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BIX 2020: Zusätzlicher Bürokratieaufwand durch Corona

05.11.2020 - Der Bürokratieaufwand in den Praxen ist im Vergleich zum Vorjahr um 1,3 Prozent gestiegen. Vor allem hat die Corona-Pandemie die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten zusätzlich belastet. Das ergab der zum fünften Mal von der KBV veröffentlichte Bürokratieindex 2020.   

Nach einem leichten Abfall der Bürokratie in den vergangenen Jahren sei diese nun wieder etwas angestiegen, resümierte KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel. Allerdings läge das nicht an neuen Richtlinien oder Anforderungen, sondern an der steigenden Fallzahl.

Pandemie hat Praxisalltag stark beeinflusst

Darüber hinaus verwies Kriedel auf die zusätzliche Bürokratiebelastung durch die Corona-Pandemie. Dies hätten die Fokusgruppen-Interviews gezeigt, in denen mit Haus- und Fachärzten aus ganz Deutschland die Erfahrungen der Praxen im Umgang mit SARS-CoV-2 thematisiert wurden.

Die Gespräche machten das große Engagement und den persönlichen Einsatz der Niedergelassenen in der Krise, aber auch den Handlungsbedarf beim Abbau bürokratischer Belastungen deutlich. Angesichts der zusätzlichen Corona-Patienten und der damit zusammenhängenden Testverfahren und neuen Formulare habe die Pandemie den Praxisalltag stark beeinflusst.

Der von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) erstellte Bürokratieindex (BIX) für die vertragsärztliche Versorgung ermittelt, wieviel Zeit die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten im Jahr für die Erfüllung bürokratischer Pflichten aufbringen müssen.

61 Tage für die Bürokratie

Insgesamt 55,8 Millionen Netto-Arbeitsstunden verursachten verschiedene Informationspflichten im Berichtsjahr – das sind circa 715.000 Stunden mehr als im Vorjahr. „Umgerechnet bedeutet das einen zusätzlichen Tag Mehraufwand pro Praxis im Jahr – zusammengenommen also 61 Tage, die im Schnitt für Bürokratie aufgewendet werden“, erläuterte Professor Volker Wittberg von der FHM.

AU-Bescheinigung schlug zu Buche

Den Erhebungen zufolge war es nur ein kleiner Teil der Informationspflichten, die zu mehr Bürokratie führten. Vor allem schlug hierbei die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) mit circa 561.000 Nettostunden mehr als im Vorjahr zu Buche. Schon vor Corona führten die hohe Beschäftigungsquote und das steigende Durchschnittsalter der Beschäftigten zu einem tendenziell höheren Krankenstand, sodass mehr AU-Bescheinigungen ausgestellt werden mussten.

Mehrwerte der Digitalisierung noch nicht spürbar

Generell müssen aus Sicht der KBV die Mehrwerte der Digitalisierung für die Niedergelassenen spürbarer sein. Die Pflichten, die für Vertragsärzte aktuell mit der Einführung der Telematikinfrastruktur einhergehen, bedeuteten jedoch eher einen Mehraufwand für die Praxen, während den Nutzen andere Akteure wie die Krankenkassen haben. Entscheidend für die Arztpraxen ist zudem die praktikable Umsetzung von digitalen Prozessen, wie die rechtzeitige Einführung einer Komfortsignatur.

Vorschläge der KBV: Generelle Übergangsfrist für eAU

Zur Entlastung der Niedergelassenen hat die KBV beim Bundesgesundheitsministerium (BMG) erreicht, dass die elektronische AU-Bescheinigung nicht wie zunächst vorgesehen zum 1. Januar kommen muss, sondern es eine Übergangsfrist bis zum 30. September gibt. Das BMG hat seine Zustimmung allerdings mit der Auflage verbunden, dass die KBV die Details mit dem Spitzenverband der Krankenkassen aushandeln müsse. „Auf dem Weg sind wir jetzt“, sagte Kriedel. „Aber wir sind noch nicht endgültig durch mit der Vereinbarung.“

Die KBV plädiert darüber hinaus dafür, die Notwendigkeit einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei Bagatellerkrankungen mit einer Dauer von unter drei bis fünf Tagen entfallen zu lassen.

