es durch die eigenen Vertreter oder durch die Medien. Das war einer der Gründe, warum wir letztes Jahr die Kampagne „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ gestartet haben.

Dort kommen Niedergelassene zu Wort und sagen, was sie an ihrem Beruf lieben, aber auch, was ihre Arbeit manchmal erschwert. Ziel war und ist, ein authentisches Bild der Tätigkeit niedergelassener Ärzte und Psychotherapeuten zu vermitteln.

Ende April ist die Kampagne mit einer neuen Plakatwelle in das zweite Jahr gegangen. 2014 setzen wir zwei Schwerpunkte. Das ist zum einen die hohe Qualität, die die Niedergelassenen ihren Patienten durch zahlreiche Maßnahmen gewährleisten. Der andere Schwerpunkt ist der ärztliche Nachwuchs.

Im vorigen Jahr war der Ärztemangel ein Schwerpunktthema. Jetzt gehen wir den logischen nächsten Schritt. Wir jammern nicht, sondern bemühen uns selbst um den ärztlichen Nachwuchs, und zwar im Rahmen einer eigenen Kampagne mit dem Motto „Lass dich nieder“.

Dass schon die Kampagne „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ von den Medizinstudierenden wahrgenommen wurde, hat deren Reaktion auf unseren TV-Spot im vergangenen Jahr gezeigt. Unseren Claim „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“ wandelten sie um in die Botschaft „Ich arbeite acht Stunden am Tag für meine Patienten – und das zu 100 Prozent.“ Besser kann man die veränderte Einstellung zum Beruf, aber auch das gute Recht, auf private Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, gar nicht zusammenfassen.

Ziel der Nachwuchskampagne mit dem Motto „Lass dich nieder“ ist, die Chancen aufzuzeigen, die eine Niederlassung heutzutage bietet. Denn die Möglichkeiten sind sehr viel flexibler als noch vor einigen Jahren. Insofern ist es in erster Linie eine Informationskampagne.

Herzstück ist die Website www.lass-dich-nieder.de die am 16. Mai online gegangen ist. Sie soll zu einem zentralen Informationsportal rund um die Niederlassung werden und auch nach dem Ende der Kampagne bestehen bleiben.

Zusätzlich werden wir mit Plakaten und anderen Maßnahmen im studentischen Umfeld präsent sein. Für das Foto-Shooting haben sich innerhalb weniger Tage über 80 Studierende sowie Ärzte in Weiterbildung bei uns beworben. Einige Ergebnisse können Sie hier sehen.

Ich denke, es ist unschwer zu erkennen, mit wie viel Spaß unsere Protagonisten, von denen zwei heute hier sind, dabei waren. Allen gemeinsam ist, dass sie nicht mitgemacht haben, weil sie einfach mal auf ein Plakat wollten, sondern weil sie sich selbst für die Sache interessieren und viele Vorteile in der Niederlassung gegenüber dem Krankenhaus erkennen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich stellvertretend für alle sehr herzlich bei Frau Beatrice Ranft und Herrn Felix Schmidt bedanken, dass sie unserer Kampagne ihr Gesicht geliehen haben. Die Motive der Nachwuchs-Kampagne sind noch bis 29. Mai im direkten Umfeld der 37 medizinischen Fakultäten zu sehen.

Weitere Plakatschaltungen sind im Herbst zum Start des Wintersemesters geplant. Wir hoffen natürlich, dass die Freude und Aufgeschlossenheit, die auf den Plakaten zum Ausdruck kommt, dazu führt, dass sich auch ihre Kommilitonen angesprochen fühlen. Damit sie das nötige Rüstzeug für die Praxis bekommen, wird die KBV sich innerärztlich und auf politischer Ebene für eine Reform der Aus- und Weiterbildung einsetzen, die Ihnen Frau Feldmann jetzt erläutern wird.

Vielen Dank.
(Es gilt das gesprochene Wort.)