Allergien - was sich dahinter verbirgt
Die Tendenz ist ungebrochen: Allergien sind weiter auf dem Vormarsch. Der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) schätzt, dass jeder dritte Deutsche auf Pollen, Hausstaub, Tierhaare oder eine andere Substanz reagiert und es werden immer mehr. Die Liste der häufigsten Beschwerden wird angeführt von der Empfindlichkeit gegen Pollen der verschiedenen Bäume und Gräser, gefolgt von den Kontaktallergien, zum Beispiel gegen verschiedene Metalle. An den nächsten Stellen stehen das allergische Asthma und die Nahrungsmittelallergien.
Die Symptome von der juckenden Hautquaddel bis zum allergischen Asthma oder lebensbedrohlichen Schock zum Beispiel bei Insektengiftallergien beruhen auf einer Reihe gemeinsamer Mechanismen. Am Anfang steht eine Fehleinschätzung des Immunsystems, das eine harmlose Substanz wie Blütenpollen für gefährlich hält und einen komplexen Abwehrmechanismus in Gang setzt. Zu Beginn merkt der Betroffene von dieser Sensibilisierung nichts. Das Abwehrsystem ist aber in der Lage, sich die Substanz auch Allergen genannt zu merken. Kommt er damit erneut in Kontakt, leitet das Immunsystem eine Abwehrreaktion ein. Diese kann innerhalb von Sekunden bis Minuten einsetzen. Zu diesen Soforttyp-Reaktionen gehören der Heuschnupfen, die Allergie gegen Milbenkot im Hausstaub und das allergische Asthma. Im Gegensatz dazu benötigen die Reaktionen vom Spättyp 24 bis 48 Stunden, um spürbare Auswirkungen zu zeigen. In diese Gruppe gehören die Kontaktallergien. Bekanntestes Beispiel ist die Überempfindlichkeit gegen Nickel.
Zwar sind die immunologischen Mechanismen, nach denen die Überempfindlichkeitsreaktionen ablaufen, weitgehend bekannt die letzten Gründe für die Fehlsteuerung sind allerdings noch unklar. Sicher ist, dass die Vererbung eine große Rolle spielt. Ohne familiäre Belastung entwickeln rund 15 Prozent der Kinder eine Überempfindlichkeit. Ist ein Elternteil Allergiker, liegt das Risiko zu erkranken bei etwa 30 Prozent. Wenn Mutter und Vater unter Allergien leiden, steigt die Wahrscheinlichkeit auf bis zu 80 Prozent. Ein einziges Allergie-Gen gibt es aber nach Ansicht der Wissenschaftler nicht. Vielmehr sind eine Reihe von Genen beteiligt zusammen mit Umwelteinflüssen, welche die genetischen Grundlagen erst wirksam machen. Die Umweltverschmutzung hatten Experten lange in Verdacht, eine der Ursachen für die sich ausbreitenden Allergien zu sein. Umfangreiche Studien haben das nicht bestätigen können. Außerdem zeigen die Krankenstatistiken, dass Allergien durchaus nicht in den Ländern am meisten verbreitet sind, in denen die Umweltbelastung am höchsten ist. Zum Beispiel hatten in der ehemaligen DDR nur halb so viele Kinder unter Allergien zu leiden wie in Westdeutschland. Seit der Wende steigt ihre Zahl und gleicht sich dem Westniveau an. Experten vermuten deshalb, dass es vor allem der westliche Lebensstil ist, der Allergien fördert. Ihre Theorie: Vor der Wende kamen die Kinder in Ostdeutschland sehr oft früh in Kinderkrippen, wo sie Kontakt zu Gleichaltrigen hatten und verschiedenen Keimen und Infektionen ausgesetzt waren. Das scheint ein gutes Training für das Immunsystem gewesen zu sein, denn diese Kinder erkrankten seltener an Allergien als ihre Altersgenossen, die nicht oder erst später in Kindergarten oder -krippen kamen. In die gleiche Richtung weisen die Ergebnisse verschiedener Forschergruppen, die zeigen, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener an Allergien erkranken, als ihre Altersgenossen. Die Wissenschaftler vermuten jetzt, dass unser Immunsystem während bestimmter Reifephasen die Provokation durch verschiedene Keime benötigt. Leben die Kinder zu keimfrei, sucht sich das Immunsystem selbst Gegner, die es abwehren kann. Harmlose Substanzen können dann zu Allergenen werden.
Übrigens: Auch das psychische Befinden eines Menschen hat Auswirkungen darauf, wie stark eine vorhandene Allergie zum Tragen kommt. Patienten berichten zum Beispiel darüber, dass sie während einer beruflichen oder privaten Krisensituation viel stärker allergisch reagierten als zu Zeiten, in denen sie ausgeglichen waren.
