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Praxisnachrichten

KBV eröffnet ärztlichen Dialog über Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung

12.11.2020 - Die KBV will gemeinsam mit Ärzten einen Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung der Pandemie entwickeln. Ziel sei ein Werkzeugkasten mit unterschiedlichen Instrumentarien, die langfristig gegen das Coronavirus eingesetzt werden können, sagte KBV-Vorstandschef Dr. Andreas Gassen.

Die KBV wolle nicht warten, bis der Lockdown beendet sei, sondern die Zeit nutzen. Deshalb würden in den nächsten Tagen die Kolleginnen und Kollegen in den Berufsverbänden und Fachgesellschaften angeschrieben mit der Aufforderung, sich in den innerärztlichen Austausch einzubringen, teilte Gassen in einem Video-Interview mit.

Mit ihrem jüngst vorgelegten Positionspapier zum Umgang mit der Pandemie hat die KBV eine intensive Diskussion nicht nur innerhalb der Ärzteschaft ausgelöst. Gemeinsam mit den Virologen Prof. Hendrik Streeck und Prof. Jonas Schmidt-Chanasit wirbt sie darin für einen Strategiewechsel bei der Bekämpfung der Pandemie und legt erste Vorschläge vor.

Handhabbare Lösungsvorschläge

„Das Positionspapier habe zumindest die Diskussion entfacht, das war gut und wichtig“, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende. Es habe viel Zustimmung gegeben und natürlich auch Kritik, die allerdings eher prozedural sei. Viele hätten geäußert, sich nicht rechtzeitig und richtig eingebunden zu fühlen.

Mit dem nunmehr eröffneten Dialog will die KBV das ändern und praktikable Strategien zur Bekämpfung des Coronavirus erarbeiten, ohne die Pandemie zu verharmlosen. Dabei geht es um konkrete und handhabbare Lösungsvorschläge mit langfristiger Perspektive zum Schutz der Menschen.

Eine Diskussion erwartet Gassen zu Themen wie Impfstrategie, Einsatz von Schnelltests, Bereitstellung von FFP-2-Masken in Pflegeeinrichtungen oder Kontaktnachverfolgung. Es gehe darum, „und so möchten wir das Papier auch verstanden haben“, eine Art Werkzeugkasten zu bauen mit der Möglichkeit, sich regional daraus bedienen oder ihn auch ergänzen zu können, erläuterte Gassen.

Innerärztlicher Austausch

Der KBV-Chef stellte klar, dass es ihm nicht um ein weiteres Positionspapier gehe, sondern um den innerärztlichen Austausch. Denn so essentiell die Wissenschaft gerade in einer viralen Pandemie sei, so wichtig sei auch die Transmission in der Umsetzung in die reale Versorgung, sagte er und fügte hinzu: „Und da sind nun mal die Ärzte, ob in der Niederlassung oder im Krankenhaus, diejenigen, die unmittelbar mit den Patienten Kontakt haben.“

Deshalb seien diese Ergebnisse und diese Erfahrungen enorm wichtig, „um sozusagen die abstrakten wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine realistisch umsetzbare Strategie umzusetzen“.

Maßnahmenkatalog zur Bewältigung der Corona-Pandemie

Wie sind die Reaktionen auf das Positionspapier ausgefallen?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV:
“Das Positionspapier hat zumindest die Diskussion entfacht, das war gut und wichtig, glauben wir. Wir haben sehr viel Korrespondenz dazu gehabt. Es gab sehr viel Zustimmung, sowohl von Verbänden als auch von vielen Einzelärzten, die geschrieben haben. Es gab natürlich auch Kritik. Alles andere wäre auch verwunderlich. Die Kritik war in weiten Teilen tatsächlich eher prozedural, dass man gesagt hat, man fühlt sich nicht rechtzeitig und richtig eingebunden. Das muss man einfach konzedieren. Die Kritik müssen wir so annehmen. Deshalb werden wir jetzt und das war immer Sinn der Übung in diesen strukturierten Dialog treten. Wir werden also nicht nur die Verbände, die die Unterstützung des Papiers bisher kommuniziert haben, anschreiben, sondern auch die, die vielleicht gar nicht gefragt wurden oder sich auch ablehnend zu verhalten haben oder kritisch, damit wir genau diesen Punkt hinbekommen, dass eine Diskussion, eine innerärztliche Diskussion zu dem Umgang mit der Pandemie noch intensiviert wird. Denn es gibt natürlich viele Einzeldiskussionen und viele Einzelvorschläge, aber so eine richtig abgestimmte Strategie haben wir bisher noch nicht. Und auch wenn jetzt hoffentlich der Impfstoff ja mehr oder weniger pünktlich zum Fest vor der Tür steht und wir dann auch nach Möglichkeit auch zügig verimpfen wollen, werden wir eine Weile brauchen, um substanzielle Bevölkerungsmengen durchzuimpfen. Das heißt, es wird auf jeden Fall einen Umgang mit der Pandemie bis dahin geben müssen und daher der Lockdown, ob er nun Ende November oder Anfang Dezember endet, je nachdem, ob und wie sich die Zahlen nach unten entwickeln, wird ja danach irgendetwas notwendig sein.“

