Logo-KBV

KBV Hauptnavigationen:

Sie befinden sich:

 

Reden

Bericht von Dr. Stephan Hofmeister an die Vertreterversammlung

Rede des stellvertretenden KBV-Vorstandsvorsitzenden am 6. Dezember 2019

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren,

alle Jahre wieder um diese Zeit wählt eine Jury in Deutschland das Wort beziehungsweise Unwort des Jahres. Aus unserer Sicht gäbe es eine ganze Reihe von Begriffen, die man dieses Jahr auf die Vorschlagsliste setzen könnte – von „Gesetzesflut“ über „Terminservicestelle“ bis hin zu „Datenschutz-Folgenabschätzung“. Sicher hätte ein jeder von Ihnen noch etliche weitere Ideen.

Ich habe meinen eigenen Favoriten, wobei ich es Ihnen überlasse zu entscheiden, ob das Wort, das ich Ihnen gleich nenne, in die Kategorie Wort oder Unwort des Jahres fällt. Mein Vorschlag lautet: „iterativ“. Mit diesem Adjektiv beschreiben hochrangige Mitarbeiter des Ministeriums derzeit gerne ihr Vorgehen bei der Gesetzgebung.

So gebe es beispielsweise bei der Digitalisierung nicht den einen großen Wurf. Vielmehr müsse das Ganze als „iterativer Prozess“ verstanden werden, bei dem man Schritt für Schritt vorangehe – das aber, ich zitiere, „so schnell wie möglich“! Das klingt für mich in etwa so, als würde man sich im Laufen die Schuhe zubinden – was ich Herrn Minister Spahn, nebenbei bemerkt, ohne Weiteres zutrauen würde. Aber man kann bei dieser Vorgehensweise eben auch leicht über die eigenen Füße stolpern.

Gerne wird in diesem Zusammenhang auch das Wörtchen „agil“ verwendet: In einem agilen Umfeld müsse man agile Gesetze machen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich hege grundsätzlich Verständnis dafür, auf diese Art Politik machen zu wollen. Die Botschaft „Wir packen es an“, statt immer wieder alles aufs Neue zu durchdenken, das Überkorrekte und Zaudernde, das uns Deutschen so häufig nachgesagt wird, einmal über Bord zu werfen, die Ärmel hochzukrempeln und einfach zu machen, das kommt gut an bei der Wählerschaft.

Ich frage mich allerdings, wie dieselben Wähler als Patienten reagieren würden, wenn wir Ärzte sie nach diesem Prinzip behandelten? Wenn wir sagen würden: „Wir wissen zwar noch nicht genau, woher Ihre Durchblutungsstörungen kommen, aber wir amputieren sicherheitshalber mal das linke Bein. Wenn das nicht hilft, müssen wir auch das rechte abnehmen und schauen dann noch mal, wie sich das auf Ihr Gesamtbefinden auswirkt. Vielleicht helfen aber auch Medikamente.“

Das ist natürlich zugespitzt, aber Sie verstehen sicher, worauf ich hinauswill. Gerade das Thema Gesundheit ist zu wichtig, um nach der Devise „Schau’n wir mal, dann seh’n wir schon“ zu verfahren. Das können wir, das können Sie auch Ihren Mitgliedern nicht vermitteln. Wenn ein Gesetz bestimmte Vorgaben mit engen Fristen macht und nach einem Jahr oder einem halben heißt es aus der Politik „Ach, klappt so nicht, machen wir doch anders“ – das ist den Praxen nicht zuzumuten!

Ganz abgesehen davon – und ich werde nicht müde, dies immer wieder zu betonen –, dass gerade das Gesundheitswesen in Deutschland mitnichten der kranke Mann ist, als der es immer wieder dargestellt wird. Natürlich gibt es Probleme, die uns zu schaffen machen und die politisch angegangen werden müssen. Dazu gehören die Themen Nachwuchssicherung, digitale Infrastruktur, Stadt-Land-Gefälle und dergleichen. Aber das sind ganz allgemeine Probleme, die auch die ambulante Versorgung betreffen.

