Vorstellung der Ergebnisse des vertragsärztlichen Referendums 2006
Statement von Dr. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der KBV,
anlässlich des Pressegesprächs am 9. Januar 2007 in Berlin
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Spannung haben wir alle sie erwartet: die Ergebnisse des vertragsärztlichen Referendums. Im März vergangenen Jahres hat die KBV-Vertreterversammlung mit Unterstützung aller Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Durchführung einer umfassenden Befragung der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten in Deutschland beschlossen. Vor dem Hintergrund der ständig steigenden Berufsunzufriedenheit der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, verfallender Punktwerte, enormer Bürokratie, weiterer Einschränkungen in der Therapie- und Verordnungsfreiheit und einer nie gekannten und bis heute anhaltenden öffentlichen Protest- und Demonstrationswelle war es aus unserer Sicht überfällig, gesicherte Erkenntnisse darüber zu erhalten, was die Ärzte und Psychotherapeuten denken.
Die Methodik und die Validität der Umfrage das wird Ihnen das von uns beauftragte unabhängige und renommierte Institut infas zusammen mit den Detailergebnissen gleich erläutern garantieren fundierte, verlässliche Ergebnisse. Da ist nichts geschönt oder manipuliert. Wir wollten genau das bekommen: unverfälschte, ehrliche Daten, so dass wir wissen, was unsere Mitglieder wollen und meinen. Nach genauer Analyse der Ergebnisse werden wir Konsequenzen daraus ziehen, was die Ziele, die Prioritäten und die Ausrichtung des KV-Systems angeht.
Das wichtigste Ergebnis für uns: Die überwiegende Mehrheit unserer Mitglieder hält trotz unbestreitbarer Probleme und teilweise harscher Kritik am KV-System fest. Das belegen die beiden zentralen Fragen nach dem Systemwechsel und danach, ob das KV-System unter Abwägung aller Vor- und Nachteile eine zukunftssichere Interessenvertretung der niedergelassen Ärzte und Psychotherapeuten darstellt. 73 Prozent aller Befragten bevorzugen das heutige System mit einigen Verbesserungen, 15 Prozent wollen lieber ein marktwirtschaftliches System und nur sieben Prozent plädieren für ein staatlich gelenktes System. Als zukunftssichere Interessenvertretung sehen mit 63 Prozent aller Befragten immer noch fast zwei Drittel unserer Mitglieder das KV-System. An dieser Frage lässt sich auch sehr gut zeigen, dass sowohl das Lebensalter als auch das Geschlecht der Befragten eine Rolle spielen: Während 61 Prozent aller männlichen Befragten im KV-System eine zukunftssichere Interessenvertretung sehen, sind dies bei den weiblichen Befragten 68 Prozent, bei den unter 45-jährigen sind es 62 Prozent, bei den 45 bis 54-jährigen 63 Prozent und bei den über 55-jährigen 65 Prozent. Lebensältere, die zumeist auch länger im KV-System tätig sind, bewerten das System also positiver als jüngere, die vor allem die sich immer weiter verschlechternden Rahmenbedingungen der vergangenen Jahre erlebt haben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass die KVen in den neuen Bundesländern durchschnittlich besser abgeschnitten haben als die in den alten Bundesländern und dass Psychotherapeuten das KV-System deutlich besser beurteilen als Ärzte. Beides zusammen ist ein Indiz dafür, dass Gruppen, die vor ihrer Einbeziehung in das KV-System ein anderes System kennen gelernt haben, seine Vorteile deutlich mehr zu schätzen wissen. Anders ausgedrückt: Wer noch die Zeiten der Erstattung psychotherapeutischer Leistungen durch die Krankenkassen ohne den Schutz des Kollektivvertrags und der Abrechnung über die KVen erlebt hat, will eher nicht in dieses System zurück. Und wer in der ehemaligen DDR das dortige System aus eigener Erfahrung kennt, ist durchschnittlich zufriedener mit dem heutigen System als ein Kollege ohne diese Erfahrung.
