Klartext

Klartext Ausgabe vom 01.07.2002

Brücken bauen und auf Graten wandern

Seit April ist sie etablierter Bestandteil der KBV: die Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen. 1999 war sie zunächst als befristetes Projekt eingerichtet worden. Adela Litschel zieht eine Zwischenbilanz.

Zahlreiche neue Kooperationsformen zwischen Selbsthilfeorganisationen und der KBV und ein wesentlich verbessertes Verhältnis zwischen Vertretern der Selbsthilfe und Ärzten sind das Ergebnis von drei Jahren Arbeit der Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen. Neue Strukturen wie das Patientenforum und gemeinsame Veranstaltungen wie das KBV-Symposium zum Thema Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen haben sich entwickelt. Dass die Einrichtung einer Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen in der KBV einen politischen Trend vorweggenommen hat, zeigen die vergangenen Monate. Bei zahlreichen gesundheitspolitischen Diskussionen, Veranstaltungen und Programmen wird in jüngster Zeit die Bedeutung der Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen besonders hervorgehoben. Die Erfahrungen aus den ersten drei Jahren der Kooperationsstelle haben allen Beteiligten gezeigt, dass Kooperation – zunächst nur ein abstrakter Begriff – durch konkrete gemeinsame Veranstaltungen mit Leben gefüllt wird.

Eine verbindliche Definition von Kooperation gibt es nicht. Der Begriff wird in den unterschiedlichsten Disziplinen und Kontexten vielfältig ausgelegt und übersetzt. Er hat viele Synonyme: Netzwerke, Koordination, Bildung von Allianzen. Auch löst er unterschiedliche Assoziationen aus, etwa das Bild einer Brücke zwischen zwei Ufern, eines Balanceakts oder einer Gratwanderung zwischen zwei gegensätzlichen Positionen. Der Wunsch nach Kooperation wird immer dann geäußert, wenn zunächst scheinbar unlösbare Probleme auftauchen oder es um den Ausgleich unterschiedlicher Standpunkte und Interessen geht. Diese Erfahrung spiegelt sich in der Arbeit der Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen wider. Die tägliche Praxis zeigt, dass die Definition von und die Erwartungen an Kooperation je nach Betrachter unterschiedlich ausfallen, sodass eine erfolgreiche Zusammenarbeit zunächst eine Begriffs- und Zielbestimmung der Kooperationspartner erforderlich macht. Wissenschaftliche Studien über die Kooperation zwischen Ärzten und Vertretern der Selbsthilfe im Gesundheitswesen bestätigen diese Erfahrungen, so Peter Röhrig et al. (1989), Slesina Meye et al. (1990), Karin Stötzner im Forschungsbericht „Anforderung an die Kooperation zwischen dem System professioneller Gesundheitsversorgung und der Selbsthilfe“ (1999) oder Petra Findeiß im Projektbericht „Modelle der Einbindung von Selbsthilfe-Initiativen in das gesundheitliche Versorgungssystem“ (2000). Danach ist eine erfolgreiche Kooperation zwischen unterschiedlichen Partnern nur möglich, wenn ausreichende Informationen übereinander ausgetauscht werden, zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen, es verbindliche Regeln und vernetzte Angebote gibt. All das sind angemessene Rahmenbedingungen. Und die Kooperation lebt vor allem von persönlichen Kontakten. Sie setzt die Reflexion der eigenen Zielvorstellungen und transparente Strukturen voraus.

Viele Wissenschaftler unterscheiden zwischen direkten und indirekten Kooperationsformen. In der Arbeit der Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen haben sich neben indirekten Formen wie der Versendung von Informationsmaterialien an interessierte Vertreter der Selbsthilfe direkte Kooperationsformen entwickelt. Im Patientenforum, einem Zusammenschluss der Dachverbände der Selbsthilfe, der Bundesärztekammer und der KBV, findet ein direkter Austausch statt. Am KBV-Symposium zum Thema Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen im Herbst 2001 in Königswinter waren alle genannten Organisationen beteiligt. Gerade in diesem direkten Austausch aber werden die Grenzen der Zusammenarbeit deutlich. Sie zeigen sich zum Beispiel in der Frage, wie verbindlich gemeinsame Entscheidungen im Patientenforum sind, oder in der konkreten Forderung vieler Patientenvertreter nach einer Beratungsbeteiligung im Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen. Damit Kooperation zu einer Brücke zwischen zwei Ufern und nicht nur zu einer Gratwanderung zwischen zwei unterschiedlichen Positionen wird, brauchen alle Partner den Mut, über die eigenen Vorurteile und Bedenken hinwegzuschauen und nach gemeinsamen, vielleicht auch gelegentlich unorthodoxen Lösungen zu suchen. Die tägliche politische Erfahrung zeigt, dass runde Tische allein nicht ausreichen, um die gegensätzlichen Interessen im Gesundheitswesen zu überbrücken. Dazu braucht man Vereinbarungen, Verträge und klare gemeinsame Zielabsprachen. Kooperation kann nicht verordnet werden, sondern muss sich entwickeln.

 
Letzte Änderung 01.07.2002
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Adela Litschel
Referentin der Kooperationsstelle für Selbsthilfeorganisationen