Bestes und berühmtes Beispiel für das, was ich eben meinte, ist die Digitalisierung beziehungsweise der Anschluss der Ärzte an die Telematik-Infrastruktur. Oberstes Ziel der Politik war und ist der technische Anschluss aller Praxen an die TI. Hierfür wurden engste Fristen gesetzt und bei Nichteinhaltung Sanktionen verhängt. Die Techniker schwärmen im ganzen Land aus und arbeiten im Akkord, um ihre Auftragslisten abzuarbeiten. Das dies dann mancherorts unter dem Motto „quick and dirty“ geschieht, Masse statt Klasse, kann eigentlich nicht ernsthaft verwundern.

Um die Frage der Datensicherheit beziehungsweise wer für diese zuständig ist, kümmern wir uns hinterher, das scheint das Motto der politisch Verantwortlichen zu sein. Hier zeigen sich die Tücken der iterativen Vorgehensweise. Und wenn dann plötzlich herauskommt, dass an der einen oder anderen Stelle schlampig gearbeitet wurde, beziehungsweise dass wichtige Vorgaben einfach fehlen, dann heißt es: „Die Ärzte sind schuld, die hätten besser aufpassen müssen, was da in ihren Praxen geschieht“.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das kann es nicht sein! Wir lassen uns hier nicht den Schwarzen Peter zuschieben! Das haben wir auch immer wieder deutlich gemacht. Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten müssen sich darauf verlassen können, dass die von ihnen beauftragten IT-Fachleute korrekt arbeiten, und sie müssen dafür einen Nachweis erhalten, und zwar mit befreiender Wirkung. Mittlerweile hat auch das Bundesgesundheitsministerium festgestellt, dass wir hier eine Regelungslücke haben. Diese soll unter anderem mit einer IT-Sicherheits-Richtlinie geschlossen werden, und wir als KBV haben den Auftrag, diese im Einvernehmen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zu erstellen. Mein Kollege Thomas Kriedel wird hierzu gleich näher ausführen.

Klar ist und bleibt: Ärzte und Psychotherapeuten sind nur haftbar für das, was innerhalb ihrer unmittelbaren Einflusssphäre, sprich innerhalb der technischen Ausstattung ihrer Praxis geschieht. Hierfür ist es nicht nur sinnvoll, sondern unbedingt angeraten, sich die entsprechende Expertise ins Haus zu holen. Die wenigsten Ärzte sind gleichzeitig IT-Spezialisten. Aber unsere moderne Welt ist zu vernetzt, keine Praxis ist heute noch autark. Und das ist auch gut so! Man kann diese Realität nicht „wegignorieren“, wie es so schön heißt.

Das Problem ist, dass Themen wie Datenschutz, aber auch konkrete Anwendungen wie das E-Rezept oder die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung es uns sehr schwer machen, den Praxen „Lust“ auf die Digitalisierung zu machen. Wobei nicht das E-Rezept oder die E-AU selbst das Problem sind, sondern deren mangelhafte Umsetzung. Dennoch bin ich überzeugt: Die Digitalisierung ist eine große Chance, nicht nur für die Gesundheitsversorgung als solche, sondern auch für uns als Selbstverwaltung und für das KV-System! Sie bietet die echte Chance, das eigentliche ärztliche Tun besser und effizienter zu gestalten. Wir sollten Digitalisierung nicht als Hemmschuh begreifen – was sie Stand heute aufgrund mangelhafter Umsetzung teilweise noch ist –, sondern als das Gegenteil. Nämlich als Vehikel, das uns im ärztlichen Alltag hilft, schneller und besser miteinander zu kommunizieren und uns bei unserer Arbeit auf das Wesentliche zu konzentrieren. Damit das funktioniert, damit die Digitalisierung so gestaltet wird, wie wir und unsere Mitglieder sie brauchen, können wir uns nicht auf andere verlassen, sondern müssen das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen – und genau das tun wir. Um einen schlauen Kopf etwas abgewandelt zu zitieren: „Digitalisierung ist kein Schicksal, sondern Machsal.“

