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Ein faules Ei als Plakatmotiv der Aktion 'Patient in Not'
Plakatmotiv der Aktion "Patient in Not"

Klartext-Ausgabe vom 01.01.2007
 

Große Koalition von unten


Nie zuvor haben sich so viele Verbände im Gesundheitswesen zusammengetan, um gemeinsam für eine Sache zu kämpfen. Die Interessen von Ärzten, Zahnärzten, Apothekern, Krankenhäusern, Pflegern und Heilberuflern sind nicht immer deckungsgleich. Aber diesmal wollen sie alle dasselbe: verhindern, dass die Gesundheitsreform die Patientenversorgung massiv verschlechtert. Über die Informationskampagne „Patient in Not“ berichtet Alexandra Bodemer.

Patienten in deutschen Wartezimmern hatten in den Wochen vor Weihnachten mehr Lektüre als die üblichen Lesezirkelblätter. Mit Plakaten und Handzetteln informierten Ärzte, Therapeuten und andere Leistungserbringer über die Folgen der Gesundheitsreform. Initiatoren der gemeinsamen Kampagne unter dem Motto „Patient in Not – diese Reform schadet allen“ waren die Bundesärztekammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), die KBV und der Marburger Bund. Der Beschluss dazu fiel auf dem außerordentlichen Deutschen Ärztetag am 24. Oktober in Berlin. In den darauffolgenden Wochen schlossen sich etwa 40 weitere Organisationen an.

Da die ganze Kampagne in kürzester Zeit und ohne großes Budget auf die Beine kommen musste, waren vor allem die Spontaneität und Kreativität aller Beteiligten gefordert. Der Erfolg hing maßgeblich vom Engagement der Verbände in den Regionen und der Basis vor Ort ab. Allein die Aufzählung der Maßnahmen in einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) füllen seitenlange Listen. Dabei ging es weniger um Boykott als vielmehr um Aufklärung und den Austausch von Argumenten. Vor allem den Patienten wollten die Leistungserbringer plastisch vor Augen führen, welche Konsequenzen die Pläne der Bundesregierung haben würden: Abbau der wohnortnahen ambulanten und stationären Versorgung, lange Wartezeiten, Minderversorgung mit erheblichen Qualitätseinbrüchen und Verschärfung der Rationierung in allen Bereichen.

Am zum bundesweiten Aktionstag auserkorenen 4. Dezember setzten die protestierenden Ärzte, Apotheker und anderen Teilnehmer die Normalversorgung in vielen Teilen des Landes außer Kraft. Die Notfallversorgung blieb davon unberührt. „Wir wollen zeigen, wie die Zukunft aussieht, wenn die Reformpläne durchgepeitscht werden“, so die Organisatoren. Dementsprechend gingen am 4. Dezember in vielen Praxen im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter aus. Ärzte empfingen ihre Patienten bei Kerzenschein. Andere gaben ihrem Praxispersonal frei und kümmerten sich neben der eigentlichen Behandlung auch noch um Anmeldung, Rezeptvorbereitung und alles andere. So erlebten die Patienten hautnah, wohin der Sparzwang im niedergelassenen Bereich führen kann. In Fußgängerzonen unterrichteten Mediziner Passanten im Blutabnehmen, nach der Devise „Besser, Sie können’s selbst“. Ärzte in weißen Kitteln besuchten Weihnachtsmärkte und verteilten bittere Tropfen oder saure Äpfel als „Vorgeschmack auf das, was kommen wird“. Andere Kollegen besuchten extra an diesem Tag von ihrer KV angebotene Fortbildungen, etwa zum Qualitätsmanagement oder zur Bonus-Malus-Regelung. Auf diese Weise blieb rund ein Drittel der Praxen bundesweit geschlossen. In allen KV-Bezirken fanden zentrale Informationsveranstaltungen, Kundgebungen oder Podiumsdiskussionen statt. Zu diesen luden die Veranstalter gezielt Politiker ein, um den unmittelbaren Dialog zu fördern. „Kein Bundestagsabgeordneter soll später sagen können, es habe vor der Abstimmung über die Reform keine Gelegenheit zu Gesprächen mit Patienten gegeben oder mit denjenigen, die diese Menschen tagtäglich mit großem Engagement versorgen“, hieß es dazu in einem Infobrief der Ärztekammer Nordrhein. Verknüpft wurde der Protest vielerorts mit der Kittelsammelaktion der KBV-eigenen Kampagne „Geiz macht krank“ (siehe Seite 4). Zahlreiche Pressekonferenzen flankierten die Maßnahmen vor Ort.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Unter diesem Motto rief der Bundesverband Deutscher Apotheker seine Mitglieder zur Teilnahme am Aktionstag auf. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände versorgte alle Interessierten mit Vorschlägen, wie sie sich beteiligen können. Absperrbänder und Hinweisschilder in den Apotheken („Wenn die Reform kommt, fällt dieser Service- und Beratungsbereich weg“) setzten die eingeschränkte Versorgung bildlich in Szene. Auch die Kliniken beteiligten sich mit Plakaten und Infoständen an dem Aktionstag; an etwa 300 Krankenhäusern fanden Veranstaltungen oder Kundgebungen statt.

Die DKG hatte ebenfalls Vorschläge für mögliche Maßnahmen in den Regionen vorbereitet. Diese reichten vom Aufhängen überdimensionaler Sparstrümpfe bis hin zum buchstäblichen Pfeifen aus dem letzten Loch unter Einsatz präparierter Blockflöten. Wie auch bei den Niedergelassenen entschied das Personal vor Ort, ob und in welcher Form es sich beteiligen wollte.

 
Letzte Änderung 01.01.2007
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Alexandra Bodemer
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