WEBVTT

1
00:00:02.660 --> 00:00:04.660
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV:

2
00:00:04.660 --> 00:00:08.520
Wie würden Sie das Verhältnis der Politik zur Ärzteschaft beschreiben?

3
00:00:08.520 --> 00:00:11.360
Das ist natürlich immer schwierig, das&nbsp;
Verhältnis der Politik zur Ärzteschaft&nbsp;&nbsp;

4
00:00:11.360 --> 00:00:15.840
zu beschreiben. Individuell wird jeder&nbsp;
seine individuelle Praxis schätzen,&nbsp;&nbsp;

5
00:00:15.840 --> 00:00:19.160
der politisch tätig ist. Wir erleben&nbsp;
im Moment bei den Gesundheitsreformen,&nbsp;&nbsp;

6
00:00:19.160 --> 00:00:23.920
dass man den Eindruck gewinnt, dass viele,&nbsp;
die sich in diesen Reformen tummeln, im Moment&nbsp;&nbsp;

7
00:00:23.920 --> 00:00:28.880
nicht wirklich abschätzen, welche Auswirkungen&nbsp;
dieses Spargesetz auf die Versorgung haben wird.

8
00:00:28.880 --> 00:00:33.080
Das wird bei vielen Gesprächen klarer. Und&nbsp;
auch die bekannten „Liebe Freunde“-Briefe,&nbsp;&nbsp;

9
00:00:33.080 --> 00:00:37.280
die ja gerne im Bundestag kursieren, zeigen&nbsp;
eigentlich, dass man hier offensichtlich kein&nbsp;&nbsp;

10
00:00:37.280 --> 00:00:43.280
wirkliches Verständnis hat, was das&nbsp;
Beitragssatzstabilisierungsgesetz für&nbsp;&nbsp;

11
00:00:43.280 --> 00:00:48.237
die Versorgung bedeutet. Man könnte fast&nbsp;
sagen: Denn sie wissen nicht, was sie tun.

12
00:00:48.237 --> 00:00:53.840
Was sehen Sie an den geplanten Sparmaßnahmen kritisch?

13
00:00:53.840 --> 00:00:56.000
Erst mal ist das Volumen natürlich erheblich.

14
00:00:56.000 --> 00:01:00.120
Wir bewegen uns ja jetzt deutlich auf drei&nbsp;
Milliarden Einsparung allein für den ambulanten&nbsp;&nbsp;

15
00:01:00.120 --> 00:01:05.400
Bereich der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte&nbsp;
sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten&nbsp;&nbsp;

16
00:01:05.400 --> 00:01:12.200
zu. Das ist der größte Beitrag aller Betroffenen.&nbsp;
Auch wenn die Ministerin nicht müde wird zu sagen,&nbsp;&nbsp;

17
00:01:12.200 --> 00:01:16.280
alle werden gleich belastet, dann stimmt&nbsp;
das natürlich nicht. Wir haben erlebt,&nbsp;&nbsp;

18
00:01:16.280 --> 00:01:20.800
dass die Apotheker sogar Geld dazu bekommen.&nbsp;
Die Pharmaindustrie wird weitestgehend geschont,&nbsp;&nbsp;

19
00:01:20.800 --> 00:01:23.000
die Länder werden bei den&nbsp;
Krankenhäusern nacharbeiten,

20
00:01:23.000 --> 00:01:28.240
und auch bei den Versicherten wird man versuchen,&nbsp;
Lasten zu reduzieren. Am Ende bleibt ein großer&nbsp;&nbsp;

21
00:01:28.240 --> 00:01:33.080
Teil bei den Niedergelassenen hängen. Und&nbsp;
das wird natürlich und muss Konsequenzen für&nbsp;&nbsp;

22
00:01:33.080 --> 00:01:39.280
die Versorgung haben. Und gerade die über Nacht&nbsp;
sozusagen noch nachgereichten Änderungsanträge,&nbsp;&nbsp;

23
00:01:39.280 --> 00:01:46.200
die ja Hunderte von Seiten umfassen und in&nbsp;
weiten Teilen das Gesetz noch verschlimmbessern,&nbsp;&nbsp;

24
00:01:46.200 --> 00:01:50.120
zeigt, dass hier mit heißer Nadel gearbeitet&nbsp;
wird und dass insbesondere offensichtlich aus&nbsp;&nbsp;

25
00:01:50.120 --> 00:01:53.680
dem Kassenlager Vorschläge völlig&nbsp;
unkritisch übernommen werden.

