WEBVTT
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Language: de

00:00:01.166 --> 00:00:04.266
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender&nbsp;
der KBV, im Interview:

00:00:04.266 --> 00:00:08.480
Was sagen Sie zum Beschluss des EBA, die&nbsp;
Vergütung für die Psychotherapie abzusenken?

00:00:08.480 --> 00:00:12.560
Ja, den Beschluss, der ist für uns nicht&nbsp;
nachvollziehbar. Wir haben ja auch diesen&nbsp;&nbsp;

00:00:12.560 --> 00:00:16.960
Beschluss nicht mitgestimmt und man muss sagen,&nbsp;
es ist in der Tat ein einzigartiger Vorgang,&nbsp;&nbsp;

00:00:16.960 --> 00:00:22.360
dass man aktiv Honorare beschneidet. Das hat es&nbsp;
bisher noch nicht gegeben. Wir glauben auch nicht,&nbsp;&nbsp;

00:00:22.360 --> 00:00:27.400
dass das rechtssicher ist und werden&nbsp;
deshalb auch Klage gegen diesen Beschluss&nbsp;&nbsp;

00:00:27.400 --> 00:00:29.328
des erweiterten Bewertungsausschusses einlegen.

00:00:31.175 --> 00:00:35.009
Das BMG muss den Beschluss doch noch prüfen, oder?

00:00:35.080 --> 00:00:39.720
Das BMG hat grundsätzlich als Rechtsaufsicht&nbsp;
Zeit, diesen Beschluss zu beanstanden. Da gäbe es&nbsp;&nbsp;

00:00:39.720 --> 00:00:45.560
sicherlich gute Gründe, das zu tun, eben aus den&nbsp;
gleichen Gründen, warum wir einer Klage durchaus&nbsp;&nbsp;

00:00:45.560 --> 00:00:51.600
positiv gegenüberstehen. Ob da was passiert,&nbsp;
bleibt abzuwarten. Insgesamt muss man aber sagen,&nbsp;&nbsp;

00:00:52.640 --> 00:00:57.800
das BMG muss hier jetzt mal Aktivität zeigen, wo&nbsp;
wir ohnehin erleben, dass wir in einer Diskussion&nbsp;&nbsp;

00:00:57.800 --> 00:01:02.360
sind, wo es darum geht, den Druck auf die&nbsp;
Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung&nbsp;&nbsp;

00:01:02.360 --> 00:01:07.760
zu reduzieren. Da warten wir auf die Vorschläge&nbsp;
der GKV-Finanzkommission. Bemerkenswert finde&nbsp;&nbsp;

00:01:07.760 --> 00:01:12.600
ich in diesem Zusammenhang, dass bevor diese&nbsp;
Vorschläge überhaupt publik sind, Frau Bas&nbsp;&nbsp;

00:01:12.600 --> 00:01:17.000
bereits gesagt hat, also die Finanzierung der&nbsp;
Gesundheitsleistungen für ALG-II-Empfänger durch&nbsp;&nbsp;

00:01:17.000 --> 00:01:23.080
das BMAS wäre für sie kein Punkt, der diskutiert&nbsp;
würde. Das würden sie einfach nicht machen.&nbsp;&nbsp;

00:01:23.080 --> 00:01:27.040
Das ist schon bemerkenswert. Also alle anderen&nbsp;
Leistungserbringer sollen ja oder insbesondere&nbsp;&nbsp;

00:01:27.040 --> 00:01:31.360
die ambulante Versorgung soll ja offensichtlich&nbsp;
jetzt zur Kasse gebeten werden. Deshalb ist das&nbsp;&nbsp;

00:01:31.360 --> 00:01:36.400
möglicherweise nur der erste Aufgalopp bei der&nbsp;
Psychotherapie. Und, die Bundesarbeitsministerin&nbsp;&nbsp;

00:01:36.400 --> 00:01:39.960
sagt: "Also, das ist mir eigentlich egal.&nbsp;
Wir zahlen jedenfalls nicht die Leistungen,&nbsp;&nbsp;

