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aktualisiert am 24.06.2022

Reform der Notfallversorgung

Reform der Notfallversorgung ist dringend geboten - jetziges System gilt als nicht effizient genug

Hierzu bedarf es einer intelligenten Weiterentwicklung bereits bestehender und funktionierender Strukturen ambulanter und stationärer Versorgung in Deutschland. Zudem gilt es, die Steuerung zu verbessern und dabei die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

KBV-Standpunkte auf einen Blick:

  • Steuerung der Patientinnen und Patienten: bewährte Strukturen stärken und ausbauen
  • Kooperation mit dem stationären Versorgungsbereich in den Fokus rücken
  • Kein dritter Versorgungssektor erforderlich

Die KBV-Standpunkte im Detail:

Akut- und Notfallpatienten in die jeweils richtige Versorgungsebene begleiten

Menschen, die akut medizinische Hilfe benötigen, können selbst oftmals nicht angemessen einschätzen, wo sie diese Hilfe am einfachsten und passendsten finden. Sie benötigen hierbei Unterstützung: Der Notfallversorgung muss eine einheitliche Steuerung vorgeschaltet werden, die Akut- und Notfallpatienten in die für sie richtige Versorgungsebene navigiert – also in das Krankenhaus oder die ambulante Praxis.

Diese Steuerung sollte möglichst früh, ressourcenschonend und bundeseinheitlich erfolgen –  beispielsweise telefonisch, online und/oder mittels standardisierter Ersteinschätzung überall dort, wo Patientinnen und Patienten sich erstmalig mit ihrem gesundheitlichen Problem vorstellen.

Hierfür steht bereits seit 2012 die bundeseinheitliche Bereitschaftsdienstnummer 116117 über Telefon sowie mittlerweile auch über Website und App zur Verfügung – und das rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.

Die Erfahrung zeigt, dass etwa 20 Prozent der Anrufenden schon mit einer telefonischen Beratung geholfen werden kann. Dies entlastet auch die ärztlichen Ressourcen vor Ort.

Die 116117 ordnet den jeweiligen Akutfall korrekt zu und navigiert Patientinnen und Patienten schnellstmöglich und ohne Umwege in die für sie anlassgerechte, ressourcenschonende Behandlungsebene.

Dabei kommen standardisierte und evaluierte Verfahren (SmED: Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) zum Einsatz. 

Kooperation mit dem stationären Versorgungsbereich in den Fokus rücken

Eine einheitliche Regelung zur Erst- beziehungsweise Notfallversorgung an der Schnittstelle zum Krankenhaus (Notaufnahme) steht noch aus.

Soweit sich also ein ortsgebundener Ärztlicher Bereitschaftsdienst auf oder am Krankenhauscampus befindet, soll sich dessen Zuständigkeit ausschließlich auf die ambulante Akut- beziehungsweise Erstversorgung erstrecken. 

Die organisatorische und medizinische Gestaltung der klinischen Notaufnahme einschließlich Schockraum und so weiter bleiben in der Verantwortung des Krankenhauses.

Versorgungsbedingte Übergaben von Patientinnen und Patienten vom Ärztlichen Bereitschaftsdienst an die klinische Versorgung erfolgen nach vorher kooperativ festgelegten Bedingungen insbesondere bezüglich der:

  • Übergabevoraussetzungen,
  • Übergabemodalitäten,
  • Übergabeprotokolle sowie
  • Zuständigkeitsabgrenzung.

Dies bezieht sich in solchen Kooperationsmodellen auch auf Vereinbarungen zum Personal sowie zur Technik – und zwar Letzteres nur im Umfang der ambulanten Akut- und Erstversorgung.

Die Vergütung erfolgt entsprechend aus dem jeweiligen ambulanten beziehungsweise stationären Budget.

Kein dritter Versorgungssektor erforderlich

Mit Hilfe von den geschilderten Kooperationsmöglichkeiten zwischen Bereitschaftsdienst und klinischer Notaufnahme wird die Bildung eines neuen Sektors unnötig. Weitere Schnittstellenprobleme werden vermieden. 

Patientenströme müssen besser gesteuert werden

Warum ist eine Notfallreform notwendig?

Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV:
Ja, es gilt angesichts der knappen Personalressourcen einfach, diese zu bündeln und sicherzustellen, dass die Menschen ebenengerecht so versorgt werden, dass sie a) gut versorgt sind, dass b) aber nicht Ressourcen verwendet werden, die man einfach für den Grad der Versorgung nicht bräuchte.

Was müssen die Ziele sein?

