Dossier

Notfallversorgung Chronisch überlastet

Schild Notfallambulanz

Bund, Länder und Ärzteschaft sind sich einig: In der Akut- und Notfallversorgung muss sich etwas ändern. Das jetzige System gilt als nicht effizient genug. Es bedarf einer intelligenten Weiterentwicklung. Ziel sollte sein, bedarfsgerecht zu steuern, Notaufnahmen zu entlasten und bestehende Strukturen besser zu vernetzen.

AUF DIESER SEITE

Diese Probleme sind bei der Notfallversorgung zu lösen

Die Notfallversorgung ist reformbedürftig. Sie ist – wie das Gesundheitssystem insgesamt – überlastet. Klar ist: Eine Ausweitung der vertragsärztlichen Notfallversorgung mittels Doppelstrukturen kann nicht die Lösung sein. Angesichts knapper Personalressourcen und fehlender Finanzierung bedarf es einer klugen Neuordnung. Diese muss vor allem eines angehen: die Steuerung von Patientinnen und Patienten in die richtige Versorgungsebene.

Krankenhaus oder ambulante Praxis? Der Notfallversorgung muss eine einheitliche Steuerung vorgeschaltet werden. Diese Steuerung sollte möglichst früh, ressourcenschonend und bundeseinheitlich erfolgen – beispielsweise telefonisch, online und/oder mittels standardisierter Ersteinschätzung überall dort, wo Patientinnen und Patienten sich erstmalig mit ihrem gesundheitlichen Problem vorstellen. Mit dem angekündigten Primärarztversorgungssystem müssen diese Strukturen außerdem eng verzahnt werden.

Standpunkte der KBV

  • Steuerung der Patientinnen und Patienten: bewährte Strukturen stärken und ausbauen
  • Kooperation mit dem stationären Sektor
  • Kein dritter Versorgungssektor erforderlich
  • Keine Sozialversicherungspflicht für Niedergelassene im Bereitschaftsdienst
  • Chancen der Digitalisierung nutzen
  • Reform der Finanzierung der Strukturen
info

Nach wie vor begrüßen wir das Ziel, die Notfall- und Akutversorgung besser zu organisieren. Aber wir brauchen eine Reform, die in der Realität funktioniert

Ersteinschätzung durch 116117

Es sollte dabei ebenfalls klar sein: In einer Ersteinschätzung muss klar definiert werden, was ein Akutfall ist, der nicht warten kann. Es muss geklärt werden, welche Behandlungsnotwendigkeiten in welcher Ebene zu welchem Zeitpunkt erforderlich sind – und das bundesweit verbindlich und qualitätsgesichert.

Die bundeseinheitliche Bereitschaftsdienstnummer 116117 ordnet den jeweiligen Akutfall korrekt zu und navigiert Patientinnen und Patienten schnellstmöglich und ohne Umwege in die für sie anlassgerechte, ressourcenschonende Behandlungsebene. Dabei gilt der Grundsatz ambulant vor stationär. Sinnvoll ist es, die 116117 auszuweiten und sie bekannter zu machen, um damit Patientinnen und Patienten effizient und bedarfsgerecht steuern zu können. Inhaltlich-fachlich ist die 116117 hochqualifiziert.

Wenn sie ausgebaut werden soll, bedarf die 116117 allerdings einer entsprechenden Finanzierung aus staatlicher Hand. Sie wäre damit nämlich ein Instrument der Daseinsvorsorge. Eine Finanzierung allein aus der Vergütung der vertragsärztlichen und -psychotherapeutischen Praxen kommt deshalb nicht in Frage.

Ambulant vor stationär – was heißt das?

Ein Großteil der Versorgung wird ambulant erbracht. Das heißt: Der Teil der Erkrankungen, die stationär behandelt werden müssen, wird tendenziell immer kleiner. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sind das Rückgrat unserer Gesundheitsversorgung.

