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Kriedel: Ärzte wollen eine sinnvolle Digitalisierung, das Problem ist die Umsetzung

27.08.2020 - KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel hat grundlegende Änderungen in der Digitalisierungspolitik angemahnt. „So wie es jetzt läuft, kann es nicht weitergehen. Die Ärzte sollen Geld in neue Technik investieren, die teilweise nicht da ist und für die es noch keine sinnvollen Anwendungen gibt. Und das alles bei viel zu kurzen Fristen“, sagte Kriedel.

Nötig seien sinnvolle Anwendungen, realistische Zeitpläne und eine volle Kostenübernahme. „Dann wird die Akzeptanz für die Digitalisierung in der Ärzteschaft auch wieder steigen“, betonte Kriedel. Denn grundsätzlich wollten Ärzte und Psychotherapeuten digitale Anwendungen nutzen und hätten sie gerade in der Corona-Zeit als sinnvoll im Praxisalltag wahrgenommen, sagte er. Warum die Stimmung in der Ärzteschaft aktuell so schlecht sei, lasse sich leicht festmachen. „Es sind vor allem die Kosten, die unzureichende Finanzierung und der zu hohe Zeitdruck.“

Die Fristen seien so eng gesetzt, dass der Arzt sie kaum erfüllen könne, weil nicht alle Geräte rechtzeitig zur Verfügung stünden, kritisierte Kriedel in einem Video-Interview. Als Beispiel nannte er die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), für die Ärzte ein Konnektor-Update, einen elektronischen Heilberufeausweis und einen KIM-Dienst benötigen. „Das alles ist in der Pipeline. Aber ich bezweifle, ob das alles in allen Praxen, in allen Systemen am 1. Januar des nächsten Jahres vorhanden ist. Und das macht den Frust“, sagte er.

Aufgrund der unbefriedigenden Situation sei das Bundesgesundheitsministerium damit einverstanden, die Frist zur Einführung der eAU zu verlängern, wenn beim Arzt die notwendigen technischen Geräte noch nicht zur Verfügung stünden. Allerdings müsse die KBV die Details mit dem Spitzenverband der Krankenkassen verhandeln und dieser sei bisher nur zu einer Verlängerung bis Mitte des nächsten Jahres bereit.

Sinnvolle Anwendungen stehen noch aus

Als einen weiteren Kritikpunkt führte Kriedel an, dass der versprochene Nutzen für die Praxen immer noch nicht da sei und der Arzt zunächst nur einen höheren Aufwand habe. Es müssten möglichst schnell auch sinnvolle Anwendungen kommen, die dem Arzt in der Versorgung und der Praxisorganisation Hilfestellung bieten, forderte er.

Leistungen müssen komplett finanziert werden

Die Kosten im Zusammenhang mit der Einführung der Telematikinfrastruktur (TI) sieht Kriedel als ein besonders gravierendes Problem an, das bei den Ärzten berechtigter Weise zu Frust führe.

Es gebe zwar die Finanzierungsvereinbarung von KBV und Krankenkassen. Nur würden die Preise, die die Industrie aufruft, in vielen Fällen von den vereinbarten und an die Praxen ausgezahlten Beträge abweichen. Dadurch blieben eine Menge Kosten beim Arzt hängen. Die Erwartung sei zurecht, dass das bezahlt werde und zwar komplett, hob Kriedel hervor.

Die KBV ist deshalb an die Krankenkassen herangetreten mit dem Ziel, die Finanzierung anzupassen. Der GKV-Spitzenverband lehnte die Forderung ab. Kriedel: „Die Verhandlungen sind gescheitert. Jetzt muss das Schiedsamt entscheiden.“

TI-Störung mit fatalen Folgen

Zu einer Störung der TI wie in diesem Sommer dürfe es künftig nicht mehr kommen, machte Kriedel in Richtung Betreibergesellschaft gematik deutlich.

