Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV im Interview:
Wie wichtig sind Präventionsangebote im Gesundheitswesen?
Natürlich unerlässlich wichtig und vielleicht bei uns auch immer noch unterbewertet. Prävention heißt ja, dass ich nach hinten raus langfristig Krankheiten und schwere Verläufe verhindern möchte und das macht die Prävention eine ganz wertvolle Investition. Ganz eindrucksvoll ist es natürlich in der Zahnmedizin. Karies in früheren Generationen weit verbreitet, heute eigentlich bei Kindern und Jugendlichen eine Seltenheit geworden und das hat mit der Prävention zu tun, mit dem Bonusheft.
Welche Rolle spielt die Darmkrebsfrüherkennung?
Die Darmkrebsfrüherkennung ist eine ungeheuer wertvolle, wichtige Methode, denn sie verhindert, dass Darmkrebs überhaupt entsteht. Das ist also eine der Präventionen, denen man nicht früh Krebs erkennt, sondern Vorstufen des Krebses idealerweise erkennt und auch gleichzeitig bei der Koloskopie beseitigen kann. Insofern ist sie ein ausgesprochen wertvolles Instrument.
Welche Möglichkeiten der Darmkrebs-Früherkennung gibt es?
Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Es gibt einmal die alle zwei Jahre mögliche Testung auf Blut im Stuhl ab 50 Jahren. Die ist natürlich sehr unaufwendig, sowohl für Patienten als auch für die Praxis, gleichwohl aber etwas unsicherer in ihrer Aussagekraft. Und alternativ dazu gibt es ab 50 die Vorsorge-Darmspiegelung, die gemacht werden kann zwei Mal im Verlauf des Lebens in Abständen von zehn Jahren. Der Vorteil bei der Koloskopie, also bei der Darmspiegelung, ist, dass man sofort, wenn man einen Befund hat, den auch entfernen kann.
Die Nutzerzahlen sind aber immer noch zu niedrig. Wo sehen Sie Hürden?
Das ist schwer zu sagen. Die Hürden sind eigentlich formal sehr niedrig, denn es ist eine Untersuchung, die bezahlt wird und eine Untersuchung, die sehr sicher und sehr zuverlässig ist. Vielleicht hat es was zu tun mit Scham, doch mit Angst, fehlender Aufklärung, immer noch nicht ausreichender Bewerbung dafür, vielleicht auch mit mangelndem Risikobewusstsein. Und deswegen ist mir so wichtig, nochmal zu betonen, es ist anders als bei manch anderer Vorsorge, bei der man Krebs zwar in frühen Stadien entdeckt, aber dann eine Krebstherapie befürchten muss. Es ist hier anders. Hier entdeckt man etwas früh und verhindert damit eine Krebstherapie, weil man eben die Polypen in einem Stadium entfernen kann, wo sie eben noch nicht irgendwie gestreut haben.
Wohin sollte sich die Darmkrebsprävention entwickeln, auch in Hinblick auf immer jüngere Erkrankte?
Ja es gibt zwei Ziele, die wir noch verfolgen als Kassenärztliche Bundesvereinigung. Das eine ist noch eine weitere Darmkrebsvorsorge in höherem Lebensalter. Wir haben gerade gesagt 50 und dann zehn Jahre später nochmal mit 60. Wir werden aber heute sehr alt, sodass eventuell eine dritte notwendig wird und werden wird. Und die zweite Richtung, in die wir gehen wollen, ist bei familiärem Risiko. Es gibt eine hohe genetische Prädisposition in manchen Fällen, zu sagen, dass die Vorsorge ab der Zeit des Auftretens bei dem Verwandten sozusagen möglich wird, ab einem Lebensalter von 40, also das nach vorne verlegt in dem Fall, und bei diesem genetischen Risiko eben auch frühere Untersuchungen schon möglich sind. Das sind die beiden Ziele, die wir noch anstreben.
Was tut die KBV, um die Prävention voranzubringen?
Ja, wir bereiten Materialien auf für die Praxen. Das sind Plakate, das sind Videos. Wir bewerben das in unseren Online-Medien. Also wir tun, was wir können, um das bekannt zu machen und stellen entsprechend auch Materialien für die Praxen zur Verfügung. Ganz wichtig ist die Ansprache dieser Vorsorge in den Praxen. Die Krankenkassen verschicken an die Patientinnen und Patienten, die in Frage kommen, entsprechende Informationsmaterialien und Aufforderungen. Das Ganze muss aber intensiviert werden.
Wo sind andere gefordert?
Ja, ich glaube, die große Frage heißt gesundheitliche Bildung generell. Das ist eine Herausforderung. Die Gesundheitskompetenz nimmt ab. Das ist messbar und dem müssen wir entgegenarbeiten. Das kann man eigentlich nur im gesellschaftlichen Gesamtkontext, also in Schulen, in Kindergärten, indem man immer wieder erklärt, wie unser Körper funktioniert, auf was es zu achten gilt, was wichtig ist und dann entsprechende Präventionsangebote auch wirklich in den Vordergrund stellt. Vorbeugen ist besser als heilen.