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Praxisnachrichten

Teure Apps mit unklarem Nutzen - Erste verschreibungsfähige DiGA auf dem Markt

08.10.2020 - Die ersten erstattungsfähigen Gesundheits-Apps sind seit dieser Woche auf dem Markt: eine Tinnitus-App und eine Webanwendung für Patienten mit Angst- und Panikstörungen. „Die Krankenkassen werden für solche Apps künftig viel Geld ausgeben, obwohl der Nutzen nicht ausreichend belegt ist“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen, den PraxisNachrichten.

Das Ausgabenpotenzial allein für die ersten zwei digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) sei enorm, fuhr Gassen fort. Die Tinnitus-App kostet 116,97 Euro pro Patient im Quartal, die Anwendung zur Angststörung sogar 476 Euro. „Die Krankenkassen müssen das bezahlen, egal ob der Versicherte die App dann wirklich nutzt oder nicht.“ 

Gesundheits-App ist kein Spielzeug

Kritisch sieht der Vorstand auch die Studienbasis. „Eine Gesundheits-App ist eine medizinische Maßnahme und kein Spielzeug“, warnte KBV-Vizechef Dr. Stephan Hofmeister. Deshalb sollten hier ähnlich hohe Anforderungen wie bei anderen verordnungsfähigen Leistungen gelten. Dies sei bislang nicht gewährleistet.

Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz wurde ein Leistungsanspruch für Versicherte für digitale Gesundheitsanwendungen geschaffen. Diese sollen helfen, Krankheiten zu erkennen, zu überwachen, zu behandeln oder zu lindern. 

Welche Anwendungen das genau sind, legt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) fest. Es prüft dazu bestimmte Produkteigenschaften wie Benutzerfreundlichkeit, Datensicherheit und Datenschutz. Um dauerhaft in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen zu werden, müssen die Hersteller spätestens nach zwei Jahren positive Versorgungseffekte nachweisen.

Verordnung auf dem Arzneimittelrezept

Ärzte und Psychotherapeuten können grundsätzliche alle Gesundheitsanwendungen verordnen, die in dem DiGA-Verzeichnis beim BfArM gelistet sind. Sie nutzen dafür das Arzneimittelrezept (Formular 16), geben die zugeordnete PZN und die Bezeichnung der Anwendung an, sofern die Verordnungssoftware diese nicht bereits automatisch hinzugefügt hat. Das Rezept reicht der Patient bei seiner Krankenkasse ein. 

Möglich ist auch, dass sich der Versicherte direkt an seine Krankenkasse wendet. Diese kann die Kosten auf Antrag übernehmen, wenn eine entsprechende Indikation vorliegt. Der Nachweis erfolgt anhand von Informationen, die dem Versicherten oder der Krankenkasse vorliegen. Der Arzt oder Psychotherapeut muss dafür keine Nachweise beibringen oder Befunde zusammenstellen.  

In beiden Fällen erhält der Versicherte von seiner Krankenkasse einen Code, mit dem er die App beziehungsweise Webanwendung freischalten kann. Ein Ablaufschema veranschaulicht, welche Optionen die Versicherten haben.

Vergütung muss geregelt werden

Nach dem Digitale-Versorgung-Gesetz sollen ärztliche Leistungen, die mit der Nutzung der DiGA verbunden sind, honoriert werden. Der Bewertungsausschuss hat nun die Aufgabe, dies für jede DiGA zu prüfen und gegebenenfalls den EBM anzupassen. „Die Ärzte und Psychotherapeuten werden einen hohen Mehraufwand haben. Dieser muss erstattet werden“, forderte Gassen. 

Zi sieht erhebliches Kostenrisiko für die GKV

Die Hersteller von Apps können im ersten Jahr die Preise einseitig festlegen. Nach Ansicht des Zentralinstituts für die vertragsärztliche Versorgung (Zi) wird dadurch ein erhebliches Kostenrisiko für die gesetzliche Krankenversicherung begründet. 

Die Wissenschaftler illustrieren dies an einer Modellrechnung: Die Verordnung einer DiGA kostet die Krankenkassen 116,97 Euro (Tinnitus) oder 476,00 Euro (Angststörung) pro Patient je Quartal, erstere kann viermal im Jahr verordnet werden. Anhand der kodierten Diagnosen in den vertragsärztlichen Abrechnungsdaten lässt sich die Zahl der anspruchsberechtigten GKV-Versicherten in Deutschland näherungsweise auf 2,7 Millionen berechnen. Würden allen diesen Patienten mit Tinnitus oder einer Angststörung die Kosten für eine DiGA erstattet, summieren sich die Ausgaben nur für diese zwei DiGAs auf 1,3 Milliarden Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Für die für 2020 vom Erweiterten Bewertungsausschuss festgelegte Anpassung des Orientierungswerts in der vertragsärztlichen Versorgung zahlen die Krankenkassen insgesamt 0,5 Milliarden Euro.  

Digitale Gesundheitsanwendungen

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sollen helfen, Krankheiten zu erkennen, zu überwachen, zu behandeln oder zu lindern. Der gesetzliche Anspruch wurde mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz geschaffen. 

Dabei sind DiGA Medizinprodukte niedriger Risikoklassen. Es handelt sich um Apps, die mit Smartphone oder Tablet genutzt werden können, aber auch um webbasierte Anwendungen, die über einen Internetbrowser laufen.

Öffentliches Verzeichnis 

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Anwendungen, die im sogenannten DiGA-Verzeichnis gelistet sind. Das sind Produkte, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüft hat. Dabei geht es unter anderem um Datenschutz, Datensicherheit und Benutzerfreundlichkeit. 

Zu jeder Anwendung werden im Verzeichnis Informationen bereitgestellt, die für die Verordnung relevant sind. Diese sollen später auch im Praxisverwaltungssystem enthalten sein. Bis dahin muss das Verzeichnis online aufgerufen werden. Ärzte und Psychotherapeuten übertragen die erforderlichen Angaben somit zunächst händisch auf das Rezept.

Verordnung auf Formular 16 mit Angabe der PZN

Ärzte und Psychotherapeuten können digitale Gesundheitsanwendungen zur Behandlung ihrer Patienten verordnen, wenn sie diese Anwendungen für zweckmäßig und medizinisch sinnvoll halten. 

Die Verordnung erfolgt auf Formular 16, das auch für Arznei- und Hilfsmittel eingesetzt wird. Neben der PZN ist die Bezeichnung der Anwendung anzugeben, sofern die Verordnungssoftware diese nicht bereits automatisch hinzufügt. 

Erste App und Webanwendung im DiGA-Verzeichnis

Zum Start des DiGA-Verzeichnisses am 6. Oktober wurden zunächst zwei Anwendungen veröffentlicht, eine App und eine Webanwendung.

Unter „Informationen für Fachkreise“ sind jeweils die relevanten Patientengruppen (Indikationen, Kontraindikationen, Alter), die PZN und die jeweilige Verordnungsdauer angegeben sowie Informationen zur insgesamt vorgesehenen Anwendungsdauer und dem eventuellen Erprobungszeitraum hinterlegt.

Darüber hinaus sind Informationen zur Mitwirkung der Ärzte und Psychotherapeuten angegeben sowie Angaben zum medizinisch-wissenschaftlichen Hintergrund aufgeführt.

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