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Elektronisches Rezept kann Papierform nicht vollständig ersetzen

Blockiert die Ärzteschaft das eRezept?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: "Also, ich gehe davon aus, dass die Ärzteschaft sehr wohl allen digitalen Anwendungen, auch dem eRezept gegenüber, aufgeschlossen ist, wenn es die Versorgung verbessert und die Praxisabläufe auch nicht übermäßig behindert. Beim eRezept ist zurzeit die Diskussion allerdings noch nicht abgeschlossen, wie die Umsetzung passieren soll: Wie wird es in der Praxis umgesetzt, das heißt, wie wird signiert, wie wird das elektronische Rezept weitergeleitet, über welchen Server, wie kommt es in die Apotheke, und wie kann der Patient dann später sein Rezept in seiner Apotheke seiner Wahl abholen. Diese Fragen müssen geklärt sein. Dann wird die Ärzteschaft sich auch einer Umsetzung des Rezepts nicht verweigern."

Wie bewerten Sie dann den jüngsten Vorwurf des Verschleppens?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: "Den Vorwurf kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, denn die Voraussetzungen sind in keiner Weise geschaffen. Wir werden auch weiterhin das Papierrezept brauchen. Dazu gibt es viele Anwendungen, viele Bereiche - das ist zum Beispiel der Hausbesuch, es ist der Notfall, es ist der Heimbesuch - alles Bereiche, die noch nicht geregelt sind. Und solange die technischen Voraussetzungen noch nicht geschaffen sind und absehbar auch nicht kommen, kann es keine Forderung geben, sofort eine allgemeine Pflicht für das eRezept zu schaffen. Das ist jetzt völlig an der Realität vorbei.“

Welchen Nutzen hat das eRezept?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: „Zurzeit hat das eRezept vor allem den Nutzen, dass es in die aufzubauende und aufgebaute IT-Infrastruktur reinpassen wird. Das heißt konkret: Wir haben eine gesetzliche Forderung, dass ab 2021 jeder Patient, jeder Versicherte das Anrecht auf eine elektronische Patientenakte hat. Da wird die Forderung auch kommen vom Patienten, dass er auch seine Rezepte dort wiederfinden kann, speichern kann. Dazu bedarf es natürlich auch des eRezeptes. Sonst müsste ja Papier eingescannt werden. Das ist nicht sinnvoll. Und auf Dauer schafft es auch Möglichkeiten natürlich auch der Weiterverarbeitung auf digitaler Basis im Rezeptbereich.“

Wie sieht aktuell das Szenario für das eRezept aus?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: „Das Problem ist, es gibt zurzeit noch verschiedene Szenarien. Was jetzt das wahrscheinlichste ist, am weitesten diskutiert ist, ist folgendes Szenario: Der Arzt stellt wie auch heute ein Rezept aus in seinem PVS, seinem Praxisverwaltungssystem. Dieses Rezept wird dann elektronisch übermittelt über einen sicheren Weg in die Telematik-Infrastruktur auf einen Server. Und auf diesem Server liegt das Rezept. Und der Versicherte der Patient, der das Rezept bekommt, muss einen Token, eine Art Berechtigung bekommen, um damit in eine Apotheke zu gehen und sich in der Apotheke auszuweisen, dass er berechtigt ist, dieses Rezept zu beziehen. Der Apotheker muss dann ebenfalls in der TI sein, in der Infrastruktur, und dann das Rezept, was er mit diesem Token, das der Patient hat, freischalten kann, das Rezept praktisch herunterzuladen von diesem Server und ab da läuft dann der normale Weg. Das Rezept wird eingelöst, das Medikament an den Patienten gegeben und der Apotheker rechnet dann wie bisher ab. Nur hat er bereits das elektronische Rezept und muss nicht das Papierrezept einscannen, aber auf diesem Weg gibt es natürlich noch einige Fallstricke. Wie bekommt der Patient die Berechtigung, dass er das Rezept abrufen darf, beziehungsweise der Apotheker? Daneben gibt es natürlich noch viele, viele Fälle und die sind relevant, wo es ein Papierrezept weiter braucht. Was ist in Notfällen, bei der Heimversorgung? Was ist bei Hausbesuchen? Aber auch die Fälle, wo Patienten sagen: ‚Nein, das System verstehe ich nicht. Ich habe zum Beispiel kein Handy. Wie soll das dann laufen, wie kann ich das dann in der Apotheke einlösen?‘ Deshalb gehen wir davon aus, dass es weiterhin für eine längere Zeit durchaus des Papierrezepts bedarf.“

