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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung in der Presse

Corona-Pandemie Mehr Covid-19-Patienten in Kliniken

NDR nimmt KBV-Informationen nicht auf

"Die Krankenhäuser müssen wieder zunehmend schwer erkrankte Corona-Patienten behandeln. Besonders in den großen Städten steigt die Zahl stark an." ... berichtet der NDR auf Tagesschau.de

Leider haben die beiden NDR-Journalisten keine Antworten auf ihre Presseanfrage an die KBV wirklich aufgenommen. Deshalb veröffentlichen wir hier unsere ausführlichen Darstellungen im Wortlaut. Daraus ein Detail: Herr Gassen hat im Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung nicht das RKI kritisiert. Er hat das RKI weder benannt noch angesprochen. Das RKI veröffentlicht  auf seiner Website ein ganzes Dashboard unterschiedlicher Kennzahlen. 

 

1. Herr Dr. Gassen hat am 6.3. gegenüber der Welt gesagt:

Welt: Schätzen Sie die normale Grippe nach wie vor gefährlicher ein als das Coronavirus?
 
Gassen: "Die Antwort liegt auf der Hand, wenn Sie sich die Zahlen ansehen. Die Grippe ist um ein Vielfaches häufiger. Wir haben 650 Millionen Influenzafälle jedes Jahr weltweit und derzeit rund 90.000 Corona-Fälle. Die Zahl der Corona-Infizierten in China flaut wieder ab. In Deutschland haben wir 80.000 Patienten, die derzeit unter Influenza leiden und 262 Patienten mit Corona. Die Dimensionen sind also überhaupt nicht zu vergleichen. Aktuell verzeichnen wir 130 Todesfälle durch Influenza, doch trotzdem lassen sich nur 35 Prozent der Deutschen impfen."
 
Welt: Also haben die Deutschen eine paranoide Wahrnehmung?
 
Gassen: "Es gibt eine große Unsicherheit bei den Menschen. Das ist bis zu einem gewissen Maß verständlich, da das Thema omnipräsent ist. Aber es gibt derzeit objektiv keinen Grund, sich wegen des Coronavirus Sorgen zu machen. Und wenn jemand doch erkrankt, ist er in Deutschland bestens aufgehoben."
 
a) Hält Herr Dr. Gassen die Grippe auch heute für gefährlicher als Covid19? Wenn ja, auf welcher Datenbasis? Wenn ja, teilt die KBV diese Aussage?
 
Wir halten eine differenzierte Betrachtung für notwendig. Nach dem jüngsten epidemiologischen Bulletin des RKI ist für COVID-Patienten, die stationär aufgenommen wurden, die intensivmedizinische Behandlung (37%) und Beatmung (22%) häufiger als bei stationär behandelten Grippepatienten (32%, 14%). Aber die Grippe ist eben nicht harmlos. Und in den unteren Altersgruppen sogar gefährlicher, wie das gleiche epidemiologische Bulletin des RKI vom 8.10.2020 zeigt (SARI-GW = Grippe):
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/Ausgaben/41_20.pdf?__blob=publicationFile

Das RKI berichtet – bei allen methodischen Schwierigkeiten – auch eine höhere Hospitalisierungsrate bei Grippe:

  Fälle ärztl. Konsultationen Hosp.-Quote Todesfälle (laborbest.)
COVID-19 310144 n.b. 14% 9578
Influenza 19/20 191214 4,2 Mio. 16% 544
Influenza 18/19 184377 3,8 Mio. 22% 954
Influenza 17/18 338012 9 Mio. 17% 167

Quelle: Darstellung des Zi auf Basis der Influenzasaisonberichte des RKI
 
Zur Einschätzung der COVID-19-Pandemie müssen wir vor allem auf die infizierten Altersgruppen schauen. Die Infektionssterblichkeitsrate (nicht Fallsterblichkeit) für COVID-19-Fälle ist für Kinder und junge Erwachsene sehr niedrig, steigt jedoch im Alter von 55 Jahren auf 0,4%, im Alter von 65 Jahren auf 1,3%, im Alter von 75 Jahren auf 4,2%, im Alter von 85 Jahren auf 14% und im Alter 90 und höher auf über 25%. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.07.23.20160895v5.full.pdf 

b) Ist Herr Dr. Gassen auch heute der Ansicht, dass es keinen objektiven Grund gibt, sich wegen des Coronavirus Sorgen zu machen? Wenn ja, warum? Wenn ja, teilt die KBV diese Aussage?

Es gibt keinen Anlass zur Angst, aber zur Sorgfalt (Beachtung der AHA-Regeln und Beobachtung des Pandemieverlaufs) . Das Verhalten jedes einzelnen von uns ist entscheidend. Unser Gesundheitssystem ist zudem gut aufgestellt. Wir haben aus der ersten Phase der Pandemie viel lernen können. 

