Arztzahlstudie 2005: Daten, Fakten, Trends
3. Auflage
Die KBV und die Bundesärztekammer führen in regelmäßigen Abständen Arztzahlstudien durch. Darin abgebildet sind die Entwicklung der Altersstruktur und der Arztzahlen. Insbesondere die Nachwuchsentwicklung, die Entwicklung der Arztzahlen im ambulanten und stationären Sektor sowie die Zuwanderung von Ärzten aus dem Ausland und die Emigration deutscher Ärzte werden analysiert.
Dokumente zum Download
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Präsentation der Studie zur Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung von Dr. Thomas Kopetsch |
27.09.2005 |
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Statement von Prof. Jörg-Dietrich Hoppe zur Arztzahlstudie |
27.09.2005 |
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Statement von Dr. Andreas Köhler, Vorsitzender des Vorstands der KBV
Sehr geehrte Damen und Herren,
wenn ich meine Kollegen von den Kassenärztlichen Vereinigungen in den neuen Bundesländern frage, welches ihr dringendstes Problem ist, lautet die Antwort: der Ärztemangel. Frage ich das meine Kollegen aus den alten Bundesländern, taucht der Ärztemangel mit Sicherheit an Stelle zwei oder drei auf.
Wie dringend das Problem ist, zeigte mir kürzlich eine hausärztliche Kollegin aus Sachsen-Anhalt: In ihrem Versorgungsgebiet mit ca. 12.000 Einwohnern gibt es nur noch einen anderen Hausarzt, der ist 66 Jahre alt und geht spätestens nächstes Jahr in den Ruhestand. Das wollte er eigentlich schon vor einem Jahr tun, aber er konnte keinen Nachfolger finden. Für die Kollegin bedeutet die heutige Situation schon eine Woche mit mehr als 70 Arbeitsstunden, ständige Notdienste und keine Aussicht auf Besserung der Situation. Wenn der Kollege ausscheidet, kann sie die Patienten, die einen neuen Hausarzt brauchen, auf gar keinen Fall alle betreuen. Hinzu kommt, dass sie von ihrer Praxis gerade einmal so leben kann; die Punktwerte sind extrem niedrig, der Investitionsbedarf ihrer Praxis, die sie vor vier Jahren eröffnet hat, war sehr hoch. Übrig bleibt da nicht viel.
Diese Kollegin ist verzweifelt: sie kann nicht noch mehr leisten, als sie es sowieso schon tut, und wenn es nicht gelingt junge Kollegen zu motivieren, sich in ihrem Gebiet niederzulassen, wird über kurz oder lang auch sie aufgeben. Ein Einzelfall, sagen einige Politiker immer noch. Nein, meine Damen und Herren, das ist heute kein Einzelfall mehr, und er beschränkt sich auch nicht auf die neuen Bundesländer und auch nicht auf Hausärzte. Das beweist die Studie, die wir Ihnen heute vorstellen. Hören Sie sich die Zahlen und Fakten, die Dr. Thomas Kopetsch Ihnen gleich vorträgt, bitte sehr genau an. Denn sie zeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Und zwar unabweisbar.
Als KBV und BÄK vor einigen Jahren auf den drohenden Ärztemangel hingewiesen haben, waren die Reaktionen darauf in Politik und Öffentlichkeit noch sehr skeptisch. Das hat sich Gott sei dank mittlerweile geändert: unsere permanenten Warnungen, die auf tragfähigen Auswertungen basieren, zeigen langsam aber sicher Wirkung. Aber von der Erkenntnis, dass wir ein Problem haben bis hin zur Lösung des Problems ist es ein weiter Weg.
Wenn wir jetzt nicht handeln, ist eine Unterversorgung der Bevölkerung vorprogrammiert. Es ist also allerhöchste Zeit, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um den drohenden Kollaps der medizinischen Versorgung in weiten Teilen Deutschlands zu verhindern. Das können BÄK und KBV nicht alleine. Wir brauchen dazu den Gesetzgeber, wir brauchen dazu die Krankenkassen. Denn beheben lässt sich der Ärztemangel vor allem durch eine gezielte Nachwuchsförderung und Rahmenbedingungen für die Ausübung des Arztberufes, die attraktiv sind. Denn unsere Zahlen zeigen: nicht die Studenten fehlen, auch nicht die approbierten Ärzte. Das Problem liegt vor allem darin, dass Ärzte nach Beendigung ihrer Ausbildung eben nicht in die Patientenbehandlung gehen, sondern in andere Bereiche abwandern.
Eine Studie, die das Bundesministerium für Gesundheit zu den Gründen des Ausstiegs aus der kurativen ärztlichen Berufstätigkeit in Deutschland in Auftrag gegeben hat, benennt die Ursachen: eine als nicht angemessen erachtete Bezahlung, die zeitliche Überlastung und der hohe Aufwand an nicht-ärztlichen Tätigkeiten, also an Bürokratie. Das gilt übrigens unabhängig davon, ob die Ärzte ambulant oder stationär tätig sind. An allen drei Baustellen müssen wir also dringend arbeiten, wollen wir junge Kollegen für die Tätigkeit am Patienten wieder gewinnen.
Für die ambulante Versorgung bedeutet das ganz konkret: Weg mit den Budgets! Keine floatenden Punktwerte mehr! Jede angemessen ärztliche Leistung muss endlich angemessen vergütet werden! Das heißt: wir fordern den Gesetzgeber dringend dazu auf, mit uns gemeinsam eine Vertragsgebührenordnung in Euro zu etablieren. Es bedeutet auch, endlich mit dem Bürokratieabbau ernst zu machen. Sie kennen vielleicht die Umfrage der KBV, wonach heute jeder Vertragsarzt durchschnittlich pro Woche ca. 14 Stunden nur mit Bürokratie verbringt. Das muss deutlich weniger werden! Gelingt uns das, ist auch das dritte Problem im ambulanten Bereich nicht mehr so schlimm: weniger Bürokratie und genügend Anreize für andere Kollegen, sich niederzulassen, bedeuten auch eine Entlastung hinsichtlich der Arbeitszeiten.
Aber nicht nur durch Anreize für Kolleginnen und Kollegen sich niederzulassen, können wir dem Ärztemangel begegnen. Ein weiterer, aus der Studie ersichtlicher Grund für den Mangel liegt darin, dass viele Kolleginnen aufgrund der heutigen Rahmenbedingungen nicht in der Patientenversorgung tätig sein können. Das Vertragsarztrecht muss dahingehend geändert werden, dass auch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen teilzeittätige Ärztinnen und Ärzte anstellen können, dass die Flexibilität größer wird und die Bindung des Vertragsarztes an einen Praxissitz deutlich geringer wird. Damit könnte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich erhöht werden und ein derzeit brachliegendes Potenzial hochqualifizierter Ärztinnen wieder für Patienten gehoben werden.
Auch Bedarfsplanung und Zulassung müssen neu geregelt werden. Abhängig von der Morbiditätsstruktur der Bevölkerung müssen neue Unterversorgungsgrenzen definiert werden. Die starren und willkürlichen Grenzen der Vergangenheit taugen nicht mehr angesichts der Altersstruktur und Morbidität der Bevölkerung. Gelingt das nicht, ist eine an den jeweiligen regionalen Besonderheiten ausgerichtete sinnvolle Versorgungsstruktur kaum möglich.
Versorgungsengpässe, die keiner will, lassen sich nur verhindern, wenn Politik, Gesetzgeber, Öffentlichkeit und ärztliche Organisationen gemeinsam handeln. Dazu fordern wir insbesondere die neue Regierung auf.
Vielen Dank.