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Reden

Bericht an die KBV-Vertreterversammlung

26. Mai 2014 - KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen

Sehr geehrter Herr Vorsitzender,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie sehr herzlich zu dieser Vertreterversammlung vor dem Hintergrund des 117. Deutschen Ärztetages in meiner langjährigen Heimatstadt Düsseldorf!

Joachim Gauck hat einmal, lange bevor er Bundespräsident wurde, den schönen Satz gesagt: „Sie (gemeint waren die ehemaligen DDR-Bürger) hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf.“ Mir ist natürlich klar, dass die Kolleginnen und Kollegen aus den Süd-KVen den Paradiesstatus für ihre Region beanspruchen.

Dennoch hoffe ich, dass Sie alle Gelegenheit haben werden festzustellen, dass wir hier in NRW zumindest schon nah dran sind am Paradies. Das wird Ihnen übrigens immer klarer, wenn Sie KBV-Vorsitzender in Berlin sind. Dennoch habe ich vor, nach dem Deutschen Ärztetag dorthin zurückzukehren, und das sogar gerne.

Ich finde, das Zitat lässt sich auch ganz gut auf die ärztlichen Körperschaften anwenden. Würden wir nicht alle gerne – versorgungstechnisch – das Paradies auf Erden erschaffen? Aber erfolgversprechender ist, sich auf das zu konzentrieren, was machbar ist. Ich komme später darauf zurück.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum ich eben Herrn Gauck zitiert habe. Wie Sie wissen, ist sein großes, immer wiederkehrendes Thema die Freiheit.

Der Rheinländer liebt und braucht die Freiheit. Für einen der größten Söhne dieser Stadt, Heinrich Heine, der auch Namensstifter für unsere Universität ist, war Freiheit das zentrale Thema.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Zitat meines Vorgängers Andreas Köhler, der zum Sicherstellungsauftrag sinngemäß anmerkte, dieser bemesse in seiner heutigen Form nur noch die Länge der Kette für die Runde im Gefängnishof. Heine hat einmal gesagt: Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume, und erst im Gefängnis erkennt man den Wert der Freiheit.

Auch mir geht es heute um diesen Begriff, wenn auch in einem etwas kleineren Maßstab. Denn auch in der Vertragsärzteschaft ist Freiheit ein ständig wiederkehrendes Thema. Und das auf verschiedenen Ebenen: Die Freiheit des einzelnen Arztes oder Psychotherapeuten in Bezug auf Therapieentscheidungen, die Freiheit als Angehörige eines freien Berufes und, last but not least, die Freiheit der ärztlichen Selbstverwaltung.

Der Blick in den Koalitionsvertrag ließ bislang hoffen, dass die Große Koalition dies anerkennt. Immerhin heißt es dort wörtlich: „Die Freiberuflichkeit der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte und Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist unverzichtbares Element für die flächendeckende ambulante Versorgung. Sie ist ein Garant für die Diagnose- und Therapiefreiheit und für die freie Arztwahl.“ An anderer Stelle heißt es: „Wir wollen die Selbstverwaltung stärken (…).“

Herr Minister Gröhe hat immer wieder betont, dass er Lösungen aus der Selbstverwaltung heraus den Vorzug geben will. Doch dieses Zugeständnis und die damit gewährte Freiheit scheinen nicht bei allen politisch Verantwortlichen in Stein gemeißelt zu sein. Das ist mein Eindruck bei der Diskussion um die Wartezeiten auf einen Facharzttermin.

Ich meine nach wie vor, dass es sich bei diesem Problem eher um einen sogenannten Scheinriesen handelt, wie er in den berühmten Kindergeschichten um Jim Knopf auftaucht: Je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er. Tatsächlich scheint die Bundesregierung das Thema Wartezeiten bzw. Terminmanagement deshalb so hartnäckig zu verfolgen, weil es das Letzte ist, was von der Idee einer einheitlichen Bürgerversicherung übriggeblieben ist.

Es ist dies ein Zugeständnis an die SPD und an die Kritiker einer angeblichen Zwei-Klassen-Medizin, die sich höchstens noch an unterschiedlichen Wartezeiten festmachen lässt. Dass es echte Versorgungsunterschiede gibt, behauptet niemand mehr ernsthaft. Das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hatte gegenüber der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) signalisiert, auf eine enge gesetzgeberische Vorgabe verzichten zu wollen, wenn wir als Selbstverwaltung eine Lösungsmöglichkeit bieten. Das werden wir tun.