00:01:39.960 --> 00:01:45.920
die die durch uns vertretenen Bürgergeldempfänger&nbsp;
bekommen." Das muss man einfach mal so sacken&nbsp;&nbsp;

00:01:45.920 --> 00:01:52.040
lassen. Wir sagen allerdings auch ganz deutlich,&nbsp;
dass, wenn es neben der schon bestehenden&nbsp;&nbsp;

00:01:52.040 --> 00:01:57.400
Budgetierung der Fachärzte, die eigentlich langsam&nbsp;
wegmüsste, weitere Reduktionen geben sollte,&nbsp;&nbsp;

00:01:57.400 --> 00:02:02.840
dann werden wir auch dafür sorgen, dass das&nbsp;
Terminangebot bei den Fachärzten auf das Maß&nbsp;&nbsp;

00:02:02.840 --> 00:02:06.880
zurückgeführt wird, für das eine Finanzierung&nbsp;
da ist. Das sind deutlich weniger Termine,&nbsp;&nbsp;

00:02:06.880 --> 00:02:10.160
als wir sie bisher haben. Vierzig Millionen&nbsp;
Termine werden nicht vergütet. Hier haben wir&nbsp;&nbsp;

00:02:10.160 --> 00:02:15.840
bereits eine Abstimmung mit den KVen gehabt,&nbsp;
die das genauso sehen. Denn man muss wissen,&nbsp;&nbsp;

00:02:15.840 --> 00:02:20.760
entsprechende Änderungen in der Honorarverteilung&nbsp;
können ja nur von den KVen vorgenommen werden.&nbsp;&nbsp;

00:02:21.360 --> 00:02:25.120
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat da&nbsp;
keine Handlungsoption. Aber es gibt da einen&nbsp;&nbsp;

00:02:25.120 --> 00:02:29.240
sehr breiten Konsens, und man ist sich einig,&nbsp;
dass wir also nicht tatenlos zusehen werden,&nbsp;&nbsp;

00:02:29.240 --> 00:02:34.760
wie weitere Honorareinbußen vorgenommen&nbsp;
werden und gleichzeitig ein Mehr an Arbeit,&nbsp;&nbsp;

00:02:34.760 --> 00:02:38.435
schnellere Termine und vielerlei&nbsp;
Wunschgedanken mehr formuliert werden.

00:02:40.456 --> 00:02:43.800
Was würde das denn konkret&nbsp;
für die Versorgung bedeuten?

00:02:43.800 --> 00:02:48.560
Ja, konkret würde das in der reinen Lehre&nbsp;
bedeuten, dass rund fünfzehn Prozent der&nbsp;&nbsp;

00:02:48.560 --> 00:02:52.360
fachärztlichen Termine, nämlich alle die, die&nbsp;
über die Budgetgrenze hinaus erbracht werden,&nbsp;&nbsp;

00:02:52.360 --> 00:02:56.640
wegfallen. Das sind in Summe vierzig Millionen&nbsp;
Termine aufs Jahr gerechnet und da kann sich&nbsp;&nbsp;

00:02:56.640 --> 00:03:00.000
jeder leicht ausrechnen, dass das sicherlich&nbsp;
nicht zur Beschleunigung der Terminvergabe bei&nbsp;&nbsp;

00:03:00.000 --> 00:03:03.177
Fachärzten beiträgt, sondern natürlich&nbsp;
hier es deutlich länger dauern wird.

00:03:05.680 --> 00:03:08.600
Und wie würde es bei der Psychotherapie aussehen?