Ein eindrucksvoller Beleg für dieses Motto ist die Reform der Versorgung im Not- und Bereitschaftsdienst. Ich denke, mittlerweile hat auch der letzte Skeptiker erkannt, dass die Notfallversorgung nicht neu erfunden, sondern allenfalls angepasst werden muss. Das KV-System hat hier Großartiges geleistet in den vergangenen Jahren und es wäre schlichtweg dumm, diese gewachsenen Strukturen wieder einzureißen. Ganz abgesehen davon, dass eine Ausweitung des Angebots versorgungstechnisch nicht sinnvoll und auch nicht bezahlbar wäre.

Was aber ist unser Konzept zur Akutversorgung?

Teil 1 ist die einheitliche, bundesweite Komponente. In wenigen Wochen, zum 1. Januar, geht die Servicenummer Elf6 Elf7 in den Rund-um-die-Uhr-Betrieb und wir starten mit der medizinischen Ersteinschätzung via SmED. Das, liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, ist nicht iterativ, das ist eine Revolution! Denn dieser Service, den die KVen dann sukzessive anbieten werden, ist weltweit einzigartig! Jeder Anrufer und jede Anruferin mit einem medizinischen Problem erhält dann direkt am Telefon eine klare Handlungsempfehlung über Ort und Zeit einer weiteren Behandlung. Damit ist nicht nur den Betroffenen unmittelbar geholfen. Mit diesem Leitsystem – wir nennen es Patienten-Navi – gehen wir auch den ersten Schritt hin zu einer Patientensteuerung nach belastbaren medizinischen Kriterien. Dahinter steckt viel Arbeit; natürlich ist das Ganze ein lernendes System, und es kann am Anfang sicher auch an der einen oder anderen Stelle noch etwas haken. Aber erste Erfahrungen in den Testregionen, etwa in Nordrhein oder in Schleswig-Holstein, sind sehr vielversprechend; alle Anwender und nicht zuletzt die Patienten sind sehr angetan. Die Tatsache, dass die Politik uns diese große Aufgabe übertragen hat, ist ein Vertrauensbeweis. Wir heben damit die Sicherstellung der medizinischen Versorgung – nicht nur technisch – in ein neues Zeitalter! Wir können das – und deshalb gibt es auch keinen Grund, warum jemand anderes diese Aufgabe übernehmen sollte.

Bezüglich des Zusammenspiels der Elf6 Elf7 mit der 112 hat der Gesetzgeber noch keine abschließende Entscheidung getroffen. Wir sprechen uns dafür aus, dass beide Nummern nicht zusammengelegt, sondern nur verlinkt werden. Damit würden zwei Systeme miteinander verbunden, die sich gegenseitig ergänzen, ohne dass bewährte Strukturen zerstört werden. Der Anrufende wird bei Bedarf direkt an die 112 weitergeleitet, aber die regionale Organisation dahinter bleibt bestehen. Das System als solches, der Zugang muss funktionieren, überall und unabhängig vom Nutzer und der jeweiligen Benutzeroberfläche.

Teil 2 unseres Konzepts ist die regionale Umsetzung. Denn das, was hinter den Kulissen passiert, kann, ja muss bis zu einem gewissen Grad regional unterschiedlich sein, je nach Gegebenheiten. In welcher Struktur ein Patient je nach Uhrzeit mit einem Arzt oder einer Ärztin in Kontakt kommt, ist föderal KV-Sache und bleibt KV-Sache! Ob das Partnerpraxen, Bereitschaftspraxen, Fahrdienste, Portalpraxen oder sonstige Angebote sind, hängt vom lokalen Bedarf und den vorhandenen Möglichkeiten ab.