Welches Problem sehen Sie noch?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: „Das Problem, dass die Praxisabläufe zurzeit nicht mit der Digitalisierung harmonisiert sind. Das heißt konkret: Es ist jetzt vorgesehen, dass das eRezept digital signiert werden muss und nach der bisherigen Gesetzeslage sieht das so aus, dass der Arzt seinen Heilberufeausweis nehmen muss und damit jedes Rezept, jedes Rezept signieren muss. Das bedeutet ganz konkret, er stellt ein Rezept aus, muss dann seinen Arztausweis nehmen, in ein Lesegerät stecken, was in der Praxis steht und muss dann mit diesem Lesegerät mit seiner PIN füllen, seine PIN eingeben, damit dann elektronisch signiert werden kann. Würde man sagen, okay, das geht ja schnell. Ja, aber hier muss dann das Lesegerät über die Telematikinfrastruktur Kontakt zu einem Server aufnehmen. Dieser Server muss bestätigen, dass es in der Tat ein gültiger Heilberufeausweis ist. Das dauert immerhin ein paar Sekunden. Wir haben es mal ausgerechnet. Das kann zwischen zehn und 15 Sekunden dauern. Da kann man sich vorstellen, wenn viele Rezepte ausgestellt werden, ist das eine zusätzliche Komplizierung der Arztzeit und des Ablaufs in der Praxis.“

Wie sieht der Zeitplan aus?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: „Da kommt dazu, dass es natürlich ein komplexes System ist. Das betrifft nicht nur Ärzte, es betrifft die Ärzte, die Patienten, die Apotheker und letztlich auch die Krankenkassen, die die Abrechnungen hinterher machen müssen. Da gibt‘s in vielen Bereichen noch offene Stellen, Baustellen, wenn Sie so wollen. Die Apotheken müssen natürlich auch an die TI angeschlossen sein. Soweit ich weiß, wird das auch erst im nächsten Jahr der Fall sein. Die Konnektoren müssen ausgerollt werden und die Server für die elektronischen Rezepte müssten aufgebaut werden. Ob man es in der TI macht, wer das macht, das sind alles noch offene Fragen. Insofern ist der Zeitplan, das kurzfristig verbindlich zu machen, und das Papierrezept komplett abzuschaffen, völlig unrealistisch. Insofern braucht es auf jeden Fall mehr Zeit. Neben den Dingen, die ich eben schon genannt habe, wo man in jedem Fall auf absehbare Zeit noch das Papierrezept braucht.“

Welche Vision haben Sie für das eRezept?

Dr. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied: „Ich würde mir wünschen, dass diese Fragen, die ich eben angesprochen habe – Wie läuft es in der Praxis, wie ist der Weg in die Apotheke? Wie kommt der Patient an seinen eToken, um sich auszuweisen, dass es in einer Praxis in tauglichen Abläufen umgesetzt wird. Dazu bedarf es noch einiger Änderungen, gesetzlicher Änderungen. Und dann kann in der Tat das eine Vereinfachung sein. Wichtig ist nur für uns, dass es in der Praxis keine Doppelarbeit bedeutet, dass nicht ein elektronisches Rezept und ein Papierrezept in jedem Fall ausgestellt werden muss. Das wäre natürlich der GAU, der schlimmste anzunehmende Fall. Und da gibt es noch Vorarbeiten zu leisten, intelligente Lösungen zu finden, auch datenschutzrechtlich einige Dinge zu lösen. Dann kann ich mir vorstellen, dass im Rahmen einer Gesamtdigitalisierungsstrategie des Versorgungssystems auch der Platz ist für ein eRezept, ein elektronisches. Dann braucht man es auch umfassend.“

Das elektronische Rezept soll die Digitalisierung weiter vorantreiben. Aber das eRezept zur Pflicht machen und das Papierrezept komplett ersetzen? KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel hat daran ernsthafte Zweifel, denn viele Punkte sind noch unklar oder nicht gerade förderlich für eine gute Umsetzung in der Arztpraxis. Forderungen, das eRezept für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte verpflichtend zu machen, damit diese es nicht blockieren, weist er deshalb klar zurück.