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Stand 18.11.2020

Studien

PraxisBarometer Digitalisierung 2020

Wie ist es um die Digitalisierung in den Praxen bestellt?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
„Es wächst, es wächst, es wächst, es wird also zunehmend mehr digitalisiert. Einmal ist es gesetzliche Vorgabe, da entsteht ein bisschen Druck, aber auch viele Praxen erkennen den Nutzen von Digitalisierung. Aber es ist fast trivial zu sagen, nur wenn der Nutzen kommt, dann wird Digitalisierung auch als Verbesserung empfunden und auch schnell eingeführt. Daran hapert es noch ein bisschen, an dem Nutzen.“

Was erwarten Praxen von der Digitalisierung?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
„Praxen erwarten natürlich von der Digitalisierung eine Vereinfachung der Dokumentation, aber vor allem eine Verbesserung der Kommunikation, zu den Kollegen ins Krankenhaus, dass der Entlassbrief schneller kommt und dass man sicher und schnell kommunizieren kann. Und dieses Instrument wird auch genutzt, wenn es einheitlich standardisierbar ist. Beispiel: Labordatentransfer. Der wird schon seit Jahren genutzt, gar keine Frage mehr, wird akzeptiert, angenommen, läuft auch. Dasselbe erwarten die Ärzte, die Praxen natürlich auch demnächst von der Digitalisierung, setzt aber voraus, dass die Standards gesetzt werden, dass ich meinen Kollegen mit meinem Standard, mit meinem PVS-System in der Datenübertragung erreichen kann und am besten die Daten, die ich ihm schicke oder die ich auch von einem Kollegen bekomme, dass sie in mein System eingearbeitet werden können, dass sie direkt dem jeweiligen Patienten zugeordnet werden können. Das setzt einiges an technischer Spezifikation voraus. Das wird erwartet. Da arbeitet auch die gematik und natürlich auch wir arbeiten daran.“

Welche Hemmnisse gibt es bezüglich der Digitalisierung?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
„Die größte Sorge ist der Datenschutz und die Datensicherheit. Über 80 Prozent halten das für gefährdet oder machen sich Sorgen darum. Und da ist es unsere Aufgabe, die der gematik, des Gesetzgebers, dem Arzt und den Praxen da Sicherheit zu geben, einmal nicht zu viel Aufwand zuzumuten und klar zu regeln, was muss die Praxis machen, wofür sie verantwortlich und wofür ist die gematik zum Beispiel zuständig? Es kann nicht sein, dass die in der Datenschutzgrundverordnung geforderte Datenschutz-Folgeabschätzung der Arztpraxis aufgebürdet wird. Denn das ist für jede Praxis gleich. Die Folgeabschätzung ergibt sich aus den Vorgaben der gematik und der TI. Und da ist es erfreulich, dass der Gesetzgeber jetzt ganz aktuell in dem geplanten 3. Digitalisierungsgesetz diesen Punkt aufgenommen hat und diese Datenschutz-Folgeabschätzung einheitlich von der gematik für alle Praxen vornehmen will. Das ist gut und auch unsere IT-Sicherheitsrichtlinien, zu der der Gesetzgeber uns aufgefordert hat, kann da weitere Klarheit schaffen.“

Welche Punkte sind den Praxen noch wichtig?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
„Ein zweiter Punkt, der wichtig war bei der Digitalisierung, auch bei den Hemmnissen ist, dass die Ärzte nicht zufrieden sind mit der Betriebssicherheit. Es hat ja in diesem Jahr im Frühsommer einen Betriebsausfall in der TI gegeben. Der hat lange gedauert. Er hat sehr viele Praxen auch betroffen und hat deutlich gemacht, wie verletzlich, wie vulnerabel dieses System sein kann. Gott sei Dank war es in diesem Jahr die Versorgung dadurch nur gering gestört, weil ja zurzeit in diesem Jahr nur der Versichertenstammdatendienst darüber läuft. Aber stellen wir uns mal vor, im nächsten, in den nächsten Jahren läuft die gesamte Versorgung, alle Verordnungen, alle Kommunikation mit Kollegen, mit Krankenhäusern nur noch darüber und das fällt für ein oder zwei Tage aus. Dann könnten pro Tag 300.000 AUs nicht ausgestellt werden und ich glaube, pro Stunde gibt's auch 100.000 Rezepte. Das sind immense Zahlen und da herrscht auch eine gewisse Verunsichertheit oder Unklarheit, inwieweit die die Betriebssicherheit der TI gewährleistet ist. Und der dritte Punkt ist auch noch ganz pragmatisch, in den Praxisverwaltungssystemen kommt das auch an als Problem oder wurde uns zumindest in den Umfragen widergespiegelt: Häufig fällt einfach die TI aus. Es gibt Probleme, dass ist keine langdauernde Störung, aber das stört den Betriebsablauf. Auch da muss dafür gesorgt werden, auch mit Hilfe der gematik und der Spezifikationen der Firmen, dass dort die Betriebssicherheit erhöht wird, die Ausfallsicherheit fast gegen Null geht und die Betriebssicherheit gegen 100 Prozent geht. Das ist uns wirklich vermehrt und sehr intensiv in dieser diesjährigen Befragung widergespiegelt worden.“