26
00:01:53.680 --> 00:01:58.040
Wir haben auf etliche redaktionelle&nbsp;
und inhaltliche Fehler hingewiesen.&nbsp;&nbsp;

27
00:01:58.040 --> 00:02:00.640
Uns wurde dann gesagt: Das wird&nbsp;
noch korrigiert. Bisher ist das&nbsp;&nbsp;

28
00:02:00.640 --> 00:02:03.960
nicht geschehen. Wenn sich das im&nbsp;
parlamentarischen Verfahren nicht&nbsp;&nbsp;

29
00:02:03.960 --> 00:02:08.876
noch korrigieren lässt, werden wir hier&nbsp;
noch zusätzliche Unwuchten bekommen.

30
00:02:08.876 --> 00:02:14.800
Welche Folgen werden die Maßnahmen haben?

31
00:02:14.800 --> 00:02:19.560
Also für die Ärzte heißt es je nach Fachgruppe&nbsp;
zum Teil erhebliche Umsatzeinbrüche.

32
00:02:19.560 --> 00:02:24.600
Das ist in einzelnen Facharztgruppen zehn&nbsp;
und mehr Prozent. Auch die Psychotherapeuten,&nbsp;&nbsp;

33
00:02:24.600 --> 00:02:30.640
die ja ohnehin im Bewertungsausschuss&nbsp;
schon Honorarkürzungen hinnehmen mussten,&nbsp;&nbsp;

34
00:02:30.640 --> 00:02:35.962
werden jetzt noch mal zum einen durch die&nbsp;
Einbudgetierung, durch Wegfall von Zuschlägen&nbsp;&nbsp;

35
00:02:35.962 --> 00:02:41.640
und durch die Gleichbehandlung mit normalen&nbsp;
Gesprächsleistungen substanziell Honorar&nbsp;&nbsp;

36
00:02:41.640 --> 00:02:46.040
verlieren. Und in der Konsequenz wird das&nbsp;
natürlich im ambulanten Bereich dazu führen&nbsp;&nbsp;

37
00:02:46.040 --> 00:02:50.520
müssen, dass die Praxen, die dadurch unter&nbsp;
erheblichen wirtschaftlichen Druck geraten&nbsp;&nbsp;

38
00:02:50.520 --> 00:02:56.280
und das eben nur versuchen können, durch&nbsp;
Kostenreduktion irgendwie abzupuffern,&nbsp;&nbsp;

39
00:02:56.280 --> 00:03:02.080
ihr Angebot reduzieren müssen, weil sie einfach&nbsp;
diese Angebotssituation nicht durchhalten können.

40
00:03:02.080 --> 00:03:07.520
Das heißt übersetzt: Es wird weniger Fälle geben,&nbsp;
die über die gesetzliche Krankenversicherung in&nbsp;&nbsp;

41
00:03:07.520 --> 00:03:13.280
den Praxen erbracht werden können. Mir scheint das&nbsp;
sogar implizit auch der Wunsch vieler Politiker zu&nbsp;&nbsp;

42
00:03:13.280 --> 00:03:16.799
sein. Dem werden wir jetzt entsprechen.&nbsp;
Das Angebot wird sich also reduzieren.

43
00:03:16.799 --> 00:03:22.321
Die Politik möchte die Lasten auf alle verteilen. Ist das gelungen?

44
00:03:22.600 --> 00:03:26.840
Nein, das ist natürlich mitnichten der Fall. Wer&nbsp;
sich komplett einen schlanken Fuß macht, ist in&nbsp;&nbsp;

45
00:03:26.840 --> 00:03:30.760
dem Fall der Finanzminister. Denn ein wesentlicher&nbsp;
Teil der Finanzkommission war ja im Hinblick auf&nbsp;&nbsp;

46
00:03:30.760 --> 00:03:36.360
die versicherungsfremden Leistungen, Stichwort&nbsp;
Grundsicherungsempfänger, und entsprechende&nbsp;&nbsp;

47
00:03:36.360 --> 00:03:42.400
Steuermittel adressiert – mit zwölf Milliarden,&nbsp;
die da eigentlich zu leisten wären. Bisher&nbsp;&nbsp;

48
00:03:42.400 --> 00:03:51.360
hat der Finanzminister 250 Millionen zugesagt,&nbsp;
gleichzeitig eine Kürzung des Zuschusses des&nbsp;&nbsp;

49
00:03:51.360 --> 00:03:55.720
Bundes in den Gesundheitsfonds um zwei Milliarden.&nbsp;
Das macht netto 1,75 Milliarden weniger.