Darunter würde nicht nur die Glaubwürdigkeit leiden. „Wenn in zwei Jahren vielleicht jedes Rezept über die TI laufen wird – so ist es vorgesehen nach dem Zeitplan – kann man sich vorstellen, wenn die TI dann vier bis sechs Wochen ausfällt, dass damit natürlich auch die Versorgung mehr als gefährdet ist.“

Forderungen an die Politik

Die Digitalisierung muss in einem Maße vorangetrieben werden, dass die Umsetzung reibungslos funktioniert und die Vorteile der Digitalisierung wirklich genutzt werden können:

  1. Die Fristen für die technische Ausstattung und die Einführung digitaler Anwendungen müssen so festgelegt sein, dass sie von den Praxen eingehalten werden können. Dazu gehört auch, dass die Industrie in der Lage ist, in der vorgegebenen Zeit alle Komponenten zu liefern, die die Praxen benötigen.
  2. Die Kosten müssen den Praxen komplett erstattet werden.
  3. Es müssen schnell sinnvolle Anwendungen kommen, die für die Patientenversorgung hilfreich sind.

TI-Update zur elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Wie ist der aktuelle Stand bei der Digitalisierung?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"Alle Beteiligten arbeiten mit Hochdruck daran. Insbesondere ist es positiv zu vermerken, dass die KBV, das KV-System einen eigenen KIM-Dienst hat. KIM ist Kommunikation im Medizinwesen, der jetzt ausgerollt werden wird. Es ist bei der bei der gematik durch, das wird da genehmigt, muss zertifiziert werden und wir gehen davon aus, dass die KBV ihren KIM-Dienst, das ist kv.dox, Mitte bis Ende November auf den Markt bringen kann. Der Vorteil ist dann, der Arzt kann dann auswählen, die Praxis kann auswählen. Bisher gab es ja nur einen zugelassenen Dienst von einem großen Anbieter. Der Arzt kann dann ab Ende November, wenn unser Dienst auf dem Markt ist, auswählen zwischen zwei Anbietern."

Wofür benötigt man einen KIM-Dienst?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"Der KIM-Dienst ist deshalb notwendig, damit man in der TI sicher kommunizieren kann. Es bedeutet ganz konkret, der Arzt kann dann, die Praxis kann dann über diesen KIM-Dienst mit anderen Praxen Daten austauschen, Arztbriefe, Befunde, je nachdem, wie wie weit die Interoperabilität der Daten schon gegeben ist. Aber das ist ein sicherer Übertragungsdienst. Man kann auch ganz banal vielleicht als einen E-Mail-Dienst bezeichnen, aber ein sicherer, der in der TI läuft und deshalb muss er erst zertifiziert werden. Und es gibt eben auch erst diese beiden Anbieter: kv.dox vom KV-System und von einem großen Softwarehersteller einen Dienst. Also er ist notwendig unter anderem für die Übermittlung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die der Gesetzgeber ja ab Beginn des nächsten Jahres fordert."

Bleibt es bei dieser Frist?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"Diese Frist für die elektronische Arbeitsunfähigkeit macht vielen Praxen große Sorgen, weil sie nicht sicher sind, dass alle Hersteller die erforderlichen Komponenten ihnen rechtzeitig und funktionabel in die Praxis stellen. Das heißt konkret: Er braucht, der Arzt, die Praxis braucht einen elektronischen Heilberufsausweis. Da gibt es besonders bei den Psychotherapeuten, aber auch bei vielen Ärztekammern zurzeit Lieferschwierigkeiten, weil eine hohe Anzahl von elektronischen Heilberufsausweise produziert werden muss. Das ist ein Problem. Dann muss der Arzt ein Konnektor-Update bekommen und zwar von seinem Hersteller. Es gibt da drei oder vier Konnektoren-Hersteller. Das muss produziert werden, muss eingespielt werden, muss voll getestet werden, eingespielt werden in die Praxis, muss funktionieren. Und er braucht wie gesagt diesen eben erwähnten KIM-Dienst. Den muss er auch einspielen, der muss auch funktionieren. Und last not least braucht er auch eine Anbindung zwischen dem neuen Konnektor mit dem Update in sein PVS-System, in sein Praxisverwaltungssystem. Alle diese drei Dinge, also diese vier Dinge, müssen zum 1. Januar vorliegen, sonst kann der Arzt keine elektronische AU in die TI und damit auf einen Server der Krankenkasse schicken. Das macht große Sorgen und deshalb haben wir auch beim BMG schon interveniert und auf eine Verschiebung hingedrängt, weil die Technik noch nicht vorliegt. Und das BMG hat auch diese Probleme gesehen und grundsätzlich uns die Möglichkeit eingeräumt, die elektronische Übermittlung bis zum 30.9. des nächsten Jahres auszusetzen, wenn die Technik noch nicht vorhanden ist."