Über allem steht: Wir bekennen uns als System klar dazu, dass wir die ambulante Versorgung 24/7 gewährleisten. Wir brauchen dazu weder einen dritten Sektor noch eine Öffnung der Krankenhäuser, die ja schon jetzt zu großen Teilen weit jenseits ihrer Limits agieren. Selbstverständlich gehört dazu auch unsere Forderung, dass diese Angebote endlich vollständig von den Krankenkassen finanziert werden müssen und nicht weiter „Draufzahlmodelle“ für die Ärzteschaft bleiben.

Abschließend zu diesem Thema aber noch eine gute Nachricht: Wir hatten Sie vor einiger Zeit um die Darstellung erfolgreicher Beispiele aus Ihren Regionen bei der Akutversorgung gebeten. Aus den Rückläufen ist ein über 200 Seiten starkes Dokument geworden! Es zeigt, dass sowohl die Akutversorgung durch die Praxen als auch die Kooperation mit Krankenhäusern und die Einrichtung gemeinsamer Anlaufstellen vor Ort in der Regel sehr gut funktionieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich habe eben davon gesprochen, dass wir den Sicherstellungsauftrag für die Versicherten in ein neues Zeitalter, auf ein neues Servicelevel transferieren. Doch nicht nur die Patienten profitieren davon. Wir denken das Ganze auch aus Arztsicht und überlegen, welche neuen Chancen sich für die ärztlichen und psychotherapeutischen Kolleginnen und Kollegen ergeben könnten. Mit dem Aufbau einer solchen technischen Infrastruktur haben wir die Möglichkeit, Patienten und Ärzten Dienstleistungen aus einer Hand anzubieten, niedrigschwellig und diskriminationsfrei – und selbstverständlich freiwillig in der Anwendung. Ärzte können diese Plattform zur interkollegialen Kommunikation nutzen, um sich etwa über einen gemeinsamen Behandlungsfall auszutauschen.

In diesem Punkt gebe ich Minister Spahn unbedingt recht: Wenn wir ein solches Angebot zur Verfügung stellen wollen, dann sollte dieses von uns kommen – und nicht von den Googles oder Amazons dieser Welt oder einem anderen Player, der in erster Linie an den Daten und damit erzielbarem Gewinn interessiert ist. Lassen Sie uns zeigen, dass KBV und KVen willens und fähig sind, Versorgung im 21. Jahrhundert zu gestalten! Es ist ehrenhaft und wichtig, den Sicherstellungsauftrag hochzuhalten, wie wir ihn vor über 60 Jahren übernommen haben. Aber die Sicherstellung von damals ist nicht die Sicherstellung von heute. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert, es sind neue Aspekte hinzugekommen. Und deshalb brauchen wir auch neue Instrumente. Instrumente, die wir selbst entwickeln und anwenden können – und auch sollten. Wir haben das Knowhow und wir sollten es für unsere Mitglieder nutzbar machen. Das geht, auch ohne die Datensicherheit zur Disposition zu stellen – vorausgesetzt, dass wir uns selbst darum kümmern. Wir als KBV und KVen haben keine wirtschaftlichen Interessen. Uns geht es einzig und allein um die Versorgung! Das ist unsere Aufgabe, und die wollen wir auf dem neuesten Stand der Technik erfüllen.

