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Reden

KBV-Versichertenbefragung 2019: Präsentation der Ergebnisse

Statements des KBV-Vorstands

Statement Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

unsere Versichertenbefragung hat schon in den vergangenen Jahren gezeigt: Die Unterschiede bei den Wartezeiten von gesetzlich und privat Versicherten waren nie so gravierend, wie gerne kolportiert wird. Vor allem dann nicht, wenn man die Patienten selbst fragt, ob sie die Wartezeit auf ihren letzten Arzttermin als zu lang empfunden haben. Maximal 20 Prozent haben diese Frage in den vergangenen Jahren mit „Ja“ beantwortet. Das hindert einige Leute nicht daran, gebetsmühlenartig die Behauptung vorzutragen, dass gesetzlich Versicherte zu lange auf Termine warten und dies dann auch noch mit der Forderung nach einer Bürgerversicherung zu verbinden. Jetzt gibt es ein eigenes Gesetz, welches gesetzlich versicherten Patienten einen schnelleren Zugang zum Arzt gewährleisten soll – quasi eine „Fast Lane“ wie am Flughafen, eine Art Überholspur. Das Grundproblem wird darin nicht adressiert: Nicht alle Termine sind per se dringend. Auf eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung muss ich als Patient im Zweifel tatsächlich länger warten als wenn ich eine Grippe habe. Natürlich ist es für den einzelnen Betroffenen ärgerlich, wenn er oder sie die Wartezeit als zu lang empfindet. Aber ist das Problem hierzulande wirklich so gravierend, dass man dafür ein eigenes Gesetz braucht?

Unsere Befragung zeigt außerdem: Die Wartezeiten gleichen sich immer mehr an. Und zwar vor allem dadurch, dass auch privat Versicherte häufiger länger auf einen Termin warten müssen als noch vor ein paar Jahren. Der Anteil der Patienten, die länger als drei Wochen auf einen Termin warten mussten, ist in allen Versichertengruppen in den zurückliegenden Jahren prozentual am stärksten gestiegen. Der Grund ist simpel: Arztzeit wird immer knapper. Die Tatsache, dass wir einen nahezu barrierefreien Zugang zu ärztlichen Leistungen haben, ohne Steuerung, bei gleichzeitig steigendem medizinischen Bedarf, führt dabei auch noch zwangsläufig zu einer höheren Nachfrage.

Problematisch bleibt es, wenn die Patienten ganz alleine über die Dringlichkeit ihrer Behandlung entscheiden. Wir wissen, dass ein großer Teil der Patienten, die im Erkrankungsfall die Notaufnahme einer Klinik aufsuchen, ambulant versorgt werden könnten. Fragt man die Menschen allerdings selbst, ob der Gang in die Notaufnahme wirklich zwingend war, so antworten 87 Prozent der Befragten mit Ja. Das mag etwas damit zu tun haben, dass keiner im Nachhinein gerne zugibt, dass es vielleicht doch nicht so dringend war. Das hat aber auch etwas damit zu tun, dass Warten nicht zu unserem heutigen Lebensstil passt. Wenn es in unserem Gesundheitssystem eine „Prime“-Mitgliedschaft wie beim Online-Shopping gäbe, würde jeder gern dabei sein – das wäre dann allerdings wohl auch nicht zum Nulltarif zu haben und es wäre vielleicht auch nicht so zielführend. In der Medizin muss nach Dringlichkeit, das heißt nach medizinischem Bedarf, und nicht nach einem nur „gefühlten“ Bedürfnis behandelt werden. Maßgeblich ist und sollte stets der ärztliche Sachverstand sein, nicht die Tatsache, dass jemand seine Wünsche lauter formuliert als andere.

Ich bin überzeugt, dass die meisten Versicherten das im Grunde genauso sehen. Die größte Beständigkeit zeigt die Versichertenbefragung nämlich in Bezug auf das Vertrauen, das die Menschen in ihre Ärzte haben. Hierin kann also nicht der Grund liegen, weshalb viele Patienten am Wochenende eher ins Krankenhaus gehen. Wahrscheinlicher ist, dass immer noch zu viele Menschen nicht wissen, dass es schon immer einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt, an den sie sich wenden können, wenn der eigene Arzt keine Sprechstunde hat. Immerhin: Die Bekanntheit des Bereitschaftsdienstes und seiner Rufnummer 116117 steigt langsam, aber sicher. 2018 haben rund sieben Millionen Anrufer die Nummer gewählt. Demnächst werden wir eine große Werbekampagne starten, um den Dienst und die Nummer noch bekannter zu machen und die Notaufnahmen hoffentlich weiter zu entlasten. Denn die Notaufnahmen unserer Krankenhäuser sind eigentlich dazu da, um schwer erkrankte Patienten wie Unfallopfer, Schlaganfall- oder Infarktpatienten zu versorgen, die dann in der Regel auch im Krankenhaus stationär weiterbehandelt werden müssen.

