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Stand 28.09.2018

Reden

Bericht von Dr. Thomas Kriedel an die Vertreterversammlung

Rede des KBV-Vorstandsmitgliedes Dr. Thomas Kriedel am 28. September 2018

Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich beginne meinen Bericht mit unserem Dauerbrenner: dem Rollout der Telematikinfrastruktur. Hier haben wir jetzt endlich die Marktsituation, auf die wir gewartet haben. Es sind mehrere Anbieter in der Lage, die TI-Komponenten bereitzustellen. Die Preise haben sich bei den großen Bundle-Anbietern erwartungsgemäß nach unten bewegt. Die kostendeckende Ausstattung ist damit für die meisten Praxen garantiert. Deshalb mein klarer Aufruf an die Ärzte und Psychotherapeuten: Bestellen Sie jetzt, wenn Ihnen ein passendes Angebot vorliegt!

Etwas unbefriedigender sieht es bei manchen anderen Anbietern aus. Deren Preise für Hard- und Software liegen zum Teil über dem Erstattungsbetrag. Das ist ärgerlich für die Praxen. Nochmal zur Einordnung: Nach SGB V hat der Arzt bzw. Psychotherapeut durch die TI-Finanzierungsvereinbarung nur Anspruch auf Erstattung der erforderlichen Kosten. Auch hier spielen die Kräfte des Marktes so, dass sich die Preise bei Eintritt weiterer Marktteilnehmer vermutlich noch verschieben werden.

Absolut nicht hinnehmbar ist immer noch die Frist, ab der Sanktionen greifen. Die KBV hat deshalb gemeinsam mit der KZBV und dem GKV-Spitzenverband eine offizielle Auskunft der gematik eingeholt. Wie viele Praxen werden bis Ende 2018 voraussichtlich angeschlossen sein? Die Antwort: maximal 50.000. Meine Damen und Herren, das ist lediglich ein Drittel aller Arzt- und Zahnarztpraxen!

Damit muss dem Gesetzgeber klar sein, dass die Frist für zwei Drittel der Praxen nicht zu halten ist. Unsere Mitglieder können nicht für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, das die Industrie zu verantworten hat. Die KBV hat immer wieder beim BMG deutlich gemacht, dass hier nachgebessert werden muss. Deshalb begrüßen wir die Initiative von Frau Reis-Berkowicz und unterstützen die Petition ausdrücklich. Wir haben das mit allen KVen neulich noch einmal öffentlich bestärkt. Darüber hinaus verständigen wir uns mit anderen Akteuren – unter anderen mit dem GKV-Spitzenverband, damit der Gesetzgeber unverzüglich aktiv wird.

Mittlerweile erhalte ich Signale, dass sich das BMG des Problems annehmen will. Alles andere wäre auch eine Farce!

Kommen wir nun zur elektronischen Patientenakte. Dieses Thema hat seit der Vertreterversammlung im Mai sehr an Fahrt aufgenommen. Ich denke, es ist uns gelungen, unsere Position dazu klar zu machen. Wir hatten zwei wesentliche Forderungen, und die konnten wir auch erfolgreich einbringen:
Die Forderung Nummer 1: Wir werden keine Pull-Lösungen akzeptieren, bei der Dritte Zugriff auf unsere medizinischen Daten und die PVS-Dokumentationen erhalten.

Das ist das A und O. Es kann nur die Push-Variante geben: Die Daten werden vom Arzt oder Psychothera-peuten an die ePA des Patienten geleitet. Die technischen Standards dafür sollen einheitlich von der gematik entwickelt werden. Auch das ist klar.

Die Forderung Nummer 2: Die KBV will die Richtlinienkompetenz für die Standardisierung der medizini-schen Informationsobjekte.
Wie wird ein EKG dargestellt? Wie die Laborwerte und die Lungenfunktion? Das muss überall einheitlich sein. Wir setzen dabei selbstverständlich auf international etablierte Standards. Niemand will das Rad neu erfinden. Selbstredend werden wir uns für diese Richtlinie mit anderen Health Professionals ins Benehmen setzen.

Entscheidend ist weiterhin, dass die Inhalte der ePA nicht veränderbar und nicht korrumpierbar sind. Wir brauchen eine Logfunktion, denn aus Haftungsgründen muss nachvollziehbar sein, welche Daten vom Arzt gesehen wurden und welche nicht. Ebenso brauchen wir eine Suchfunktion, damit eine effiziente Navigation in der ePA überhaupt möglich wird.

Das bedeutet aber nicht, dass es keinen direkten Austausch mehr zwischen Arzt und Arzt geben soll. Im Gegenteil: Weil der Patient seine Akte selbst verwaltet, muss der direkte Austausch zwischen Arzt und Arzt möglich bleiben. Hier könnte eine arztgeführte Fallakte von Nutzen sein.

Ich habe den Eindruck, dass wir mit diesen gut begründeten Positionen durchgedrungen sind. Sie sind auch in einer Arbeitsgruppe der Kassen konsentiert. Der Minister wird in Kürze über die notwendigen gesetzlichen Anpassungen entscheiden. Und dann kann die Industrie beginnen, die ersten echten ePAs zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Damit gibt es einen abgestimmten Prozess der Weiterleitung von elektronischen Patientendaten – und zwar auf einheitlicher Rechtsgrundlage. Entscheidendes Detail in diesem Zusammenhang: Es gelten dabei dieselben juristischen Regeln wie heute schon für Papierdokumente.

