Logo-KBV

KBV Hauptnavigationen:

Sie befinden sich:

 

Presse

Interview mit dem Präsident der Bundesärztekammer und dem Chef der Kassenärzte

In einem Interview des Deutschen Ärzteblatts sprachen der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Klaus Reinhardt, und der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, über „die Lage der Ärzte im Umfeld anstehender Veränderungen“.

So äußerten sich die beiden Ärztechefs unter anderem zur die Rolle des Arztes im Hinblick auf zunehmende Digitalisierung. Diese werde den Arzt „nicht überflüssig machen“, so Reinhardt, sondern diesen vielmehr unterstützen. Digitalisierung könne helfen, Bürokratie abzubauen, künstliche Intelligenz könne zudem bei der Diagnose-Stellung helfen. Gassen wies darauf hin, dass Digitalisierung bereits Bestandteil ärztlicher Arbeit sei, beispielsweise durch „verbesserte Auflösungen bei Röntgenbildern oder detailliertere mikroskopische Untersuchungen“. Beide gehen von Veränderungen im Arzt-Patienten-Verhältnis aus, was die Kommunikation angeht und den Wissensstand von Ärzten und Patienten.

„Digitalisierung ist dann gut, wenn spürbar Besseres kommt. Es muss medizinisch Sinn machen“, mahnte Gassen. Apps, die unterstützen, seien wunderbar, es stelle sich aber die Frage, wer diese bezahlt, so der KBV-Chef weiter. Reinhardt betonte, medizinische Versorgung müsse „Aufgabe von Ärztinnen und Ärzten“ bleiben. Ein „gewisses Grundverständnis für die hinter den Anwendungen stehenden Algorithmen“ sei erforderlich, um Ergebnisse auch einordnen zu können – darauf sollten bereits Medizinstudierende vorbereitet werden. Es bestünde bereits „ein hohes Maß an Abhängigkeit von digitalen Systemen“, sagte Reinhardt im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt. Das werde gefährlich, sobald Technik einmal nicht funktioniere. 

Wichtig sei, dass Algorithmen keine Entscheidungen treffen, so der Präsident der Bundesärztekammer. „Das wäre nicht nur ethisch bedenklich, sondern medizinisch fahrlässig.“

Entscheidungsfreiräume der Selbstverwaltung

In der Übernahme der Gesellschafteranteile der gematik durch das Bundesgesundheitsministerium sieht Reinhardt „eine gewisse staatliche Übergriffigkeit“. Dadurch sei der Gesetzgeber aber auch in der Verantwortung, Aufgaben vernünftig zu erledigen. Den Ärzten käme es dabei besonders auf Praktikabilität an. Generell sei eine gewisse Ungeduld gegenüber der Selbstverwaltung seitens der Politik festzustellen, konstatierte Reinhardt. KBV-Chef Gassen ergänzte, dass lang erarbeitete Kompromisse nicht mehr wertgeschätzt würden. Dabei werde Selbstverwaltung „von Leuten gemacht, die wissen, wovon sie reden“ und schaffe „gesellschaftlichen Konsens“. Reinhardt merkte an, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten „ganz deutlich von Selbstverwaltungsstrukturen profitiert“ habe – sie stünde für eine „patientenorientierte Gesundheitsversorgung“.

Die Basis der Selbstverwaltung sei Freiwilligkeit. Dieses Gemeinwesen könne daher nur funktionieren, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und Pflichtbewusstsein zeigen, so Gassen. Mitgliedern und jungen Ärztinnen und Ärzten müsse man daher vermitteln, „welche Möglichkeiten der Mitbestimmung ein Engagement in der Selbstverwaltung immer noch bietet“, sagte Reinhardt im Interview. Wege in die Berufspolitik seien nicht nur Berufsverbände, sondern auch Stammtische und zunehmende soziale Netzwerke, so die beiden Ärzte.

Stand von EBM und Gebührenordnung der Ärzte

Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) sei auf der Zielgeraden, sagte Gassen. Als Grundproblem benannte er, dass der EBM „letztlich immer unterfinanziert ist“, medizinischer Fortschritt aber nun mal teurer sei. Reinhardt pflichtete ihm bei und forderte „von den Kostenträgern mehr Bereitschaft, hier notwendige Veränderungen mitzutragen“. Dabei bezog er sich auch auf die Herausforderungen durch den demografischen Wandel. Reinhardt rechne damit, Anfang Oktober eine „von Ärzten für Ärzte kalkulierte Gebührenordnung mit einem modernen Leistungsverzeichnis“ vorlegen zu können. Momentan liefen noch die Gespräche mit Berufsverbänden und Fachgesellschaften zu den mehr als 5500 Gebührenpositionen.

Notfallversorgung

Im Hinblick auf das vom Gesetzgeber ins Spiel gebrachte Splitting des Sicherstellungsauftrags im Rahmen der Notfallversorgung äußerte der KBV-Chef Bedenken: Entweder bleibe dieser bei den Kassenärztlichen Vereinigungen, dann würde man sich darum kümmern und die Notfallversorgung mitorganisieren. Sollte er aber an die Länder gehen, dann sei die KBV an dem Punkt „bitte ganz raus“. Reinhardt warnte im Falle eines Splittings explizit vor einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung. Er forderte vielmehr eine angemessene, extrabudgetäre Finanzierung dieses Versorgungsbereichs.

Gefragt nach der zeitlichen Perspektive stellte Reinhardt abschließend klar: „Der Intensität und Geschwindigkeit der Gesetzgebung können wir zwar nachkommen, aber wenn es gut werden soll, muss auch mal gelten, dass ‚gut Ding Weile haben‘ sollte.“

Artikel im Deutschen Ärzteblatt