Was wir nicht möchten, ist eine rigide Vorgabe, nach der bundesweit einheitlich verfahren werden muss. Vielmehr wollen wir den Regionen weitgehende Gestaltungsmöglichkeiten einräumen, damit sie ihre Angebote für die Versicherten auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort abstimmen können.

Eines ist jedoch klar: Falls der Politik eine solche flexible Lösung nicht passen sollte und sie letztlich doch vorschreiben will, wie zu verfahren ist, dann werden wir uns nicht verbiegen. Wenn das Bekenntnis der Bundesregierung zur ärztlichen Selbstverwaltung im Subtext bedeutet, „ihr könnt die Dinge gerne selbst regeln, solange ihr es so tut, wie die Politik es will“, dann wird es schwierig.

Für mich gilt der Beschluss der Vertreterversammlung im März dieses Jahres: Ziel muss sein, die ohnehin schon knappen Ressourcen in der ambulanten Versorgung nicht auch noch durch bürokratische und unsachgemäße Vorgaben weiter zu verknappen. Davon haben nämlich auch die Patienten nichts!

Es gibt eine Freiheit, die Andere einem zugestehen und es gibt die Freiheit, die man sich nimmt. Dazu gehört auch die Freiheit „Nein“ zusagen, wenn man etwas als nicht vernünftig erachtet. Im Übrigen gilt: Es ist nicht Aufgabe der Körperschaften, den Koalitionsvertrag vorauseilend umzusetzen. Der Koalitionsvertrag ist ein politisches Programm, bei dem die Verantwortlichen vor der Realisierung gut daran tun, den professionellen Rat der Körperschaften einzuholen.

Deren Erfahrung und Nähe zur Praxis hilft dabei, für Patienten und Ärzte gleichermaßen gute Lösungen zu finden. Dazu sind wir befähigt, und wir wollen dies auch mit eigenen Lösungsmöglichkeiten unterstützen.

Es muss aber auch erlaubt sein zu hinterfragen, ob die Wartezeiten, soweit es sich um eine Komfortfrage handelt, wirklich das drängendste Problem sind, dass wir in Deutschland haben. Im europäischen Vergleich haben wir mit die kürzesten Wartezeiten überhaupt. Hier werden in Politik und Selbstverwaltung Ressourcen gebunden für die Beseitigung eines Problems, dass allenfalls punktuell auftaucht – und obendrein häufig ein sehr subjektives ist.

Das heißt nicht, dass wir das Thema nicht ernst nehmen. Zurzeit läuft die neueste Versichertenbefragung der KBV durch die Forschungsgruppe Wahlen. Dabei werden wir die Versicherten gezielt und detailliert nach ihren Erfahrungen mit Wartezeiten fragen. Tatsache ist: Ja, es gibt hier und dort Terminschwierigkeiten.

Tatsache ist aber auch: Solange Praxen aufgrund des starken Patientenandrangs schlichtweg überlastet sind, wird auch ein Terminmanagement nicht weiterhelfen. Schon gar nicht, wenn es von außen oktroyiert wird. Letztendlich kann immer noch die jeweilige Praxis selbst am besten entscheiden, wie sie die Patientenströme kanalisiert.

Das geschieht ja auch und funktioniert so gut, wie es unter den herrschenden Rahmenbedingungen mit einem gedeckelten Gesamtbudget eben geht. Dass dabei nicht jeder Patient seinen Wunschtermin bekommt und weniger dringende Termine auch mal aufgeschoben werden, ist leider nicht zu vermeiden.

Dass alles nur eine Frage der Verteilung der Ärzte sei, wie der Spitzenverband der Krankenkassen nicht müde wird zu behaupten, ist Humbug und wird nicht dadurch wahrer, dass man es ständig wiederholt.

Unterversorgung in der einen Region bedeutet nicht automatisch Überversorgung in einer anderen, selbst wenn dort mehr Ärzte sind. Die sogenannten Mitversorgereffekte sind immens. Gerade an den zentralen Standorten in den Städten, wo die Arztdichte hoch ist, werden überproportional viele Patienten von außerhalb und aus anderen Stadtteilen versorgt.

