Reden und Statements

Früherkennungs-Koloskopie

Statement von Ulrich Weigeldt, Vorstand der KBV, anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz der Felix Burda Stiftung, der KBV, den Spitzenverbänden der Krankenkassen und dem ZI in Berlin


Sehr geehrte Damen und Herren,

Deutschland hält einen traurigen Rekord: Nach Schätzung des Robert Koch-Instituts sind die Erkrankungsraten bei Darmkrebs in Deutschland die höchsten verglichen mit anderen Ländern der Europäischen Union. Jedes Jahr erkranken bei uns rund 60.000 Menschen, etwa die Hälfte stirbt an den Folgen. Darmkrebs ist die zweithäufigste Krebsart sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Darmkrebs ist eine Krebsart, deren Anzeichen bereits im Frühstadium erkennbar sind. Eine Ausweitung lässt sich damit verhindern. Voraussetzung ist allerdings, dass mögliche Vorstufen wie Geschwülste rechtzeitig entdeckt und entfernt werden.

Dieses Ziel verfolgt das Koloskopie-Screening, das seit Oktober 2002 Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung ist. Teilnehmen können alle Versicherten ab 55 Jahren. Um ganz sicher zu gehen, haben sie nach zehn Jahren Anspruch auf eine Folgeuntersuchung. 1,2 Millionen Versicherte haben das Angebot bisher angenommen. Das entspricht einem Anteil von 5,6 Prozent der Männer und 6,8 Prozent der Frauen bei den Berechtigten im Alter von 55 bis 74 Jahren. Im Jahr 2004 haben 638.000 Menschen eine Früherkennungs-Koloskopie vornehmen lassen. Davon wurden 538.000 Fälle dokumentiert und anschließend vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung ausgewertet. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor lag die Gesamtzahl der Untersuchungen noch bei 509.000.

Bei rund einem Drittel der Untersuchten entdeckten die Ärzte Veränderungen in der Darmschleimhaut, so genannte Polypen oder Adenome. Diese können im Rahmen der Untersuchung ohne zusätzlichen Termin sofort entfernt werden. Geschieht dies nicht, kann aus ihnen Krebs entstehen. Bei über 4.000 (oder 0,8 Prozent) der untersuchten Personen hatte sich bereits ein Karzinom gebildet. Befindet sich dieses in einem noch frühen Stadium, ist ein operativer Eingriff weniger belastend. Auf eine Chemotherapie kann in der Regel verzichtet werden. Mit anderen Worten: Auch wenn sich bereits ein Krebs gebildet hat, kann das Screening die Heilungschancen merklich verbessern. Erfreulich ist: Die Akzeptanz der Darmkrebs-Früherkennungs-Untersuchung in der Bevölkerung wächst. Verglichen mit dem Jahr 2003 haben 2004 etwa 25 Prozent mehr Menschen das Angebot einer solchen Untersuchung angenommen. Das gibt Anlass zur Hoffnung. Aber wir können und müssen noch mehr erreichen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf eines besonders hinweisen: Sämtliche Screening-Maßnahmen unterliegen sehr hohen Qualitätsvorschriften. Jeder Arzt, der eine solche Untersuchung durchführt, muss diese erfüllen. Dazu gehören neben seiner fachärztlichen Qualifikation eine Mindestmenge an Untersuchungen, die er pro Jahr erbringen muss, um seine Leistungen überhaupt über die Krankenkasse abrechnen zu dürfen. Damit ist sichergestellt, dass nur erfahrene Ärzte den Eingriff vornehmen. Auch die Anforderungen an die Hygiene und apparative Ausstattung sind hoch. Zugelassene Arztpraxen werden regelmäßig überprüft, ob sie alle Kriterien erfüllen.

Trotzdem ist ein solcher Eingriff nicht völlig frei von Risiken. Die Komplikationsrate ist jedoch relativ gering. Sie konnte 2004 im Vergleich zu der von 2003 noch gesenkt werden: von 3,9 auf 2,8 Promille. Dabei waren die meisten Komplikationen von solcher Art, dass sie noch vor Ort in der Praxis vollständig behoben werden konnten. Natürlich ist eine Darmspiegelung lästig. Aber gemessen an ihrem möglichen Nutzen sollte sie jedem die Überwindung wert sein, meine ich. Denn: Früherkennung kann Leben retten! Wer sich trotzdem nicht zu einer Untersuchung durchringen will, der kann ab dem Alter von 50 Jahren alle zwei Jahre von seinem Arzt einen Test auf Blut im Stuhl (Okkultbluttest) vornehmen lassen. Diese Maßnahme ist zwar nicht so treffsicher wie eine Koloskopie, aber sie reduziert die darmkrebsbedingte Sterblichkeit nachweislich.

Unser Ziel ist, noch wesentlich mehr Menschen zur Teilnahme an der Früherkennungs-Koloskopie zu motivieren. Circa 30.000 Darmkrebstote pro Jahr sind deutlich zu viel – und sie sind vermeidbar. Jedes Jahr erreichen über eine Million Versicherte in Deutschland das Berechtigungsalter für eine Koloskopie von 55 Jahren. Diese Menschen gilt es zu erreichen. Denn: Je früher der Krebs oder seine möglichen Vorstufen erkannt werden, desto größer sind die Heilungschancen. Dafür kann keine Anstrengung zu gering sein. Das gilt auch für unsere Partner im Deutschen Präventionsnetzwerk. Gemeinsam mit ihnen engagieren wir uns für den Darmkrebsmonat März.

Deshalb mein Appell auch an Sie: Helfen Sie uns, das Angebot und die Erfolge, die wir bereits erzielt haben, publik zu machen. Damit eine wirklich sinnvolle Maßnahme zur Erhaltung der Gesundheit und der Lebensqualität eines jeden Einzelnen künftig noch mehr genutzt wird. Denn nur bei einer hohen Teilnahmerate haben wir die realistische Chance, die Zahl der Neuerkrankungen und der Todesfälle an Darmkrebs in den kommenden Jahren auf ein Minimum zu reduzieren.

(Es gilt das gesprochene Wort.)

 
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Wissenschaftliche Begleitung der Früherkennungs-Koloskopie, 2. Jahresbericht 2004 (Folienvortrag) 23.02.2006 PDF zum Download 172 KB
 
Letzte Änderung 23.02.2006
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Ulrich Weigeldt
ehemals Mitglied des Vorstands