Was beinhaltet das aus Ihrer Sicht?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV:
“Vielleicht ist es tatsächlich sinnvoll, sich dazu mal auszutauschen. Nehmen wir mal beispielhaft raus die Kontaktverfolgung, die ja immer als Maß der Dinge genommen wird, wo man sagt, wir müssen die Zahlen soweit drücken, dass die Einzel-Kontaktverfolgung realistisch erscheint. Da haben wir grundsätzlich Zweifel, ob das erreichbar ist. A: Ob wir die Zahlen zu dieser fiktiven Menge der Inzidenz gedrückt bekommen. Und zum anderen: Und die Diskussion hat ja sogar der Bundesgesundheitsminister aktuell nochmal befeuert, indem er selber sagt, sein individueller Infektionsweg konnte trotz aller Anstrengungen nicht nachverfolgt werden. Deshalb ist wirklich die Frage: Ist das der Goldstandard? Theoretisch sicher. Aber ist der umsetzbar? Ist das in der Lebensrealität umsetzbar, dass wir perspektivisch jede Infektion mit Kontaktpersonen nachverfolgen? Wenn man das nicht kann, muss man das Zweitbeste versuchen, was in der Praxis funktioniert. Und das ist einer der Punkte, die wir im Papier adressiert haben. Impfstrategie wird ein wichtiges Thema sein, Teststrategie ein ganz anderes. Wir stellen fest, wir kommen mit den Tests auf einem sehr hohen Niveau jetzt wirklich an einen Punkt, wo nicht mehr geht. Das hat sich in verschiedener Art und Weise gezeigt. Es gab falsche Ergebnisse in einzelnen Bundesländern, weil mitunter Ersatzreagenzien verwendet wurden. Es sind Tests in sechsstelliger Höhe liegengeblieben, weil die Labore sie schlicht nicht mehr abarbeiten konnten. Und da muss man natürlich innehalten und sagen, das bringt dann wirklich auch Verwerfungen allein in den Zahlenwerken. Wenn 100.000 Tests liegen bleiben, ist natürlich die Frage, wie valide ist eine Tagesmeldung des RKI, basierend auf den ausgewerteten Testergebnissen, wenn 100.000 Tests gar nicht ausgewertet werden konnten und vielleicht nachgezogen 2-3 Tage später kommen. Also hier muss man doch nachdenken, wie man das effektiver gestalten kann. Und das sind alles Ansätze, die es wert sind, diskutiert zu werden. Und ich kann mir vorstellen, dass wir da eine lebhafte Diskussion bekommen. Und am Ende des Tages ist es meistens so, dass man, wenn man sich austauscht, zu einer besseren Idee kommt als die, die man vorher formuliert hat. Und das streben wir an, deshalb werden wir alle nochmal anschreiben und hoffen dann auf inhaltliche, positive oder negative Kritik, auf jeden Fall auf inhaltliche Zusammenarbeit.“

