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arzt online, 17.11.2004

Kein Chaos beim E-Rezept erwartet

Interview mit Heinz-Theo Rey, IT-Experte der KBV

arzt online:
Bei den Ärzten gibt es im Zusammenhang mit der Telematikinfrastruktur vor allem zwei Sorgen. Es herrscht der Eindruck vor, dass die Ärzte geschröpft werden, um Einsparziele zu erreichen. Und es wird eine Kopfgeburt befürchtet, die viel zu komplizierte und langwierige Abläufe hervorbringt. Können Sie den Ärzten diese Befürchtung zumindest für das elektronische Rezept nehmen?

Heinz-Theo Rey:
Was die Abläufe in der Arztpraxis angeht: An Konzepten für den Ablauf des Signaturvorgangs, die bei größtmöglicher Sicherheit den Betrieb in der Arztpraxis möglichst wenig aufhalten, wird noch gearbeitet. Für die Rezeptierung ist auf jeden Fall keine PIN-Eingabe durch die Patienten erforderlich, so dass hier auch bei alten Menschen nicht mit Problemen zu rechnen ist. Es ist außerdem immer möglich, die Inhalte eines Rezeptes ausdrucken, wenn der Patient etwas in der Hand halten möchte. Die Verbände haben sich darauf verständigt, ein Online-System für das Rezept zu realisieren und eine Speicherung auf der Karte als Backup zumindest mitzutesten. Wir streben eine Speicherung der Rezepte auf Transportservern an, wo das Rezept nach der Einlösung in der Apotheke gelöscht wird.

arzt online:
Können Patienten ihr Rezept telefonisch bestellen und wenn ja, wie würde das funktionieren?

Rey:
Eine telefonische Bestellung ist genauso möglich wie die Weiterleitung des Rezepts an eine Internetapotheke. Ein denkbares Modell für die Telefonbestellung ist, dass der Arzt, der seinen Patienten ja kennt, das Rezept ausstellt, es mit dem ihm bekannten öffentlichen Schlüssel des Patienten verschlüsselt, mit seinem Arztausweis unterschreibt und das Rezept dann auf einem Transportserver deponiert. Der Patient könnte dann ohne erneuten Arztbesuch direkt in eine Apotheke seiner Wahl gehen, sich mit seiner Gesundheitskarte authentifizieren und das Rezept mit Hilfe des privaten Schlüssels auf seiner elektronischen Gesundheitskarte einlösen. Dafür muss auch nicht sofort in jeder Arztpraxis ein Patiententerminal stehen.

arzt online:
Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Welche Kosten kommen auf die Vertragsärzte zu?

Rey:
Die KBV geht von durchschnittlichen Kosten pro Arztpraxis von etwa 2000 Euro aus. Die Betonung liegt auf durchschnittlich. Wer bereits eine moderne EDV mit Netzanschluss hat, kommt möglicherweise mit einigen hundert Euro für neue Kartenleser, für die Softwareerweiterung und eventuell für einen neuen Router hin. Wer noch gar keine EDV hat, wird deutlich mehr investieren müssen. Die Refinanzierung erfolgt über Boni für verschiedene Arten von elektronischen Transaktionen, also nicht nur für elektronische Rezepte. Ungleichheiten zwischen Praxen, die von einer unterschiedlich großen Zahl von elektronischen Transaktionen herrühren, müssen dabei natürlich berücksichtigt werden. Es ist aber auch klar, dass zwar die mit der elektronischen Gesundheitskarte in Zusammenhang stehenden Kosten refinanziert werden, nicht aber die Neuanschaffung eines kompletten EDV-Systems.

arzt online:
Das BMGS hält den Architekturentwurf von protego.net, der Organisation der Selbstverwaltung für die Entwicklung der Karte, für nicht hinreichend ausbaufähig. Das liegt auch daran, dass sich die Selbstverwaltung gegen zentrale Datenserver für die Speicherung einrichtungsübergreifend relevanter, medizinischer Daten ausspricht. Wie sieht Ihr Gegenmodell aus?

Rey:
Wir plädieren für eine dezentrale Speicherung der Patientendaten in den Arztpraxen selbst. Die Dokumente könnten auch so für eine Patientenakte zugänglich gemacht werden. Rein äußerlich würden sich die beiden Modelle für Patienten und Ärzte nicht unterscheiden. Vermieden wird bei unserem Modell aber der Server als zusätzliche Datenebene. Das hat unter anderem den Vorteil, dass jeder Arzt weiß, dass er für die Dokumente, die er für einen Netzzugriff zur Verfügung stellt, auch zuständig und verantwortlich ist.

arzt online:
Was würde das für die Praxis-EDV-Systeme bedeuten?

Rey:
Die nächstliegende Variante ist, eine sogenannte Middleware aufzubauen, also eine Software, die zwischen Praxis-EDV und Telematikinfrastruktur vermittelt. Die würde beispielsweise Hinweise darauf enthalten, welche Dokumente für einen Netzzugriff zur Verfügung stehen und diese dann bei Bedarf bereitstellen. Diese Funktionalität müsste dabei nicht unbedingt von jedem Praxis-EDV-Hersteller neu entwickelt werden.

arzt online:
Technisch gilt die verschlüsselte Speicherung von Daten auf Servern als extrem sicher, und auch die große Mehrheit der Datenschützer sieht das so. Rührt die KBV-Skepsis nicht eher daher, dass diese Server außerhalb des unmittelbaren Zugriffs der Kassenärztlichen Vereinigungen liegen? Anders gefragt: Haben Sie Angst vor privatwirtschaftlichen Dienstleistern, die Aktensysteme entwerfen, mit denen die Ärzte sich dann arrangieren müssten?

Rey:
Viele Menschen fühlen sich wohler bei dem Gedanken, ihre persönlichen Daten in der Obhut ihres Arztes zu wissen und nicht in den Händen eines kommerziellen Unternehmens. Warum sollen wir Industrieunternehmen als Datenverwalter einführen? Wir machen uns damit nur abhängig von deren Preispolitik.

 
Letzte Änderung 14.07.2005
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