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Presse

Mehr Geld für schlechtere Qualität: Kassenvertrag verstößt gegen Qualitätssicherungsvereinbarung

Gemeinsame Pressemitteilung des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte und der KBV

Neumünster/Berlin, 10.10.2013 – Trotz der anstehenden deutlichen Erhöhung der Festbeträge für Hörgeräte drohen massive Qualitätseinbußen bei der Schwerhörigen-Versorgung. Hintergrund ist ein Vertrag zwischen der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker und der AOK sowie rund 100 Betriebskrankenkassen.

Darin verzichten die Vertragspartner auf die Nachuntersuchung beim verordnenden Hals-Nasen-Ohrenarzt und verstoßen damit nicht nur gegen die geltende Hilfsmittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses, sondern auch gegen die zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Spitzenverband Bund der Krankenkassen eigens abgeschlossenen Qualitätsvereinbarung zur Hörgeräteversorgung.

Der Präsident des Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohrenärzte, Dr. Dirk Heinrich, kritisiert das Vorgehen von Kassen und Hörgeräteakustikern: „Die nach § 135 SGB V vorgeschriebene Qualitätssicherung wird nicht mehr stattfinden können. Für die Patienten besteht die Gefahr, dass Komplikationen zu spät erkannt werden.“

Eine der häufigsten Komplikationen, die bei dem Einsatz von Hörgeräten auftreten können, sind Gehörgangsdruckgeschwüre. Ohne die gründliche Nachuntersuchung beim HNO-Facharzt würden sie zu spät erkannt, erklärt Dr. Jan Löhler, Direktor des wissenschaftlichen Institutes für angewandte HNO-Heilkunde in Bad Bramstedt: „Die Patienten melden sich zu spät, nämlich erst dann, wenn die Geschwüre Beschwerden machen.“

Trotzdem es bald deutlich mehr Geld für Hörgeräte gebe, müssten die Patienten aufgrund des Vertrags zwischen Kassen und Hörgeräteakustikern mit einer Verschlechterung der Qualität rechnen. „Das ist absurd“, kritisiert Dr. Löhler. Die Freude über die begrüßenswerte Anhebung des Festbetrags dürfe nicht durch den Makel minderer Qualität zunichte gemacht werden.

Nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Köhler, konterkariert der Vertrag außerdem die gemeinsamen Anstrengungen zur Verbesserung der Behandlungsqualität: „Weder die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker noch die beteiligten Krankenkassen legen offensichtlich großen Wert auf die Qualitätssicherung bei der Hörgeräteversorgung, wie sie Kassenärztliche Bundesvereinigung und Spitzenverband Bund der Krankenkassen festgelegt haben.“

Deshalb sei es Aufgabe der zuständigen Aufsichtsbehörden, umgehend für die Einhaltung der geltenden Hilfsmittel-Richtlinie zu sorgen. „Unter den gegebenen Umständen können die Qualitätsvorgaben von den Ärzten nicht erfüllt werden“, warnt Dr. Dirk Heinrich, Präsident des HNO-Berufsverbands.

Fortschritte hin zu einer systematisch besseren Behandlung der Patienten seien darüber hinaus mit Sparverträgen dieser Art nicht zu erreichen. „Qualitätssicherung geht nur, wenn alle Beteiligten in die Pflicht genommen werden. Das gilt auch für Kassen und Hörgeräteakustiker“, so der Präsident.

Nach Beschluss des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen steigt der Festbetrag für Hörhilfen von schwerhörigen Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung zum 1. November 2013 von 421 auf 785 Euro. Anders als bisher wird die Nachsorge dabei künftig gesondert vergütet. Der deutlich höhere Erstattungsbetrag ist an Vorgaben geknüpft.

So müssen die Hörgeräte bestimmte technische Voraussetzungen, wie den Einsatz von Digitaltechnik und die Auswahlmöglichkeit verschiedener Hörprogramme, erfüllen. Für Erwachsene mit an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit gilt der neue Festbetrag bereits seit Anfang März 2012. Mehr als 500.000 Menschen pro Jahr erhalten in Deutschland ein neues Hörgerät.