Beachtenswert ist übrigens noch ein anderer Unterschied: Hausärzte (73 Prozent) sind etwas zufriedener mit dem KV-System als Fachärzte (71 Prozent). Immerhin neun Prozent der Hausärzte möchten eher ein staatlich gelenktes System, bei den Fachärzten sind das nur vier Prozent. 20 Prozent der Fachärzte möchten dagegen eher ein marktwirtschaftliches System, bei den Hausärzten sind dies nur 13 Prozent. Fachärzte stehen also offensichtlich dem freien Vertragswettbewerb positiver gegenüber als Hausärzte. Woran genau das liegt, bedarf noch weiterer Analyse. Zu vermuten ist allerdings, dass Fachärzte mit ihrem meist klar definierten Behandlungsspektrum mehr Bewegungsfreiheit möchten, während Hausärzte ihrer sehr unterschiedlichen Patienten wegen eher klar definierte Rahmenbedingungen wollen und ihr Vertragsmanagement möglichst einfach gestalten möchten.
Das korreliert auch mit der Frage danach, ob die Abrechnung bei gesetzlich Versicherten genau wie bei Privatpatienten nach dem Kostenerstattungsprinzip erfolgen sollte. Insgesamt beantworten 69 Prozent aller Befragten diese Frage mit Ja. Bei Fachärzten erreicht die Zustimmung zur Kostenerstattung den Rekordwert von 82 Prozent, bei Hausärzten sind es 66 Prozent, bei Psychotherapeuten die dieses System oft noch aus eigener Erfahrung kennen 46 Prozent. Frauen sind dabei deutlich skeptischer als Männer: 64 Prozent der Frauen wollen die Kostenerstattung, bei den Männern sind es 72 Prozent.
Festzuhalten bleibt für das KV-System, dass eine deutliche Mehrheit der Vertragärzte und -psychotherapeuten die Kostenerstattung vorzieht. Dies mag vor allem daran liegen, dass die Befürworter der Kostenerstattung damit ein Ende der Budgetierung verbinden: Diese fordern 95 Prozent aller Befragten. Das ist und bleibt das wichtigste Ziel der Interessenvertreter der Ärzte. Mit den Ergebnissen des Referendums können wir den Politikern gegenüber nachweisen: Wenn die Budgetierung nicht beendet wird, sind bereits heute rund ein Drittel der Vertragsärzte bereit, aus dem System auszusteigen! Weitere zwei Drittel lehnen das Sachleistungsprinzip ab. Da muss sich schnell und spürbar etwas ändern! Für die Gesundheitsreform heißt das zwingend: Die immer noch im Reformentwurf enthaltenen Bestimmungen zur Honorarreform sind zu verändern, so dass die Budgetierung tatsächlich und endgültig abgeschafft wird. Nur dann wird es gelingen, eine gute, flächendeckende und qualitativ hochwertige ambulante Versorgung aller Versicherten aufrecht zu erhalten.
Sehr geehrte Damen und Herren,
das vertragsärztliche Referendum bietet neben diesen zentralen Aussagen noch viel mehr. Da ist viel Kritik am KV-System zu spüren. Vor allem geht es darum, dass unsere Mitglieder uns für der Politik gegenüber nicht durchsetzungsfähig genug halten. Es geht aber auch darum, dass bestimmte Aufgaben zu bürokratisch wahrgenommen werden. Intransparenz und mangelnde Praxisbezogenheit der Funktionäre stehen ebenfalls ganz oben auf der Kritik-Liste. Wir werden uns all diese Punkte sehr genau ansehen und mit aller Kraft an der Behebung dieser Schwächen arbeiten. Das KV-System ist fähig zum Wandel, zur Modernisierung und zur stärkeren Ausrichtung auf die Bedürfnisse und Interessen unserer Mitglieder. Das werden wir zügig und nachhaltig beweisen. Wir werden es auch beweisen müssen, denn ich gehe davon aus, dass das nicht die letzte Befragung dieser Art war. Unsere Mitglieder werden unsere Arbeit auch in Zukunft bewerten und darüber entscheiden, ob es uns gelingt, das System zu verbessern. Ist das nämlich nicht der Fall, werden wir die Quittung bekommen. Und das ist gut so!
(Es gilt das gesprochene Wort.)