Die Kampagne werden wir Ihnen in Kürze vorstellen. Sie dürfen schon jetzt gespannt sein.

Vielen Dank

(Es gilt das gesprochene Wort.)

 

Statement Stellvertretender Vorstandsvorsitzender Dr. Stephan Hofmeister

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

wie schon in den früheren Erhebungen haben wir auch in der diesjährigen Versichertenbefragung die Menschen gefragt, wie sie die Versorgungssituation mit Haus- und Fachärzten beurteilen und ob sie selbst Probleme hatten, einen Arzt zu finden. Während die Versicherten in den vergangenen Jahren vor allem angaben, nicht genügend Fachärzte in ihrer Umgebung zu haben, sind es nun die Hausärzte, bei denen sie einen zunehmenden Mangel feststellen. In den letzten zwei Jahren ist der Anteil derjenigen, die angaben, nicht genügend Hausärzte in ihrer Wohnortnähe zu haben, von 22 Prozent auf 27 Prozent gestiegen, bei den Fachärzten ist der Anteil von 43 auf 44 Prozent gestiegen. Die Patienten nehmen also wachsende Versorgungslücken wahr, sowohl bei Haus- als auch bei Fachärzten. Gleichzeitig ist der Anteil derjenigen, die angaben, deshalb schon einmal Probleme gehabt zu haben, in den letzten zwei Jahren leicht gesunken, sowohl bei den Haus-, als auch bei den Fachärzten. Die Suche nach einem Arzt wird nach wie vor im Osten Deutschlands als schwieriger empfunden als im Westen und in kleineren Gemeinden stärker als in Städten.

Obwohl die Arztzahlen absolut gesehen steigen, zeigen die Ergebnisse, dass dies nicht automatisch zu einer besseren Versorgungssituation führt. Die jüngeren Ärztinnen und Ärzte bevorzugen vermehrt Angestelltenverhältnisse und Teilzeitarbeit, und das hat Auswirkungen auf ihre Verfügbarkeit in der Praxis. Die durchschnittliche Arbeitszeit eines angestellten Arztes lag im Jahr 2017 bei 23 Stunden pro Woche. Das ist etwas weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Arbeitszeit eines selbständigen Arztes mit eigener Praxis. Gleichzeitig ist die Zahl der Praxen von 2007 bis 2017 um 14,3 Prozent zurückgegangen. Somit wird an weniger Standorten eine ambulante Versorgung angeboten. Im hausärztlichen Bereich ist die Zahl der Niederlassungen im gleichen Zeitraum um etwa acht Prozent gesunken. Und die große Ruhestandswelle bei den jetzigen Praxisinhabern steht uns erst noch bevor.

Es gilt also, die Versorgung jetzt und in Zukunft so zu organisieren, dass die verbleibenden Kräfte und deren Zeit so effizient wie möglich eingesetzt werden. Oder anders ausgedrückt: Die Ressource Arzt ist ein hohes Gut, mit dem wir sorgsam umgehen müssen.

Das bringt mich zu der „gefühlten“ Dringlichkeit von Arztbesuchen, die Herr Gassen eben schon ansprach. Die Versichertenbefragung zeigt, dass diese nicht nur bei der Frage eine Rolle spielt, wohin ich mich als Patient wende, wenn ich am Wochenende krank werde. Erstmals haben wir die Bürgerinnen und Bürger gefragt, wie dringend sie ihren letzten normalen Praxisbesuch einschätzen. Das Ergebnis finde ich wirklich bemerkenswert – wenn auch aus ärztlicher Sicht nicht besonders überraschend: Zwei Drittel der Befragten stuften ihren letzten Arztbesuch als dringend ein – unabhängig davon, aus welchem Grund dieser erfolgte. Fragt man nach dem Anlass, dann zeigt sich, dass dieser zwar eine Rolle spielt – bei einem akuten Problem wird die Dringlichkeit am höchsten eingeschätzt –, aber nicht in der Form, wie es aus medizinischer Sicht angebracht wäre. Selbst Vorsorge- oder Impftermine sehen 36 Prozent der Befragten noch als eilig oder sehr eilig an. Das ist medizinisch schlichtweg nicht nachvollziehbar. Mit anderen Worten: Wenn die Versicherten selbst darüber entscheiden sollten, wann sie einen Termin benötigen, dann ist die gefühlte Dringlichkeit in vielen Fällen höher als die tatsächliche.