Die Ziele müssen sein, dass wir die Bürgerinnen und Bürger sehr nah sozusagen aufnehmen. Am besten telefonisch vorab und vorsortieren, wer braucht eigentlich welche Zuwendung. Wir wissen aus dem Notdienst, dass fast die Mehrheit der Fälle eigentlich leichte Fälle sind. Es geht zum Teil um verlorene Medikamente, verlorene Rezepte oder um wirklich Kleinigkeiten. Und das müssen wir abschichten, um dann für diejenigen, die tatsächlich zum Beispiel intensive Betreuung brauchen, weitere Diagnostik oder ärztliche Zuwendung brauchen, dann auch für die wirklich da zu sein.

Was schlägt die KBV vor?

Zum einen schlagen wir vor oder empfehlen wir dringend, dass wir die bestehenden Notfallstrukturen, die zum Teil ja hervorragend sind, nicht zerschlagen. Also dass auf gar keinen Fall alles neu am grünen Brett gemacht wird, sondern wir definitiv sagen, es gibt Erfolgsmodelle und hervorragend funktionierende Akutversorgung überall schon. Das muss verbessert, ausgebaut, standardisiert werden, zum Beispiel, also einheitliche Einschätzungstools sollten erprobt und dann auch eingeführt werden. Die Digitalisierung bietet eine Chance und dann die Zusammenarbeit auch mit den Krankenhäusern optimieren, ausbauen, wo das möglich ist.

In welchen Punkten besteht Konsens mit den Konzepten von DKG und Notfallmedizinern?

Ja, vielleicht nur bei den ganz grundsätzlichen Stichpunkten, nämlich, es muss etwas getan werden und wir müssen die Ressourcen, die wir haben, vernünftig einsetzen. Es gibt aber einen scheinbaren Grunddissens. Die Kliniker denken sehr oft immer noch wirklich vom vom Notfall her, also aus der Notfallmedizin, über die wir gar nicht reden. Für uns ist sonnenklar, dass die Versorgung von akut Schwerstverletzten, von Herzinfarkten, Schlaganfällen, also von allem, was mit Tatütata, mit Hubschrauber und Blaulicht ins Krankenhaus kommt, was liegend kommt, ist überhaupt nicht unser Aufgabengebiet hier. Für uns geht es um die Fußgänger, sage ich jetzt mal bewusst, um diejenigen, die zu Fuß, entweder mit ihrem Kind oder selber sich irgendwo vorstellen mit einem medizinischen Problem. Und da ist ein Grunddissens, denn das sind Menschen, die nicht so schwer krank sind und auch keine so hochgerüstete Versorgung brauchen. Die müssen anders wahrgenommen werden. Da liegt der Grunddissens. Der zweite Grunddissens liegt in der Frequenz, also wo überall können wir das machen. Die Krankenhäuser schlagen vor, an allen Krankenhäusern, die teilnehmen. Das sind viel zu viele. Wir haben jetzt bereits an 700 Krankenhäusern solche Standorte, wo auch die ambulante Versorgung, also die KVen, mit Notfallpraxen tätig sind. Das kann man vielleicht noch an zwei, drei Stellen verbessern, verändern. Da kann man baulich noch Dinge verändern. Wir haben oft zwei Eingänge, die sind auf zwei Etagen, die sind in zwei verschiedenen Gebäuden. Da kann man sicher nacharbeiten, sollte man auch nacharbeiten, das ideal zu vereinen. Es werden Patienten zweimal aufgenommen, auch unsinnig. Sie müssen am Schalter A aufgenommen werden, am Schalter B. Einheitliche Verfahren, standardisieren. Da gibt es viel, aber das geht nicht 1.200 Mal in Deutschland oder noch öfter.

Die Krankenhäuser wollen sich an den Patientenströmen orientieren…

Das halten wir für einen gefährlichen Weg. Denn der Patient ist natürlich in der Regel der schlechtest qualifizierte, um zu entscheiden, in welcher Ebene er am besten versorgt ist. Und so wie wir auch in anderen Lebensbereichen Regeln haben, nach denen wir uns richten müssen, im Straßenverkehr, wo es auch nicht geht, dass jeder macht, was er will. Und dann werden Straßen so gebaut oder Verkehrszeichen so geändert, wie die Leute fahren möchten, sondern es wird gesagt, vor einer Schule muss eben 30 gefahren werden. So ist es hier auch. Wir müssen Angebote machen, wir müssen die Menschen früh abholen, am besten telefonisch. Dann muss sich der Mensch erst mal gar nicht bewegen, sondern kann erstmal sogar auf dem eigenen Sofa behandelt werden. Wir wissen aus den Erfahrungen auch aus dem Ausland, dass da dabei schon fast 20 Prozent der Betroffenen zufriedenstellend versorgt werden, aus deren Sicht. Ein Fünftel, das ist eine Menge. Und insofern sagen wir, wir müssen Ströme steuern. Und wir dürfen auf gar keinen Fall auch nur den Eindruck erwecken, dass wir ein zweites ambulantes Anlaufsystem für die primär-ärztliche Versorgung machen, wo man 24/7 einfach hinlatscht und versorgt wird. Das ist ein fataler Eindruck. Das ist in den Großstädten teilweise schon passiert, indem Krankenhäuser in den U-Bahnen und S-Bahnen Werbung für ihre Ambulanzen gemacht haben, für ihre Notfall-Ambulanzen, und entsprechend höher frequentiert wurden. Dieser Eindruck eines weiteren Versorgungssystems darf schon deshalb nicht entstehen, weil ja insgesamt von diesen akuten ambulanten Notfällen überhaupt nur etwas über 4 Millionen pro Jahr zu nennen sind. Und wir haben mit gleichen ICDs, also mit gleichen Krankheitskodizes, über 200 Millionen solcher Fälle in den Praxen. Daran wird klar an diesem Zahlenverhältnis, wie ungeheuer groß und schadhaft das Potenzial ist, wenn es den Anschein erweckt, als könnten diese Menschen woanders jetzt Versorgung finden. Das wäre eine unglaubliche Umsteuerung, Fehlsteuerungen möglich. Das heißt, das ist ein erhebliches Risiko und das sollten wir sehr gut im Auge haben und auf keinen Fall in diese Richtung gehen.