Das hat das Zentralinstitut erst kürzlich am Beispiel Hamburgs nachgewiesen. Die Patienten entscheiden sich nämlich gar nicht automatisch für die ihrem Wohnort nächstgelegene Praxis. Sondern für diejenige, die verkehrstechnisch gut zu erreichen ist. Das gilt sogar für die Einwohner von sozial schwächeren Stadtteilen.

Das heißt: Es ist gar nicht zwingend nötig, in jedem Ort, der auf dem Papier unterversorgt ist, die Zahl der Ärzte aufzustocken. Die Patienten würden trotzdem nicht automatisch dort hingehen, weil sie Praxen in schlecht angebundenen Gegenden unter Umständen gar nicht erreichen. Wenn die Gemeinde die Busverbindung einstellt, dann macht es auch keinen Sinn, noch einen Arzt dort anzusiedeln, der sitzt dann nämlich relativ allein in seiner Praxis. Und wo es keine Patienten gibt, brauche ich auch keinen Arzt.

Umgekehrt gilt die simple Gleichung: Wo viele Patienten, aber nur wenige Ärzte sind, können auch keine Termine schneller vergeben werden. Da helfen dann auch keine Servicestellen. Deshalb ist es uns als KBV wichtig, dass eine Regelung zur Terminvergabe – wie immer die am Ende aussehen mag – nach einer gewissen Zeit im Hinblick auf ihre Wirkung überprüft, sprich evaluiert wird.

Schon die vorherige Bundesregierung hat nicht zuletzt in diesem Zusammenhang auf die Telemedizin gesetzt. Die Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband über die Aufnahme entsprechender Leistungen in den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) sind jedoch zäh und hinken dem Zeitplan des Gesetzgebers deutlich hinterher.

Für die KBV war es zunächst einmal wichtig festzuhalten, dass telemedizinische Leistungen mit den Ansprüchen der vertragsärztlichen Versorgung vereinbar sein müssen. So muss beispielsweise ein regelmäßiger persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt sichergestellt bleiben, Qualitäts- und Datenschutzstandards müssen gewahrt sein. Auch das Haftungsrecht spielt eine wichtige Rolle.

Grundsätzlich gilt: Die Versorgung mittels Telemedizin muss einen Vorteil ergeben oder mindestens gleichwertig zu herkömmlichen Verfahren sein.

Eine Herausforderung besteht darin, den Krankenkassen klarzumachen, dass Telemedizin keine „Versorgung light“ sein kann, die in erster Linie der Kostenreduktion dient. Einen eArztbrief zu verfassen ist auch mit Arbeit verbunden und kostet den Arzt Zeit.

Bloß weil man sich die Briefmarke spart, heißt das ja nicht, dass es nichts kostet. Außerdem bedarf es technischer Investitionen, und es fallen laufend Kosten für Wartung und die Verbindungen an. Der GKV-Spitzenverband hat sogar vorgeschlagen, Kosten für die Telematik-Infrastruktur mit denen für die Telemedizin zu verrechnen.

Das hat schon fast einen humoristischen Einschlag insofern, als dass der Spitzenverband den Ärzten kürzlich vorgeworfen hat, den Ausbau der Telematik-Infrastruktur zu blockieren, er selbst aber nach wie vor nur sein Versichertenstammdaten-Management im Auge hat und nichts dazu beiträgt, dem Ganzen auch einen medizinischen Mehrwert zu verschaffen. Natürlich werden wir einer solchen „Verrechnung“ nicht zustimmen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir schreiben das Jahr zwei nach der Verabschiedung unseres Acht-Punkte-Programms, in dem wir seinerzeit die Forderungen der Vertragsärzte und -psychotherapeuten an die Politik definiert haben. Dieses hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Aber es zeigt sich, dass der zeitliche Horizont zur Umsetzung der Meilensteine innerhalb von fünf Jahren sehr ambitioniert war und ist. Zu den wichtigsten Zielen gehören nach wie vor feste und kostendeckende Preise. Hier konnten wir mit der Ausbudgetierung der Richtlinien-Psychotherapie einen ersten Erfolg erzielen.