Wie wichtig eine solche Rechtsgrundlage ist, sehen wir daran, dass jetzt einige Anbieter von elektronischen Gesundheitsakten nach Paragraf 68 SGB V auf den Markt drängen und teils für erhebliche Verwirrung sorgen. Das sind eben keine „echten“ Patientenakten. Im geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz soll es nun eine Zusammenführung der Aktentypen geben.

Das bedeutet: Die heutigen elektronischen Gesundheitsakten (eGA) werden mit der geplanten elektronischen Patientenakte und dem geplanten elektronischen Patientenfach zu einer einzigen patientengeführten ePA zusammengeführt, mit all den beschriebenen Funktionen und Sicherheitsbestimmungen. Daneben muss es weiterhin eine arztgeführte elektronische Fallakte geben, zum Beispiel nach Paragraf 67 SGB V.

Allerdings bringt uns eine Digitalisierung um ihrer selbst willen nicht weiter. Wir müssen uns stets fragen, welche Vorteile sie an der Basis wirklich hat. Einen ökonomischen Vorteil wohl eher nicht, da die Kosten für Investition, Wartung, Sicherheit und Administration den Effizienzvorteil aufheben können. Digitalisierung kann aber die Qualität der Versorgung besser machen. Ihr Faustpfand ist die Vernetzung und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Ich denke da vor allem an die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation.

Mit unserem neuen Praxisbarometer Digitalisierung wollen wir in Erfahrung bringen, was sich vor Ort in Sachen Digitalisierung tut. Was denken die Ärzte und Psychotherapeuten? Wir haben deshalb das IGES-Institut mit einer großen Befragung beauftragt. Die Ergebnisse werden im Oktober in einer eigenen Pressekonferenz vorgestellt. Aber ich kann Ihnen heute schon eine Tendenz nennen: Unsere Mitglieder sind mehrheitlich vom Nutzen der Digitalisierung überzeugt, wenn damit die Praxisabläufe verbessert werden. Bedenken haben die meisten jedoch, was den Versand von Patientendaten betrifft. Hier werden Datenschutz und Datensicherheit als kritische Punkte genannt.

Digitalisierung, ich habe es schon oft gesagt, kann auch neue Bürokratie erzeugen. Und Bürokratie wird nicht besser, nur weil sie digital ist. Das sehen wir auch beim Bürokratieindex 2018, den wir in wenigen Wochen veröffentlichen werden. Auch hierfür kann ich schon vorab eine Wasserstandsmeldung geben: Die Bürokratiebelastung hat sich im vergangenen Jahr nicht verringert. Es sind weiterhin mehr als sieben Stunden pro Woche, die unsere Mitglieder wegen der Informationspflichten nicht ihren Patienten widmen können. Das ist eindeutig zu viel! Erst recht, wenn man bedenkt, dass der Gesetzgeber mit dem TSVG mehr Termine ermöglichen will. Wir werden deshalb an der Forderung nach einem Abbauziel von 25 Prozent weiter festhalten.

Ich komme nun zu einem erfreulicheren Thema: Vor zwei Tagen haben wir die Preisträger für die KBV-Zukunftspraxis gekürt. Einige von Ihnen waren dabei. Insgesamt zehn vielversprechende digitale Anwen-dungen wurden ausgewählt. Sie haben sich unter mehr als 60 Bewerbern durchgesetzt, die sich auch im Projekt KV Digital der KV Telematik GmbH präsentiert haben. Unter diesen zehn Anwendungen gibt es digitale Anwendungen zur Diagnostik, zum Beispiel beim Hautkrebsscreening. Es gibt Apps, die direkt die Behandlung unterstützen, etwa bei der Erfolgskontrolle von Inhalationsanwendungen. Und schließlich haben wir auch Produkte ausgewählt, die die Praxisabläufe optimieren. In den kommenden zwei Jahren werden die Anwendungen in Vertragsarztpraxen erprobt und evaluiert. Wir bringen damit innovative Köpfe und die speziellen Anforderungen der ambulanten Versorgung zusammen. Damit Digitalisierung eben wirklich Nutzen bringt.

Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft: Im Magazin „Harvard Business Manager“ wurden neulich die aktuellen Trends in der Wirtschaft und deren disruptiven Konsequenzen analysiert. Die Autoren konstatieren, dass der Aufstieg der digitalen Plattformökonomie in einer vernetzten Welt nicht aufzuhalten sei. Großmonopole werden sich bilden, die konventionelle Branchen innerhalb kürzester Zeit umkrempeln. Eine dieser Branchen werde das Gesundheitswesen sein. Ich denke, es ist für das KV-System essentiell, sich das genauer anschauen. Wenn Plattformen Patientenwünsche makeln, dann sollte sich das KV-System dazu strategisch positionieren. Die Zukunft hat hier nämlich schon längst begonnen.

Vielen Dank

 

(Es gilt das gesprochene Wort.)