Wie hat sich Corona auf die Praxen ausgewirkt?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
„Im Rahmen der Digitalisierung vor allem hat die Videosprechstunde einen Boom erlebt. Klar, die Patienten wollten nicht in die Praxis kommen. Der Arzt war froh, wenn er das Infektionsrisiko reduzieren konnte. Also haben beide Seiten, der Patient und der Arzt, möglichst viele Videosprechstunden genommen. Das hat sich auch als gut erwiesen. Nur, die Videosprechstunde, das hat uns die Befragung auch gezeigt, ist natürlich nicht für jeden Fall geeignet. Die Videosprechstunde eignet sich gut für Nachbesprechungen, für bekannte Patienten, für schon weitgehend klare Fälle, aber für eine Erstdiagnose ist sie wenig geeignet. Das ist auch widergespiegelt worden. Wir gehen davon aus, dass dieser positive Effekt auch weitergehen wird, auch wenn die Pandemie hoffentlich bald mal Vergangenheit sein wird.“

Wie sieht Ihr Fazit aus?

Dr. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV:
„Die Ärzte wissen, dass die Digitalisierung kommt. Sie verstehen auch, dass es notwendig ist, sie sehen auch die Vorteile. Sie sind aber unzufrieden mit dem bisherigen Ausbaustand. Einmal: Der Nutzen ist noch nicht angekommen. Sie sehen vor allem bei der Installation der Geräte, dass häufig unausgetestete oder nicht ausreichend getestete Geräte auf den Markt kommen, die sie einbauen müssen, die dann erst noch Probleme in der Praxisinstallation machen. Das ist das eine Thema. Zum zweiten haben sie das Gefühl, dass in vielen Fällen die Firmen mehr von Ihnen verlangen an Kosten, als die Finanzierungsvereinbarung hergibt. Das ist auch ein zweites Thema und das dritte Thema ist, dass sie vom Tempo überfordert sind, teilweise, weil sie müssen viele Dinge installieren. Sie haben gleichzeitig auch jetzt die zweite Welle der Pandemie. Die Praxen sind voll. Sie sollen demnächst auch Teil der Impfstrategie der Bundesregierung werden, wenn es Impfstoffe gibt, die in der Praxis der verimpft werden können. Das sind alles Themen, die auf die Praxen zukommen. Und da passt es schlecht, wenn jetzt noch Geräte kommen oder Prozeduren kommen, die nicht ausgereift sind. Also, wir würden uns, und das hat auch die Befragung gezeigt, wünschen, wenn die Produkte weiterentwickelt werden, soll kein Stopp der Digitalisierung sein, sondern sie sollen weiter ausgetestet werden, um in einem besser und ausgetesteten Zustand eingeführt werden, dann komplett und vollständig überall. Das ist das Fazit, was wir aus dieser Befragung ziehen. Wir werden sie im nächsten Jahr weiterführen, weil es eine sehr wichtige Informationsquelle für uns ist, um einfach einschätzen zu können, wie unsere Mitglieder mit Digitalisierung umgehen, umgehen wollen und was wir an Konsequenzen der Politik einfordern müssen. Das ist also eine wichtige Informationsquelle für uns.“

Mit dem PraxisBarometer Digitalisierung hat die KBV 2020 erneut eine der umfassendsten Befragungen zu diesem Thema in der ambulanten Versorgung durchgeführt. Mehr als 2.000 Vertragsärzte und -psychotherapeuten haben mitgeteilt, wie es um die Digitalisierung in ihrer Praxis bestellt ist, aber auch welche Chancen und Hemmnisse sie dabei sehen. KBV-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Kriedel fasst die Ergebnisse zusammen und erläutert, was die KBV daraus mitnehmen wird.