Jetzt gilt es, weitere ärztliche Leistungen aus der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung auszubudgetieren. Dazu wollen wir diagnostische und therapeutische Leistungen definieren, die für alle Fachgruppen identisch sind, um diese mit einheitlichen und festen Preisen zu vergüten.

Mit dem Acht-Punkte-Plan haben wir Bedingungen definiert, die erfüllt werden müssen, um den Sicherstellungsauftrag weiterhin gewährleisten zu können. Dieser Sicherstellungsauftrag ist keine Einbahnstraße. Er ist nicht nur dazu da, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Er ist auch für die Ärzte und Psychotherapeuten selbst da!

Dabei geht es einerseits um eine gerechte und angemessene Vergütung und darum, den Ärzten gegenüber den Krankenkassen den Rücken freizuhalten, damit sie sich um Patienten kümmern können statt um Verträge und Bürokratie. Aber das ist noch nicht alles. Es gehört mehr dazu. Für eine Berufsgruppe, die eine solch wichtige und zunehmend wichtiger werdende Funktion in der Gesellschaft übernimmt, müssen auch die sonstigen Rahmenbedingungen stimmen.

Es gibt triftige Gründe, warum der Arzt immer noch als Paradebeispiel eines Vertreters eines freien Berufes gilt: Weil er dem Wohl der Allgemeinheit dient, weil er unabhängig in seinen Entscheidungen sein soll etc. „Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes. Der ärztliche Beruf ist kein Gewerbe; er ist seiner Natur nach ein freier Beruf.“ So steht es in Paragraf 1 der Bundesärzteordnung.

Deshalb sind auch nicht nur die selbstständigen Ärzte und Psychotherapeuten in eigener Praxis gemeint, wenn wir von Freiberuflichkeit reden. Die Eigenschaften eines freien Berufs, von denen ich spreche, gelten genauso für angestellte Ärzte, weil sie sich auf die Art der Arbeitsausübung beziehen. Sie haben eine Schutzfunktion, die – und das ist das Entscheidende – nicht nur den Arzt selbst betreffen, sondern, indem sie ihm gewisse Rechte und Privilegien zugestehen, auch die Patienten.

Und dieser Schutz bröckelt. Zum einen, weil das Geschehen in der Praxis immer stärker von außen beeinflusst wird, sei es durch die Krankenkassen, sei es durch die Politik. Zum anderen, weil in einem budgetierten Gesundheitswesen Ärzte dazu gezwungen werden, bei jedem Handgriff, den sie machen, den Rechenschieber im Hinterkopf zu haben.

Kommt das Wort Priorisierung zur Sprache, weisen sowohl die Politik als auch die Kostenträger eine solche empört von sich. Doch in Wahrheit findet sie längst statt, und zwar über den Mechanismus des Globalbudgets, also quasi „durch die kalte Küche“ und so, dass die Ärzte es sind, die dafür geradestehen müssen.

Es gibt scheinbar einfache Lösungen für dieses Problem. Zum Beispiel die Devise: Behandlung nur gegen Scheckkarte, wie es etwa in den USA der Fall ist. Aber wer will das ernsthaft? Ich nicht und ich glaube, auch sonst kaum jemand in diesem Land. Klar ist aber auch: Eine gute ärztliche Leistung ist nicht zum Nulltarif zu haben, weder finanziell noch bezogen auf die sonstigen Rahmenbedingungen.

Hier müssen wir eine ehrliche und offene Diskussion führen. Der Wunsch der Ärzte und Psychotherapeuten nach einer ihrer Ausbildung und ihrer Leistung für die Gesellschaft angemessenen Vergütung ist nichts, was man verschämt formulieren muss. Sondern es ist das Recht dieser Berufsgruppen – und damit eine der Kernaufgaben der KBV – dafür einzustehen. Qualität wird von allen eingefordert, sie wird geprüft, überwacht und dokumentiert.

Technische Leistungen eignen sich hervorragend für derartige Überprüfungen. Was aber ist mit der ärztlichen Zuwendung, der empathischen Arbeit am Patienten? Wie will man die Qualität dieser urärztlichen Leistung messen? Ist aber nicht gerade dieser Teil der ärztlichen Leistung der, der von der Gesellschaft so dringend gewünscht wird?