Zudem setzt sich die KBV für die Vereinfachung bei den COVID-19-Laborformularen im Zusammenhang mit der Pandemie ein. Aus abrechnungstechnischen Gründen müssen immer noch zwei Vordrucke verwendet werden.

Nur Vorgaben der Selbstverwaltung berücksichtigt

Die KBV und die FHM haben den BIX jetzt zum fünften Mal erarbeitet. Für die jährliche Ermittlung des Index wird nur der Anteil an Verwaltungsaufgaben betrachtet, der durch Vorgaben der Selbstverwaltung auf Bundesebene verursacht wird. Gesetzliche Regelungen fallen nicht darunter, da diese durch das Statistische Bundesamt in einem eigenen Index geführt werden.

Bürokratieindex BIX

Die KBV veröffentlicht seit 2016 einen Bürokratieindex für die vertragsärztliche Versorgung, kurz BIX. Er stellt transparent dar, wie viel Zeit die niedergelassenen Ärzte, Psychotherapeuten und ihre Angestellten im Jahr für Verwaltungsarbeit infolge von Vorgaben der gemeinsamen Selbstverwaltung aufwenden.

Entwickelt hat ihn die KBV gemeinsam mit dem Nationalen Zentrum für Bürokratiekostenabbau der Fachhochschule des Mittelstandes. Er wird jährlich aktualisiert veröffentlicht und soll somit die öffentliche Diskussion um die bürokratische Belastung in Praxen regelmäßig mit empirischen Fakten begleiten.

BIX 2020: Zusätzlicher Bürokratieaufwand durch Corona

Was misst der Bürokratieindex genau?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
“Diesen Index haben wir als KBV eingeführt, um die Belastung in den Praxen der Ärzte und Psychotherapeuten zu messen, die dadurch entstehen, dass Verwaltungsarbeit gemacht wird, und zwar Verwaltungsarbeit, die durch Richtlinien des Gesetzgebers, aber auch der gemeinsamen Selbstverwaltung entstehen. Und für uns ist es deshalb wichtig, die Zahl zu haben und auch die Entwicklung zu verfolgen, um zu wissen, wieviel Zeit damit der eigentlichen ärztlichen Versorgung verloren geht.“

Wie hat sich die Bürokratie in Praxen entwickelt?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
“Seitdem wir die Messung machen, war es zuerst so, dass es einen leichten Anstieg gegeben hat, in den letzten Jahren einen leichten Abfall, aber immer noch nicht so schön und so viel, wie wir uns erwartet haben. Und im letzten Jahr leider gab es wieder einen Anstieg. Das hat daran gelegen, dass es keine neue Bürokratie gab, also im Sinne von neuen Richtlinien, neuen Anforderungen. Aber Sie können sich vorstellen, schon allein, wenn die bestehenden Richtlinien häufiger genutzt werden, das heißt, es gibt mehr Fälle, mehr Patienten kommen, wo diese Regularien anzuwenden sind, dann steigt es natürlich auch, und das war im letzten Jahr der Fall. Das heißt, die bestehenden Richtlinien haben zu mehr Bürokratie geführt durch eine steigende Fallzahl.“

Was haben die Fokusgruppen-Interviews ergeben?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
“Dieses Instrument der Fokusgruppen-Interviews haben wir in den letzten Jahren eingeführt. Uns geht es darum, abseits der rein statistischen Zahlen auch eine Gruppe von Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeuten zu befragen, was ihnen denn besonders am Herzen liegt, was bürokratische Belastung zusätzlich ausmacht, abseits der reinen nackten Zahlen. Und deshalb sind sie so wichtig für uns. Und dabei hat sich gezeigt, dass gerade bei dem Thema der Arbeitsunfähigkeit, aber auch der Abrechnungen, die zusätzlich Daten erfordern, was abgerechnet werden kann, dass das natürlich auch viel Aufwand hervorbringt.“

