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Telematikinfrastruktur: Umdenken notwendig

Sind Sie mit der Übergangsregelung zur eAU zufrieden?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"Ja, insofern ja, als es Zeitdruck rausnimmt. Die eAU, die elektronische Arbeitsunfähigkeit, sollte ja zum 1.10. schon starten. Es hat sich gezeigt, dass viele Komponenten von vielen Herstellern noch nicht ausreichend am 1.10. verfügbar sein würden in den Praxen. Deshalb bin ich froh, dass es mit dem GKV-Spitzenverband gelungen ist, über den Bundesmantelvertrag eine Übergangsfrist bis zum 1.1. des nächsten Jahres zu erreichen. Das heißt konkret: Wer die Komponenten noch nicht hat, der kann und braucht im vierten Quartal auch noch nicht diese eAU einzusetzen."

Löst die Übergangsregelung alle Probleme?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
"Nein, wir sind froh, dass damit für die eine Anwendung der Zeitdruck rausgenommen wird und den Praxen mehr Zeit gegeben wird, aber die nächsten Anwendungen stehen ja vor der Tür. Das ist zum 1.1. das eRezept und danach die ePA wird dann auch stärker ausgerollt. Da sind auch technische Voraussetzungen zu schaffen. Es kommen neue Konnektoren, es muss die Komfortsignatur für das eRezept eingeführt werden. Das heißt, der Zeitdruck bleibt sehr hoch und ich glaube, es wäre gut von politischer Seite, von Seiten des Parlaments und von Seiten der Gematik, dass man da noch mehr Zeitdruck aus den Praxen, aber auch den Herstellern der Komponenten mehr Zeit gibt und allen Beteiligten in Ruhe die Anwendungen, die Massenanwendungen sind, mehr auszutesten und in Ruhe einzuführen."

Wie sind Ihre aktuellen Erfahrungen mit der TI?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV: "Das ist auch ein etwas wunder Punkt. Zunehmend wird ja die TI das Rückgrat der Versorgung, des Austauschs von Daten, von Verordnungen und die muss natürlich dann jederzeit 24/7 zu 99,999 Prozent verfügbar sein. Das ist derzeit leider nicht der Fall. In den letzten acht Wochen gab es fünfzehn TI-Ausfälle, die im Durchschnitt siebeneinhalb Stunden gedauert haben. Und das ist jetzt vielleicht in der Masse der Versorgung noch nicht so ganz relevant, weil ja jetzt noch weitgehend VSDM gemacht wird. Aber wenn wir uns vorstellen, dass die elektronische Arbeitsunfähigkeit und vor allem das elektronische Rezept nur noch über diesen Weg ausgestellt werden können, die Versorgung sichergestellt werden kann, hat das eine ganz andere Bedeutung. Wir haben etwa im Schnitt arbeitstäglich rund zwei Millionen Rezepte werden ausgestellt, verarbeitet, ausgegeben. Das ist völlig undenkbar, dass dabei ein längerer TI-Ausfall möglich ist, das würde die Versorgung infrage stellen. Und dann kann nicht jeder Arzt noch die alten roten Scheine rausholen. Das heißt, wir haben die klare Forderung: Die TI muss eine einheitliche Betriebsverantwortung haben durch die gematik. Das ist ganz wichtig. Und es muss 24/7 laufen. Es muss redundant sein. Und ganz wichtig: Die Ärzte, auch die KVen und alle Beteiligten müssen sofort über mögliche Betriebsstörungen informiert werden. Das ist derzeit nicht der Fall."