00:03:08.600 --> 00:03:11.720
Das wird in der Konsequenz das Gleiche bedeuten.&nbsp;
Man hat die Psychotherapeuten in den letzten&nbsp;&nbsp;

00:03:11.720 --> 00:03:15.400
Jahren ja aufgefordert, verschiedene Neuerungen&nbsp;
in ihrer Arbeitsweise einbringen. Wir denken an&nbsp;&nbsp;

00:03:15.400 --> 00:03:21.240
die offene Sprechstunde, Akutsprechstunden. All&nbsp;
diese Dinge wurden umgesetzt, Gruppentherapie.&nbsp;&nbsp;

00:03:21.240 --> 00:03:25.200
Jetzt zu sagen: „Es ist schön, dass ihr das&nbsp;
gemacht habt und dafür wird jetzt erst mal die&nbsp;&nbsp;

00:03:25.200 --> 00:03:30.080
Vergütung um 4,5 Prozent reduziert", ist schon ein&nbsp;
bemerkenswerter Vorgang und ich gehe davon aus,&nbsp;&nbsp;

00:03:30.080 --> 00:03:34.840
dass die Psychotherapeuten, die natürlich jetzt&nbsp;
schon aktiv werden – es gibt eine Petition,&nbsp;&nbsp;

00:03:34.840 --> 00:03:39.840
die schon vierhunderttausend Zeichner hat – hier&nbsp;
weitere Maßnahmen auch abstimmen. Und auch da wird&nbsp;&nbsp;

00:03:39.840 --> 00:03:45.400
es am Ende des Tages natürlich zu Veränderungen in&nbsp;
der Versorgungssituation kommen. Und man kann ja&nbsp;&nbsp;

00:03:45.400 --> 00:03:50.480
nicht ernsthaft annehmen, dass, eine Berufsgruppe,&nbsp;
der man 4,5 Prozent des Honorars wegnimmt,&nbsp;&nbsp;

00:03:52.560 --> 00:03:56.920
so weiterarbeitet wie bisher oder gar mehr macht.&nbsp;
Wir erleben aktuell, dass der öffentliche Dienst&nbsp;&nbsp;

00:03:57.640 --> 00:04:01.480
streikt, bevor überhaupt die Tarifverhandlungen&nbsp;
richtig begonnen haben. Das findet offensichtlich&nbsp;&nbsp;

00:04:01.480 --> 00:04:06.360
jeder völlig in Ordnung, dass Flughäfen&nbsp;
bestreikt werden, Bahnen nicht fahren,&nbsp;&nbsp;

00:04:06.360 --> 00:04:10.960
und da geht es um deutliche Gehaltssteigerungen.&nbsp;
Hier wird einer Berufsgruppe Geld weggenommen.&nbsp;&nbsp;

00:04:10.960 --> 00:04:13.442
Völlig klar, wie die reagieren, die&nbsp;
werden wird natürlich weniger machen.

00:04:15.110 --> 00:04:18.680
Wo sehen Sie denn Einsparpotenziale bei der GKV?

00:04:18.680 --> 00:04:21.320
Ein wesentliches Problem sind die&nbsp;
versicherungsfremden Leistungen. Deshalb ist es&nbsp;&nbsp;

00:04:21.320 --> 00:04:25.120
umso schockierender, wenn, Frau Bas einfach sagt:&nbsp;
„Ja, das ist für uns kein Thema, das interessiert&nbsp;&nbsp;

00:04:25.120 --> 00:04:28.760
uns nicht." Das sind 45 Milliarden. Das ist&nbsp;
ein Mehrfaches des Finanzlochs der gesetzlichen&nbsp;&nbsp;

00:04:28.760 --> 00:04:33.560
Krankenversicherung. Aber natürlich gibts auch&nbsp;
in den Kernleistungen Einsparpotenzial. Natürlich&nbsp;&nbsp;

00:04:33.560 --> 00:04:39.040
bräuchten wir eine vernünftige Krankenhausreform.&nbsp;
Diese Chance ist offenkundig vertan worden. Wir&nbsp;&nbsp;

00:04:39.040 --> 00:04:43.560
haben sicherlich beim Bürokratieabbau erhebliche&nbsp;
Ressourcen, die freigesetzt werden können. Hier&nbsp;&nbsp;

00:04:43.560 --> 00:04:48.800
reden wir über mehrere hundert Millionen allein&nbsp;
durch unsinnige Verwaltungsvorgänge. Man muss&nbsp;&nbsp;

00:04:48.800 --> 00:04:53.080
auch darüber nachdenken, wenn eben Geld nur in&nbsp;
begrenztem Umfang da ist, was offensichtlich&nbsp;&nbsp;

