Klartext-Ausgabe vom 01.01.2007
Ernst, aber nicht humorlos
Geiz macht krank. Zuerst die Patienten, die nicht mehr bedarfsgerecht versorgt werden, dann die Ärzte, deren Leistungen immer stärkeren Restriktionen unterliegen. Deshalb startete die KBV im November eine Kampagne, die vor allem eines wollte: mit überraschenden Mitteln über die Reformfolgen informieren. Näheres von Alexandra Bodemer.
Es ist das wohl größte Protestplakat auf deutschem Boden und das im wahrsten Sinne des Wortes. In der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens bedeckte es 70.000 Quadratmeter, eine Fläche so groß wie zehn Fußballplätze. Aus dem Flieger waren die 40 Meter hohen Buchstaben gut zu erkennen: Geiz macht krank lautete die kurze Botschaft, ein Hinweis auf die gleichnamige Internetseite (www.geizmachtkrank.com). 136.000 Passagiere starten und landen täglich auf dem Rhein-Main-Flughafen. Die Chancen standen also nicht schlecht, dass einige Neugierige auf die Seite klicken, um herauszufinden, wer dahintersteckt. Die Installation des Megatransparents bildete den Auftakt einer PR-Kampagne, die die KBV zusammen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) Mitte November gestartet hat, um auf ihre Kritik an der Gesundheitsreform und deren Folgen aufmerksam zu machen. Das Zeitfenster war klein, denn ursprünglich wollte der Gesetzgeber das Verfahren bis Ende des Jahres abgeschlossen haben. Die Strategie der KBV war es, in kurzen Abständen mit überraschenden Aktionen in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit zu sorgen.
Szenenwechsel: Düsseldorf, Medizinmesse Medica. Am Stand der KBV führen Ärzte ein neuartiges Stethoskop vor. Es macht die eingefangenen Geräusche nicht nur für den Arzt, sondern auch für die Umgebung hörbar. Messebesucher stellen sich zu Demonstrationszwecken zur Verfügung. Herztöne? Alles in Ordnung. Und wie geht es Ihrem Knie?, fragt der weiß bekittelte Herr und platziert das Instrument an entsprechender Stelle. Prompt ertönt der Radetzky-Marsch, zur allgemeinen Erheiterung der Umstehenden. Die Ärzte, die auf diese Weise Aufmerksamkeit erlangen, sind keine echten Mediziner, sondern Schauspieler, die mit Improvisationstheater und interaktiven Aktionen auf die Kampagne hinweisen. Nach dem Auftakt auf der Medica tourte die Gruppe von Ende November bis Anfang Dezember durch zehn deutsche Großstädte, um auf belebten Straßen und Plätzen die Kritik an der Gesundheitsreform auf humorvolle Weise unters Volk zu bringen. Die Schauspieler verteilten Postkarten und Pillendosen mit Beipackzetteln, auf denen die wichtigsten Argumente der KBV und der KVen allgemein verständlich zusammengefasst sind. Wer auf die Seite www.geizmachtkrank.com klickte, konnte dort weitere Dosen bestellen und diese sowie elektronische Postkarten mit den einprägsamen Kampagnenmotiven und Cartoons an Freunde und Bekannte verschicken. Beides, Karten und Pillendosen, fand reißenden Absatz. Unter der Rubrik Mach mit! konnten alle, die der Reform ebenfalls skeptisch gegenüber stehen (und das sollen diversen Umfragen zufolge bis zu neunzig Prozent sein), mit ihrer Unterschrift oder einer E-Mail an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ihre Bedenken dokumentieren. Tausende im Netz gesammelte Unterschriften gingen Anfang Dezember auf der Plane eines LKWs von Berlin aus auf Deutschlandtour. Von Ort zu Ort kamen mehr Unterschriften hinzu. Das PS-starke Gefährt tauchte bevorzugt am Rande von Veranstaltungen auf, die sich der Gesundheitspolitik widmeten. Auf diese Weise sorgte es für zusätzliche Bilder in den Medien.
Ein Highlight der Kampagne war die bundesweite Kittelsammelaktion. Mit Unterstützung aller KVen und deren Bezirksstellen sowie des Deutschen Ärzteblatts waren Mediziner und Praxispersonal dazu aufgerufen, Arztkittel oder andere Berufskleidungsstücke zu spenden. Am 14. Dezember bildeten Medizinstudenten vor dem Berliner Reichstagsgebäude die längste Garderobe der Welt, an der die Ärzte ihre Kittel symbolisch an den Nagel hängten. Sie erinnerten damit an die über 12.000 Ärzte, die bislang ihre Tätigkeit in Deutschland aufgegeben haben, weil sie im Ausland bessere Arbeitsbedingungen vorfanden.
Der Protest der KBV gegen den möglichen Exodus weiterer gut ausgebildeter Mediziner aufgrund der Gesundheitsreform machte Politik-Lobbyisten offenbar nervös. Sie lancierten falsche Informationen über angebliche Mietdemonstranten und motivierten Journalisten, gegen die Aktion anzuschreiben. Damit bescherten sie dem PR-Event ein größeres Medienecho, als die Organisatoren zu hoffen gewagt hatten.
Die KBV hat sich in den vergangenen Monaten mehrfach mit pragmatischen Vorschlägen in die Debatte eingeschaltet. Niemand sitzt so direkt an der Schnittstelle zwischen Arzt, Patient und Krankenkasse wie wir. Deshalb sind wir uns auch so sicher: Das, was da kommen soll, weist in die falsche Richtung. So erklärte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Köhler, die Motivation seiner Organisation. Außerordentliche Situationen erfordern eben manchmal besondere Maßnahmen.