Ist es dann nicht folgerichtig, auch diesen angemessen zu honorieren? Hierbei handelt es sich um eine originäre ärztliche und psychotherapeutische Tätigkeit. Eine Substitution durch die Hintertür über Bachelor-Studiengänge à la „physician assistant“ etc. lehnen wir rigoros ab.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich behaupte: Die Tatsache, dass wir in Deutschland eine ambulante Versorgung haben, um die uns alle Welt beneidet, die Tatsache, dass jeder Versicherte rund um die Uhr einen Haus- oder Facharzt erreichen kann, die Tatsache, dass monatelange Wartezeiten nicht wie in anderen Ländern die Regel, sondern die absolute Ausnahme sind, die Tatsache, dass wir eine flächendeckende, sehr hohe Qualität der Versorgung haben – das ist das Verdienst der Selbstverwaltung und der von ihr vertretenen Ärzte und Psychotherapeuten!

Wir sind es doch, die all diese Dinge organisieren, nicht das BMG. Und wir können das, weil bei den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) alles aus einer Hand kommt! Wir machen das gemeinsam und mit einem fairen Interessenausgleich. Das gelingt vielleicht nicht immer perfekt. Hier müssen wir uns auch regelmäßig kritisch überprüfen: Werden wir allen Gruppen im System gerecht?

So interpretiere ich den Paritätsgedanken im Koalitionsvertrag.

Auch hier gilt: Wir sollten uns nicht von außen gestalten „lassen“, sondern eine Lösung im Rahmen der Satzung der KBV finden. Daran wird bereits intensiv gearbeitet. Ich freue mich, dass die Diskussion im Satzungsausschuss von allen Seiten sehr konstruktiv geführt wird, und ich bin zuversichtlich, dass wir eine gemeinsame Lösung hinbekommen.

Ich fürchte allerdings auch, dass es Einzelne geben wird, die eine solche interne Lösung, wie ausgewogen und objektiv sie auch sein mag, nicht akzeptieren werden, einfach, weil es ihnen gar nicht um eine Lösung geht. Das muss die Politik dann aber auch so erkennen und einordnen.

In diesem Zusammenhang sei auf eines klar und deutlich hingewiesen: Eine wortgetreue Umsetzung der Parität im Koalitionsvertrag ist mit dem geltenden Rechtsrahmen nicht machbar. Hierzu müsste erst einmal das SGB V umgeschrieben werden. Der Bundesmantelvertrag würde seine Geltung verlieren, und der Sicherstellungsauftrag hat sich damit im Prinzip auch erledigt. Dann sollte man gleich das ganze System sektionieren.

Will man das? Für einige Fachgruppen – je spezialisierter und kleiner, desto geeigneter – wird man leicht lukrative Verträge schließen können. Verlieren würden grundversorgende Haus- und Fachärzte und unsere Patienten. Deshalb ist die Parität im Sinne einer Sektionierung bzw. als Vorstufe davon so gefährlich. Denn dann gäbe es kein „gemeinsam und einheitlich für alle Versicherten“ mehr.

Dann hätten wir ein freies Spiel der Kräfte, mit dem beinahe unausweichlichen mittelfristigen Effekt, dass wir uns gegenseitig kannibalisieren würden. Und das würde einzig und allein denjenigen in die Hände spielen, die nur darauf warten, dass die ärztliche Selbstverwaltung zerfällt. Und es würde die Versorgung in Deutschland zerfleddern. Dann gäbe es wirklich eine echte Mehr-Klassen-Medizin.

Die Aufgaben, die vor uns liegen, sind einfach zu groß und zu grundlegend, als dass wir sie in Kleingruppen lösen könnten. Deshalb müssen wir entscheiden, ob wir uns gemeinsam um einen fairen Interessenausgleich aller durch das KV-System vertretenen Gruppen bemühen wollen, oder ob es darum geht, das körperschaftliche System zu demontieren.

Auch diese Intention würde mich bei dem einen oder anderen Protagonisten nicht überraschen. Die Politik sollte gut darüber nachdenken, ob sie auf Betreiben Einzelner, die nicht nur versorgungspolitische, sondern finanzielle oder ideologische Interessen haben, das ganze System infrage stellen und nachhaltig gefährden möchte.

