4. Auflage
Die KBV und die Bundesärztekammer führen in regelmäßigen Abständen Arztzahlstudien durch. Darin abgebildet sind die Entwicklung der Altersstruktur und der Arztzahlen. Insbesondere die Nachwuchsentwicklung, die Entwicklung der Arztzahlen im ambulanten und stationären Sektor sowie die Zuwanderung von Ärzten aus dem Ausland und die Emigration deutscher Ärzte werden analysiert.
| Titel/Thema | Datum | Art/Größe | |
|---|---|---|---|
| Foliensatz Arztzahlstudie 2007 | 09.10.2007 | ||
| Statement Prof. Hoppe zur Arztzahlstudie 2007 | 09.10.2007 | ||
Sehr geehrte Damen und Herren,
wie sieht es mit der ärztlichen Versorgung in Deutschland in Zukunft aus? Haben wir genügend Nachwuchs, um eine gute ambulante und stationäre Versorgung der Bürger in Deutschland dauerhaft aufrecht zu erhalten? Die Schlagzeilen der letzten Jahre sind negativ: von Ärztemangel muss gesprochen werden, von Abwanderung deutscher Ärzte ins attraktivere Ausland, von Nachwuchsmangel in der kurativen Patientenversorgung. Die neue Arztzahlstudie der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung belegen die teilweise besorgniserregende Situation erneut: wir laufen in einen eklatanten Ärztemangel hinein. Das betrifft nicht nur den seit Jahren öffentlich beklagten Mangel an hausärztlichen Nachwuchs in den neuen Bundesländern.
Die Karten mit Versorgungsgraden belegen, dass dieses Problem bereits viele Gebiete in Deutschland betrifft: in Norddeutschland sind bereits 8 Bezirke hausärztlich unterversorgt (unter 90 %) weitere 22 haben einen Versorgungsgrad von 90 bis 100 %. Nur 37 Bezirke liegen beim Versorgungsgrad zwischen 100 und 110%und 47 Bezirke sind noch gesperrt, weil sie einen Versorgungsgrad von über 110 % auswiesen. In den neuen Bundesländern ist die Situation allerdings noch prekärer: unter 90 % Versorgungsgrad liegen 13 Bezirke, 21 Bezirke liegen zwischen 90 und 100 %, 43 Bezirken machen eine Punktlandung bei 100 bis unter 110%, 4 und 22 Bezirke sind gesperrt.
Dabei zeigt sich, dass vor allem ländliche Gegenden von der Unterversorgung besonders betroffen sind. Die Ursachen sind relativ schnell gefunden: schlechte Arbeitsbedingungen, zu wenig Vergütung für die geleistete Arbeit, schlechtere Umfeldbedingungen für Familien wie z.B. Schulen, Freizeitaktivitäten und anderes mehr. Wer heute in einem solchen Gebiet eine allgemeinmedizinische Praxis verkaufen möchte, hat schlechte Karten. Jeder potenzielle Nachfolger stellt sich die Frage, ob die demographische Entwicklung mit häufig überalterter Bevölkerungsstruktur, fehlenden Kollegen zur Bedienung des Notdienstes und einer mangelhaften Infrastruktur dauerhaft den Lebensunterhalt seiner Familie sichern kann. Und allzu häufig wird diese Frage negativ beantwortet. Diese Ärzte suchen sich woanders eine Praxis.
Die Anstrengungen, die die KVen in den letzten Jahren auch mit gesetzlicher Unterstützung unternommen haben, um diese Situation zu verbessern, waren nur teilweise von Erfolg gekrönt. So können betroffene KVen mittlerweile Umsatzgarantien in unterversorgten Gebieten geben, sie können Punktwerte stützen und sie können Eigeneinrichtungen mit angestellten Ärzten gründen. Ein Ziel ist es u.a., Ärztinnen in die ambulante Versorgung zurück zu holen, die Familie und Beruf verbinden wollen. Die Rahmenbedingungen dafür wurden mit dem Vertragsartzrechtsänderungsgesetz deutlich verbessert: die Anstellung von Ärztinnen und Ärzten auch in Teilzeit - wurde erleichtert, hälftige Zulassungen wurden ermöglicht und auch Zweigpraxen können gegründet werden. Das erhöht die Flexibilität. Inwieweit diese Maßnahmen greifen und zu einer Entspannung der prekären Lage führen werden, muss allerdings noch abgewartet werden.
