KBV-Referendum - Zusammenfassung
Hintergrund
Im Auftrag der kassenärztlichen Bundesvereinigung befragte infas zwischen dem 26. September und dem 6. Dezember 2006 per Telefoninterview über 20.000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten zum KV-System. Dazu waren per Zufallsstichprobe aus dem Bundesärzteregister 37.294 Ärzte und Psychotherapeuten für die Befragung ausgewählt und angerufen worden. 20.032 von ihnen vollendeten die Interviews, was einer Ausschöpfungsquote von 54 Prozent entspricht. Zum Vergleich: Üblich sind bei Ärztebefragungen Ausschöpfungsquoten zwischen zehn und 20 Prozent. Die Interviews dauerten durchschnittlich zehn Minuten. Gegenstand der Befragung waren folgende Themen:
- Kenntnisse über die Tätigkeit der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV)
- Zufriedenheit mit der Tätigkeit der KVen
- Gesamtzufriedenheit mit den KVen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
- Gründe für eventuelle Unzufriedenheit mit KV und KBV
- Einschätzungen zum KV-System und zur Notwendigkeit ausgewählter Tätigkeiten
- Aktivitäten zur Rückgabe von Kassenzulassungen
- Gesundheitspolitische Forderungen
- bevorzugte Vertragsmodelle
- Haltung zum KV-System als Interessenvertretung
Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung
Mehrheitliche Informiertheit über die konkrete Tätigkeit der KVen
Zwischen 63 und 87 Prozent der Ärzte sind genau oder einigermaßen über die konkrete Tätigkeit der KVen in acht abgefragten Themengebieten informiert (Abrechnung und Honorarauszahlung, Unterstützung bei Niederlassung, Aushandlung von Kollektivverträgen, Wirtschaftlichkeitsprüfungen, Sicherstellungsauftrag, Interessenvertretung, Beratungsangebote, Qualitätssicherung).
Am besten fällt die Informiertheit der Befragten über die Tätigkeit der KV bezüglich Abrechnung und Honorarauszahlung sowie Sicherstellungsauftrag aus, am schlechtesten über die Interessenvertretung im Gesetzgebungsverfahren und die Aushandlung von Kollektivverträgen.
Durchwachsenes Bild bei der Bewertung der konkreten Tätigkeit der KVen
Die in Schulnoten gemessene durchschnittliche Zufriedenheit mit der Aufgabenerfüllung der KVen schwankt zwischen 2,7 und 4,1. Am besten wurden die Zuverlässigkeit der Abrechnung und Honorarauszahlung sowie die Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung bewertet. Am schlechtesten wurde die Interessenvertretung im Gesetzgebungsverfahren beurteilt.
Zufriedenheit mit KVen größer als mit KBV
Die durchschnittliche Bewertung der regionalen KVen fiel wiederum in Schulnoten gemessen - mit 3,1 deutlich besser aus als die durchschnittliche Bewertung der KBV mit 3,8. Psychotherapeuten beurteilen sowohl ihre regionale KV als auch die KBV besser als Haus- und Fachärzte. Frauen sind mit KV und KBV zufriedener als Männer.
Hauptkritikpunkt: Interessenvertretung
Vier von fünf Befragten waren mit der KBV oder KV im allgemeinen oder mit der Tätigkeit der KV in mindestens einem Bereich nicht zufrieden. Sie wurden in einer offenen Frage gebeten, die Gründe für ihre Unzufrie-denheit zu erläutern. Mit Abstand am häufigsten kritisiert wurde die Interessenvertretung durch das KV-System. Fast vier von zehn Unzufriedenen - 40 Prozent der Hausärzte, 37 Prozent der Fachärzte und 25 Prozent der Psychotherapeuten gaben als Grund für ihre Unzufriedenheit eine allgemein schlechte Interessenvertretung durch das KV-System an. Explizit kritisiert wurde auch die Interessenvertretung gegenüber der Politik und den Krankenkassen (34 Prozent bzw. 21 Prozent der Unzufriedenen). Diese Kritikpunkte wurden von Haus- und Fachärzten ebenfalls erheblich häufiger genannt als von Psychotherapeuten. Männer kritisierten die Inte-ressenvertretung durch die KV dabei deutlich häufiger als Frauen. Als zweithäufigstes Thema wurde als Grund für die Unzufriedenheit mit dem KV-System die Benachteiligung der eigenen Arztgruppe genannt: Jeder fünfte Unzufriedene kam darauf zu sprechen - 17 Prozent der Hausärzte, 19 Prozent der Fachärzte und 50 Prozent der Psychotherapeuten.