Wie hat sich Corona auf die Befragung ausgewirkt?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
“Ja, das war sehr interessant und hat nochmal gezeigt, dass die Praxen eine sehr hohe Last durch diese zusätzlichen Corona-Patienten und auch Sorgen, die die Patienten mit Corona verbinden, erbracht hat. Das hat sehr stark den Praxisalltag beeinflusst und die zusätzlichen Maßnahmen, die allein durch die Hygienevorschriften zu beachten waren, haben natürlich auch die Behandlung verlängert und eingeschränkt und manche Behandlungen mussten auch etwas verschoben werden. Insofern ist die Bürokratie-Belastung darüber auch gestiegen und zwar Bürokratie-Belastung nicht, indem man seine Schutzausrüstung anlegen muss. Das war natürlich auch ein zusätzliches Problem, aber man musste Termine vereinbaren. Und insbesondere war es ja auch so, dass die verschiedenen Testverfahren ständig geändert worden sind. Es gab verschiedene neue Formulare, die auch nicht unbedingt vereinheitlicht worden sind. Da gab es viele Nachfragen. Der Arzt, die Praxis musste sich informieren über die aktuellen Bestimmungen. Die Patienten wollten wissen, ob sie es selbst bezahlen müssten, wo sie zum Test hingehen sollten. Das war alles mit viel Zusatzaufwand verbunden. Das haben uns dieser Fokus-Interviews auch sehr deutlich widergespiegelt.“

Setzt sich die KBV für eine Vereinfachung ein?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
“Leider haben wir es nicht geschafft, dieses so zu vereinfachen, dass es nur noch ein Formular gegeben hätte. Das hat damit zu tun, dass es verschiedene Rechtsgrundlagen gibt, Kostenträger. Einmal zahlt die Krankenkasse im Krankheitsfall, im anderen Fall zahlt der öffentlich Gesundheitsdienst über die Gesundheitsämter die Leistung. Es kommt eben darauf an, was für ein Corona-Fall oder Verdachtsfall es ist. Leider war das in der Kürze der Zeit der ersten Welle der Pandemie nicht zu vereinheitlichen. Wir haben es aber inzwischen geschafft, dass es nur noch zwei Formulare gibt und wir hoffen, dass wir es noch mehr vereinfachen können.“

Wurden weitere Punkte von den Praxen genannt?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
“Sie haben die Befürchtung, Sie wissen ja, Digitalisierung kommt, wird politisch gewollt. Grundsätzlich ist das auch ein sinnvolles Instrument zur Verbesserung der Versorgung. Aber Sie haben Sorge vor dem Tempo im Zusammenhang mit Corona und dieser Digitalisierung, die teilweise auch mit Sanktionen belegt sind. Dass sie da nicht mithalten können, dass damit der Praxisalltag leidet und die Versorgung. Also konkret heißt das: Im Gesetz steht da drin, dass zum 1.1. des nächsten Jahres die elektronische Arbeitsunfähigkeit kommen muss. Und das bedeutet, dass die Praxen einmal ihren Konnektor aufrüsten müssen mit einem Software-Update, dass sie eine elektronische Heilberufsausweis haben müssen, um ihn einzusetzen für die elektronische Unterschrift. Und das bedeutet auch, dass sie einen entsprechende elektronischen sicheren Übermittlungsweg nutzen müssen. Das sind diese berühmten KIM-Dienste, Kommunikation im Medizinwesen. Und außerdem brauchen Sie noch einen Anschluss des Konnektors an ihr PVS, an ihr Praxis-System, also vier Voraussetzungen, die sie selbst nur zum Teil, in der Beantragung des eHBA, aber sonst nicht beeinflussen können. Sie können die Anträge stellen, aber ob und wann die Industrie liefert, können Sie nicht beeinflussen. Und was wir gehört haben und das haben die Ärzte auch teilweise selbst erfahren, dass es Lieferengpässe gibt, Schwierigkeiten gibt. Und die Befürchtung ist groß, dass am 1. oder 2. Januar nächsten Jahres die technischen Voraussetzungen nicht in den Praxen vorhanden sind. Wir haben das aufgenommen, diese Befürchtungen und sind damit zum BMG gegangen, zum Bundesgesundheitsministerium, haben da auch offene Ohren gefunden, weil auch die dort wissen, dass die Technik nicht in allen Bereichen voll ausgerollt sein wird am 1. Januar und haben deshalb eine Übergangsfrist erreichen können bis zum 30.9. des nächsten Jahres. Allerdings verbunden mit der Auflage, dass wir die Details mit dem Spitzenverband der Krankenkassen aushandeln müssen. Auf dem Weg sind wir jetzt, aber wir sind noch nicht endgültig durch mit der Vereinbarung.“

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