Sind Sie mit dem Störungsmanagement unzufrieden?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV: "Ja, wir wir bekommen als KBV, aber auch die KVen bekommen keine direkte Rückmeldung, allenfalls erscheint mal etwas auf der Internetseite der Gematik. Aber es ist unzumutbar, dass jede Praxis, die andere Aufgaben hat, immer auf die Internetseite guckt, wenn etwas ausgefallen ist. Denn man muss sich vorstellen, wenn etwas ausfällt, dann weiß man ja nicht, ist es in der eigenen Praxis, ist ein Gerät in der Praxis, ist es die Übertragung, ist es mein Service-Provider oder in der Telematikinfrastruktur? Und da erwarten wir uns eine Meldung von der Gematik, nicht von uns. Also kein Pull. Ich muss mir nicht die Daten holen, sondern ich bekomme die Information und weiß okay, es liegt an der Telematikinfrastruktur als Beispiel und dann habe ich keine andere Chance als zu warten, bis der Fehler behoben ist. Oder muss ich in meiner Praxis etwas holen, muss ich den Service bestellen? Das ist eine ganz andere Konsequenz, die jeweils die Störungen haben können."

Sie haben Feldtests gefordert, etwa zur eAU...

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV: "Also unsere Forderung ist ja gerade bei den Massenanwendungen, das muss ausreichend vorgetestet sein, es dürfen nur entsprechend erprobte Anwendungen und zwar bei allen, bei der Arztpraxis, aber auch bei den Krankenkassen, später beim Arbeitgeber mal, das muss alles durchgetestet sein, bevor es genutzt werden kann. Und deshalb haben wir gefordert, auch in der Gematik, dass es Feldtests vorher geben muss. Das ist leider nicht so umfassend geschehen, wie wir uns das vorstellen. Jetzt haben wir die Verlängerung eventuell bis zum 1.1.. Das gibt die Gelegenheit, wenn Fehler auftreten, der Industrie, auch noch nachzubessern. Das wäre sonst beim 1.10. gar nicht möglich gewesen. Und die andere Sorge ist das eRezept. Da gibt es zurzeit einen Feldtest in Berlin-Brandenburg, allerdings auf einem zu kleinen Niveau, wie wir glauben. Maximal 50 Praxen, zurzeit sind, glaube ich, 10 bis 15 angeschlossen. Eine Anzahl von Apotheken muss dazu, ein KIS-System, ein Krankenhaus-System muss dazu und es müssen auch entsprechende Anzahl von Apotheken dazu kommen. Das Problem ist dabei, dass beispielsweise Stand heute nur zwei PVS-Systeme zertifiziert sind. Die anderen können das gar nicht. Es gibt über 100 Systeme. Sie können sich vorstellen, dass wir darauf Wert legen, dass jedes System ausgetestet ist, jedes System das kann. Und das macht uns große Sorge, dass Ende des Jahres nicht alle Systeme und alle Komponenten, die zusammenarbeiten müssen, dass sie nicht ausreichend getestet sind."

Stehen Sie einer weiteren Digitalisierung kritisch gegenüber?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV: "Nein, der Weg ist gebahnt. Der ist auch notwendig, der muss auch kommen. Nur unsere Sorge ist, dass das zu schnell geht, dass die Forderungen zu hoch sind, dass der Gesetzgeber Termine reinschreibt, die in der Realität nicht zu halten sind. Und dann natürlich, da es ein Gesetz ist in vielen Fällen, auch keine Möglichkeit hat, kurzfristig zu reagieren. Und wir haben immer die Sorge, dass dann gesagt wird, ja, die Ärzteschaft, die will nicht, blockiert. Das ist völlig falsch. Wir wollen nur Anwendungen haben, die funktionieren und den Praxisalltag erleichtern und nicht stören. Und deshalb legen wir großen Wert darauf, auf diese eben beschriebenen Feldtests, dass wir auf jeden Fall vorher Zeit haben auszutesten und den Praxen genügend Zeit geben, ihre eigenen Abläufe auch darauf anzupassen."

Die Telematikinfrastruktur wird unter großem Zeitdruck ausgebaut. Neue Anwendungen wie ePA, eAU und eRezept kommen mit wenigen Monat Abstand in die Praxen. Gut getestet sind sie dabei eher nicht und auch das Netz an sich macht Probleme, sagt Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV.

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