Die hausärztliche Versorgung ist von dem Ärztemangel besonders betroffen. Aber auch in einigen fachärztlichen Gruppen zeigt sich, dass bereits Unterversorgung besteht bzw. droht. Insbesondere bei Augen-, Frauen-, Haut- und Nervenärzte sehen die Zahlen schlecht aus. Bei den Nervenärzten z.B. weist die Statistik aus, dass deren Zahl von 5.084 im Jahr 2002 auf 4.855 im Jahr 2006 gesunken ist. Die Schätzungen für die kommenden Jahre aufgrund der Altersstruktur dieser Facharztgruppe zeigen, dass wir nicht in der Lage sind, diesen Trend aufzuhalten. Im Gegensatz zu den Kinderärzten, deren Zahl ebenfalls stark rückläufig ist, ist der Schwund an den genannten Fachärzten aber nicht durch ein Absinken der entsprechenden potenziellen Patientenzahlen zu kompensieren. Die Abnahme an Kinderärzten ist deshalb nicht so dramatisch, weil auch weniger Kinder zu behandeln sind. Gerade bei Nervenärzten aber ist zu vermuten, dass die Patientenzahlen steigen werden. Das potenziert die drohende Unterversorgung und macht auch bei dieser und anderen Facharztgruppen ein Gegensteuern dringend erforderlich.
Bis 2012 werden insgesamt 15.376 Hausärzte in den Ruhestand gehen. Bei den Fachärzten sind dies 18.851. Zählt man die Krankenhausärzte, die ausscheiden werden, mit hinzu, ergibt sich ein Minus von 41.132 Ärzten insgesamt, die in den nächsten fünf Jahren aus der kurativen Patientenversorgung ausscheiden werden. Das wäre gar nicht schlimm, wenn wir entsprechenden Nachwuchs dafür hätten. Der aber steht nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung.
Das zeigt eine erschreckende Zahl ganz deutlich: der Schwund im Laufe des Medizinstudiums vom Erstsemester bis zum Einstieg in die Patientenversorgung als Assistenzarzt im Krankenhaus betrug für das Erstsemester 1997 genau 41,6%! Beim Erstsemester 1994 waren es ebenfalls hohe 37,7%. Die Tendenz, dass Medizinstudenten entweder schon während des Studiums umsteigen oder nach ihrer Approbation nicht in die Patientenversorgung, sondern in andere lukrativere Berufe gehen, hat also nochmals zugenommen. Genau da liegt der Hase im Pfeffer: die Arbeitsbedingungen sowohl im Krankenhaus als auch in der ambulanten Versorgung scheinen immer unattraktiver zu werden. In der Wirtschaft locken Berufe mit weniger Arbeitsbelastung, höherem Verdienst und vor allem geregelten Arbeitszeiten. Auch das Ausland lockt: derzeit arbeiten ca. 16.000 deutsche Ärztinnen und Ärzte im Ausland. Diese sind für die hiesige Patientenversorgung verloren!
Aufgefangen wird ein Teil des Schwundes durch den Zuzug von ausländischen Ärzten, vor allem aus Osteuropa, nach Deutschland. Aber zum einen reicht dieser nicht, um unsere immer größer werdende Lücke zu füllen, zum anderen stellt das ein großes Problem für die Herkunftsländer dieser Ärzte dar: auch die schlittern in einen Ärztemangel hinein, wenn die Sogwirkung deutsche Ärzte ins Ausland, ausländische Ärzte nach Deutschland weiterhin anhält. Das ist keine tragfähige, dauerhafte Lösung!