Ich glaube im Übrigen, dass das Hausarzt-/Facharzt-Thema ohnehin in erster Linie eine Funktionärsdebatte ist. Für die Ärzte und Psychotherapeuten an der sogenannten Basis sind andere Dinge viel entscheidender. Deshalb haben die KBV und der NAV-Virchow-Bund im Frühjahr auch wieder eine große Befragung, den Ärztemonitor 2014, gestartet.

Wie schon beim ersten Ärztemonitor vor zwei Jahren befragt das Institut für angewandte Sozialwissenschaften infas dazu 10.000 Niedergelassene nach ihrer beruflichen Situation und ihrer Meinung zu aktuellen Themen. Die Ergebnisse liegen noch nicht vollständig vor.

Dennoch möchte ich Ihnen heute schon erste Tendenzen verraten. Ich weise jedoch ausdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei um vorläufige, ungewichtete Zwischenergebnisse handelt, basierend auf der Befragung von rund 6.200 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten.

Zunächst einmal wird deutlich, dass die eigene Praxis immer noch das Maß der Dinge ist. Nur etwas mehr als jeder zehnte Befragte arbeitet angestellt. Die Zahl derer, die beabsichtigen, innerhalb der nächsten fünf Jahre in ein Angestelltenverhältnis zu wechseln, ist verschwindend gering.

Allerdings plant etwa jeder Vierte, seine Praxis in den nächsten fünf Jahren abzugeben. Die Hälfte davon sucht bereits aktiv einen Nachfolger. Davon hatte wiederum fast jeder Zweite bislang keinen Erfolg bei der Suche. Dies gilt für Hausärzte noch stärker als für Fachärzte. Drei Viertel all derer, die aktiv einen Nachfolger suchen, empfinden die Suche als „sehr schwierig“ oder „eher schwierig“.

Erfreulich ist: Was den Spaß an der Arbeit und die Zufriedenheit mit der ärztlichen Tätigkeit als solcher angeht, so sind die Werte, wie schon in der ersten Befragung, außerordentlich hoch. Verschlechtert haben sich allerdings die Angaben zu den konkreten Arbeitsbedingungen. So bemängeln jetzt noch mehr Kollegen als beim letzten Mal, dass sie für die Behandlung ihrer Patienten nicht ausreichend Zeit haben.

Die Verwaltungsarbeit in der Praxis beansprucht immer noch den zweithöchsten Zeitaufwand nach den Sprechstunden. Mehr als drei Viertel der Ärzte wünschen sich mehr Möglichkeiten, Verwaltungsarbeit delegieren zu können. Alarmierend, aber wenig überraschend ist, dass ebenfalls fast drei Viertel der Befragten kritisiert, dass es keine finanzielle Planungssicherheit gebe. Besonders erschreckend finde ich: Etwa genau so viele meinen, dass die Praxis ihre Funktion der Altersvorsorge verloren habe.

Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist ein Skandal! Es kann, oder besser gesagt es darf nicht sein, dass eine freie Berufsgruppe, die erst in eine sehr lange Ausbildung und dann in Aufbau und Unterhalt einer Praxis investiert und sich dabei hoch verschuldet, die Arbeitsplätze sichert, die eine so wichtige und von den Menschen auch als solche anerkannte Rolle in der Gesellschaft spielt, dass eine solche Berufsgruppe am Ende ihres Arbeitslebens nicht abgesichert ist.

Ja, schlimmer noch, dass sie vielleicht sogar einen Verlust in Kauf nehmen muss! Und ich spreche hier nicht von sogenannten Hobby-Praxen, sondern von Kolleginnen und Kollegen, die jeden Tag von morgens bis abends Patienten versorgen. Hier bin ich geneigt, erneut Heine zu zitieren, wenn auch in abgewandelter Form: Es kann nicht sein, dass für Vertragsärzte die Devise gilt: Denk ich an meine Praxis in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es ist unsere Aufgabe als Interessensvertretung, auf solche Diskrepanzen aufmerksam zu machen. Nicht nur gegenüber der Politik, sondern auch in der Öffentlichkeit. Auch dazu dient unsere Kampagne „Wir arbeiten für Ihr Leben gern“. Wenn der Erfolg eines Projekts sich an der Zahl seiner Nachahmer bemisst, dann gibt es jetzt ein weiteres Indiz dafür, dass diese gelungen ist. Mittlerweile haben auch die Krankenhäuser und die Apotheken eigene Kampagnen, und die Ähnlichkeiten mit der unsrigen sind unverkennbar.