Mit der medizinischen Ersteinschätzung unter der Elf6 Elf7 gehen wir einen ersten Schritt zu einer besseren Steuerung der Versorgung. Doch auch die Politik muss sich dieser Herausforderung endlich stellen! Unser solidarisches und – auf der Nutzerseite – völlig unreglementiertes System ist anfällig für Fehlnutzung. Wir brauchen hier ein Korrektiv, und zwar nicht nur durch die Hintertür, indem die Ärzte bestraft werden – Stichwort Budgetierung, Stichwort Regresse –, sondern auch an der Vordertür, sprich bei den Patienten. Und die bisherigen Erfahrungen mit SmED zeigen, dass die Patientinnen und Patienten sich dadurch nicht etwa in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt fühlen. Im Gegenteil, sie sind dankbar dafür, dass sie eine professionelle Einschätzung erhalten, was in ihrer Situation das Richtige für sie ist. Dieses Element einer professionellen Koordinierung sollte in der gesetzlichen Krankenversicherung viel besser genutzt werden. Wobei – und das betone ich hier auch noch einmal – mit professioneller Koordinierung an dieser Stelle immer ärztliche Koordinierung gemeint sein muss. Wir erleben zurzeit ein Wiederaufleben der Diskussion um die Akademisierung von Gesundheitsberufen und die Ausweitung der Heilkunde-Befugnis, sei es bei den Hebammen oder den Rettungssanitätern. Selbst das vom BMG in Auftrag gegebene Gutachten zum Heilpraktikerrecht könnte am Ende einen neuen akademisierten Heilberuf zur Folge haben.

Eines möchte ich an dieser Stelle klar sagen: Ich persönlich mache mir überhaupt keine Sorgen, dass Ärzte ersetzt werden könnten – einfach, weil sie nicht ersetzbar sind. Weder durch Künstliche Intelligenz noch durch andere Berufe. Und deshalb sollten wir uns dieser Debatte und dieser Entwicklung stellen und sie konstruktiv begleiten. Wichtig dabei ist, dass wir selbst schauen, welche Aufgaben delegierbar sind und welche es nicht sind. Aufgaben zu teilen oder auch abzugeben ist nicht das Problem, das bricht niemandem einen Zacken aus der Krone. Im Gegenteil, es verschafft den Ärzten Bewegungsfreiheit für ihre wesentlichen Aufgaben. Deshalb machen mir auch neue akademisierte Heilberufe nicht grundsätzlich Sorgen. Es muss aber immer klar sein: Es geht nicht ohne einen Arzt oder eine Ärztin. Diagnosestellung und Therapiefestlegung erfolgt immer und nur durch den Arzt oder die Ärztin mit dem Patienten. Denn klar ist auch: Substitution würde neue Zuständigkeiten und damit neue Grenzen und neue Schnittstellen schaffen. Davor kann man nur nachdrücklich warnen. Ärzte sind nicht ersetzbar, sie bleiben stets in der Verantwortung für die Diagnosestellung und wenn es darum geht, mit den Patienten ein gemeinsames Therapiekonzept zu entwickeln. Das ist ärztliches Kerngeschäft und wird es auch bleiben.

Wir sind also bereit, Aufgaben an dafür qualifizierte Berufe zu delegieren, aber hier stellt sich die Frage: an wen? Die Fachkräfte, die wir dafür bräuchten, sind ja gar nicht in ausreichendem Maß vorhanden! Prognosen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2035 rund 270.000 Fachkräfte in den Pflege- und Gesundheitsberufen  fehlen, andere Schätzungen gehen von eher doppelt so hohen Zahlen aus. Deshalb ist es aus meiner Sicht tatsächlich nötig, bestimmte Gesundheitsberufe aufzuwerten, auch durch zusätzliche Qualifizierung. Große Zahlen von zusätzlichen Kräften gewinnen wir dadurch aber nicht, zumindest nicht absehbar. So ehrlich sollte man sein in der Diskussion.