00:04:53.080 --> 00:04:57.080
der Fall ist, dann kann man kein unbegrenztes&nbsp;
Leistungsversprechen dahinter setzen. Und das&nbsp;&nbsp;

00:04:57.080 --> 00:05:01.520
streckt sich über alle Leistungsbereiche&nbsp;
im Ambulanten wie auch im Stationären. Und&nbsp;&nbsp;

00:05:01.520 --> 00:05:05.240
wir werden eine Diskussion in der Gesellschaft&nbsp;
führen müssen, ob auch medizinische Innovationen&nbsp;&nbsp;

00:05:05.240 --> 00:05:10.520
wie bisher direkt Zugang in die Versorgung auch&nbsp;
gesetzlich versicherter Patienten bekommen sollen.&nbsp;&nbsp;

00:05:10.520 --> 00:05:14.920
Ärztlicherseits befürworten wir das natürlich.&nbsp;
Das geht aber nicht zum Nulltarif, und es geht&nbsp;&nbsp;

00:05:14.920 --> 00:05:18.640
sicherlich nicht über die Schiene, dass man&nbsp;
sagt, denjenigen, die die Leistung erbringen&nbsp;&nbsp;

00:05:18.640 --> 00:05:22.320
und für die Menschen in diesem Land da sind und&nbsp;
Versorgung in 97 Prozent der Fälle darstellen,&nbsp;&nbsp;

00:05:22.320 --> 00:05:26.735
dass man denen aktiv ins Portemonnaie&nbsp;
greift. Das werden wir nicht akzeptieren.

00:05:29.351 --> 00:05:32.203
Verstehen Sie denn den Kurs der Regierung?

00:05:32.203 --> 00:05:35.320
Ich sehe gar keinen Kurs der Regierung.&nbsp;
Deshalb ist er auch schwer zu verstehen,&nbsp;&nbsp;

00:05:36.240 --> 00:05:39.200
weil bisher ist ja nicht wirklich viel&nbsp;
passiert. Die Regierung ist ja nun bald ein&nbsp;&nbsp;

00:05:39.200 --> 00:05:42.960
Jahr im Amt. Im Bereich des Gesundheitswesens&nbsp;
ist da bisher nicht wirklich viel passiert.&nbsp;&nbsp;

00:05:45.200 --> 00:05:48.120
Wir haben ja keinen Erkenntnisgewinn. Die&nbsp;
Situation hat sich ja nicht über Nacht ergeben,&nbsp;&nbsp;

00:05:48.120 --> 00:05:51.520
sondern sie ist seit vielen Jahren so. Deshalb&nbsp;
standen in den letzten zwei Koalitionsverträgen&nbsp;&nbsp;

00:05:51.520 --> 00:05:55.640
war das Thema der versicherungsfremden Leistungen&nbsp;
bezüglich der Bürgergeldempfänger bereits zweimal&nbsp;&nbsp;

00:05:55.640 --> 00:05:58.520
adressiert. Das hat man dieses Mal gar nicht&nbsp;
mehr reingeschrieben. Also es ist jetzt nicht,&nbsp;&nbsp;

00:05:58.520 --> 00:06:02.280
dass das neue Probleme sind. Politik hat&nbsp;
es einfach in den letzten Jahren sträflich&nbsp;&nbsp;

00:06:02.280 --> 00:06:06.320
versäumt – das muss man einfach so sagen – wie&nbsp;
auch in vielen anderen Bereichen, hier zu handeln.&nbsp;&nbsp;

00:06:06.320 --> 00:06:12.040
Und das ist genau das Problem, vor dem wir jetzt&nbsp;
stehen. Jetzt sind die Probleme so groß, dass man&nbsp;&nbsp;

00:06:12.040 --> 00:06:16.032
was machen muss. Ich habe ernsthafte Zweifel,&nbsp;
ob das mit Sinn und Verstand geschehen wird.

00:06:18.520 --> 00:06:21.579
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00:06:21.579 --> 00:06:23.579
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