Mit welchem Ziel?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV:
“Es geht uns darum, und so möchten wir das Papier auch verstanden haben, das soll der Auftakt sein zu einer vielleicht einer Art Werkzeugkasten, den man dann bauen kann, wo man verschiedene Möglichkeiten adressiert, wie kann man, je nach regionaler Notwendigkeit - denn ich glaube, die darf man nicht völlig außer Acht lassen - Maßnahmen in besonderem Umfang zuschalten oder auch abschalten. Und dazu gehören eben auch beispielsweise das Thema Ampel. Dazu gehört dann beispielsweise auch die Versorgung von Pflegeheimen mit FFP2-Masken, was ja mittlerweile an vielen Orten der Republik schon geschieht. Und auch das Bundesgesundheitsministerium hat damit begonnen, FFP2-Masken an Altenheime zu versenden. Wie geht man beispielsweise mit den Schnelltests um? All diese Dinge, da erwarten wir eine fachliche Diskussion und die können dann Eingang in einen solchen Werkzeugkasten finden. Und es geht nicht darum, jetzt ein weiteres Positionspapier zu entwerfen, sondern es geht uns tatsächlich um den innerärztlichen Austausch. Weil, ich glaube, ganz wichtig ist natürlich so, so essentiell die Wissenschaft gerade in so einem Thema wie einer viralen Pandemie ist, so wichtig es ja irgendwo auch die Transmission in der Umsetzung in die reale Versorgung. Und da sind nun mal die Ärzte, ob in der Niederlassung oder im Krankenhaus, diejenigen, die unmittelbar mit den Patienten Kontakt haben. Deshalb, glaube ich, sind diese Ergebnisse und diese Erfahrungen enorm wichtig, um sozusagen die abstrakten wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine realistisch umsetzbare Strategie umzusetzen.
Diese 170.000 Ärzte und Psychotherapeuten in ihren 110.000 Praxen sind für die allermeisten die erste Anlaufstelle. Und natürlich die Stelle, die angesteuert wird, wenn der öffentliche Gesundheitsdienst aufgrund der Überlastung dem Bedarf gar nicht mehr entsprechen kann.
Und die Kontakt-Nachverfolgung in Anführungsstrichen, weil es natürlich keine formalisierte ist, findet natürlich auch in den Praxen statt, indem nämlich Patienten, die potenziell infiziert waren, natürlich mit den Kolleginnen und Kollegen draußen sprechen, mit wem sie Kontakt hatten und wo dann aus ärztlicher Sicht möglicherweise noch eine Testung oder eine Quarantäne empfohlen wird, ohne dass es eine behördliche Anordnung ist. Aber in der Lebensrealität ist das ja nicht so selten.“

Werden Sie auch die Intensiv- und Notfallmediziner ansprechen?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV:
“Natürlich werden wir auch auf die DIVI zugehen, die sicherlich da im Moment ja der Ansprechpartner für die intensivmedizinische Betreuung nicht nur der Covid-Patienten, sondern grundsätzlich sind - das wird ja immer ein bisschen verkürzt auf das Thema Covid - die auch sozusagen die ganze Bandbreite sehen, wie weit brauchen wir Intensivstationen auch für andere Patienten. Ich halte das DIVI-Register zum Beispiel für ein hervorragendes Instrument, was einem sehr frühzeitig und sehr umfänglich Kapazitäten vor Augen führt. Insofern sind wir natürlich dankbar, wenn da auch von der DIVI Input kommt. Grundsätzlich kann man sagen, wir müssen natürlich versuchen, Grundversorgung und auch normale Versorgung auch im stationären Bereich aufrechtzuerhalten, weil wir natürlich nicht die Situation haben wollen, dass wie das leider geschehen ist in der Vergangenheit, dass eben auch dringende, aber vielleicht keine Notfalleingriffe, nicht durchgeführt werden konnten, weil man große Sorge hatte. Das war ja im Frühjahr noch viel unkalkulierbarer, sodass eben manche Menschen auch wirklich Gesundheitsschäden erlitten haben, weil sie nicht rechtzeitig versorgt werden konnten. Insofern muss hier eine Abwägung stattfinden. Ich glaube, das können die Kollegen vor Ort am allerbesten.“

Welchen Zeitplan haben Sie sich dafür gesetzt?

Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV:
“Wir haben ja nun eine Lockdown-Situation, von der wir alle hoffen, dass sie den gewünschten Erfolg bringt. Es macht jetzt keinen Sinn zu warten, bis der vorbei ist und sich dann wieder zu treffen, sondern wir wollen nat ürlich die Zeit auch nutzen und werden jetzt innerhalb der nächsten Tage die Kolleginnen und Kollegen in den Berufsverbänden und Fachgesellschaften anschreiben, kontaktieren und um ihre Rückmeldung bitten. Und das wird natürlich je nach Arbeitsaufkommen dann etwas früher oder später erfolgen, unterstellen wir, sodass wir das als auch dynamischen Prozess verstehen und hoffen, in den nächsten 2-3 Wochen dann diesen Werkzeugkasten so langsam mit Instrumentarien anfüllen zu können.
Möglicherweise ist es dann einfach ein Tool, was man dann allen zur Verfügung stellt, und dann kann sich jeder, ich sag nicht so bedienen, wie es ihm gefällt, sondern wie es der Notwendigkeit vor Ort entspricht. Weil das können wir natürlich genauso wenig wie viele andere von Berlin aus gar nicht beurteilen. Es kann von daher immer nur ein Angebot verschiedener Maßnahmen sein, die dann je nach Notwendigkeit zugeschaltet werden müssen.“

Ein Positionspapier der KBV zur Bewältigung der Corona-Pandemie hat zu viel Diskussion geführt. Das war aus Sicht des KBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Gassen auch notwendig. Nun soll daraus im konstruktiven Austausch mit ärztlichen Verbänden ein konkreter Maßnahmenkatalog abgeleitet werden.

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