Den Ansatz, Fachkräfte im Ausland anzuwerben, gilt es allerdings genau zu betrachten. Er hat Potenzial für erhebliche moralisch und ethisch unerwünschte Nebenwirkungen. Einem anderen Land sozusagen die Jugend wegzunehmen, die dort ausgebildet wurde und dringend im heimischen Gesundheitswesen benötigt wird, das geht gar nicht! Wenn überhaupt, dann geht das nur, wenn diese Menschen in ihrem Heimatland selbst keine Chance hätten, eine gute Ausbildung und einen vernünftigen Job zu bekommen. Dann kann man diese Leute – sofern sie das möchten – auch nach Deutschland holen und hier ausbilden. Aber bitte nur, wenn sie hier auch eine Zukunftsperspektive haben! Alles andere wäre Raubbau an der Gesellschaft anderer Staaten und eine Bereicherung auf deren Kosten. Wir sind schließlich nicht mehr in der Kolonialzeit! Ganz absurd wird es, wenn dringend benötigte Arbeitskräfte unser Land nach erfolgreicher Integration wieder verlassen müssen. Auch das gibt es noch!

Vor allem aber müssen wir uns um unseren eigenen ärztlichen Nachwuchs intensiv bemühen. In der Allgemeinmedizin scheint sich nach Jahren der Förderung der Weiterbildung eine Trendwende zart anzudeuten. In unserer Medizinstudierendenbefragung wird die Allgemeinmedizin deutlich besser bewertet als noch vor einigen Jahren, die Attraktivität des Fachgebiets scheint in der jüngeren Generation zu steigen. Das ist auch das Ergebnis der Bemühungen von Verbänden und KVen. Hier dürfen wir nicht nachlassen und brauchen weiterhin einen langen Atem.

Klar ist aber: Der Erhalt der Versorgung ländlicher Räume und das Fehlen medizinischen Nachwuchses durch zu spätes Reagieren auf die beruflichen Anforderungen junger Menschen, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind gesamtgesellschaftliche und damit politische Verantwortungsfelder! Es ist populistisch und billig, diesbezügliche Versäumnisse der verfassten Ärzteschaft in die Schuhe schieben zu wollen! Vollkommen inakzeptabel sind Vorkommnisse wie zuletzt, bei denen eine KV von Politikern öffentlich im Stich gelassen und der Wut der Bürgerinnen und Bürger ausgesetzt wird, wegen Versäumnissen, die nicht in der Hoheit einer KV liegen. Wir weisen das mit allem Nachdruck zurück!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

lassen Sie mich zum Schluss noch kurz auf ein Thema zu sprechen kommen, das aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz resultiert. Die KBV hat den Auftrag, Regelungen zur Diagnosekodierung zu erstellen mit dem Ziel, dass vergleichbare ambulante Fälle in Praxen und Kliniken auch gleich kodiert werden. Die Regelungen sollen bis zum 30. Juni 2020 feststehen und dann in den Praxisverwaltungssystemen umgesetzt werden, um am 1. Januar 2022 in Kraft treten zu können. Damit wird eine Debatte wieder angeheizt, die alle Jahre neu aufflammt: nämlich der Vorwurf, Ärztinnen und Ärzte würden nicht richtig kodieren. Schlimmer noch: Sie würden Diagnosen so verschlüsseln, dass die Krankenkassen am Ende mehr Geld bezahlen müssten als eigentlich notwendig wäre. Diesen Vorwurf finde ich schon aus ethischer Sicht ungeheuerlich: Welcher Arzt macht denn seine Patienten absichtlich kränker als sie sind?!

Abgesehen davon bin ich der festen Überzeugung, dass wir uns mit großer Gelassenheit anschauen können, wozu das Ganze am Ende führt. Wenn man uns überhaupt den Vorwurf einer ungenauen Kodierung machen kann, dann ist es mit Sicherheit eher ein Untercodieren und kein Upcoding. Würde alles in der genauest möglichen Detailtiefe kodiert, gäbe es bei den Kassen ein böses Erwachen. Die dadurch messbare Morbiditätslast würde sicher steigen.