Worin liegt diese also? Die Antwort ist schon seit Jahren die gleiche: wir müssen die schlechten oder als schlecht empfundenen Arbeitsbedingungen in Deutschland verbessern. Und das heißt: angemessene Vergütung ärztlicher Leistungen, weniger Zeit- und Kraft verschlingende Bürokratie und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf herstellen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Neuordnung der ambulanten Vergütung zügig umgesetzt wird und auch tatsächlich für jede Ärztin und jeden Arzt und die Psychotherapeuten spürbar mehr Geld zur Verfügung stehen wird. Deshalb ist es so wichtig, dass wir mit dem Bürokratieabbau ernst machen. Deshalb ist es so wichtig, dass die neuen Möglichkeiten der flexibleren Berufsausübung mit Teilzeitstellen und Teilzeitzulassungen genutzt werden.
Die Zahlen der diesjährigen Arztzahlstudie weisen auch aus, dass die Überalterung der Ärzteschaft im ambulanten Bereich, die seit Jahren eklatant zugenommen hat, im Jahr 2006 das erste Mal leicht zurückgegangen ist. Waren im Jahr 2005 noch 20.797 Ärzte 60 Jahr und älter, sind es 2006 20.555. Die problematische Nachwuchsentwicklung bleibt allerdings weiterhin bestehen, der Anteil der unter 40-jährigen Vertragsärzte ist von 7,2 Prozent im Jahre 2005 auf 6,7 Prozent im Jahre 2006 zurückgegangen.
Das Schlechtreden unseres an sich sehr schönen Berufs muss beendet werden. Pauschale Verunglimpfungen des ganzen Berufsstandes müssen endlich aufhören! Ärzte dürfen nicht immer wieder an den Pranger gestellt werden, wenn es mal wieder Betrug im Gesundheitswesen gegeben hat. Sie dürfen nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn die Arzneimittelausgaben steigen. Da muss man ehrlich sagen, dass es die Morbidität der Bevölkerung und der medizinische Fortschritt ist, der Mehrkosten verursacht und nicht die Ärzte, die ihren Patienten das medizinisch Notwendige verordnen! Politik und Krankenkassen machen es sich da oft viel zu einfach.
Sehr geehrte Damen und Herren,
dass Ärztinnen und Ärzte ihre wirtschaftliche Zukunft schlecht einschätzen, zeigt neben den harten Fakten der Arztzahlstudie noch etwas anderes: Der aktuelle Medizinklimaindex (MKI) Herbst 2007 der Stiftung Gesundheit zeigt, dass rund 30 % aller Ärztinnen und Ärzte ihre aktuelle wirtschaftliche Lage für schlecht halten, 49 % halten sie für zufriedenstellend und nur 21,2 % für gut. Der entsprechende Index lag mit -14,8 nochmals schlechter als im Frühjahr 2007 mit -11,7. Im Herbst 2006 war er mit -23,3 katastrophal. Das heißt: niedergelassene Ärztinnen und Ärzte hatten im Herbst 2006 eine absolut pessimistische Sicht, mit der Gesundheitsreform und den Aussichten auf die Honorarreform wurden die Stimmung deutlich besser. Dass sie nun wieder sinkt, hängt vermutlich mit den Aussagen der Krankenkassen und des Bundesministeriums zusammen, die die Erwartungen deutlich gedämpft haben. Und das zeigt: die Honorarreform muss so ausfallen, dass spürbar mehr bei den Vertragsärztinnen und ärzten ankommt, sonst wird sich der negative Trend der Abwanderung und des mangelnden Nachwuchses noch verstärken! Die KBV wird deshalb alles daransetzen, mit dem neuen EBM und der Honorarreform zu vernünftigen Preisen für medizinische Leistungen zu sorgen und Kassen und Politik wären gut beraten, uns dabei zu unterstützen!
(Es gilt das gesprochene Wort.)