Praxisnachricht
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Gassen: Reformen müssen endlich auf den Weg gebracht werden

Mehr Mut und Tatkraft bei der Umsetzung dringend notwendiger Reformen im Gesundheitswesen fordert der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. Andreas Gassen, aufseiten der Politik. Er vermisse zudem eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie die Sozialsysteme auf Dauer finanziert werden könnten, sagte er in einem Video-Interview. Eine Möglichkeit sei die Einführung von Tarifmodellen in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Es sei unabdingbar, dass endlich umfassende Sozialreformen in Deutschland angestoßen würden, betonte Gassen. „Denn das Thema gesetzliche Krankenversicherung ist ja nur eins.“ Pflege- und Rentenversicherungen seien die nächsten Themen. Zudem sei völlig klar, dass in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Vollzeit-Beschäftigten kontinuierlich abnehme, die Leistungen über Beiträge nicht zu finanzieren seien. Es stelle sich früher oder später die Frage, ob die Leistungen im bisherigen Umfang weiter bezahlbar seien. Gassen: „Diese Diskussion sehe ich im Moment nicht, die ist aber entscheidend. Sonst wird das System vor die Wand fahren.“

Dass das Geld bei den gesetzlichen Krankenkassen trotz Rekordeinnahmen infolge gestiegener Löhne nicht ausreiche, sei bekannt, fuhr Gassen fort. Grund seien unverändert die versicherungsfremden Leistungen, die insgesamt eine Größenordnung von rund 60 Milliarden Euro im Jahr ausmachten. Diese versicherungsfremden Leistungen würden aber nur durch geringe Bundeszuschüsse in Höhe von 15 bis maximal 18 Milliarden Euro gegenfinanziert. Diese Lücke entstehe nicht zuletzt durch die Finanzierung der Gesundheitsleistungen für die Bürgergeldempfänger.

Rund 40 Millionen Arzttermine nicht bezahlt

In der Gesundheitsversorgung sieht Gassen nur geringe Einsparpotenziale. Auch dass durch eine Krankenhausreform wie sich jetzt abzeichnet Milliarden Euro eingespart werden könnten, erwarte er nicht, und die ambulante Versorgung sei ohnehin nur mit 16 Prozent an den Gesamtkosten beteiligt, leiste aber 97 Prozent der Versorgung. Zudem würden 13 bis 15 Prozent der fachärztlichen Konsultationen nicht bezahlt werden. „Also wir müssen ja sozusagen diese 40 Millionen Termine erstmal einsparen und dann wären wir bei einer Nulllinie. Und ich bin mal gespannt, wie die Bevölkerung auf 40 Millionen weniger Facharzttermine reagieren würde.“

Die Forderung der gesetzlichen Krankenkassen nach einer Rücknahme der Entbudgetierung der Haus- und Kinderärzte wies Gassen deutlich zurück. Das wäre „ein erneuter Vertrauensbruch“, sagte er. Zudem könne ein solcher Schritt in kurzer Zeit massive Veränderungen im Versorgungsangebot bedeuten. „Weil dann sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht jetzt noch entschlossen sind, weiterzumachen, relativ kurzfristig aus der Gesundheitsversorgung aussteigen werden.“

Tarifmodelle und Kontaktgebühr

Gassen zufolge ist die Diskussion darüber, wie mehr Geld in das System kommen kann, unabdingbar. Denn an dem im internationalen Vergleich sehr guten Leistungsspektrum möchte bislang offensichtlich niemand etwas ändern. Folglich müsse man schauen, wie das Versorgungsangebot gegenfinanziert werden könne. Der Vorstandsvorsitzende verwies dabei auf die Tarifmodelle, die die KBV vorgeschlagen habe. Damit ließe sich eine verlässliche Grundversorgung für alle absichern und wer wolle, könne über Zusatzversicherungen entsprechende Komfort- oder Zusatzanteile auch in der gesetzlichen Krankenversicherung abdecken. „Menschen könnten sich dafür entscheiden oder auch dagegen, wie sie es in allen anderen Versicherungsbereichen auch können“, erläuterte Gassen.

Alternativ seien Kontaktgebühren denkbar, wie es sie bereits in vielen Ländern gebe. „Die Anteile sind auch nicht hoch, da reichen ja wenige Euro“, sagte er. Klar sei aber, dass dieses Geld nicht von den Praxen eingesammelt werden könne, sondern über die Krankenversicherungen eingezogen werden müsste. Der KBV-Vorstandsvorsitzende wiederholte zudem seine Forderung nach einer deutlichen Anhebung der Tabak- und Alkoholsteuern sowie die Etablierung einer Steuer auf Zucker und Cannabis.

Gassen: Es fehlt der politische Wille

Mit Blick auf den aktuellen Stand bei wichtigen politischen Vorhaben im Gesundheitswesen forderte Gassen: „Es ist wichtig und notwendig, dass zeitnah verlässliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.“

Weder ginge es bei der Krankenhausreform spürbar voran, noch seien bei der Notfallreform sinnvolle und vor allem umsetzbare Fortschritte erzielt worden, konstatierte der KBV-Vorsitzende. So könnten Krankenhäuser derzeit nicht wirklich planen. Gleichzeitig komme es weiterhin zu Insolvenzanträgen von Krankenhäusern, die für die Versorgung relevant und wichtig seien. „Das finden wir natürlich beunruhigend, weil wir starke und leistungsfähige Krankenhäuser als Partner in der Versorgung brauchen.“ Er habe daher nicht den Eindruck, „dass es hier den politischen Willen und die politische Kraft gibt, das zeitnah zu ändern“.

In Sachen Notfallreform hätten Deutsche Krankenhausgesellschaft und KBV dem Bundesgesundheitsministerium zahlreiche Vorschläge unterbreitet, wie diese konstruktiv und zielführend umgesetzt werden könne. Stattdessen enthalte der Referentenentwurf unrealistische Ziele wie einen geplanten 24-Stunden-Fahrdienst, der parallel zu den Sprechzeiten der Praxen bereitstehen soll. „Das wird so nicht funktionieren. Insofern wäre es richtig und wichtig, dass man sich jetzt zeitnah mit den relevanten Playern, also Deutsche Krankenhausgesellschaft und KBV, zusammensetzt und das Thema Notfallreform angeht“, forderte der Vorstandsvorsitzende.

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Gesundheitswesen unter Druck: Reformen dringend notwendig

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