Tatsächlich ist es doch so, dass der immer breiter werdende, immer intensivere Behandlungsbedarf, insbesondere auch in der hausärztlichen Versorgung, in der Vergütung gar nicht berücksichtigt wird. Und diese Lücke klafft immer weiter auseinander. Heutzutage hat der Patient seine Beschwerden gegoogelt, bevor er zum Arzt kommt, womöglich bringt er selbst über Apps erhobene Daten mit. Die Beratungsintensität in Breite und Tiefe und damit der zeitliche und fachliche Aufwand werden in den Pauschalen überhaupt nicht abgebildet. Und wir alle wissen, dass dieser Aufwand eher steigen als abnehmen wird. Der GKV-Spitzenverband verweigert sich bisher dieser Erkenntnis.

Gleichzeitig und als Gipfel der Perfidie, wird vom Bundesversicherungsamt jeder Zusammenhang zwischen Diagnosen unter Generalverdacht gestellt und notwendige regionale Versorgungsverträge unter Berücksichtigung besonderer Krankheitslasten oder Krankheitsbilder somit unmöglich gemacht.

Was denn jetzt: Diagnosen ja oder nein?

Eine rhetorische Frage natürlich! Sie stellt sich einem als Arzt oder Psychotherapeutin gar nicht! Wie, wenn nicht mit Diagnosen können wir ausdrücken, was der Patient hat? Ohne Diagnosen sind wir wie Musiker ohne Gehör und Stimme. Der Gesetzgeber muss dringend klarstellen, dass natürlich Diagnosen die Grundlage zur Ermittlung der notwendigen Versorgung sein müssen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte meine Rede auf der letzten Vertreterversammlung in diesem sehr arbeitsintensiven Jahr nicht beenden, ohne Danke zu sagen. Einerseits Ihnen allen für die stets engagierte Diskussion und konstruktive Beratung. Ich möchte mich aber auch ausdrücklich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bedanken. Wir haben die KBV in diesem Jahr, sowohl hinsichtlich ihrer Struktur als auch ihrer Arbeitsprozesse, an die wachsenden strategischen und politischen Herausforderungen angepasst. Dies geschah etwa, indem wir Dezernate zusammengelegt und neue Einheiten geschaffen haben um Ressourcen zu bündeln. Es geschieht immer noch, indem wir das Projektmanagement stärken und neue Instrumente in der Personalgewinnung und -entwicklung anwenden. Wir haben die KBV-Akademie und ihr Programm generalüberholt, wovon auch die Mitarbeitenden in den KVen profitieren. Überhaupt haben wir uns eng mit den KVen abgestimmt und werden dies auch weiterhin tun, etwa in Personalangelegenheiten, wo wir auch von Ihnen lernen und dankbar sind für die Informationen und Anregungen, die Sie uns geben.

Wir wachsen mit der Bandbreite und dem Anspruch der Aufgaben, die wir übernehmen. Allein in diesem Jahr sind einige hinzugekommen, denken Sie nur an das Projekt MIO oder an das Thema Notfallversorgung und SmED. Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass wir selbst dieses Wachstum kritisch analysieren und begleiten. Jede einzelne Stelle haben wir in den vergangenen zwei Jahren nach anerkannten Kriterien durchleuchtet, kritisch hinterfragt und gegebenenfalls auf den Prüfstand gestellt oder neu ausgerichtet. Und neben all dem will natürlich auch noch das ganz normale Tagesgeschäft bewältigt werden.

Das alles erfordert viel Geduld, Ausdauer und auch Veränderungsbereitschaft bei den Mitarbeitenden. Es bringt aber auch Chancen und neue Herausforderungen. Ich bedanke mich bei allen, die diese Prozesse aktiv vorangetrieben, unterstützt und manchmal vielleicht auch ertragen haben. Wir machen die KBV damit fit für die Zukunft. Wir stärken das KV-System und stellen die vertragsärztliche und vertragspsychotherapeutische Versorgung sicher – auch im digitalen Zeitalter!

Ich wünsche Ihnen und uns allen einen hoffentlich ruhigen Jahresausklang, schöne Feiertage und Gelegenheit zum Kraft schöpfen. Kommen Sie gut ins Jahr 2020!

Vielen Dank

Es gilt das gesprochene Wort.