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Drängende Fragen in der EU-Gesundheitspolitik

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die EU-Gesundheitspolitik?

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV:
„Ich denke, zwei ganz wesentliche Aspekte: Zum einen zeigt die Pandemie natürlich, dass es keine Ländergrenzen gibt. Wenn im Elsass oder in Italien Menschen betroffen sind, dann schwappt das sofort zu uns herüber. Und dann gilt es, dass man sich verabredet, dass man sich auch unterstützt, dass man sich aufeinander verlassen kann. Das hat am Anfang nicht ganz gut geklappt. Das wird jetzt besser. Und die zweite Lehre ist, dass natürlich der Transport und der Nachschub von Material nochmal als gefährdet sich klar gezeigt hat. Also Medikamentenversorgung, persönliche Schutzausrüstung, wo wir innerhalb Europas offenbar überhaupt keine Strukturen mehr haben, um sicherzustellen, dass wir solche Produkte in ausreichender Zahl für jede Krise herankriegen.“

Sehen Sie bereits Verbesserungen?

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV:
„Ich sehe, dass das Thema adressiert wird in der EU. Wir haben Anfang des Jahres, noch vor Corona sogar, eine sehr wichtige und interessante Tagung dazu gehabt in Brüssel. Da gab es schon eine hohe Bereitschaft, sich diesen Themen anzunehmen. Andererseits arbeitet Brüssel natürlich langsam, weil es viele Länder gibt, die dort zusammenkommen müssen. Und deswegen, ja, das Thema ist adressiert. Ich glaube, jeder hat verstanden, da muss was getan werden. Eine ganz schnelle Lösung glaube ich nicht.“

Hat die KBV Lösungsvorschläge bezüglich Arzneimittelknappheit?

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV:
„Es gibt da eine Diskussion, ob Produktionsorte wie China oder Indien das eigentliche Problem sind. Wir sehen es ein bisschen anders. Der Produktionsstandort alleine wäre wahrscheinlich noch nicht sehr kritisch, aber wenn es nur noch einen Produktionsstandort gibt oder ein Zentrum, an dem wesentliche Bestandteile von Medikamenten oder Schutzausrüstung gemacht werden und dieser Standort ist kompromittiert durch eine Naturkatastrophe, eine Pandemie, Erdbeben, Bürgerkrieg, was auch immer, dann fällt diese Produktion aus. Und wenn es die einzige Produktionsregion ist, dann fällt insgesamt das Produkt aus. Und ich denke, die erste und Mindestanforderung ist wieder zu diversifizieren, z.B. für Arzneimittelgrundstoffe oder für Arzneimittel an sich immer mehrere Lieferanten mit verschiedenen Produktionsstandorten auszuwählen im Auswahlverfahren.“

Gibt es eine EU-Impfstrategie?

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV:
„Das kann man noch nicht sagen, weil die Gesundheitssysteme doch extrem unterschiedlich sind in den verschiedenen Ländern. Deutschland ist ja ein sehr dezentral und mit Selbstverwaltung ganz anders organisiertes Gesundheitswesen. Sicher ein Grund, warum wir in der Corona-Krise relativ gut zurechtkommen, was die medizinische Versorgung angeht. Andere Länder sind sehr zentral aufgestellt, deswegen lässt sich das sehr schwer harmonisieren. Bei einem Impfstoff zeigt sich aber auch wieder, dass natürlich das Rennen um den Impfstoff es sehr schwierig macht, Solidarität unter den Ländern zu erreichen. Wer bekommt als erstes wieviel Impfstoff von der mit Sicherheit nicht ausreichenden Produktionsmenge? Und auch da gilt es fair zu bleiben und dass nicht die Starken die Schwachen einfach überrennen. Ich glaube, das hat Europa einigermaßen gut hingekriegt, wenngleich natürlich es nicht so sein wird, dass alle gleichzeitig ausreichend Impfstoff haben werden für die Covid-19-Impfung, wenn es ihn denn gibt, um alle Bürgerinnen und Bürger zu impfen.“

Hat sich das deutsche Gesundheitssystem in der Pandemie bewährt?

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV:
„Wir werden natürlich in den Dialog in Brüssel einsteigen und versuchen herauszuarbeiten, warum wir glauben, dass bei uns bisher die Bewältigung der Pandemie, also dieses Abarbeiten, das sich Kümmern um die Patienten, das Herausfinden, wer ist infiziert, deshalb gut gelaufen ist, weil es so organisiert ist, wie es bei uns organisiert ist. Das soll nicht heißen, dass andere Länder schlechte Gesundheitssysteme haben, aber wir können als Tendenz erkennen, je zentraler etwas organisiert ist in Europa, je straffer, je strenger, je zentralistischer, umso kritischer sind die Zahlen. Und ob das einen Zusammenhang hat, einen ursächlichen, wird zu prüfen sein. Wir werden sicher nicht besserwisserisch auftreten. Wir werden aber anbieten, darüber zu reden, wie es bei uns funktioniert und warum es aus unserer Sicht gut funktioniert. Und das ist dieses subsidiäre, dezentrale, von Ärzten auch gesteuerte System, in dem wir sehr, sehr flexibel, sehr regional reagieren können. Da kann zwar niemand durchgreifen und durchregieren. Das ist aber auch nachweislich auch offenbar nicht der richtige Weg. Insofern würden wir für dieses System in Brüssel und werden wir für dieses System auch werben.“

Deutschland ist keine Insel, sondern ein Land in der Mitte Europas. Damit ist es auch Teil der europäischen Gesundheitspolitik, nicht zuletzt in Pandemiezeiten. Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, erläutert, bei welchen aktuellen Fragen eine europäische Lösung sinnvoll ist und wie sie aussehen könnte.

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