2. Heute - Sa, 10.10. 2020. - sind von Herrn Dr. Gassen folgende Aussagen in der Neuen Osnabrücker Zeitung veröffentlicht worden:

"Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama, wenn nur einer von 1000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten."

a)    Auf welcher Datengrundlage kommt Herr Dr. Gassen zu der Einschätzung, dass nur einer von 1000 mit dem neuen Coronavirus Infizierten erkrankt?
Es geht hier um sehr schwere bzw. tödliche Verläufe. Hierbei ist wie gesagt auf die altersspezifische Betrachtung abzustellen. Hospitalisierungen und Todesfälle sind extrem altersabhängig. Aus dem Abgleich der RKI-Lageberichte mit dem DIVI-Intensivregister ergibt sich, dass derzeit etwa 1,5 bis 2% aller aktiven SARS-CoV-2-Infektionen zu einer intensivmedizinischen Behandlung führen.  Seit KW 25 liegt die Fall-Todesrate aber unter 1%. Das liegt daran, dass das Durchschnittsalter seit KW 23 unter 40 liegt. In KW 35 lag der Anteil der Verstorbenen bei 0,16%. Für KW 40 lagen der vorläufige Anteil bei 0,11%.
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Okt_2020/2020-10-06-de.pdf?__blob=publicationFile (Tabelle 3)

 b) Teilt die KBV diese Einschätzung?
c) Aufgrund welcher Annahme geht Herr Dr. Gassen davon aus, dass das auch bei einer Zunahme von Neuinfektionen so bleibt?
d) Wenn 10.000 Neuinfektionen "kein Drama" sind, welche Zahl von Neuinfektionen sieht Herr Dr. Gassen als kritisch an?

Auch das ist sehr altersabhängig. 10.000 Neuinfektionen in den Altersgruppen unter 40 sind nicht kritisch, 10.000 in den Altersgruppen über 70 natürlich schon. In Deutschland gibt es ca. 30.000 ITS-Betten, inklusive der aufgebauten Reserve sind es 42.000. Über den gesamten Pandemieverlauf sind bisher ca. 6% der gemeldeten Fälle intensiv (ITS)-pflichtig, im Moment sind es ca. 1,5% der aktiv Infizierten. Bei 6% ITS-Quote und täglich 10.000 neuen Fälle wären ca. 6.000 ITS Betten belegt. Das sind inkl. der Reserve 14% der verfügbaren Betten. Bei einer ITS-Quote von 1,5% wären es nur 4%. Bei 20.000 Neuinfektionen wären bei einer ITS-Quote von 6% ca. 29% belegt; bei einer ITS-Quote von 1,5% ca. 7%.
 
e) Welche Maßnahmen hält Herr Dr. Gassen für angemessen, um diese Grenze nicht zu erreichen?
Die AHA+ L+A Regeln sind wichtig. Darauf muss fokussiert werden. Insbesondere, da es in der Literatur zahlreiche Hinweise gibt, dass die Virus-Menge, die durch die AHA+L Regeln verringert werden, die Schwere der Erkrankung beeinflusst (z. B. https://covid19-evidence.paho.org/handle/20.500.12663/1368 oder https://www.jci.org/articles/view/138759)

3. Weiter wurde Herr Dr. Gassen wie folgt zitiert:

"Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, das führt zu falschem Alarmismus."

Welche Zahl/en hält Herr Dr. Gassen für den oder die richtigen Indikator/en, um zu verhindern, 

a) dass Menschen sterben, schwer oder sehr lange erkranken,
b) dass die Zahl der Neuinfektionen so stark ansteigt, dass das Gesundheitssystem und die Menschen, die dort arbeiten überlastet werden?

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) i berichtet auf Basis der RKI-Zahlen mehrere relevante Kennzahlen, die gemeinsam in den Blick genommen werden müssen. Die Vorwarnzeit, die zeigt, wieviel Zeit bei einem kontinuierlichen R-Wert von 1,3 ab dem heutigen Tage bleibt, bis eine Auslastung der ITS-Kapiztäten mit 25% zu befürchten ist. Im Moment sind das unter konservativen Annahmen 38 Tage. Die effektive Vorwarnzeit, die einen Puffer von 21 Tagen für Maßnahmen zur Eindämmung berücksichtigt, liegt momentan bei 17 Tagen. Dabei geht das Zi von einer ITS-Quote von knapp 6% aus. 

Der R-Wert ist hilfreich, um einschätzen zu können, ob wir in einer ansteigenden oder abnehmenden Phase der Pandemie sind. Es sollte aber nicht jede tägliche Schwankung sondern ein mittelfristiger Verlauf betrachtet werden. 

Und sehr wichtig ist die Veränderung der Altersstruktur der Infizierten, ablesbar an den 7-Tagesinzidenzen für drei Altersgruppen. Diese liegen für <60Jahre bei 32/100tsd.; für 60-79Jahre bei 15/100tsd; und >80Jahre auch bei 15/100tsd. Einwohner. Im Vergleich zur Situation im April erklärt das deutlich den Unterschied der Belastung des Gesundheitswesens:

7-Tages-Inzidenzen der Altersgruppen:

Datum/Altersgruppe  0-15 15-35 35-60     60+
11.10.2020 17 45 30 15
13.04.2020 6 30 33 38
02.04.2020 9 46 53 50

Datenquelle: Lageberichte des RKI