Können denn alle Beteiligten die eAU verarbeiten?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"In der Tat, aber das ist auch noch ein Punkt, der uns auch noch Sorge macht. Wenn der Arzt, der jetzt die technischen Voraussetzungen von mir aus im ersten oder zweiten Quartal von seinen Herstellern geschaffen bekommt, dann verpflichtet wird, an die Krankenkasse zu übermitteln, dann müsste aus unserer Sicht auch sichergestellt sein, dass jede Krankenkasse diese elektronische AU auch annehmen kann. Auch das ist nicht ganz sichergestellt, wie wir hören. Und deshalb haben wir die Forderung auch an das BMG, doch dass man die gesamte Regelung möglichst bis zum 30.6., noch besser bis zum 30. 9. so wie jetzt belässt, papierbasiert. Und das wäre gar nicht so schlimm, weil im Gesetz drin steht, dass auch für das nächste Jahr juristisch noch verbindlich ist der Papierausdruck. Das heißt auch im nächsten Jahr trotz der Verpflichtung, parallel in die TI elektronisch zu melden an die Krankenkasse, hat der Arzt noch die Verpflichtung, die Durchschläge wie heute auszudrucken und dem Patient mitzugeben. Der Patient bekommt ein Exemplar für sich selbst, aber ein weiteres aber auch zur Weiterleitung an den Arbeitgeber. Das wird alles noch so bleiben wie in diesem Jahr. Und deshalb unsere Forderung, zur Sicherheit und Sicherstellung auch des Aufwandes und der Technik in den Praxen, auch diese Frist so zu verlängern, dass erst am 1. 10. nächsten Jahres komplett elektronisch so gemeldet wird, wie es im Gesetz steht."

Wie ist der Stand beim eHBA?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"Ja, da gibt es offensichtlich Lieferschwierigkeiten beim elektronischen Heilberufsausweis. Das betrifft sowohl die Ärzte, die über die Kammern ihren Ausweis bestellen, wie auch die Psychotherapeuten, die das auch über ihre Kammern machen. Und da die Kapazitäten erst langsam hochgefahren worden sind bei den Herstellern, bei den Trust-Centern, ist es so, dass wir am Jahresende mit einer großen Welle von Beantragungen rechnen. Und dann können die Ausweise auch nicht wahrscheinlich zeitgerecht ausgestellt werden. Ein zweites Problem ist noch hinzugekommen durch das PDSG, was gerade in Kraft getreten ist, das Patientendatenschutzgesetz. Da steht nämlich die Bestimmung drin, dass ein Arzt oder Psychotherapeut erst dann eine SMCB, einen Praxisausweis bestellen darf, wenn er über einen Heilberufssusweis verfügt. So und das ist es ein Circulus vitiosus: Hat man keinen eHBA, kann man keine SMCB bestellen und kann damit auch nicht in die TI kommen. Man dürfte eigentlich gar nicht als Vertragsarzt oder Psychotherapeut tätig werden. Auch das hat das BMG erkannt, dass es da Lieferschwierigkeiten gibt. Und wir haben es erreicht beim BMG, dass es eine Übergangsfrist gibt für das vierte Quartal dieses Jahres und das erste des nächsten Jahres, also bis zum 30.3. des nächsten Jahres reicht es aus, wenn ein Arzt oder Psychotherapeut seiner KV gegenüber bei der Zulassung z.B. bescheinigt, dass er einen eHBA beantragt hat, dann kann er sehr wohl auch eine SMCB erhalten. Das halten wir für unbedingt notwendig, damit die Versorgung weitergeht."

Die Digitalisierung der Praxen geht weiter. 2021 sollen weitere Anwendungen in die Praxen kommen. Eine wesentliche ist die eAU, auch wenn es hier um den elektronischen Versand an die Krankenkassen geht. Wie hier und bei der dafür notwendigen Technik der aktuellen Stand ist, erläutert Dr. Thomas Kriedel, Vorstandsmitglied der KBV.

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