50
00:03:55.720 --> 00:04:01.520
Wir sehen also: Da ist, was das Thema&nbsp;
staatliche Verpflichtung angeht,&nbsp;&nbsp;

51
00:04:01.520 --> 00:04:06.640
still ruht der See. Und die Pharmaindustrie hat&nbsp;
beim Kanzler antichambriert und offensichtlich&nbsp;&nbsp;

52
00:04:06.640 --> 00:04:09.200
schon Eindruck gemacht. Von daher muss man sagen:&nbsp;&nbsp;

53
00:04:09.200 --> 00:04:13.260
Natürlich ist es eine extreme Unwucht.&nbsp;
Es trifft im Wesentlichen die Praxen.

54
00:04:13.260 --> 00:04:18.246
Welches Signal sendet die Politik damit an die Ärzteschaft?

55
00:04:18.567 --> 00:04:21.640
Dass man uns im Wesentlichen mal&nbsp;
flapsig als Sparschwein sieht,&nbsp;&nbsp;

56
00:04:21.640 --> 00:04:26.880
dass hier offensichtlich&nbsp;
erhebliche Mittel zu heben sind -

57
00:04:26.880 --> 00:04:31.600
ich glaube unterschiedlich, mit dem Wissen,&nbsp;
dass das auch Versorgungsveränderungen nach&nbsp;&nbsp;

58
00:04:31.600 --> 00:04:35.480
sich ziehen wird. Aber das Signal geht&nbsp;
letztlich nicht nur an die Ärzteschaft.&nbsp;&nbsp;

59
00:04:35.480 --> 00:04:39.640
Das Signal geht an alle Patientinnen&nbsp;
und Patienten. Es wird weniger Geld&nbsp;&nbsp;

60
00:04:39.640 --> 00:04:43.440
für die Versorgung unserer Patienten zur&nbsp;
Verfügung stehen, und das wird sich in&nbsp;&nbsp;

61
00:04:43.440 --> 00:04:48.360
einer Angebotsreduktion niederschlagen müssen.&nbsp;
Das ist aber nicht der Wunsch der Ärzteschaft&nbsp;&nbsp;

62
00:04:48.360 --> 00:04:53.800
oder der Psychotherapeuten, sondern das ist&nbsp;
politisch angeordnet und politisch exekutiert.

63
00:04:53.800 --> 00:04:59.301
Und von daher, muss man sagen: Sind die&nbsp;
Leidtragenden die Praxen und die Patienten.

64
00:04:59.301 --> 00:05:04.553
Welche Konsequenzen wird das KV-System daraus ziehen?

65
00:05:05.040 --> 00:05:08.640
Wir werden das natürlich umsetzen müssen. Das ist,&nbsp;&nbsp;

66
00:05:08.640 --> 00:05:13.560
als Körperschaft sind wir natürlich&nbsp;
dem dem Gesetz verpflichtet.&nbsp;&nbsp;

67
00:05:13.560 --> 00:05:18.360
Und wir werden es natürlich so umsetzen, dass&nbsp;
die Verwerfungen für die Kolleginnen und Kollegen&nbsp;&nbsp;

68
00:05:18.360 --> 00:05:22.720
sich so gering wie möglich darstellen. Wir&nbsp;
werden aber auch sehr deutlich darauf drängen,&nbsp;&nbsp;

69
00:05:22.720 --> 00:05:30.240
dass wir verhindern, dass Praxen über dieses&nbsp;
zur Verfügung stehende Geld hinaus arbeiten.

70
00:05:30.240 --> 00:05:35.120
Also im Klartext: Niemand soll umsonst&nbsp;
Leistungen erbringen. Das wird nicht&nbsp;&nbsp;

71
00:05:35.120 --> 00:05:37.800
gegenfinanziert. Und ich habe auch den&nbsp;
Eindruck, es ist auch gar nicht gewünscht,&nbsp;&nbsp;

72
00:05:37.800 --> 00:05:40.800
dass dieses Leistungsangebot noch&nbsp;
in der Form aufrechterhalten wird.&nbsp;&nbsp;

73
00:05:40.800 --> 00:05:45.640
Insofern werden die Praxen sich in ihren Abläufen&nbsp;
und sicherlich auch Angeboten anpassen müssen.

74
00:05:48.475 --> 00:05:51.090
Folgen Sie uns auf: linkedIn und Instagram @kbv4u

75
00:05:51.090 --> 00:05:56.220
PraxisNachrichten - Hinterher ist man immer schlauer.