KV-System ohne Alternative, aber mit praxisfernen Funktionsträgern
Eine deutliche Mehrheit von 60 Prozent der Befragten sieht trotz zahlreicher Kritikpunkte keine wirkliche Alternative zum KV-System. Zwei Drittel der Befragten glauben allerdings, dass die meisten Funktionsträger die wirklichen Probleme des einzelnen Arztes oder Psychotherapeuten nicht erkennen. Dennoch ist mit 53 Prozent eine knappe Mehrheit der Befragten der Auffassung, dass die KV die Interessen von Ärzten und Psychotherapeuten vertritt, so gut sie kann und der Gesetzgeber es zulässt. Das KV-System wird umso kritischer beurteilt, je jünger die Befragten sind und umso wohlwollender, je älter sie sind. Auch die Informationspolitik wird je nach Altersgruppe unterschiedlich beurteilt: 76 Prozent der unter 45-Jährigen sind der Auffassung, dass die KV ihre Mitglieder stärker über ihre Tätigkeit informieren sollte; bei den über 54-Jährigen sind es 69 Prozent. Verschiedene Prüfmaßnahmen der KV werden von den Befragten sehr unterschiedlich eingeschätzt: 87 Prozent der Befragten halten Abrechnungsprüfungen im Interesse aller Vertragsärzte für notwendig, Qualitätssicherungsmaßnahmen wie Praxisbegehungen halten dagegen nur 41 Prozent für notwendig.
Vier von zehn Ärzten haben Systemausstieg erwogen
Fast vier von zehn Befragten haben die Rückgabe der Kassenzulassung schon einmal ernsthaft erwogen. Männer haben entsprechende Überlegungen deutlich häufiger angestellt als Frauen. Jeder neunte Befragte hat sich über die Möglichkeit einer Rückgabe der Kassenzulassung schon einmal rechtlich beraten lassen. Rechtsanwälte, Kollegen und Berufsverbände wurden deutlich häufiger als Beratungsquelle genannt als die KV oder die Ärztekammer.
Gesundheitspolitischen Forderungen: Budgetabschaffung dringlichster Wunsch
Zu ausgewählten gesundheitspolitischen Forderungen (Abschaffung der Budgets, Einführung des Kostenerstattungsprinzips, Verlagerung des Morbiditätsrisikos auf die Krankenkassen, Begrenzung der Wirtschaftlichkeitsprüfungen, Entbürokratisierung der Abrechnungen) gab es eine breite Zustimmung. Die höchste Zustimmungsquote von 95 Prozent gibt es zur Abschaffung der Budgetierung, die geringste mit 69 Prozent zur Einführung der Kostenerstattung. Der größte Teil der Befragten hält die ausgewählten Forderungen für durchsetzbar. Diese Durchsetzung wird der KV in der Regel häufiger zugetraut als einer anderen Interessenvertretung. Eine Ausnahme bildet die Durchsetzung des Kostenerstattungsprinzips. 34 Prozent glauben, dass das Kostenerstattungsprinzip mit der KV in ihrer heutigen Form durchsetzbar ist, während 44 Prozent der Auffassung sind, dass es besser mit einer anderen Interessenvertretung durchsetzbar ist. Die übrigen Befragten halten die Forderung überwiegend für gar nicht durchsetzbar oder wollen sich nicht festlegen.
Keine Mehrheit für Systemwechsel
Bei der Entscheidung zwischen drei Alternativen (bisheriges KV-System mit einigen Verbesserungen, staatlich gelenktes System wie beispielsweise in England, marktwirtschaftliches System mit Auflösung der KVen und freien Vertragsabschlüssen zwischen Ärzten und Krankenkassen) sprechen sich 73 Prozent für das bisherige KV-System mit einigen Verbesserungen aus. Mit großem Abstand folgen mit 15 Prozent das marktwirtschaftliche System und das staatliche System, für das 7 Prozent votieren. 5 Prozent lehnen alle vorgeschlagenen Alternativen ab und fordern ein anderes System. Frauen votieren deutlich häufiger für ein KV System und deutlich seltener für ein marktwirtschaftliches System als Männer.
Mehrheit für das KV-System als Interessenvertretung
Wenn sie die aktuellen Anforderungen an das Gesundheitssystem in Deutschland und alle Vor- und Nachteile der kassenärztlichen Vertretung abwägen, glauben 63 Prozent der Befragten an die KV als zukunftssichere Interessenvertretung. Psychotherapeuten (74 Prozent) teilen diese Einschätzung deutlich häufiger als Haus- und Fachärzte (63 bzw. 61 Prozent), Frauen (68 Prozent) deutlich häufiger als Männer (61 Prozent).
