Pressemitteilungen 2006

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

Berlin, 3. November 2006 - Mit einer Gedenkveranstaltung in der Neuen Synagoge in Berlin wollen am Sonntag Vertreter der Ärzteschaft an ihre während des Nationalsozialismus vertriebenen und ermordeten jüdischen Kollegen erinnern. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wird die zentrale Gedenkrede halten. Mit der Veranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht soll insbesondere an das Schicksal der rund 2.000 jüdischen Kassenärzte erinnert werden, die damals in Berlin tätig waren und systematisch aus ihrem Beruf verdrängt, unterdrückt und ermordet wurden, wie die Veranstalter am Freitag mitteilten. Die Gedenkstunde ist Teil eines Forschungsprojektes zur Aufarbeitung der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus, das die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin vor vier Jahren initiiert hat.

Veranstalter der Gedenkstunde sind neben der KV Berlin der Bundesverband Jüdischer Ärzte und Psychologen in Deutschland i. Gr., die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Bundesärztekammer, die Jüdische Gemeinde zu Berlin und das Institut für Geschichte der Medizin Hamburg/Berlin. Es ist bereits das dritte Mal, dass die Ärzteverbände gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern.

Zu der Gedenkveranstaltung werden rund 250 Gäste, darunter auch zahlreiche Repräsentanten jüdischer Organisationen und der Politik, erwartet. Im Mittelpunkt stehen die Lebenswege von jüdischen Kassenärzten, die nach 1933 in der Nähe der Neuen Synagoge praktiziert hatten. Die in London lebende Enkelin eines dieser Ärzte, des Urologen Dr. Felix Opfer, wird aus ihrer Erinnerung das bewegende Schicksal der Familie beschreiben. Umrahmt wird das Gedenken von einem Konzert des "Iturriaga-Quartetts" mit Werken der von den Nationalsozialisten verfolgten Komponisten Abel Ehrlich und Ignace Strasfogel.

Bereits vor der Gedenkfeier um 12.00 Uhr haben die Gäste die Möglichkeit, an  Führungen durch und rund um die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße teilzunehmen. Der Rundgang wird auch zu ehemaligen Praxissitzen jüdischer Kassenärzte führen. Deren Lebenswege wurden jetzt erstmals in der Reihe "Jüdische Miniaturen" veröffentlicht. Das von der Medizinhistorikerin Dr. Rebecca Schwoch verfasste und im Buchhandel erhältliche Heft "Jüdische Kassenärzte rund um die Synagoge" ist die erste Veröffentlichung im Rahmen des KV-Forschungsprojektes.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat im Jahr 2002 als eine der ersten ärztlichen Organisationen damit begonnen, die Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts unter dem Titel "Anpassung und Ausschaltung - Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus" werden erstmals die Geschichte der Vorgängerorganisation wissenschaftlich aufgearbeitet und die engen Verstrickungen zwischen den Ärztefunktionären und den NS-Machthabern deutlich gemacht. Die Forschungsarbeiten haben im Juli 2005 am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Hamburg unter Leitung von Frau Dr. Schwoch begonnen.

Wegen der historischen und ethischen Bedeutung für die gesamte Ärzteschaft beteiligen sich auch die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie der Deutsche Ärzteverlag/Deutsches Ärzteblatt finanziell am Projekt. Die Forschungsarbeit wird zu einem Gutteil über Spenden finanziert.

Hintergrund
Von den rund 8.000 Ärzten, die 1933 in Berlin arbeiteten, waren etwa 3.000 jüdischer Herkunft. Etwa 2.000 von ihnen waren als Kassenärzte tätig. Sie stellten damit die Mehrheit der damals insgesamt 3.600 Berliner Kassenärzte. Schon kurz nach der Machtübernahme durch Hitler erschien am 22. April 1933 die erste Verordnung über die Krankenkassenzulassung. Diese erklärte die Tätigkeit von Kassenärzten "nichtarischer Abstammung" für beendet. Sie wurden nach und nach aus dem Arztregister gestrichen. 1938 wurde jüdischen Ärzten die Approbation entzogen. Sie durften sich von da an nur noch "Krankenbehandler" nennen. Nur wenige von ihnen erhielten die Genehmigung, jüdische Patienten weiter zu behandeln. In Berlin waren es 279 von ehemals etwa 2.000 jüdischen Kassen- und 1.000 Krankenhausärzten.


Spendenkonto Forschungsprojekt: Konto KV Berlin Nr. 040 100 3917, Deutsche Apotheker- und Ärztebank, BLZ 100 906 03 (Stichwort: Forschungsprojekt)


Hinweis für Vertreter der Presse: Die Gedenkveranstaltung findet am Sonntag, dem 5. November 2006, um 12.00 Uhr in der Neuen Synagoge/Centrum Judaicum in der Oranienburger Straße 30 in Berlin-Mitte statt. Sollten Sie daran teilnehmen wollen, bringen Sie bitte Ihren Personal- und Presseausweis mit. Die Führungen beginnen bereits um 10.00 Uhr.

 
Letzte Änderung 03.11.2006
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