Praxisnachricht
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Arbeiten zweier Ärztinnen mit dem Herbert-Lewin-Preis geehrt

Bereits zum 10. Mal wurde der Herbert-Lewin-Preis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus verliehen. Der Forschungspreis ging in diesem Jahr an Dr. Dr. Lea Münch und Dr. Dana Derichs.

Lea Münch erhielt den ersten Preis für ihre Arbeit mit dem Titel „Innenansichten der Psychiatrie im Elsass zur Zeit des Nationalsozialismus. Lebensgeschichten zwischen Strasbourg und Hadamar“. Darin beschäftigt sich die in Humanmedizin und Zeitgeschichte promovierte Wissenschaftlerin mit der Situation an der Psychiatrischen Klinik der „Reichsuniversität“ Straßburg – einer Bildungseinrichtung, die die Nationalsozialisten als ihr ideologisches Bollwerk gegen den romanischen Westen betrachtet hätten. 

Als Mitglied der internationalen Kommission zur Medizinischen Fakultät der damaligen „Reichsuniversität“ wertete sie nicht nur unzählige Krankenakten aus den Jahren 1940 bis 1944 aus, sondern auch Register, Briefe, Fotografien und Gerichtsakten. Sie führte unter anderem auch Gespräche mit Angehörigen von damaligen Patientinnen und Patienten der Psychiatrie. „Die Erfahrung, in dieser Zeit in der Psychiatrie Patientin oder Patient gewesen zu sein, blieb lange ungehört“ berichtete Münch, deren Arbeit ab Januar als Buch bei Brill Schöningh („Psychiatrieerfahrungen im Elsass. Lebensgeschichten zwischen Hadamar und Strasbourg im Nationalsozialismus“) erhältlich ist.

Auch in den Familien der Betroffenen blieb das Schicksal der Angehörigen nicht selten ein Tabu, bisweilen war es auch gar nicht bekannt, wie Münch immer wieder erfuhr. „Die Betroffenen blieben bis in die 80er Jahre hinein in der deutschen und französischen Nachkriegsgesellschaft unsichtbar und wurden nicht Teil des jeweiligen kollektiven Gedächtnisses.“

Jury: Herausarbeitung der Opferperspektive und ihres leidvollen Erlebens

Die Jury lobte, Münch habe mit ihrer akribisch recherchierten Arbeit Neuland betreten und beleuchte in anrührender und zugleich spannender Weise den Alltag in der zeitgenössischen Psychiatrie. „Besonders hervorzuheben ist die tiefgehende und plastische Skizzierung der Insassen, die das Geschehene anschaulich beschreibt und greifbar machen lässt. Im Fokus steht die Herausarbeitung der Opferperspektive und ihres leidvollen Erlebens – und hier insbesondere die Pein, welche die mit Elektroschocks zwangsbehandelten Insassen erleiden mussten“, heißt es in der Begründung.

Geehrt wurde auch Dana Derichs für ihre Arbeit mit dem Titel „Die Medizinstudentinnen der Universität Erlangen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus“. Dabei richtet sie den Fokus nicht nur auf die Medizinstudentinnen im Allgemeinen zu jener Zeit, sondern auch auf die Gruppe der Jüdinnen, die dort bis 1933 studierten und später in großer Zahl emigrierten. 

„Frau Dr. Derichs beleuchtet in ihrer detaillierten, umfassenden und gleichfalls sehr akribischen Studie am Beispiel der Universität Erlangen die schwierige Situation und die politischen Anfeindungen, denen jüdische Medizinstudentinnen von der Zeit der Weimarer Republik bis zum Nationalsozialismus ausgesetzt waren, heißt es in der Begründung der Jury.

Mit dem Herbert-Lewin-Preis werden seit 2006 wissenschaftliche Arbeiten ausgezeichnet, die sich mit der „Aufarbeitung der Geschichte der Ärztinnen und Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus“ auseinandersetzen.

Historische Aufarbeitung der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus

Der Preis wird vom Bundesministerium für Gesundheit, der Bundesärztekammer, der Bundeszahnärztekammer, der KBV und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung ausgeschrieben.

Ziel des Herbert-Lewin-Preises ist die Förderung der historischen Aufarbeitung der Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Zugleich soll er an engagierte Ärztinnen und Ärzte sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Der Preis trägt mit dazu bei, Erfahrungen aus der Vergangenheit erlebbar und für die Zukunft nutzbar zu machen, damit sich Geschichte nicht wiederholt.

Wer war Professor Dr. Herbert Lewin?

Herbert Lewin wurde am 1. April 1899 in Schwarzenau geboren. Nach einem Medizinstudium arbeitete er in der jüdischen Poliklinik in Berlin, ab dem Jahr 1937 bis zu seiner Deportation durch die Nationalsozialisten als Chefarzt im jüdischen Krankenhaus in Köln. 

Nach seiner Befreiung nahm Herbert Lewin seine Arzttätigkeit wieder auf. In den Jahren 1963 bis 1969 bekleidete er das Amt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Lewin starb am 21. November 1982 in Wiesbaden (Quelle: Zentralrat der Juden in Deutschland).

Am 4. Oktober 2004 wurde in Berlin der Platz an der Wegelystraße nach Herbert Lewin benannt. Dort hat auch die KBV ihren Sitz.

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