Deswegen sind auch Maßnahmen wie die offene Sprechstunde, die bestimmte Fachärzte ab dem 1. September anbieten müssen, zwar gut gemeint, aber nicht zu Ende gedacht. Denn viele Patienten werden diese „Fast Lane“, von der mein Kollege Andreas Gassen gerade sprach, nutzen, um Wartezeiten auch auf nichtdringende Untersuchungen zu umgehen. Nach dem Motto: „Einen Termin zur Vorsorge kriege ich erst in vier Wochen, da gehe ich doch lieber morgen in die offene Sprechstunde.“

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Der Wunsch einer schnellen Erledigung ist aus Patientensicht nachvollziehbar. Es geht auch nicht darum, den Versicherten die „Schuld“ zuzuschieben. Am Ende sind es aber die Ärzte, die in Rechtfertigungszwang geraten. Sie müssen den Patienten erklären, wofür die offene Sprechstunde gedacht ist und wofür nicht. Schon jetzt erreichen uns hierzu jede Menge Nachfragen und erboste Kommentare der Kollegen in den Praxen. Natürlich ist es eine ärztliche Ermessensentscheidung, wie man mit solchen Fällen umgeht. Aber den Unmut der Versicherten müssen die Ärzte abfangen, hier hält sich der Gesetzgeber wohlweislich raus. Das ist dann der Punkt, an dem die Selbstverwaltung gerne wieder „Selbst“verwaltung sein darf. ‚Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.‘“

Vielen Dank

(Es gilt das gesprochene Wort.)

 

Statement Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

in unserer Versichertenbefragung haben wir auch einige Aspekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen thematisiert. Hier zeigt sich, dass die Menschen die Möglichkeiten der Digitalisierung dort schätzen, wo sie hilft, Abläufe zu vereinfachen und möglicherweise Zeit zu sparen. Das heißt aber nicht, dass die Versicherten jede Möglichkeit, die sich in diesem Bereich bietet, mit Begeisterung aufnehmen. Dies gilt zum Beispiel für die Vereinbarung von Arztterminen über das Internet. Nur eine Minderheit der Befragten hat überhaupt schon einmal davon Gebrauch gemacht. Dies mag daran liegen, dass noch längst nicht alle Praxen eine solche Möglichkeit anbieten. Allerdings legt auch nur ein Teil der Versicherten überhaupt Wert auf ein solches Angebot. Hierbei spielt der Bildungsabschluss eine Rolle: Erst ab der Hochschulreife ist die Möglichkeit, Termine online zu suchen und zu vereinbaren für mehr als die Hälfte der Befragten wichtig.

Groß ist die Skepsis der Versicherten beim Thema Videosprechstunde. 62 Prozent lehnen diese für sich ab. Selbst in der jüngsten Alterskohorte, bei den 18- bis 29-Jährigen, sagt etwas mehr als die Hälfte der Befragten, sie würde ein solches Angebot nicht nutzen. Das legt den Schluss nahe, dass die meisten Menschen den persönlichen Kontakt zu ihrem Arzt bevorzugen und eine Fernbehandlung oder auch nur -beratung eher ablehnen. Am fehlenden Internet oder technischer Ausstattung liegt das übrigens nicht, nur 15 Prozent gaben dies als Grund für ihre Skepsis an. Andere Gründe spielen ebenso wenig eine Rolle, auch nicht die Sorge um den Datenschutz. Der wichtigste Grund ist, dass die Patienten den direkten Kontakt zum Arzt schlichtweg bevorzugen. 72 Prozent nannten dies als Motiv für ihre Ablehnung der Videosprechstunde.

Ich ziehe daraus das Fazit: Nicht alles, was mithilfe der Digitalisierung machbar ist, ist sinnvoll und überhaupt gewollt. Hier scheinen die Einstellungen der meisten Bürgerinnen und Bürger ähnlich zu sein wie die der Ärzteschaft. Digitalisierung ist dort willkommen wo sie hilft, Zeit und Aufwand zu ersparen und Abläufe zu verbessern. Sofern sie aber unmittelbar in die Behandlung eingreift beziehungsweise den Kontakt zwischen Patient und Arzt verändert, gibt es deutliche Vorbehalte. Dem „digitalen“ Arzt können die wenigsten Patienten etwas abgewinnen.

Vielen Dank

(Es gilt das gesprochene Wort.)