Ende April haben wir eine neue große Plakatwelle in ganz Deutschland gestartet. Die Portraits dafür wurden im Februar gemacht, diesmal mit Ärzten und psychologischen Psychotherapeuten aus Nordrhein-Westfalen. Das Interesse ist nach wie vor groß: 120 hatten sich beworben. Im Umfeld des Ärztetages können Sie die Plakate hier in Düsseldorf noch einmal sehen.

Neben der Website www.ihre-aerzte.de, die weiter angereichert wird, wollen wir in diesem Jahr die Praxen selbst stärker einbinden. Die Evaluation des vergangenen Jahres hat gezeigt, dass sie ein wichtiger Multiplikator und Ort der Information für die Bevölkerung sind. Mitte April haben die Praxen ein erstes Paket mit Material erhalten, unter anderem mit Patienten-Flyern und Plakaten.

In diesem Jahr hat die Kampagne zwei inhaltliche Schwerpunkte: die Qualität der ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung sowie den medizinischen Nachwuchs. Vereinzelte Kritik gab es an der Ansprache des Themas Qualität. Die Aussage: „Ich bin ein Qualitätsprodukt“ erscheint manchen nicht angemessen für einen Arzt oder Psychotherapeuten.

Dazu möchte ich sagen: Natürlich war es nicht die Absicht dahinter, den Arzt oder Psychotherapeuten und seine Arbeit zu „verdinglichen“. Im Gegenteil. Es ist ja gerade ein Kernelement der Kampagne, Ärzte und Psychotherapeuten, die so häufig zum „Leistungserbringer“ degradiert werden, eben nicht als Funktionsträger, sondern als Menschen wie du und ich zu zeigen.

Menschen, deren Tätigkeit gerade durch das Zwischenmenschliche geprägt ist, die aber eben auch besondere Qualifikationen und Fähigkeiten mitbringen. Alles zusammen macht das „Produkt“ Arzt oder Psychotherapeut aus. Er oder sie tritt hier gewissermaßen als Marke auf, die für Qualität steht, und zwar in jeder Hinsicht.

Werbung braucht prägnante Aussagen, und manchmal eben auch Zuspitzungen, um überhaupt von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Und genau dieses Ziel erreicht die Kampagne, das hat die bisherige Evaluation und auch die Tatsache, dass wir schon einen Preis gewonnen haben, eindeutig gezeigt.

Die Ärzte auf den Plakaten hatten übrigens keine Vorbehalte, sich mit der Botschaft „Ich bin ein Qualitätsprodukt“ zu identifizieren. Selbstverständlich werden alle Zitate mit den jeweiligen Protagonisten abgestimmt. Gleichwohl nehmen wir die Kritik ernst und haben uns, auch zusammen mit der verantwortlichen Agentur, mit ihr auseinandergesetzt.

Da es eine Kampagne für und von Ärzten und Psychotherapeuten ist, ist natürlich das Ziel, das diese sich mit ihr identifizieren können. Dass dies nach wie vor für die sehr große Mehrheit der Fall ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich wieder so viele bei uns gemeldet haben, um mitzumachen und sich selbst vor die Kamera zu stellen.

Gleiches gilt übrigens für die Medizinstudierenden. Vor wenigen Tagen ist die Kampagne „Lass dich nieder“ gestartet, die eigens für den medizinischen Nachwuchs konzipiert wurde. Mit wie viel Spaß die Studentinnen und Studenten und jungen Ärzte in Weiterbildung bei der Sache waren, können sie unschwer auf den Plakaten erkennen.

Für das Fotoshooting, das im März in Berlin stattfand, haben wir innerhalb weniger Tage über 80 Bewerbungen erhalten. Die Motive der Nachwuchs-Kampagne sind noch bis 29. Mai 2014 auf rund 830 Großflächenplakaten und Litfaßsäulen im direkten Umfeld der 37 medizinischen Fakultäten zu sehen. Weitere Plakatschaltungen sind im Herbst zum Start des Wintersemesters geplant.