Welche Rolle spielen die Niedergelassenen bei der Reform?

Ein Streit, der im Moment geführt wird, auch seitens der Krankenhäuser ist zu welcher Uhrzeit, übernimmt wer, wann welche Versorgung. Und da sind wir sehr leidenschaftslos, weil wir sagen, es kommt auch auf die Anzahl derjenigen an, die da kommen, und das sind in ganz Deutschland 2,2 Millionen, die während der Sprechstundenzeiten kommen, also furchtbar wenig Patienten, über die die Krankenhäuser laut klagen. Das heißt also, für diese relativ wenigen Patienten aus Sicht des ambulanten Systems muss geschaut werden, wie können wir die versorgen. Da ist die 116117 vorne dran. Da ist eine gute Triage ganz wichtig, um abzusortieren. Und dann bleibt übrig die Frage, sind es jetzt 0,3 Patienten pro Stunde. Dann kann man keinen eigenen Arzt da hinsetzen. Dann muss das nebenher mitgemacht werden, weil es einfach für den Aufwand in keiner Form leistbar ist, dort einen Arzt oder auch nur eine Fachschwester hinzusetzen. Sind es mehr an bestimmten Standorten, muss man es anders machen. Das gleiche gilt für die Uhrzeit. Das ist nicht dogmatisch zwischen 8 und 18 Uhr, sondern man muss sich wirklich die Region, den Standort anschauen und dann schauen, ist dort ab 6 Uhr, ab 7 Uhr, ab 8 Uhr, wann ist da was los und wann muss wie reagiert werden. Und das muss zwischen Krankenhäusern und KV abgeschichtet werden. Und tagsüber gibt es sicher ein enormes Potenzial, auch Praxen zu nutzen, wenn es gelingt, digital in Echtzeit und nachvollziehbar zuverlässig zu klären, wer kann einen solchen Patienten aufnehmen. Wenn das 2 bis 3 am Tag sind, dann wird es sicher Fachärzte geben, Orthopäden, Dermatologen, HNO-Ärzte, wer auch immer, Internisten, die solche Patienten ohne Weiteres in ihren Praxen mitversorgen können. Auch daran wird gearbeitet. Auch das wäre ein Modul, ein Mosaik, was funktionieren kann.

Wie wird es nun weitergehen?

Es gibt zum einen im G-BA den gesetzlichen Auftrag, ein solches Ersteinschätzungsverfahren zu etablieren. Da gibt es einen großen Streit. Die Krankenhäuser möchten das auf gar keinen Fall, wollen jetzt lieber auf die große Reform warten. Und wir sagen umgekehrt: Erstens, was ist denn eine große Reform? Und warum wollen wir auf die warten? Wir brauchen ein Ersteinschätzungsverfahren, das ist unstrittig. Wir haben eines vorgeschlagen und sind auch in der Erprobung. Und für uns wäre es sinnvoll, dass der G-BA entscheidet, dass dieses System, vielleicht noch ein weiteres, jetzt großflächig erprobt wird, um dann in zwei Jahren sagen zu können, das funktioniert und wird jetzt ein Bestandteil der großen Notdienstreform. Es ist also keinesfalls sinnvoll, jetzt nichts zu tun und zu warten, sondern wir brauchen ein Ersteinschätzungsverfahren, idealerweise bundesweit standardisiert, beginnend am Telefon, aber auch nutzbar am Tresen, in der KV-Praxis, eben in der Klinik, Fußgänger-Ambulanz. Und daran müssten wir jetzt arbeiten. Das ist, glaube ich, der entscheidende erste Schritt.

Wie hat sich die Notfallversorgung entwickelt und was hat die KBV gefordert?