Das ist auch ein Abbild der zunehmenden Ambulantisierung. Operationen oder komplizierte Prozeduren, die früher nur im Krankenhaus denkbar waren, sind heute in Praxen, Gemeinschaftspraxen oder auch Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) alltäglich.

Weitere Informationen

link-allgemein

Patientensteuerung als Chance

  • Datum:
  • , Dauer: 08 Minuten 29 Sekunden
Patientensteuerung - das KBV-Modell

Nicht allein in der Akut- und Notfallversorgung ist eine passgenaue Patientensteuerung essenziell. Auch wenn die Zahl der Behandlungsfälle in diesem Bereich mit 15 Millionen im Jahr nicht klein ist, ist sie im Vergleich zu insgesamt 600 Millionen Behandlungsfällen – bezogen auf das gesamte Versorgungssystem – relativ gering. Eine optimale Versorgung von allen Patientinnen und Patienten erfordert daher grundsätzlich ein zielgerichtetes und strukturiertes Management innerhalb des Gesundheitssystems.

Für eine solche bedarfsgerechte Patientensteuerung ist es sinnvoll, dass gesetzlich Krankenversicherte für die primäre Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen einen Vertragsarzt aus einer bestimmten Facharztgruppe als ersten Ansprechpartner wählen – Hausärzte (Allgemeinmediziner und Internisten), Kinder- und Jugendärzte sowie Gynäkologen. Ausnahmen sind Augenärzte, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, bei denen keine Steuerung erforderlich ist.

Praxen sind die erste Anlaufstelle und damit Eckpfeiler einer primärärztlichen Steuerung. Für Menschen, die keinen Hausarzt als Ansprechpartner haben, bietet sich die Terminvermittlungsplattform 116117 an. Denn die Praxen sind prädestiniert dafür, sich bei einem gesundheitlichen Problem um eine Diagnose und die entsprechende Behandlung zu kümmern.

Positionspapier der KBV

Wie kann eine zukunftsfähige Koordinierung der ambulanten ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung durch Steuerungsinstrumente aussehen?

download

Keine Doppelstrukturen

Ansicht eines Schildes auf dem Notaufnahme steht

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Reform der Notfallversorgung sieht vor, Notaufnahmen an den integrierten Notfallzentren (INZ) während der Praxissprechzeiten zu öffnen. Außerdem sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen zusätzliche 24/7-Angebote aufbauen. Das schafft Doppelstrukturen, fördert den Zustrom in Notaufnahmen und sorgt für keine Entlastung ohnehin knapper finanzieller und personeller Ressourcen.

Zudem entsteht ein Parallelsystem der Behandlung losgelöst von der Regelversorgung – entgegen dem europäischen Trend: Demnach begrenzen vorgelagerte Instanzen wie die „Hotline-First-Strategie“ den Zugang in Krankenhausnotaufnahmen. Die Öffnung fördert eine weitere Frequentierung der Notaufnahmen und kompromittiert das bisherige Erfordernis einer Versorgung in der vertragsärztlichen Regelversorgung.

Durch die im internationalen Vergleich unüblich hohe Aufnahmerate aus Notaufnahmen in Deutschland hatte schon der Sachverständigenrat 2018 darauf hingewiesen, dass die Entscheidung zur Steuerung der Patientinnen und Patienten nach Möglichkeit durch ambulant tätige Ärzte zu treffen ist. Sinnvoll ist ein deutschlandweiter Standard für INZ oder die Kooperation von der Rettungsnummer 112 und des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117.

Es ist wichtig, dass im Bereich der Akut- und Bereitschaftsdienste und Notfallmedizin gesteuert wird. Den Bürgerinnen und Bürgern müssen Angebote gemacht werden, die intuitiv leiten. Denn alles für alle, jederzeit, das können wir nicht vorhalten.

  • Datum:
  • , Dauer: 03 Minuten 35 Sekunden
Reform der Notfallversorgung: Kritik am Referentenentwurf

Passend zum Thema