Hinzu kommen weitere Maßnahmen im Umfeld der Universitäten. Wir haben Sie darüber bereits mit unserem Info-Service informiert und werden dies auch weiterhin regelmäßig tun. Mitte Mai ist auch die Internetseite www.lass-dich-nieder.de online gegangen. Sie soll zu einem zentralen Informationsportal rund um die Niederlassung werden und auch nach dem Ende der Kampagne bestehen bleiben.

Ich habe vorhin gesagt, dass die Merkmale einer freien ärztlichen Tätigkeit auch für Ärzte im Angestelltenverhältnis gelten müssen, wie es ja gerade viele junge Kollegen anstreben. Dieser Freiheitsanspruch beginnt aber schon viel früher. Er wird nicht erst mit dem Facharzttitel erworben, sondern beginnt schon in der Aus- und Weiterbildung.

Für mich heißt das, dass der Nachwuchs frei entscheiden können muss, wie, wo und ich welchem Fach er sich weiterbildet. Die Weiterbildung dient dazu – das sagt ja schon der Begriff – weiter zu kommen, sich auszurichten auf das, was einen fachlich besonders interessiert. Dazu bedarf es der Möglichkeit des Ausprobierens, es bedarf offener Optionen und nicht der Vorfestlegung.

Ich halte das für einen ganz wesentlichen Aspekt, gerade auch im Hinblick auf die Attraktivität des Arztberufes als solchem. Unser Ziel muss sein, die Studierenden durch die Erfahrungen, die sie machen, für ein Fach zu begeistern, nicht durch Vorschriften. Interesse kann man nicht verordnen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich komme zum Schluss und darf noch eine gute Nachricht verkünden. Der lange geplante Newsletter für die Praxis hat am 15. Mai 2014 das Licht der Welt erblickt. Künftig werden wir einmal in der Woche, immer donnerstags, den Ärzten und Psychotherapeuten sowie allen anderen Interessierten mit den „PraxisNachrichten“ einen kompakten Überblick über alles Wissenswerte rund um die Praxis und Gesundheitspolitik geben.

Neben exklusiven Nachrichten zu den politischen Aktivitäten der KBV bilden praxisrelevante Themen sowie Hinweise auf Informations- und Serviceangebote einen Schwerpunkt.

Wir wollen damit nicht in Konkurrenz zu den Serviceangeboten der KVen treten, sondern es geht um den Blick von der und auf die Bundesebene. Damit kommt die KBV einem in Befragungen wie dem Ärztemonitor vielfach geäußerten Wunsch der Niedergelassenen nach, die erfahren wollen, was in ihrer Interessensvertretung passiert und wofür die KBV sich einsetzt.

Alle Ärzte und Psychotherapeuten, die ihre Adresse im Bundesarztregister angegeben haben, erhalten die ersten vier Ausgaben des Newsletter automatisch als Probezusendung. Um die PraxisNachrichten auch danach zu erhalten, müssen sie diese abonnieren – selbstverständlich kostenfrei.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
lassen Sie mich noch einmal auf das Gauck-Zitat vom Anfang zurückkommen, vom Traum vom Paradies, dass dann doch nur Nordrhein-Westfalen war. Gemeint war damit, wie Gauck später einmal sagte, dass, ich zitiere, „es einen Unterschied gibt zwischen Sehnsüchten und Erwartungen einer- und den Handlungsmöglichkeiten auf der Ebene des Politischen andererseits“.

Es ist gut, eine Vision zu haben – auch wenn Helmut Schmidt seinerzeit allen, die Visionen hätten, riet, zum Arzt zu gehen. Es kann motivieren, so lange man die Realität dabei nicht aus den Augen verliert. Wir sollten uns zunächst an das halten, was machbar und vernünftig ist. Aber lassen Sie uns dabei nicht zu schnell zufrieden sein, sondern auch mal „weiter“ denken.

Der Slogan des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen lautet übrigens so schlicht wie prägnant: „Zusammen. Stark.“ Ich finde, das ist ein Motto, an das auch wir uns halten sollten.

Vielen Dank.
(Es gilt das gesprochene Wort.)